P. Raniero Cantalamessa: Was eine Familie ausmacht

Kommentar zum Hochfest der Heiligen Familie (Lesejahr A)

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ROM, 29. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Die Familie ist Spiegel der Göttlichen Dreifaltigkeit. Das betont der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., zum Hochfest der Heiligen Familie (Sir 3,3-7.14-17a; Kol 3,12.21; Mt 2,13-15.19-23). Die Lesungen des ersten Sonntags nach Weihnachten veranlassen den Kapuzinerpater, auf die vorrangige Bedeutung hinzuweisen, die der Beziehung zwischen den Eheleuten im Familienleben zukommen sollte. Außerdem ruft er angesichts vieler zerbrochener Beziehungen dazu auf, sich nicht im Namen eines falsch verstandenen Realismus der eigenen Ideale zu schämen.



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„Als Mann und Frau schuf er sie“

Am Sonntag nach Weihnachten feiern wir das Fest der Heiligen Familie Jesu, Mariens und Josephs. In der zweiten Lesung erklärt der heilige Paulus: „Ihr Frauen, ordnet euch euren Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt. Ihr Männer, liebt eure Frauen und seid nicht aufgebracht gegen sie! Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem; denn so ist es gut und recht im Herrn. Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden“ (Kol 3,18-21). In diesem Text werden die beiden grundlegenden Beziehungen vorgestellt, die die Familie ausmachen: die Beziehung zwischen Ehemann und Ehefrau, und die Beziehung zwischen Eltern und Kindern.

Von diesen beiden Beziehungen ist die erste, die Paarbeziehung, die bedeutendere, weil ein Großteil der zweiten, jener zu den Kindern, von ihr abhängt. Wenn wir die Worte des Paulus mit modernen Augen lesen, fällt eine Schwierigkeit sofort ins Auge: Paulus empfiehlt dem Ehemann, seine Frau zu „lieben“ – und das ist auch gut so –, doch dann gibt er der Ehefrau den Rat, sich dem Ehemann unterzuordnen, was in der heutigen Gesellschaft, die sich durchaus zu Recht über die Gleichheit der Geschlechter im Klaren ist, unannehmbar scheint.

In diesem Punkt wird der heilige Paulus zumindest teilweise von der Mentalität seiner Zeit beeinflusst gewesen sein. Dennoch besteht die Lösung nicht darin, das Wort „Unterordnung“ einfach aus dem Verhältnis von Mann und Frau zu streichen; sie sollte vielmehr auf Gegenseitigkeit beruhen, wie ja auch die Liebe auf Gegenseitigkeit beruht. Mit anderen Worten: Nicht nur der Mann muss die Frau lieben, sondern auch die Frau ihren Mann. Und nicht nur die Frau muss sich dem Mann unterordnen, sondern auch der Mann seiner Frau.

Die Unterordnung ist somit lediglich ein Aspekt und ein Erfordernis der Liebe. Für den Liebenden ist es keine Demütigung, sich dem Gegenstand seiner Liebe unterzuordnen; gerade das macht ihn glücklich. Sich unterzuordnen bedeutet in diesem Fall, den Willen des Ehegatten - seine Meinung und sein Empfinden - zu berücksichtigen; die Dinge zu besprechen und nicht völlig allein zu entscheiden; manchmal die eigene Sicht bewusst hintanzustellen. Also sich daran zu erinnern, im wortwörtlichen Sinn Gemahlen [„coniugi“] zu werden, das heißt Personen, die sich unter „dem selben Joch“ [„lo stesso giogo“] befinden, das sie aus freien Stücken und bewusst auf sich genommen haben.

In der Bibel wird die Tatsache, dass wir als „Abbild Gottes“ geschaffen sind, und jene, dass wir „Mann und Frau“ sind, eng miteinander in Verbindung gebracht (vgl. Gen 1,27). Die Ähnlichkeit als Abbild Gottes besteht im Folgenden: Gott ist der Eine, aber er ist nicht der Einsame. Die Liebe verlangt Gemeinschaft, einen interpersonalen Austausch. Sie erfordert, dass es ein Ich und ein Du gibt. Deshalb ist der christliche Gott der dreieinige. In ihm bestehen Einheit und Verschiedenheit nebeneinander: Einheit von Natur, Willen, Absicht, und Verschiedenheit von Eigenschaften und Personen. Genau darin ist das menschliche Paar Abbild Gottes. Die menschliche Familie spiegelt die Dreifaltigkeit wider. Mann und Frau sind nämlich ein Fleisch, ein Herz und eine Seele, wenn auch in der Verschiedenheit der Geschlechter und der Personen. Die Eheleute sind voreinander wie ein Ich und ein Du, und vor dem Rest der Welt – angefangen bei den eigenen Kindern – wie ein Wir, fast als ob es sich um eine einzige Person handelte – jedoch nicht mehr im Singular, sondern im Plural. Wir heißt „deine Mutter und ich“, „dein Vater und ich“. So sprach Maria zu Jesus, als sie ihn im Tempel wiederfand.

Wir wissen gut, dass es hier um ein Ideal geht und dass die Wirklichkeit ganz anders, bescheidener und komplexer aussehen kann, ja dass sie mitunter sogar tragisch sein kann. Aber wir werden von diesen negativen Fällen des Scheiterns geradezu bombardiert, so dass es vielleicht einmal recht gut tut, das Ideal des Ehelebens wieder neu zur Sprache zu bringen – zunächst auf einer rein natürlichen und menschlichen Ebene, und dann natürlich auch auf der christlichen. Wehe uns, sollten wir uns im Namen eines falsch verstandenen Realismus unserer Ideale schämen! Dann wäre das Ende der Gesellschaft besiegelt. Die Jugendlichen haben das Recht, von den Erwachsenen Ideale vermittelt zu bekommen, und nicht nur Skeptizismus und Zynismus! Nichts besitzt eine so große Anziehungskraft wie ein Ideal.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]