P. Raniero Cantalamessa: Von der Habgier des Reichen und vom Reichtum, der glücklich macht

Kommentar zum Evangelium des XXVIII. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr B)

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ROM, 13. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Die Habgier und die damit verbundenen Gefahren für das ewige wie für das irdische Leben stehen im Mittelpunkt dieser Betrachtung des Kapuzinerpaters Raniero Cantalamessa. Anhand der Lesungen des kommenden Sonntags (Weish 7,7-11; Heb 4,12-13; Mk 10-17-30) zeigt der Prediger des Päpstlichen Hauses mit Jesus den Ausweg aus der misslichen Lage, in die sich der Habgierige oft selbst hineinmanövriert.



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Wie schwer ist es für Menschen, die viel besitzen, in das Reich Gottes zu kommen!

Bevor wird lesen, was das Evangelium dieses Sonntags über den Reichtum sagt, müssen wir eine Bemerkung vorausschicken, um mögliche irrige Auslegungen auszuräumen: Jesus verurteilt weder den Reichtum noch das irdische Vermögen an sich. Zu seinen Freunden gehören auch Josef von Arimathäa, ein „reicher Mann“ (Mt 27,57), und dem Zachäus wird das „Heil geschenkt“, obwohl dieser die Hälfte seines Vermögens für sich behält, was aufgrund seines Berufs als Steuereintreiber ziemlich viel gewesen sein durfte (vgl. Lk 19,1-10). Jesus verurteilt die übertriebene Anhänglichkeit an das Geld und das Vermögen; er verurteilt, dass man sich von diesen Dingen abhängig macht und nur für sich selbst Schätze anhäuft (Lk 12, 13-21).

Das Wort Gottes nennt die übertriebene Anhänglichkeit an das Geld „Götzendienst“ (Kol 3,5; Eph 5,5). Das Geld ist nicht einer von mehreren Götzen, sondern der Götze schlechthin, der buchstäbliche „Gott aus Metall“ (Ex 34,17).

Das Geld ist der Anti-Gott, denn es schafft eine Art Alternativwelt und tauscht das Objekt der theologischen Tugenden aus: Glaube, Hoffnung und Liebe werden nun nicht mehr Gott entgegengebracht, sondern dem Geld. Es kommt zu einer trügerischen Umkehr aller Werte. Die Schrift sagt: „Für Gott ist nichts unmöglich“, und auch: „Dem, der glaubt, ist alles möglich.“ Aber die Welt sagt: „Dem, der Geld hat, ist alles möglich.“

Abgesehen von Götzendienst ist die Habsucht noch eine Quelle der Unzufriedenheit. Der Habsüchtige ist ein unglücklicher Mensch. Weil er allen misstraut, schirmt er sich ab. Er empfindet für niemanden etwas, nicht einmal für diejenigen, die seines eigenen Fleisches sind, denn von ihnen fühlt er sich ausgenützt, nähren sie doch seiner Ansicht nach oft nur einen einzigen wahren Wunsch: dass er möglichst bald sterbe, damit sie sein Erbe antreten können. Angespannt trachtet er krampfhaft danach, zu sparen, wo es nur geht; er gönnt sich nichts im Leben und so genießt er weder diese Welt noch Gott – denn er verzichtet ja nicht für ihn. Statt Sicherheit und Ruhe zu erhalten, ist er eine ständige Geisel seines Geldes.

Jesus aber nimmt niemandem die Hoffnung auf das Heil, auch nicht dem Reichen. Als die Jünger ihn nach seinen Worten über das Kamel und das Nadelöhr erschrocken fragen: „Wer kann dann noch gerettet werden?“, antwortet er ihnen: „Für die Menschen ist das unmöglich, aber nicht für Gott.“ Gott kann sogar den Reichen retten. Die Frage ist nicht, ob der Reiche gerettet werden kann (darüber ist in der christlichen Tradition niemals diskutiert worden), sondern welcher Reicher gerettet werden kann.

Jesus weist den Reichen einen Ausweg aus ihrer bedrohlichen Situation: „Sammelt euch Schätze im Himmel, wo weder Motte noch Wurm sie zerstören“ (Mt 6,20); „macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet“ (Lk 16,9).

Man könnte sagen, dass Jesus den Reichen den Rat gibt, ihr Vermögen ins Ausland zu schaffen. Aber um Himmels Willen nicht in die Schweiz! Viele, so sagt Augustinus, sind schwer damit beschäftigt, ihr eigenes Geld zu vergraben. Ja, sie gehen sogar so weit, sich seines Anblicks zu entziehen – manchmal ein ganzes Leben lang –, nur um die Gewissheit zu haben, dass es sicher ist. Warum soll man es dann nicht in den Himmel bringen, wo es doch viel sicherer ist und wo man es auch eines Tages mit Sicherheit wieder finden wird – für immer?

Aber wie macht man das? Der heilige Augustinus meint, dass es ganz leicht sei: Gott bietet dir in den armen Menschen die Träger an. Sie gehen geradewegs dorthin, wo du eines Tages hinkommen willst. Die Bedürftigkeit Gottes liegt hier, im Armen, und Gott selbst wird es dir vergelten, wenn du dorthin aufbrichst.

Aber es ist klar, dass das Almosengeben und die Spende heute nicht die einzige und vielleicht nicht einmal die beste Art darstellen, das Vermögen der Allgemeinheit zugute kommen zu lassen. Es gibt auch die Möglichkeit, ehrlich seine Steuern zu zahlen, neue Arbeitsplätze zu schaffen, den Arbeitern – falls es die Situation zulässt – einen großzügigeren Lohn auszubezahlen, in den Entwicklungsländern einheimische Kleinbetriebe zu etablieren. Im Grund geht es darum, das Geld wirtschaften zu lassen, damit es Frucht bringt; selbst ein Kanal zu werden, der das Wasser zum zirkulieren bringt, und nicht ein künstlich angelegter See, der das Wasser nur für sich behält.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]