P. Raniero Cantalamessa: Was uns Johannes der Täufer heute sagt

Kommentar zum zweiten Adventssonntag (Lesejahr A)

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ROM, 7. Dezember 2007 (ZENIT.org).- Zur persönlichen Umkehr ruft der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., in seinem Kommentar zum bevorstehenden zweiten Adventsonntag (Jes 11,1-10, Röm 15,4-9, Mt 3,1-12) auf.



Das, was Gott von uns erwartet, übersteigt niemals unsere Kräfte. Vielmehr ist es der Herr, der wirkt, und wir sind aufgerufen, mit ihm zusammenzuarbeiten und die Hindernisse, die uns von ihm trennen, aus dem Weg zu räumen.

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Eine Stimme in der Wüste

Im Evangelium des zweiten Adventsonntags ist es nicht Jesus, der zu uns spricht, sondern der, der vor ihm kam: Johannes der Täufer. Der Kern der Verkündigung des Täufers ist in jenem Satz des Jesajas zusammengefasst, den er kraftvoll seinen Zeitgenossen immer wieder verkündet: „Eine Stimme ruft in der Wüste: Bereitet dem Herrn den Weg! Ebnet ihm die Straßen!“

Genau sagte Jesajas aber: „Eine Stimme ruft: Bahnt für den Herrn einen Weg durch die Wüste!“ (Jes 40,3) – also nicht eine Stimme in der Wüste, sondern ein Weg in der Wüste. Indem die Evangelisten diesen Text auf den Täufer bezogen, änderten sie die Interpunktion, ohne jedoch den Sinn der Botschaft zu verändern.

Jerusalem war eine von der Wüste umgebene Stadt: Im Osten konnten die gerade eben gezogenen Zugangsstraßen bei Wind leicht vom Sand zerstört werden, während sie sich im Westen in der Rauheit des zum Meer hinab gehenden Gebiets verloren. Wenn ein Festzug oder eine bedeutende Persönlichkeit in die Stadt kommen wollte, musste man hinausgehen, um eine weniger provisorische Straße abzustecken; Gestrüpp wurde gerodet, Senkungen wurden angefüllt, Hürden eingeebnet und eine Brücke oder eine Furt neu in Betrieb genommen. So geschah es zum Beispiel anlässlich des Paschafestes, damit die Pilger, die aus der Diaspora kamen, aufgenommen werden konnten. Daran inspiriert sich der Täufer. Es kommt einer, so ruft er, der über allen anderen steht – „der, der kommen muss“; der, den die Völker erwarten: Es muss ein Weg in der Wüste abgesteckt werden, damit er kommen kann.

Und genau an dieser Stelle wird die Metapher zur Realität: Dieser Weg wird nicht auf dem Boden abgesteckt, sondern im Herzen der Menschen; er wird nicht in der Wüste gezogen, sondern im eigenen Leben.

Um das zu tun, ist es nicht notwendig, sich im materiellen Sinn an die Arbeit zu machen; worum es geht, ist umzukehren: „Ebnet dem Herrn die Straßen!“

Dieses Gebot setzt eine bittere Wirklichkeit voraus: Der Mensch ist wie eine Stadt, die von der Wüste eingeschlossen ist. Er hat sich in sich selbst verschlossen; er ist gefangen in seinem Egoismus. Er ist wie ein Schloss mit einem Wassergraben und einem hochgezogenen Tor. Ja, noch schlimmer: Der Mensch hat seine Wege durch die Sünde schwer begehbar gemacht und sich dabei wie in einem Labyrinth verlaufen. Jesajas und Johannes der Täufer sprechen metaphorisch von Schluchten, schwierigen Wegen, unbegehbaren Orten. Es genügt, diese Dinge bei ihrem wahren Namen zu nennen: Stolz, Trägheit, Gewalttätigkeit, Begierde, Lüge, Heuchelei, Schamlosigkeit, Oberflächlichkeit, Trunkenheit jeglicher Art (Man kann nicht nur von Wein oder Drogen trunken sein, sondern auch von der eigenen Schönheit oder Intelligenz; ja sogar von sich selbst, was die schlimmste Trunkenheit ist). So lässt sich sofort erkennen, dass diese Rede auch an uns gerichtet ist. Sie ergeht an jeden Menschen, der in dieser Situation das Heil Gottes wünscht und es erwartet.

Den Weg für den Herrn zu ebnen hat also eine sehr konkrete Bedeutung: Hand anzulegen und mit der Reform des eigenen Lebens beginnen – umzukehren. Die Hügel, die es abzutragen, und die Hindernisse, die es beiseite zu räumen gilt, sind der Stolz, der und dazu veranlasst, dem Nächsten unbarmherzig und lieblos zu begegnen; die Ungerechtigkeit, durch die der andere getäuscht wird, indem man zum Beispiel angebliche Vorwände für eine Entschädigung und Wiedergutmachung vorgibt, um das Gewissen zum Schweigen zu bringen, um dann nicht von Groll, von den Rachegelüsten, dem Betrug in der Liebe zu sprechen. Und die Gruben, die angefüllt werden müssen, sind die Faulheit und die Trägheit; die Unfähigkeit, sich die geringste Anstrengung aufzuerlegen, und jede Unterlassungssünde.

Das Wort Gottes lässt uns nie unter einer Last von Pflichten zusammenbrechen. Immer versichert es uns auch, dass Gott an uns genau das tut, was er uns aufträgt. Gott legt den Weg an, und unsere Aufgabe ist es, mit ihm mitzuarbeiten und uns immer wieder neu daran zu erinnern, dass der, „der uns ohne uns geschaffen hat, uns nicht ohne uns rettet“.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]