P. Raniero Cantalamessa: Vorleben, was christliche Ehe heißt

Christen sind aufgerufen, ein „Zeugnis der Taten“ ablegen

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MEXIKO-STADT, 15. Januar 2009 (ZENIT.org).- P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des Päpstlichen Hauses, hat insbesondere die Christen dazu aufgerufen, „das biblische Ideal von Ehe und Familie“ wiederzuentdecken. Nur so könnten sie es auch überzeugend verbreiten.



Beim VI. Weltfamilientreffen, das gestern, Mittwoch, in Mexiko-Stadt eröffnet wurde, erinnerte der Prediger des Papstes Familien aus aller Welt daran, dass es heute nicht nur darum gehen dürfe, die christliche Vorstellung von Ehe und Familie zu „verteidigen“. Viel wichtiger sei es, die Schönheit von Ehe und Familie neu zu erkennen und sie in ihrer ganzen Tiefe und Fülle zu leben. Dann werde man auch ein Zeugnis geben können, dass auf Worten beruhe, sondern – viel wirksamer – auf Taten.

Am ersten Tag des theologisch-pastoralen Kongresses gab P. Cantalamessa zu bedenken, dass der bräutliche Aspekt der Ehe, der in der Bibel kraftvoll zum Ausdruck gebracht werde, im christlichen Denken über Jahrhunderte hinweg an zweiter Stelle gestanden habe. Im Vordergrund habe immer die Institution Ehe gestanden. Insofern finde man in den heute gängigen „unannehmbaren“ Vorstellungen über Ehe und Familie, die alle eine Folge des Relativismus seien, auch einen positiven Aspekt: die inständige Bitte um ein verstärktes Nachdenken über Ehe als gegenseitige Verbundenheit und Hingabe der beiden Ehepartner. Das Zweite Vatikanische Konzil habe bereits auf diese Bitte geantwortet, als es die gegenseitige Liebe und Hilfe der Ehepartner als genauso wichtiges Gut der ehelichen Gemeinschaft anerkannt habe wie die Weitergabe des Lebens.

„Sogar gläubigen Paaren gelingt es nicht immer, den ganzen Reichtum, der in der ursprünglichen Bedeutung der ehelichen Gemeinschaft liegt, zu entdecken“, äußerte P. Cantalamessa in seinem Vortrag. Hauptursache dafür sei, dass sie in der Gedankenwelt jahrhundertelang allzu eng mit Begierlichkeit und Erbsünde verbunden gewesen sei. Der Kapuzinerpater sprach sich deshalb dafür aus, die Verbindung von Mann und Frau neu als „Bild für die Liebe Gottes“ zu sehen und entsprechend zu würdigen.

„Zwei Menschen, die sich lieben – und im Fall von einem Mann und einer Frau, die verheiratet sind, ist das am stärksten –, bewirken etwas von dem, was in der Dreifaltigkeit geschieht“, erläuterte der Prediger. „In diesem Licht entdeckt man die tiefe Bedeutung der Botschaft, die die Propheten über die menschliche Liebe ausgesagt haben, die aus diesem Grund Symbol und Spiegel jener anderen Liebe ist, der Liebe Gottes zu seinem Volk.“

Es gehe somit darum, „das wahre Gesicht Antlitz und das letzte Ziel der Erschaffung von Mann und Frau aufzuzeigen: das Heraustreten aus der eigenen Isolation, dem ‚Egoismus‘, das Sich-Öffnen für den anderen und – durch die kurze Verzückung in der fleischlichen Vereinigung –  das Sich-Erheben zur Sehnsucht nach jener Liebe und Freude, die kein Ende haben“.

Der Prediger des Papstes verwies in diesem Zusammenhang auf die „ungewöhnlich positive“ Aufnahme der Enzyklika „Deus caritas est“ in der ganzen Welt, in der Benedikt XVI. diese Sicht der menschlichen Liebe als Spiegelbild der Liebe Gottes hervorgehoben habe.

Eine andere Frage, die Cantalamessa aufwarf, war die „nach der gleichen Würde der Frau in der Ehe“, die zwar schon immer zum innersten Kern des Schöpfungsplans Gottes und auch des Denkens Christi gehört habe, tatsächlich aber lange Zeit außer Acht gelassen worden sei.

Der Prediger kam anschließend mit deutlichen Worten auf die aktuelle Lage von Ehe und Familie zu sprechen und riet dazu, angesichts der „offensichtlichen globalen Zurückweisung des biblischen Plans zu Sexualität, Ehe und Familie“ den Fehler zu vermeiden, „die ganze Zeit damit zu verbringen, die entgegengesetzten Theorien zu bestreiten“.

Die Strategie, zu der Cantalamessa ermutigte, bestehe, wie er bekräftigte, nicht darin, „die Welt zu bekämpfen“, sondern vielmehr darin, „einen Dialog mit ihr zu führen und sogar von den kritischen Stimmen Nutzen zu ziehen“. Ein weiterer Fehler, den es nach seinen Ausführungen zu vermeiden gilt, besteht darin, alles in staatlichen Gesetzen festschreiben zu wollen. „Die ersten Christen veränderten die Gesetze durch ihre Gewohnheiten. Wir dürfen uns heute nicht erwarten, dass wir die Gewohnheiten durch Gesetze verändern werden.“

Die „Dekonstruktion der Familie“ beziehungsweise die „Gender-Revolution“, die heute um sich greife, verglich der Priester mit dem Marxismus. Zugleich erinnerte seine Zuhörer daran, dass die Kirche darauf mit einer „alten paulinischen Methode“ reagiert habe: „alles zu prüfen und das zu behalten, was gut ist“, um auf diese Weise eine „eigene Soziallehre“ zu entwickeln.

„Gerade die Entscheidung für den Dialog und die Selbstkritik geben uns das Recht, die Umsturzpläne der Gender-Revolution als unmenschlich anzuprangern, was bedeutet, dass sie sich nicht nur gegen den Willen Gottes richten, sondern auch gegen das Wohl der Menschheit.“

Die große und „einzige Hoffnung“ der Christen besteht nach Worten von P. Raniero Cantalamessa in der aktuellen Situation darin, „dass der Hausverstand der Menschen verbunden mit dem ‚Wunsch‘ nach dem anderen Geschlecht und dem Bedürfnis nach Mutterschaft und Vaterschaft, das Gott in die menschliche Natur hineingelegt hat, all diesen Bemühungen, Gott zu ersetzen, Widerstand leisten können – Bemühungen, die eher aus spät erwachten Schuldgefühlen des Menschen erwachsen als aus aufrichtiger Achtung und Liebe zur Frau.“

Von Inma Alvarez; Übersetzung von Dominik Hartig