P. Raniero Cantalamessa: Verliebt in Jesus Christus

2. Adventspredigt im Vatikan

| 1124 klicks

ROM, 16. Dezember 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen heute den 2. Predigtvortrag zur Weihnachtszeit, den P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, am Freitag, dem 12. Dezember, in der Kapelle „Redemptoris Mater“ vor Papst Benedikt XVI. und dessen Mitarbeitern der Römischen Kurie gehalten hat.

Die zentrale Erfahrung des Paulus ist das Geschenk einer leidenschaftlichen Liebesbeziehung zu Jesus Christus, dem Lebendigen. Von ihm ergriffen und gepackt, so erklärt P. Cantalamessa, habe Paulus die Botschaft der Erlösung verbreitet.

* * *

P. Raniero Cantalamessa

Zweite Adventspredigt, 12. Dezember 2008

„Von Gott berufen zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus“

Um der Methode der „lectio divina“ treu zu bleiben, welche die jüngste Bischofssynode so sehr ans Herz gelegt hatte, wollen wir vor allem die Worte des heiligen Paulus hören, über die wir während dieser Betrachtung nachdenken werden:

„Doch was mir damals ein Gewinn war, das habe ich um Christi Willen als Verlust erkannt. Ja noch mehr: Ich sehe alles als Verlust an, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles übertrifft. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen und in ihm zu sein. Nicht meine eigene Gerechtigkeit suche ich, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott aufgrund des Glaubens schenkt. Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen. Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin“ (Phil 3,7-12).

1. „Damit ich ihn erkennen kann…“

Beim letzten Mal haben wir die Bekehrung des Paulus als eine „metanoia" angesehen, als einen Sinneswandel, der ihm Erlösung schenkt. Paulus hat sich aber nicht zu einer Lehre bekehrt, selbst wenn es sich dabei auch um die Lehre der Rechtfertigung durch den Glauben handelt; er hat sich zu einer Person bekehrt! Es ging ihm dabei in erster Linie um eine Wandlung des Herzens, um die Begegnung mit einer lebendigen Person, und nicht so sehr um eine Änderung des Denkens. Oft benutzt man den Ausdruck „vom Blitz getroffen“, um über Liebe auf den ersten Blick zu sprechen, die jedes Hindernis überwindet; auf niemanden trifft diese Metapher besser zu als auf den heiligen Paulus.

Wir sehen, dass diese Änderung des Herzens im eben gehörten Text durchscheint. Er spricht vom „höchsten Gut“ („hyperechon") der Erkenntnis Christi, und wir wissen, dass in diesem Fall, wie in der ganzen Bibel, das Wort „erkennen“ nicht nur eine intellektuelle Entdeckung meint, sondern eine lebenswichtige und innige Verbindung, ein In-Beziehung-Treten mit dem erkannten Objekt. Dasselbe gilt für den Ausdruck: damit ich ihn kennen kann „und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden“. „Die Gemeinschaft mit seinen Leiden kennen“ bedeutet offensichtlich nicht, eine Vorstellung davon zu haben, sondern sie zu erfahren.

Zufällig habe ich diesen Abschnitt in einem besonderen Moment meines Lebens gelesen, in dem auch ich vor einer Entscheidung stand. Ich hatte mich mit Christologie beschäftigt, ich hatte viel über dieses Thema geschrieben und gelesen; als ich aber las „damit ich ihn kennen kann“, verstand ich mit einem Schlag, dass dieses einfache Personalpronomen „ihn“ („auton") mehr Wahrheit über Jesus Christus beinhaltete als alle über ihn gelesenen oder geschriebenen Bücher. Ich verstand, dass Christus für den Apostel keine Ansammlung von Lehren, Irrlehren oder Dogmen war; er war eine lebendige, gegenwärtige und sehr wirkliche Person, die mit einem einfachen Pronomen bezeichnet werden konnte. So wie man dies ja tut, wenn man über jemanden spricht, der anwesend ist, und auf ihn mit dem Finger deutet.

