P. Raniero Cantalamessa: Was Allerheiligen und Allerseelen gemein haben

Jesus Christus bereitet uns eine Wohnung vor, die wir nie mehr verlassen werden wollen

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ROM, 31. Oktober 2008 (ZENIT.org).- Die Vergänglichkeit des irdischen Lebens und die Verheißung der Auferstehung stehen im Mittelpunkt der Überlegungen, die P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., Prediger des päpstlichen Hauses, zum Evangelium von Allerheiligen und Allerseelen anstellt.

Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh 11,25).

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Die Feste Allerheiligen und Allerseelen haben etwas gemein. Deshalb folgt das eine auf das andere. Auch der Abschnitt aus dem Evangelium ist derselbe, und es handelt sich dabei um die Seligpreisungen. Beide Feste sprechen vom Jenseits. Würden wir nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, so wäre es sinnlos, Allerheiligen zu feiern, und noch sinnloser, auf den Friedhof zu gehen. Wen würden wir denn besuchen, und warum sollten wir dann eine Kerze anzünden oder Blumen bringen?

Alles an diesem Tag lädt uns also zum Nachdenken ein: „Unsre Tage zu zählen, lehre uns!“, singt ein Psalm. „Dann gewinnen wir ein weises Herz.“

„Man ist wie im Herbst die Blätter auf den Bäumen“ (G. Ungaretti). Der Baum wird im Frühling wieder blühen, aber mit neuen Blättern. Auch die Welt wird nach uns fortbestehen, aber mit anderen Bewohnern. Ist es auch mit uns so? Hier reißt die Analogie ab, denn Jesus hat uns verheißen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt.“ Das ist die große Herausforderung des Glaubens – nicht nur des Glaubens der Christen, sondern auch die des Glaubens der Juden und der Muslime, des Glaubens aller, die an einen personale Gott glauben.

Wer den Film „Doktor Schiwago“ gesehen hat, erinnert sich sicher an das berühmte Lied von Lara, das den Soundtrack bildet. Aus der italienischen Version übersetzt, lautet es: „Ich weiß nicht wo, aber es wird einen Ort geben, von dem wir nicht mehr zurückkehren werden…“ Das Lied vermag den Sinn des berühmten Romans von Pasternak gut rüberzubringen, nach dem der Film entstanden ist: Zwei Verliebte begegnen einander, das widrige Schicksal aber trennt sie immer wieder (wir befinden uns in der Zeit der bolschewistischen Revolution) – bis zur Schlussszene, in der sich ihre Wege wieder kreuzen, ohne dass sie sich aber erkennen.

Jedes Mal, wenn ich die Melodie dieses Lieds höre, lässt mich mein Glaube fast aufschreien: Ja, ein Ort, von dem wir nicht mehr zurückkehren werden – und es auch gar nicht wollen! Jesus ist gegangen, um ihn uns vorzubereiten. Er hat uns den Weg mit seiner Auferstehung frei gemacht und uns mit den Seligpreisungen den Weg gewiesen, auf dem wir ihm folgen sollen. Ein Ort, in dem die Zeit für uns stehen bleiben wird, um der Ewigkeit zu weichen; wo die Liebe vollkommen und total sein wird. Nicht nur die Liebe Gottes und unsere Liebe zu Gott, sondern auch jede andere aufrechte und heilige Liebe, die auf Erden gelebt worden ist.

Der Glaube dispensiert die Gläubigen nicht von der Todesangst. Er mildert diese Angst aber durch die Hoffnung. In der Präfation der Messe von Allerseelen heißt es: „Bedrückt uns auch das Los des sicheren Todes, so tröstet uns doch die Verheißung der künftigen Unsterblichkeit.“

Dazu gibt es ein bestürzendes Zeugnis, das ebenfalls aus Russland kommt. 1972 wurde in einer Untergrundzeitschrift ein Text veröffentlicht: ein Gebet, das in der Jackentasche des Soldaten Aleksander Zacepa gefunden worden war. Der Soldat hatte es wenige Augenblicke vor der Schlacht, in der er im Zweiten Weltkrieg das Leben verlor. Es lautet:

„Höre, o Gott! Kein einziges Mal in meinem Leben habe ich mit dir gesprochen. Heute aber habe ich Lust, mich mit dir zu freuen.

Weißt du, von Kind an haben sie mir immer gesagt, dass es dich nicht gibt – und ich Dummkopf habe es geglaubt. Nie habe ich deine Werke betrachtet. Diese Nacht aber habe ich aus dem Granatenkrater zum Sternenhimmel auf geschaut. Und fasziniert von ihrem Schimmern habe ich sofort verstanden, wie schrecklich der Trug sein kann. Ich weiß nicht, o Gott, ob du mir deine Hand reichen wirst. Aber ich spreche zu dir, und du verstehst mich.

Ist es nicht merkwürdig, dass mir inmitten eines schrecklichen Infernos das Licht erschienen ist und ich dich bemerkt habe? Darüber hinaus habe ich dir nichts zu sagen. Ich bin nur glücklich, weil ich dich erkannt habe. Um Mitternacht müssen wir angreifen, aber ich habe keine Angst, du schaust ja auf uns.

Da ist das Signal! Ich muss gehen. Schön war es zusammen mit dir. Ich will dir noch sagen – und du weißt es –, dass die Schlacht hart sein wird: Es kann sein, dass ich noch diese Nacht an deine Tür klopfen werde. Und auch wenn ich bis jetzt nicht dein Freund war: Wenn ich kommen werde – wirst du mich einlassen?

Was ist jetzt los? Weine ich?

Mein Gott, du siehst, was mir zugestoßen ist. Erst jetzt habe ich begonnen, klar zu sehen… Ich grüße dich, Gott. Ich gehe – und werde wohl kaum mehr zurückkommen. Komisch, jetzt macht mir der Tod keine Angst mehr.“

[ZENIT-Übersetzung des vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]