P. Raniero Cantalamessa: "Unser wahrer Himmel ist der auferstandene Christus"

Kommentar zum Evangelium des Hochfests Christi Himmelfahrt (Lesejahr B)

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ROM, 26. Mai 2006 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Betrachtung der Lesungen vom Hochfest Christi Himmelfahrt von Kapuzinerpater Raniero Cantalamessa OFMCap., Prediger des Päpstlichen Hauses (Apg 1,1-11; Eph 1,17-23; Mk 16,15-20). Im Mittelpunkt steht die Frage nach der wahren Bedeutung von "Himmel".



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Das Hochfest Christi Himmelfahrt bietet uns die Gelegenheit, ein für alle Mal zu klären, was wir unter "Himmel" verstehen. Fast bei allen Völkern wird der Himmel mit jenem Ort gleichgesetzt, wo Gott wohnt. Auch die Bibel benützt diese räumliche Ausdrucksweise. "Ehre sei Gott in der Höhe, und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade" (vgl. Lk 2,14). Mit dem wissenschaftlichen Zeitalter gerät diese religiöse Bedeutung des Ausdrucks "Himmel" in eine Krise. Für den modernen Menschen ist der Himmel jener Raum, in dem sich unser Planet und das ganze Sonnensystem bewegen – und sonst gar nichts. Wir kennen den Ausspruch, der einem sowjetischen Astronauten zugeschrieben wird, der von seiner Reise durch das Weltall zurückgekommen sein und gesagt haben soll: "Ich habe den gesamten Weltraum durchwandert und bin nirgends auf einen Gott gestoßen!"

Daran erkennen wir, warum es wichtig ist, dass wir Christen verstehen, was wir meinen, wenn wir sagen: "Vater unser im Himmel", oder wenn wir über jemanden sagen, dass er "im Himmel" ist. Die Bibel passt sich in diesen Fällen der Umgangssprache an, ist sich aber auch sehr wohl darüber im Klaren – und lehrt uns dementsprechend –, dass Gott im Himmel, auf der Erde und überall zugegen ist; dass er derjenige ist, der den Himmel erschaffen hat und somit nicht in ihm "eingesperrt" sein kann. Wenn es heißt, dass Gott "im Himmel" ist, so ist damit gemeint, dass er in einem unzugänglichem Licht wohnt; dass er von uns so weit entfernt ist wie der Himmel, der sich über die Erde erhebt. Es wird damit zum Ausdruck gebracht, dass sich Gott von uns vollkommen unterscheidet. Der Himmel ist im religiösen Sinn mehr ein Zustand denn ein Ort. Gott steht außerhalb von Raum und Zeit, und so ist es auch mit seinem Paradies.

Im Licht des bisher Gesagten können wir uns nun fragen: Was meinen wir, wenn wir Jesus als denjenigen verkünden, der in den Himmel aufgefahren ist? Die Antwort finden wir im Glaubensbekenntnis: Er ist "aufgefahren in den Himmel" und "sitzt zur Rechten des Vaters". Dass Christus in den Himmel aufgefahren ist, heißt also, dass er zur Rechten des Vaters sitzt, was wiederum bedeutet, dass er auch als Mensch in die Welt Gottes eingetreten ist; dass er – wie der heilige Paulus in der zweiten Lesung sagt – als Herr und Haupt der ganzen Schöpfung eingesetzt worden ist. Jesus ist in den Himmel aufgefahren, verließ dadurch aber nicht die Erde – er ist nur aus unserem Blickfeld verschwunden. Das versichert er uns selbst, wenn er sagt: "Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt" (Mt 28,20b).

Die Worte des Engels – "Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da uns schaut zum Himmel empor?" – beinhalten also einen Hinweis, wenn nicht sogar eine Zurechtweisung: Man darf nicht dabei bleiben, in den Himmel hinaufzuschauen, als würde man auf diese Weise erkennen, wo sich Christus aufhält; vielmehr muss man in der Hoffnung seiner Wiederkunft leben, seine Sendung weiterführen, sein Evangelium bis zu den Enden der Erde tragen und die Lebensqualität auf der Erde zu verbessern.

Wenn es darum geht, dass wir selbst "in den Himmel" oder "ins Paradies" kommen, dann ist damit gemeint, "bei Christus zu sein" (Phil 1,23). "Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten…, damit auch ihr dort seid, wo ich bin" (Joh 14,2-3). Der "Himmel" als Ort der Ruhe, der ewigen Belohnung für die Guten, entsteht genau zu dem Zeitpunkt, in dem Christus aufersteht und in den Himmel auffährt. Unser wahrer Himmel ist der auferstandene Christus, den wir nach unserer eigenen Auferstehung treffen und mit dem wir uns vereinigen werden; und auf vorläufige und unvollkommene Weise geschieht das bereits unmittelbar nach unserem Tod. Somit ist Jesus also nicht in einen Himmel aufgefahren, der schon existiert hat und der ihn bereits erwartete, sondern er selbst ist es, der diesen Himmel für uns geschaffen und "eingeweiht" hat.

Manche fragen sich: Aber was machen wir die ganze Ewigkeit mit Christus "im Himmel"? Werden wir uns nicht langweilen? Meine Antwort ist folgende: Ist es vielleicht langweilig, wenn es einem gut geht und man bei bester Gesundheit ist? Fragt die Verliebten, ob sie die Gesellschaft des Geliebten nicht langweilt. Wenn wir einen Augenblick erleben, der von einer ganz tiefen, sehr reinen Freude erfüllt ist, entsteht dann in uns nicht vielleicht doch der Wunsch, dass dieser Moment ewig dauern und niemals vorübergehen möge? Hier unten auf der Erde sind solche Zustände nicht von Dauer, denn es gibt kein Objekt, das uns vollkommen erfüllen könnte. Mit Gott ist das anders. In ihm findet unser Geist die Wahrheit und die Schönheit, die man niemals genug betrachten kann; in ihm findet unser Herz jenes Gut, am dem es immerzu Gefallen findet und dessen es niemals müde wird.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]