Die Wirkung des Verliebtseins ist eine zweifache. Einerseits bewirkt sie eine drastische „reductio ad unum“, eine Konzentration auf die geliebte Person, die den Rest der Welt zweitrangig werden lässt. Andererseits befähigt sie dazu, alles Mögliche für die geliebte Person zu erleiden, den Verlust von allem zu akzeptieren. Wir sehen beides vollkommen in dem Moment verwirklicht, in dem der Apostel Christus entdeckt: „Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat.“

Er hat den Verlust seiner Privilegien „als Jude unter Juden“, der Hochachtung und der Freundschaft seiner Lehrer und Volksgenossen in Kauf genommen; den Hass und das Mitleid aller, die nicht verstanden, wie es dazu kommen konnte, dass ein Mann wie er sich von einer Sekte von brotlosen Fanatikern verführen ließ. Im zweiten Brief an die Korinther findet sich dann die eindrucksvolle Liste all dessen, was er für Christus erlittenen hat (vgl. 2 Kor 11,24-28).

Der Apostel selbst hat dafür ein Wort „gefunden, das dies alles zusammenfasst: von Christus ergriffen werden“. Man könnte auch übersetzen: „erobert“, „fasziniert“ - oder mit einem Wort des Jeremias - von Christus „verführt“ werden. Die Verliebten beherrschen sich nicht; so auch viele Mystiker auf dem Höhepunkt ihrer Glut. Ich habe daher kein Schwierigkeit, mir einen Paulus vorzustellen, der im Überschwang der Freude nach seiner Bekehrung unter Bäumen oder am Ufer des Meeres das ausspricht, was er später an die Philipper schreiben wird: „Ich bin von Christus Jesus ergriffen worden! Ich bin von Christus Jesus ergriffen worden!“

Wir kennen die lapidaren und einprägsamen Sätze des Apostels gut, die ein jeder von uns gern in seinem Leben wiederholen würde: „Für mich ist Christus das Leben“ (Phil 1,21) und „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir“ (Gal 2,20).

2. „In Christus“

Dem treu bleibend, was ich im Programm dieser Predigten angekündigt habe, möchte ich das beleuchten, was das Denken des Paulus zunächst für die Theologie von heute und dann für das geistliche Leben der Gläubigen bedeuten kann.

Die persönliche Erfahrung hat Paulus zu einer weltumspannenden Perspektive des christlichen Lebens geführt, die er mit dem Wort „in Christus“ („en Christō") beschreibt. Die Formel kommt im „Corpus Paulinum“ 83 Mal vor, ohne den ähnlichen Ausdruck „mit Christus“ („syn Christō") und die äquivalenten pronominalen Ausdrücke „in ihm“ oder „in dem, der…“ zu zählen.

Es ist fast unmöglich, den prägnanten Inhalt dieser Sätze in Worte zu fassen. Die Präposition „in“ hat einmal eine örtliche, dann eine zeitliche Bedeutung (in dem Moment, in dem Christus stirbt und aufersteht), dann wiederum eine instrumentale (durch Christus). Sie umreißt die geistliche Atmosphäre, in der der Christ lebt und handelt. Paulus wendet auf Christus das an, was er in der Rede im Areopag von Athen über Gott sagt, indem er einen heidnischen Autor zitiert: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“ (vgl. Apg 17,28). Später wird der Evangelist Johannes dieselbe Sicht mit dem Bild des „in-Christus-Bleibens“ zum Ausdruck bringen (vgl. Joh 15,4-7).

Diese Ausdrucksformen heben jene hervor, die von paulinischer Mystik sprechen. Sätze wie „Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat“ (2 Kor 5,19) sind allumfassend, sie lassen nichts und niemanden außerhalb von Christus. Die Aussage, dass die Gläubigen „die berufenen Heiligen” sind (Röm 1,7), kommt für den Apostel jener gleich, dass „Gott sie zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus“ berufen hat (vgl. 1 Kor 1,9).

Zurecht geht man heute auch in der protestantischen Welt dazu über, die im Ausdruck „in Christus“ oder „im Geist“ zusammengefasste Sicht als zentraler und bezeichnender für das Denken des Paulus anzusehen als die Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben.

