P. Raniero Cantalamessa über zwei diametral entgegengesetzte Lebensweisen

Kommentar zum sechsten Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C)

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ROM, 9. Februar 2007 (ZENIT.org).- Die Lesungen des kommenden Sonntags (Jer 17,5-8; 1 Kor 15,12.16-20, Lk 6,17.20-26) veranlassen P. Raniero Cantalamessa OFM Cap. dazu, über die zwei Wege nachzudenken, die in den Seligpreisungen anklingen. Der Prediger des päpstlichen Hauses zeigt auf, dass diese Worte Jesu an die Armen und an die Reichen wie ein zweischneidiges Schwert sind, bemerkt aber, dass es dabei vor allem darum geht „zu wissen, worauf einer seine eigene Sicherheit gründet, auf welchem Boden er das Gebäude seines Lebens errichtet – ob auf dem, was vergeht, oder auf dem, was nicht vergeht“.



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Selig, ihr Armen! Weh euch, ihr Reichen!

Der Abschnitt des Evangeliums dieses Sonntags, der die Seligpreisungen zum Inhalt hat, erlaubt es uns, einiges von dem zu verifizieren, was wir vor zwei Sonntagen über die Geschichtlichkeit der Evangelien gesagt haben. Damals sagten wir, dass jeder der vier Evangelisten bei der Überlieferung der Worte Jesu, ohne deren grundsätzlichen Sinn zu verfälschen, jeweils einen bestimmten Aspekt entfaltete, um sie so an die Bedürfnisse der Gemeinde anzupassen, für die der Betroffene schrieb.

Während Matthäus acht Seligpreisungen Jesu überliefert, berichtet Lukas nur von vier. Dafür jedoch verleiht er diesen vier Seligpreisungen ein größeres Gewicht, indem er einer jeden einen entsprechenden Wehruf entgegenstellt, der mit einem „Weh euch“ eingeleitet ist. Außerdem: Während die Bergpredigt Jesu bei Matthäus in indirekter Rede gehalten ist – „Selig, die arm sind“ –, so steht sei bei Lukas in direkter Rede – „Selig ihr Armen!“ Matthäus hebt die geistliche Armut hervor („Selig, die arm sind vor Gott“, „Selig, die arm sind im Geiste“), Lukas dagegen betont die materielle Armut („Selig ihr Armen“).

Es handelt sich dabei jedoch um Details, die, wie man sehen kann, die Substanz der Dinge nicht im Mindesten verändern. Jeder der beiden Evangelisten lässt mit seiner besonderen Weise, über die Lehre Jesus zu berichten, einen anderen Aspekt hervortreten, der andernfalls im Schatten geblieben wäre. Lukas ist hinsichtlich der Zahl der Seligpreisungen weniger vollständig, erfasst deren grundsätzliche Bedeutung jedoch vollkommen.

Spricht man von den Seligpreisungen, so denkt man zunächst einmal an die erste: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“ In Wirklichkeit aber ist der Horizont sehr viel weiter gesteckt. Jesus umreißt in diesem Abschnitt zwei Weisen, das Leben zu erfassen: entweder „für das Reich Gottes“ oder „für die eigene Tröstung“; das heißt: entweder ausschließlich für dieses Leben oder auch für das ewige Leben. Das ist es, was das Schema von Lukas hervorhebt: „Selig ihr – weh euch“: „Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes… Weh euch, ihr Reichen, denn ihr habt schon eure Tröstung!“

Zwei Gruppen, zwei Welten. Zur Gruppe der Seligen gehören die Armen, die Hungernden, diejenigen, die jetzt weinen, die verfolgt und um des Evangeliums willen verbannt werden. Zur Gruppe der Unglücklichen gehören die Reichen, die Satten, diejenigen, die jetzt lachen und von allen verehrt werden.

Jesus spricht die Armen, die Hungernden, die Weinenden und die Verfolgten nicht einfach heilig, und ebenso wenig verteufelt er einfach alle Reichen, Satten, Lachenden und Beklatschten. Die Unterscheidung liegt viel tiefer; es geht darum zu wissen, worauf einer seine eigene Sicherheit gründet, auf welchem Boden er das Gebäude seines Lebens errichtet – ob auf dem, was vergeht, oder auf dem, was nicht vergeht.

Der heutige Abschnitt des Evangeliums ist wirklich wie ein zweischneidiges Schwert, das spaltet und zwei diametral entgegengesetzte Schicksale absteckt; es ist wie der Nullmeridian von Greenwich, der den östlichen vom westlichen Teil der Welt trennt. Glücklicherweise gibt es aber einen wesentlichen Unterschied: Der Greenwich-Meridian ist unveränderlich: Die Länder, die im Osten sind, können nicht zum Westen übergehen – wie ja auch der Äquator unveränderlich ist, der den armen Süden der Welt vom reichen und üppigen Norden trennt.

Die Grenzlinie, die in unserem Evangelium die „Seligen“ von den „Unglücklichen“ trennt, ist nicht so beschaffen; sie ist eine bewegliche Barriere, die sehr leicht überwunden werden kann. Es ist nicht nur so, dass man von einem Sektor in den anderen überwechseln könnte, sondern dieser ganze Abschnitt des Evangeliums wurde von Jesus diktiert, um uns einzuladen und bereit zu machen, von der einen Sphäre zur anderen hinüberzugehen. Seine Einladung besteht nicht darin, arm zu werden, sondern reich!

„Selig, ihr Armen, denn euch gehört das Reich Gottes.“ Stellen wir uns das doch einmal vor: Die Armen besitzen ein ganzes Reich – und sie besitzen es schon jetzt! Diejenigen, die sich dazu entscheiden, in dieses Reich einzutreten, sind in der Tat schon jetzt Kinder Gottes; sie sind frei, Geschwister und von der Hoffnung auf Unsterblichkeit erfüllt. Wer wollte nicht auf diese Weise arm sein?

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]