P. Raniero Cantalamessa: Warum wir in die Kirche gehen

Kommentar zum Weihetag der Lateranbasilika am kommenden Sonntag

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ROM, 7. November 2008 (ZENIT.org).- Der Weihetag der Lateranbasilika, den die Kirche übermorgen, Sonntag, feierlich begehen wird, veranlasst P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des päpstlichen Hauses, über die Bedeutung der Kirchengebäude nachzudenken und die Frage aufzuwerfen, warum es gut ist, in die Kirche zu gehen.

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Dies ist das Haus Gottes!

Dieses Jahr feiert die Kirche anstelle des 32. Sonntags im Jahreskreis das Weihefest der Mutterkirche Roms, der Laternbasilika. Sie war ursprünglich dem Heiland gewidmet, und wurde später dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht. Was bedeutet die Weihe einer Kirche und ihre Existenz für die Liturgie beziehungsweise für die christliche Spiritualität? Beginnen wir dazu mit den Worten des Evangeliums nach Johannes 4,23: „Aber die Stunde kommt, und sie ist schon da, zu der die wahren Beter den Vater anbeten werden im Geist und in der Wahrheit; denn so will der Vater angebetet werden.“

Jesus Christus lehrt, dass der Tempel des Herrn zuallererst im Herzen jenes Menschen zu finden ist, der sein Wort angenommen hat. So spricht er vom Vater und von sich selbst: „Wir werden zu ihm kommen und bei ihm wohnen“ (Joh 14,23). Und Paulus schreibt: „Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“ (1 Kor 3,16).

Der neue Tempel des Herrn ist daher der Gläubige selbst. Doch Orte, an denen Gott und Jesus Christus anwesend sind, sind auch jene, „wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ (Mt 18,20). Das Zweite Vatikanische Konzil ging sogar soweit, die christliche Familie als eine „Hauskirche“ zu bezeichnen (LG, 11), also als einen kleinen Tempel des Herrn. Denn dank des Sakraments der Ehe wird gerade die Familie zu jenem Ort schlechthin, an dem „zwei oder mehrere“ in seinem Namen versammelt sind.

Aus welchem Grund also spielt für uns Christen die Kirche eine so wichtige Rolle, wo doch jeder den Vater in Geist und Wahrheit in seinem eigenen Herzen oder seinem Haus anbeten kann? Weshalb die Pflicht, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen? Die Antwort darauf ist, dass Jesus Christus uns nicht getrennt voneinander rettet- Er ist gekommen, um ein Volk zu stiften, eine Gemeinschaft aus Menschen, verbunden mit ihm und untereinander.

Was das Haus und Eigenheim für die Familie ist, das ist die Kirche für die Familie Gottes. Ohne Haus, keine Familie. Ich erinnere mich an einen Film des italienischen Neorealismus, „Das Dach“, von Cesare Zavattini und Vittorio De Sica. Zwei junge, arme Verliebte beschließen zu heiraten, doch sie haben kein Eigenheim. Am Stadtrand von Rom der Nachkriegszeit umgehen sie das System, um sich selbst eines zu schaffen. Sie kämpfen gegen Zeit und Gesetz, denn gelingt es ihnen nicht, vor Anbruch der Nacht das Dach zu errichten, wird alles niedergerissen werden. Als es ihnen schließlich gelingt, das Dach fertig zu stellen, werden sie sich bewusst, nun ihr eigenes Haus und eine Privatsphäre zu besitzen. Glücklich fallen sie sich in die Arme – jetzt sind sie eine Familie.

Ich habe gesehen, wie sich diese Geschichte in vielen Stadtvierteln und Dörfern wiederholte, die keine eigene Kirche besaßen und selbst eine errichten mussten. Diese Solidarität, dieser Enthusiasmus und die Freude, mit dem Priester zusammenzuarbeiten, um der Gemeinschaft ihre Kultstätte und einen Ortsmittelpunkt zu geben! All dies sind Geschichten, die jeweils ihren eigenen Film verdient hätten. Dabei müssen wir jedoch auch ein trauriges Phänomen beobachten: das massenhafte Verlassen der Kirchen und somit der Sonntagsmesse. Die Statistiken bezüglich der religiösen Praxis sind dramatisch. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass jeder, der nicht in die Kirche geht, auch seinen Glauben verloren hat. Aber es bedeutet doch, dass die von Christus eingesetzte Religion heutzutage durch jene ersetzt wird, die als „pick and choose“ („Nimm, und wähle selbst“) bezeichnet wird – genauso wie im Supermarkt. Jeder bastelt sich seine eigene Idee von Gott und vom Gebet, und jeder fühlt sich gut dabei.

Dabei wird vergessen, dass Gott selbst sich in Christus offenbart hat, dass Christus das Evangelium gepredigt und eine „ekklesia“, also eine Versammlung von Berufenen gegründet hat; dass er die Sakramente eingesetzt hat, als Zeichen seiner Gegenwart und Rettung. All dies im Namen einer selbst inszenierten Idee von Gott zu ignorieren, führt zum absoluten Subjektivismus. Man vergleicht sich mit keinem anderen mehr als mit sich selbst. Und so bewahrheiten sich die Worte des Philosophen Feuerbach: Gott wird auf eine Projektion unserer eigenen Bedürfnisse und Wünsche reduziert; es ist nicht mehr Gott, der den Menschen nach seinen Abbild schuf, sondern der Mensch formt sich Gott nach seinen eigenen Vorstellungen. Doch dies ist ein Gott, der nicht rettet!

Es ist wahr, dass eine Religiosität, die auf rein äußerliche Praktiken reduziert wird, keinen Sinn macht. Jesus selbst kämpft während des gesamten Evangeliums gegen so etwas an. Doch es gibt in Wahrheit keinen Widerspruch zwischen der Religion der Zeichen und Sakramente und jener persönlichen, innersten; zwischen Ritus und Geist. Die großen religiösen Genies (dabei denke ich an Augustinus, Pascal, Kierkegaard, an unseren Manzoni) waren Männer von großer und tiefer Verinnerlichung, doch gleichzeitig besuchten sie als Teil einer Gemeinschaft ihre Kirche. Sie waren „praktizierende“ Christen.

In seinen „Bekenntnissen“ (VIII, 2) schildert der heilige Augustinus die Bekehrung des großen römischen Redners und Philosophen Victorinus. Als dieser bereits von der Wahrheit des Christentums überzeugt war, sagte er zum Priester Simplicianus: „Wisse, dass ich nun Christ bin.“ Der Priester antwortete ihm: „Das glaube ich erst, wenn ich dich in der Kirche sehe.“ Darauf fragte er: „Machen uns denn diese Wände zu Christen?“

Die Debatte zwischen den beide ging weiter. Eines Tages las Victorinus die Worte Jesu im Evangelium: „Wer sich aber meiner schämt, dessen werde auch ich mich vor meinem Vater schämen.“ Da wurde ihm klar, dass die Furcht vor der Meinung der Menschen und die Angst davor, wie seine gelehrten Freunde reagiert hätten, ihn davon abgehalten hatten, die Kirche zu besuchen. Er ging daraufhin zu Simplicianus und sagte: „Lass uns in die Kirche gehen, ich will Christ werden.“ Ich denke, diese Geschichte ist heute für mehr als eine gebildete Person aktuell.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]