Das Paulusjahr bietet eine günstige Gelegenheit dazu, die ganze Periode von Diskussionen und Auseinandersetzungen zum Abschluss zu bringen, die mehr an der Vergangenheit als an der Gegenwart orientiert sind, und ein neues Kapitel im Umgang mit dem Denkens des Apostels aufschlagen. Das heißt: dazu zurückzukehren, seine Briefe - und dabei vor allem den Brief an die Römer - für den Zweck zu nutzen, für den sie geschrieben worden sind, und der gewiss nicht darin bestand, den künftigen Generationen einen Ort zu bieten, an dem der theologische Scharfsinn geübt werden könne. Vielmehr bestand sein Anliegen darin, den Glauben der Gemeinde zu erbauen, die zum Großteil aus einfachen und unbelesenen Menschen bestand. „Denn ich sehne mich danach, euch zu sehen; ich möchte euch geistliche Gaben vermitteln, damit ihr dadurch gestärkt werdet, oder besser: damit wir, wenn ich bei euch bin, miteinander Zuspruch empfangen durch euren und meinen Glauben“ (Röm 1,11-12).

3. Jenseits von Reformation und Gegenreformation

Ich glaube, es ist an der Zeit, über Ereignisse, wie Reformation und Gegenreformation, hinauszukommen. Was zu Beginn des dritten Jahrtausends auf dem Spiel steht, ist nicht mehr das Gleiche wie zu Beginn des zweiten Jahrtausends, als inmitten des westlichen Christentums die Trennung zwischen Katholiken und Protestanten stattfand.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Das Problem ist nicht mehr das eines Luther und wie man Menschen vom Gefühl der Schuld befreien müsse, die ihn erdrückt, sondern, wie Menschen wieder für die wahre Bedeutung der Sünde sensibel gemacht werden können, die völlig verloren gegangen ist. Welchen Sinn macht es, weiterhin zu erörtern, wie „die Rechtfertigung des Gottlosen sich ereignet", wenn Menschen davon überzeugt sind, dass die Rechtfertigung gar nicht notwendig ist, und voller Stolz behaupten: „Ich sehe selber, was ich mir vorzuwerfen habe, und ich allein kann mich davon freisprechen, ich als Mensch kann das!“ [J.-P. Sartre, Le Diable et le Bon Dieu (Der Teufel und der gute Herr), X, 4 Paris, Gallimard, 1951, S. 267]

Ich glaube, dass überhaupt die Jahrhunderte alten Diskussionen zwischen Katholiken und Protestanten über Glaube und Werke an ihr Ende gekommen sind, weil sie den springenden Punkt der paulinischen Verkündigung aus den Augen verloren haben: Die häufige Verlagerung des Interesseschwerpunktes von Christus zu den Lehren über Christus, also in der Praxis: von Christus zum Menschen. Das, was der Apostel vor allem im 3. Kapitel des Römerbriefes bekräftigt, ist eigentlich nicht die Tatsache, dass wir durch den Glauben gerechtfertigt sind, sondern dass wir durch den Glauben an Christus gerechtfertigt sind. Es geht nicht so sehr, dass wir durch die Gnade gerechtfertigt sind, sondern dass wir durch die Gnade Christi gerechtfertigt sind. Der Akzent liegt auf mehr Christus als auf Glauben und Gnade.

Nach zwei vorangegangenen Kapiteln, in denen der Brief die Menschheit in ihrem allgemeinen Zustand der Sündhaftigkeit und der Verdorbenheit präsentiert, findet der Apostel den unglaublichen Mut zu verkünden, dass sich diese Situation nun „durch die Erlösung, in Christus Jesus" grundlegend geändert habe: durch „den Gehorsam eines Menschen"(Römer 3, 24; 5,19). Die Bestätigung, dass dieses Heil durch den Glauben empfangen wird und nicht durch Werke, ist sehr wichtig, aber sie steht erst an zweiter Stelle, nicht an erster. Der Fehler war, dass etwas in der Folge zu einem Problem von Richtungen im Inneren des Christentums reduziert wurde, das für den Apostel das Bekenntnis eines großen, kosmischen und universellen Lebensvorgangs war.

Diese Botschaft des Apostels über die Zentralität Christi ist heute von großer Bedeutung. Viele Faktoren haben in der Tat dazu geführt, dass seine Person heute hinterfragt wird. Christus spielt in den bekanntesten drei Dialogsträngen, die heute zwischen der Kirche und der Welt geführt werden, keine Rolle. Er kommt nicht im Dialog zwischen Glauben und Philosophie vor, denn Philosophie beschäftigt sich mit metaphysischen Konzepten, nicht mit der historischen Realität einer Person wie Jesus von Nazareth. Wir finden ihn auch nicht im Dialog mit der Wissenschaft, weil man dort nur über die Existenz oder Nichtexistenz eines Schöpfergottes diskutieren kann, der ein Produkt der Evolution ist. Schließlich vermissen wir ihn im interreligiösen Dialog, wo wir uns um das sorgen, was die Religionen im Namen Gottes gemeinsam für das Wohl der Menschheit tun können.

