P. Raniero Cantalamessa: Wer ist Jesus Christus für mich?

Kommentar zum Evangelium des 21. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A)

| 1729 klicks

ROM, 22. August 2008 (ZENIT.org).- Die Gottheit Jesu Christi ist der neuralgische Punkt des Gebäudes des christlichen Glaubens, betont der Prediger des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., in seinem Kommentar zum Evangelium des kommenden Sonntags (Jes 22,19-23; Röm 11,33-36; Mt 16,13-20). Rüttelt man an diesem Punkt, stürzt das ganze Gebäude zusammen, so der Kapuzinerpater. An die Gottheit Jesu Christi glauben genüge aber noch nicht. Der Gläubige sollte davon im täglichen Leben Zeugnis ablegen.

***


„Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“


In der heutigen Kultur und Gesellschaft gibt es etwas, was uns in das Verständnis des Evangeliums dieses Sonntags einführen kann. Es handelt sich um die Meinungsumfrage. Man wendet sie praktisch überall an, vor allem aber im Bereich der Politik und der Wirtschaft. Auch Jesus wollte eines Tages die Meinungen sondieren, allerdings – das werden wir noch sehen – aus anderen Gründen: nicht zu politischen, sondern zu erzieherischen Zwecken. Nach seiner Ankunft im Gebiet von Cäsarea Philippi, das heißt der nördlichsten Region Israels, wendet sich Jesus in einer Verschnaufpause, in der er mit den Jüngern allein ist, unvermittelt mit der Frage an sie: „Für wen halten die Leute den Menschensohn?“

Es hat den Anschein, dass die Apostel auf nichts anderes gewartet hätten, als endlich alle Stimmen zu Wort kommen zu lassen, die von Jesus gesprochen haben. Sie antworten: „Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten.“ Jesus aber ist nicht daran interessiert, den Grad seiner allgemeinen Popularität, seiner Beliebtheit zu messen. Sein Ziel ist ein ganz anderes. Deshalb drängt er sie: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“

Diese zweite und unerwartete Frage bringt die Apostel völlig durcheinander. Schweigen und Blicke kreuzen einander. Während zu lesen ist, dass die Apostel auf die erste Frage gemeinsam, gleichsam im Chor antworteten, steht das Verb nun in der Einzahl. Nur einer antwortete – Simon Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“

Zwischen den beiden Antworten steht ein abgrundtiefer Graben, eine „Bekehrung“. Um zu antworten, genügte es vorher, sich umzuschauen und die Meinungen der Leute gehört zu haben. Nun aber müssen sie in sich hören und eine ganz andere Stimme vernehmen, eine Stimme, die nicht vom Fleisch und vom Blut kommt, sondern vom Vater, der im Himmel ist. Petrus ist Gegenstand einer Erleuchtung „von oben“ gewesen.

Es handelt sich nach dem Evangelien um die erste klare Anerkennung der wahren Identität Jesu von Nazareth, den ersten öffentlichen Akt des Glaubens an Christus in der Geschichte! Denken wir an das Kielwasser, das ein schönes Schiff im Meer hinter sich lässt. Es breitet sich in dem Maß aus, in dem das Schiff weiterfährt, bis es sich am Horizont verliert. So ist es mit dem Glauben an Jesus Christus. Er ist wie das Kielwasser, das sich in der Geschichte ausgebreitet hat, bis es die „äußersten Grenzen der Welt“ erreicht hat. Aber er beginnt bei einer Spitze, und diese Spitze ist der Glaubensakt des Petrus: „Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!“ Jesus benutzt ein anderes Bild, das die Stabilität stärker hervorhebt als die Bewegung, ein nach oben statt in die Horizontale ausgerichtetes Bild: Fels, Gestein: „Du bist Petrus – der Fels –, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“

Jesus ändert den Namen Simons, wie es in der Bibel immer dann getan wird, wenn einem eine neue wichtige Mission übertragen wird: Er nennt ihn Kephas, Felsen. Der wahre Fels, der „Eckstein“, ist und bleibt er selbst, Jesus. Einmal auferstanden und in den Himmel aufgefahren, ist dieser „Eckstein“ zwar gegenwärtig und wirksam, aber unsichtbar. Es bedarf eines Zeichens, das ihn repräsentiert, das in der Geschichte diesen „unerschütterlichen Grund“, der Christus ist, sichtbar und wirksam macht. Und dies wird Petrus sein, und nach ihm derjenige, der ihn vertritt, der Papst, der Nachfolger des Petrus, als Oberhaupt des Apostelkollegiums.

