P. Raniero Cantalamessa: Umkehr bedarf der Begegnung mit Gott

Kommentar zum Evangelium des elften Sonntags im Jahreskreis C

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ROM, 15. Juni 2007 (ZENIT.org).- Umzukehren ist nicht mühsam, sondern etwas Erfreuliches. Das bekräftigt der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., in seinem Kommentar zu den Lesungen des kommenden Sonntags (2 Sam 12,7–10,13; Gal 2,16.19–21; Lk 7,36–8,3). Umkehr setze allerdings die Begegnung mit Gott voraus, dem Schatz, für den man alles andere aufzugeben bereit ist.



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Es kam eine Frau mit einem Gefäß voll wohlriechendem Öl

Es gibt Evangeliumsstellen, in denen die Lehre so sehr an die Entfaltung der Handlung gebunden ist, dass sie getrennt von ihr nicht voll erfasst werden kann. Die Episode der Sünderin im Haus des Simon, die im Evangelium des elften Sonntags im Jahreskreis zu lesen ist, gehört zu diesen Stellen. Sie hebt mit einer stillen Szene an; es gibt da keine Worte, sondern nur stille Gesten: Es tritt eine Frau mit einem Gefäß voll wohlriechendem Öl ein; sie kauert sich zu Jesu Füßen nieder, sie nässt sie mit ihren Tränen, sie trocknet sie mit ihrem Haar, küsst sie und salbt sie mit dem Öl. Es handelt sich fast mit Sicherheit um eine Prostituierte, denn das war damals die Bedeutung des Wortes „Sünderin“, wenn es für eine Frau gebraucht wurde.

Hier angekommen, verlegt sich das Augenmerk auf den Pharisäer, der Jesus zum Essen eingeladen hatte. Die Szene ist noch immer ohne Worte, allerdings nur dem Anschein nach. Der Pharisäer „spricht zu sich“ – er spricht also: „Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, dachte er: Wenn er wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, von der er sich berühren lässt; er wüsste, dass sie eine Sünderin ist.“

An dieser Stelle des Evangeliums ergreift Jesus das Wort, um sein Urteil über das Handeln der Frau und die Gedanken des Pharisäers zu äußern, und zwar mit einem Gleichnis: „Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig. Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, erließ er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben? Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr erlassen hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht.“

Jesus gibt vor allem dem Simon die Möglichkeit zu erkennen, dass er wirklich ein Prophet ist, da er die Gedanken seines Herzens gelesen hat. Gleichzeitig bereitet er mit dem Gleichnis alle auf das vor, was er zur Verteidigung der Frau sagen wird. „Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie (mir) so viel Liebe gezeigt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der zeigt auch nur wenig Liebe. Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben.“

In diesem Jahr begehen wir den 800. Jahrestag der Bekehrung des heiligen Franz von Assisi. Was haben die Umkehr der Sünderin aus dem Evangelium und jene des Franziskus miteinander gemeinsam? Nicht den Ausgangspunkt, sondern das, wohin sie gelangen, was bei jeder Umkehr das Wichtigste ist: Wenn man von Umkehr spricht, so richtet sich der Gedanke nunmehr leider instinktiv auf das, was einer verlässt: die Sünde, ein unordentliches Leben, den Atheismus. Das ist aber nicht die Ursache für eine Bekehrung.

Wie es zu einer Umkehr kommt, wird von Jesus im Gleichnis vom verborgenen Schatz genau dargelegt: „Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn, grub ihn aber wieder ein. Und in seiner Freude verkaufte er alles, was er besaß, und kaufte den Acker.“ Es steht nicht geschrieben: „Ein Mann verkaufte alles, und machte sich auf die Suche nach einem verborgenen Schatz.“ Wir wissen, wie die Geschichten ausgehen, die so beginnen. Einer verliert das, was er hatte, findet aber keinen Schatz. So entstehen Geschichten über Enttäuschte und Visionäre. Nein: Ein Mann hatte einen Schatz entdeckt und gerade deshalb verkaufte er alles, was er besaß, um ihn zu kaufen. Mit anderen Worten: Man muss den Schatz gefunden haben, um die Kraft und die Freude zu haben, alles zu verkaufen. Und wenn wir über die Metapher hinausgehen: Man muss zuerst Gott begegnet sein – dann wird man die Kraft haben, alles zu verkaufen. Man wird es „voller Freude“ tun, wie jener Entdecker, von dem das Evangelium spricht. So geschah es für die Sünderin aus dem Evangelium und für Franz von Assisi: Beide sind Jesus begegnet, und das hat ihnen die Kraft verliehen, sich zu ändern.

Ich habe gesagt, dass der Ausgangspunkt der Sünderin im Evangelium und des Franziskus verschieden war, aber das ist vielleicht nicht ganz richtig. Von außen gesehen hat es den Anschein der Verschiedenheit, im Grunde war es aber dasselbe: Die Frau und Franziskus – genauso wie wir alle – waren auf der Suche nach dem Glück, und sie bemerkten, dass das Leben, das sie führten, sie nicht glücklich machte, sondern eine tiefe Unzufriedenheit und Leere in ihrem Herzen hinterließ.

Dieser Tage las ich die Geschichte eines berühmten Konvertiten des 19. Jahrhunderts, Hermann Cohen, einem brillanten Musiker, der als Wunderkind seiner Zeit in den Salons von halb Europa angebetet wurde. Eine Art junger Franziskus der Moderne. Nach seiner Umkehr schrieb er einem Freund: „Ich habe das Glück überall gesucht: im eleganten Leben der Salons, im betäubenden Lärm der Tänze und Feste, im Ruhm als Künstler, in der Freundschaft mit berühmten Persönlichkeiten, in der Sinneslust. Jetzt habe ich das Glück gefunden. Mein Herz läuft über, und ich möchte es mit dir teilen… Du sagst: ‚Ich aber glaube nicht an Jesus Christus.‘ Ich antworte dir: Auch ich glaubte nicht, und deshalb war ich unglücklich.“

Die Umkehr ist der Weg zum Glück und zu einem vollkommenen Leben. Sie ist nicht etwas Mühseliges, sondern höchst erfreulich. Sie ist die Entdeckung des Schatzes.