Auf die Frage woran sie denn glaubten, antworten sogar nur einige der Gläubigen mit: Ich glaube, dass Christus für meine Sünden gestorben ist und für meine Erlösung auferstand. Und nur einige antworteten: Ich glaube an die Existenz Gottes und ein Leben nach dem Tod. Doch für Paulus, wie auch für das Ganze des Neuen Testaments, ist der Glaube, der rettet, nicht nur der Glaube an Tod und Auferstehung Christi: „Wenn jemand mit den Lippen bekennt, dass Jesus der Herr ist und mit dem Herzen glaubt, dass Gott ihn von den Toten erweckt hat, der wird gerettet" (Römer 10, 9).

Letzten Monat fand hier im Vatikan, in der Casina Pius IV., ein Symposium mit dem Titel „Wissenschaftliche Aspekte der Evolution des Universums und des Lebens" statt, das von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften gefördert wurde. Hochkarätige Wissenschaftler aus der ganzen Welt nahmen daran teil. Ich wollte für das Fernsehprogramm, das ich jeden Samstag über das Evangelium moderiere, ein Interview mit einem der Teilnehmer machen.

Es war, Professor Francis Collins, der Leiter der Forschungsgruppe, der im Jahr 2000 die vollständige Entschlüsselung des menschlichen Genoms gelang. Im Bewusstsein, dass er gläubig ist, stellte ich ihm, unter anderem, folgende Frage: „Glauben Sie vor allem an Gott oder an Jesus Christus?" Er antwortete:

„Bis zum Alter von 25 Jahren war ich Atheist, ich hatte keinerlei religiöse Schulung genossen. Ich war ein Wissenschaftler, der fast alles auf die Gleichungen und Gesetze der Physik reduzierte. Aber als Arzt lernte ich Menschen kennen, die nach wie vor das Problem von Leben und Tod konfrontierten, und das verfestigte in mir den Gedanken, dass mein Atheismus doch keine so fest verwurzelte Idee war. Ich begann Texte mit rationalen Argumenten über den Glauben zu lesen, die ich nicht kannte. Als Erstes kam ich zu der Überzeugung, dass der Atheismus die weniger annehmbare Alternative sei. Nach und nach kam ich zu dem Schluss, dass es einen Gott geben müsse, der alles erschaffen hat, aber ich wusste nicht, wer dieser Gott war".

Es ist wirklich ratsam, in seinem Buch „Die Sprache Gottes" nachzulesen, wie er aus dieser Sackgasse herausgekommen ist:

„Ich fand es schwierig, eine Brücke zu Gott zu bauen. Je mehr ich über ihn erfuhr, desto mehr schien ihn seine Reinheit und Heiligkeit so unnahbar zu machen. Inmitten dieser tiefen Dunkelheit, in der ich stecke, erschien die Person Jesu Christi. Ein ganzes Jahr war schon vergangen, seitdem ich beschlossen hatte, nicht an irgendeine Art von Gott zu glauben, und nun rief mich jemand zur Rechenschaft. An einem schönen Herbsttag radelte ich während meiner ersten Reise westlich des Mississippi durch die Cascade Mountains. Die Erhabenheit und Schönheit der Schöpfung Gottes überwältigte meinen Widerstand. Ich wusste, dass die Suche nun vorüber war. Am nächsten Morgen, kniete ich im taufeuchten Gras bei Sonnenaufgang nieder und legte mich Jesus Christus in die Hände"[ F. Collins, "The Language of God: A Scientist Presents Evidence for Belief," S. 219-255.].

Was mir dazu in den Sinn kommt, ist das Wort Christi: „Niemand kommt zum Vater außer durch mich". Es ist allein durch ihn, dass Gott zugänglich und glaubwürdig wird. Dank dieses wiederentdeckten Glaubens wurde der Zeitpunkt der Entdeckung des menschlichen Genoms, so Collins, ebenfalls zu einem Erlebnis wissenschaftlichen Aufschwungs und religiöser Ergebenheit.