Kehren wir nun aber zur Meinungsumfrage zurück. Die Umfrage Jesu vollzieht sich, wir haben es gesehen, in zwei Momenten, und sie enthält zwei Grundfragen. Erstens: „Für wen halten die Leute mich?“, und zweitens: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Jesus scheint dem, was die Leute über ihn denken, nicht viel Bedeutung beizumessen; ihn interessiert, was seine Jünger denken. Er spornt sie an mit seiner Frage: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Er gestattet es nicht, dass sie sich hinter den Meinungen anderer verstecken; er will, dass sie ihre eigene Meinung zum Ausdruck bringen.

Die Situation wiederholt sich fast auf genau gleiche Weise heute. Auch heute haben „die Leute“, die öffentliche Meinung, ihre Vorstellung von Jesus. Jesus ist Mode. Schauen wir auf das, was in der Welt der Literatur und des Schauspiels passiert. Es vergeht kein Jahr, in dem nicht ein Roman oder ein Film mit einer eigenen deformierten und entsakralisierenden Meinung über Christus herauskommt. Der Fall „Sakrileg“ von Dan Brown war der aufsehenerregendste und findet viele Nachahmer.

Heute gibt es auch jene Menschen, die den halben Weg zurückgelegt haben: diejenigen, die – wie die Menschen der damaligen Zeit – Jesus für „einen der Propheten“ halten. Als faszinierenden Menschen stellt man ihn neben Sokrates, Gandhi, Tolstoj. Ich bin sicher, dass Jesus diese Antworten nicht verachtet, da von ihm gesagt wird, dass er „das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen wird“. Er versteht es also, jede ehrliche Anstrengung des Menschen wertzuschätzen. Es ist dies aber eine Antwort, die nicht einmal der menschlichen Logik standhält. Gandhi oder Tolstoj haben nie gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, oder: „Wer den Vater und die Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig.“

Bei Jesus kann man nicht auf halbem Wege stehen bleiben: Entweder ist er derjenige, der zu sein er behauptet, oder er ist kein großer Mensch, sondern der verrückteste Spinner der Geschichte. Es gibt keine Mittelwege. Es gibt Gebäude und Strukturen aus Metall (eine davon ist, glaube ich, der Eiffelturm in Paris), die so gebaut sind, dass alles zusammenbricht, wenn man sie an einem gewissen Punkt berührt oder ein gewisses Element entfernt. Ein solches Gebäude ist der christliche Glaube, und der neuralgische Punkt, von dem ich spreche, ist die Gottheit Jesu Christi.

Lassen wir aber nun die Meinungen der Leute beiseite und kommen wir zu uns Gläubigen. Es reicht nicht, an die Gottheit Christi zu glauben. Sie muss auch bezeugt werden! Wer den Glauben kennt und nicht Zeugnis für ihn Glauben ablegt, ja ihn gar verbirgt, der trägt vor Gott eine größere Verantwortung als jener, der diesen Glauben nicht besitzt.

In einer Szene von Claudels Drama „Der gedemütigte Vater“ fragt ein wunderschönes, aber blindes jüdisches Mädchen in Anspielung auf die doppelte Bedeutung von Licht ihren christlichen Freund: „Ihr, die ihr seht, was habt ihr mit dem Licht gemacht?“ Das ist eine Frage, die sich an uns alle richtet, die wir uns als Gläubige bekennen.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]