P. Raniero Cantalamessa: „Wessen Nächster kann ich hier und jetzt werden?“

Kommentar zu den Lesungen des 15. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C)

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ROM, 13. Juli 2007 (ZENIT.org).- In seinem Kommentar zu den Lesungen des kommenden Sonntags (Dt 30,10-14; Kol 1,15-20; Lk 10,25-37), der auf die Jesus-Biographie Benedikts XVI. Bezug nimmt, stellt sich der Prediger des päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., der Frage: Wer ist dein Nächster?


Jesus kehrt nach Worten des Kapuzinerpaters diese Frage um: Aufgabe des Christen sei es deshalb, aufmerksam darauf zu achten, wessen Nächster er werden kann.

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Der barmherzige Samariter

Wir haben uns, wie gesagt, vorgenommen, uns bei den Kommentaren zu einigen Sonntagsevangelien vom Buch Papst Benedikts XVI. über Jesus von Nazareth inspirieren zu lassen. Dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter sind diverse Seiten des Buches gewidmet. Das Gleichnis versteht man nicht, wenn man nicht der Frage Rechung trägt, die Jesus damit beantworten wollte: „Wer ist mein Nächster?“

Auf diese Frage eines Gesetzeslehrers antwortet Jesus mit der Erzählung eines Gleichnisses. In der Musik und Weltliteratur gibt es einleitende Sequenzen, die berühmt geworden sind. Vier Noten in einer bestimmten Sequenz, und jeder Kenner ruft zum Beispiel sofort aus: „Beethovens fünfte Symphonie: das Schicksal, das an die Tür klopft!“ Viele Gleichnisse Jesu haben diese Charakteristik: „Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab…“ – und alle verstehen sofort: das Gleichnis vom barmherzigen Samariter!

Unter den Juden jener Zeit wurde diskutiert, wer als „Nächster“ eines Israeliten angesehen werden sollte. Im Allgemeinen wurden unter die Kategorie des „Nächsten“ alle anderen Israeliten sowie die Proselyten zusammengefasst, das heißt die Heiden, die zum Judentum übergetreten waren. Mit der Wahl der Personen (ein Samariter, der einem Juden hilft!) sagt Jesus, dass die Kategorie des „Nächsten“ universal und nicht einzuschränken ist. Sie hat als ihren Horizont den Menschen, nicht den Kreis der Familie, des Volkes oder der Religion. Der Nächste ist sogar der Feind! Wir wissen nämlich, dass die Juden „mit den Samaritern nicht verkehrten“ (vgl. Joh 4,9).

Das Gleichnis lehrt, dass die Nächstenliebe nicht nur universal sein muss, sondern auch konkret und wirksam. Wie verhält sich der Samariter des Gleichnisses? Hätte sich der Samariter damit begnügt, sich diesem armen Menschen zu nähern, der in seinem eigenen Blut dalag, und ihm zu sagen: „Du Ärmster, was tut mir das doch leid! Wie ist das denn passiert? Habe Mut!“, oder etwas Ähnliches, und wäre er dann fort gegangen – wäre all das nicht ein Hohn und eine Beleidigung gewesen? Er machte etwas anderes: „Er ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn. Am andern Morgen holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.“

Das wirklich Neue im Gleichnis vom barmherzigen Samariter besteht aber nicht darin, dass Jesus eine universale und konkrete Liebe fordert. Die wahre Neuheit, wie der Papst in seinem Buch merken lässt, liegt anderswo. Nach der Erzählung des Gleichnisses fragt Jesus den Gesetzeslehrer, der ihm seine Frage gestellt hatte: „Wer von diesen dreien (der Levit, der Priester, der Samariter) hat sich als der Nächste dessen erwiesen, der von den Räubern überfallen wurde?“

Jesus kehrt den traditionellen Begriff vom Nächsten vollkommen unerwartet um. Der Nächste ist der Samariter, nicht der Verwundete, wie wir es uns erwartet hätten. Das heißt: Man darf nicht passiv darauf warten, dass uns der Nächste auf unseren Wegen entgegenkommt, vielleicht sogar mit Warnlichtern und Alarmsirenen. Wir müssen bereit sein zu merken, dass er da ist; bereit, ihn zu entdecken. Der Nächste ist derjenige, der zu werden ein jeder von uns berufen ist! Das Problem des Gesetzeslehrers erscheint umgekehrt: Aus einem abstrakten und akademischen Problem wird ein konkretes und praktisches Problem. Die Frage, die gestellt werden muss, ist nicht: „Wer ist mein Nächster?“, sondern: „Wessen Nächster kann ich hier und jetzt werden?“

In seinem Buch vollzieht der Papst eine aktuelle Anwendung des Gleichnisses vom barmherzigen Samariter. Er betrachtet den Unglücklichen, der entkleidet, verletzt und halb tot am Straßenrand liegen gelassen wurde, als Symbol für den gesamten afrikanischen Kontinent, und er sieht in uns, die wir aus dem reichen Norden stammen, die beiden Menschen, die vorbeikommen und weitergehen, wenn nicht gar die Räuber, die ihn so zugerichtet haben.

Ich möchte eine weitere mögliche Aktualisierung des Gleichnisses andeuten. Ich bin überzeugt: Lebte Jesus heute in Israel und fragte ihn ein Gesetzeslehrer erneut: „Wer ist mein Nächster?“, so würde er das Gleichnis geringfügig verändern und an die Stelle des Samariters einen Palästinenser setzen! Und wäre es ein Palästinenser, der ihn fragen würde, so würden wir anstelle des Samariters einen Juden vorfinden!

Es ist aber zu einfach, das Problem auf Afrika oder den Nahen Osten zu begrenzen. Stellte einer von uns Jesus die Frage: „Wer ist mein Nächster?“, was würde er antworten? Er würde uns gewiss daran erinnern, dass unser Nächster nicht nur unser Landsmann ist, sondern auch der Ausländer; nicht nur der Christ, sondern auch der Moslem; nicht nur der Katholik, sondern auch der Protestant. Aber er würde sofort hinzufügen, dass das nicht das Wichtigste ist. Das Wichtigste ist nicht zu wissen, wer mein Nächster ist, sondern zu sehen, wessen Nächster ich werden kann – hier und jetzt; für wen ich der barmherzige Samariter sein kann.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]