Die Verwandlung dieses Wissenschaftlers zeigt, dass dieses Damaskusereignis sich in der Geschichte aktualisiert; Christus ist derselbe: heute wie damals. Es ist nicht leicht für einen Wissenschaftler - vor allem für einen Biologen - sich heute öffentlich als ein Glaubender zu bekennen. Genauso wenig war das für Saulus einfach: Man riskierte schlicht sofort „aus der Synagoge geworfen zu werden“. Und in der Tat ist genau das Professor Collins passiert, der wegen seines Glaubens für viele Anhänger des Laizismus zur Zielscheibe wurde und deshalb zu leiden hatte.

4. Von der Gegenwart Gottes zur Gegenwart Christi

Es gilt nun, etwas über folgenden Punkt zu sagen: Was vermag das Zeugnis eines Paulus dem geistlichen Leben der Gläubigen beizusteuern? Eines der gängigsten Themen der katholischen Spiritualität ist die Vorstellung der Gegenwart Gottes (vgl. M. Dupuis, Présence de Dieu, (Gegenwart Gottes), in D Spir. 12, coll. 2107-2136). Ungezählte Abhandlungen sind darüber vom 16. Jahrhundert bis heute verfasst worden. In einer von diesen heißt es:

„Ein guter Christ muss sich daran gewöhnen, diese heilige Übung zu jeder Zeit und an jedem Ort zu praktizieren. Beim Erwachen richte er den Blick seiner Seele unmittelbar auf Gott, er spreche und rede mit ihm zu seinem geliebten Vater. Wenn er durch die Straßen geht, möge er seine Augen gesenkt halten und den Blick seiner Seele bescheiden zu Gott aufrichten"[ F. Arias (+1605), zitiert von Dupuis, col. 2111.].

Man muss den „Gedanken der Gegenwart Gottes" vom „Gefühl seiner Anwesenheit" unterscheiden: Der erste hängt von uns ab, der zweite ist aber ein Geschenk der Gnade, die nicht von uns abhängig ist. (Es ist bekannt, dass beim heiligen Gregor von Nyssa „das Gefühl der Präsenz" Gottes, die „aisthesis parousia", als Synonym für die mystische Erfahrung steht.)

Der Drang, die Menschlichkeit Christi zu übergehen, um so direkt zum ewigen Logos und zur Gottheit vorzustoßen, entstand aus einer verkürzten Vorstellung der Auferstehung Christi. Letztere wurde auf apologetische Weise als Beweis für die Göttlichkeit Jesu gesehen und deshalb nicht ausreichend in ihrer mystischen Bedeutung erfasst: nämlich als Initiation eines Lebens „im Geist", dank derer die Menschlichkeit Christi nun in ihrer spirituellen Eigenart und daher allgegenwärtig und lebendig erscheint.

Was ergibt sich daraus nun auf der praktischen Ebene? Dass wir schlicht alles „in Christus" und „mit Christus" tun können, ob wir essen oder schlafen oder irgendetwas anderes tun, erklärt der Apostel (1 Kor 10, 31).

Der Auferstandene ist nicht nur deshalb gegenwärtig, weil wir an ihn denken, sondern er ist wirklich mit uns; wir müssen deshalb gar nicht mit unserem Denken und unserer Vorstellungskraft sein irdisches Leben hervorholen, indem wir uns die Ereignisse seines Lebens gedanklich vorstellen (so, als ob wir gezwungen wären, Meditationen über die „Geheimnisse des Lebens Christi" abzuhalten).

Er ist es, der Auferstandene, der zu uns kommt. Nicht durch unsere Vorstellungskraft werden wir Zeitgenossen Christi, es ist vielmehr Christus, der wirklich zu unserem Zeitgenossen wird. „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt." (Das kann uns hier unmittelbar zu einem Akt des Glaubens anstiften! Er ist hier, in dieser Kapelle, ‚mehr’ anwesend, als jeder von uns, er will den Blick unseres Herzens auf sich lenken und er freut sich, wenn er ihn findet.)

Ein Text, der diese Vorstellung des christlichen Lebens wunderbar widerspiegelt, ist ein Gebet, das dem heiligen Patrick zugeschrieben wird: „Christus mit mir, Christus vor mir, Christus hinter mir, Christus unter mir, Christus über mir, Christus zu meiner Rechten, Christus zu meiner Linken!" ("Christ with me, Christ before me, Christ behind me, Christ below me, Christ above me, Christ at my right, Christ at my left.")

Welchen neuen und höheren Sinn können die Worte des heiligen Louis Marie Grignion de Montfort erhalten, wenn wir im „Geist Christi", das lesen, was er über den „Geist Mariens“ zu sagen hat:

"Wir müssen uns selbst dem Geist Christi überlassen, um nach seinem Willen bewegt und geführt zu werden. Wir müssen uns selbst in seine Hände legen und dort als sein Werkzeug in den Händen des Handwerkers, als Laute zwischen den Händen eines geschickten Spielers bleiben. Wir müssen uns in ihm verlieren, so wie ein Stein, der ins Meer geworfen wird. Es ist möglich, dies alles ganz einfach und in einem Augenblick zu tun; schlicht mit einem inneren Licht oder einer leichten Bewegung des Willens, oder auch mit einigen kurzen Wort" (vgl. L. Grignon de Montfort, „Über die wahre Marienverehrung," nr. 257.259 (in: Gesammelte Werke, Paris, 1966, S. 660.661).

5. Wir vergessen, was hinter uns liegt

Wir kommen zum Schluss, indem wir auf den Text des 3. Kapitels des Philipperbriefes schauen, das mit einem „Geständnis" endet:

„Brüder, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist“. (Philipper 3,13-14). “Ich vergesse, was hinter mir liegt..." Was für eine Vergangenheit? Die des Pharisäers, von der er zuvor sprach? Nein, die Vergangenheit als Apostel in der Kirche! Jetzt ist der Gewinn beim Denken an Verluste ein anderer: Es ist richtig, alles bereits einmal als Verlust für Christus angesehen zu haben. Es war natürlich zu denken: „Was für einen Mut hatte Paulus, als er die Laufbahn eines Rabbiners aufgab, die er so gut gestartet hatte, um fortan für eine obskure Sekte von Galiläern zu arbeiten! Und was für Briefe schrieb er! Wie viele Reisen hat er unternommen, wie viele Kirchen gründete er!"

Der Apostel sah auf beschämende Weise die tödliche Gefahr, sich selbst und Christus seiner „eigenen Gerechtigkeit" zu unterstellen, die aus Werken resultierte - diesmal Taten, die Christus gewirkt hatte -, und er reagierte energisch. „Ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte“. Am Ende seines Lebens wehrte sich der heilige Franziskus von Assisi gegen jede Versuchung von Selbstzufriedenheit, und sagte: "Wir beginnen jetzt damit, Brüder, dem Herrn zu dienen, denn bis jetzt haben wir nur wenig oder gar nichts für ihn getan." (Celano, Vita Prima, 103 (Franciscan Sources, Nr. 500)).

Dies ist die wichtigste Bekehrung für diejenigen, die bereits in der Nachfolge Christi leben und in seinem Dienst in der Kirche stehen. Eine ganz besondere Bekehrung, die nicht darin besteht, sich vom Bösen abzukehren, sondern in einem gewissen Sinn, das aufzugeben, was gut ist! Im Loslassen alles dessen, was wir getan haben, wiederholen wir nämlich selbst, frei nach Christi Vorgabe: „Wir sind nur unwürdige Knechte, wir haben nur unsere Pflicht getan" (Lk 17,10).

In einem Geist der Armut und Demut, die eigenen Händen und Taschen von jedem Ehrgeiz zu leeren, besteht der beste Weg zur Vorbereitung auf Weihnachten. Eine reizvolle Weihnachtslegende, die ich erwähnen möchte, erinnert uns wieder daran. Sie erzählt, dass unter den Hirten, die in der Heiligen Nacht zum Kinde eilten, um es anzubeten, einer war, der so arm war, dass er nichts anzubieten hatte, und er war sehr beschämt. Als sie die Krippe erreichten, wetteiferten alle mit ihren Geschenken. Maria wusste nicht, was sie tun sollte, da sie ja das Kind in ihren Armen trug. Als sie den Hirten mit den leeren Händen sah, vertraute ihm Jesus an. Seine leeren Hände waren sein Glück, und auf einer anderen Ebene, wird es auch das unsere werden.