P. Raniero Cantalamessa: Wie Jesus den Sündern begegnet

Kommentar zum Evangelium des vierten Fastensonntags (Lesejahr C)

| 530 klicks

ROM, 15. März 2007 (ZENIT.org).- Der Umgang Jesu mit den Sündern steht im Mittelpunkt des Kommentars von P. Raniero Cantalamessa OFM Cap. zum kommenden Sonntag (Jos 5,9a.10-12; 2 Kor 5,17-21; Lk 15,1-3.11-32). Der Prediger des Päpstlichen Hauses hebt hervor, dass das Neue an der Haltung Jesu nicht nur Güte und Barmherzigkeit seien, sondern die Tatsache, dass er die Sünden vergibt.



* * *



Jesus und die Sünder

Das Evangelium des vierten Fastensonntags ist einer der berühmtesten Abschnitte des Lukasevangeliums und aller vier Evangelien: das Gleichnis vom verlorenen Sohn. In diesem Gleichnis ist alles überraschend! Nie zuvor ist Gott vor den Menschen mit solchen Zügen gezeichnet worden. Dieses Gleichnis allein hat mehr Herzen berührt als alle Reden der Prediger zusammen. Es besitzt eine unglaubliche Macht, auf den Geist, das Herz, die Phantasie und das Gedächtnis zu wirken; es vermag, die verschiedensten Saiten zum Schwingen zu bringen: das Bedauern, die Scham, das Heimweh.

Das Gleichnis wird mit diesen Worten eingeführt: „Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören. Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Er gibt sich mit Sündern ab und isst sogar mit ihnen. Da erzählte er ihnen ein Gleichnis“ (Lk 15,1-3). Wir wollen diesem Hinweis folgen und über die Haltung Jesu gegenüber den Sündern nachdenken. Dabei werden wir das ganze Evangelium durchschreiten – mit dem Ziel, das wir uns für diese Kommentare zu den Evangelien der Fastenzeit vorgenommen haben: besser zu erkennen, wer Jesus war und was wir geschichtlich von ihm wissen.

Die Aufnahme, die Jesus im Evangelium den Sündern vorbehält, ist bekannt, genauso wie der Widerstand, den ihm diese Haltung auf Seiten der Verteidiger des Gesetzes einbrachte, die ihn anklagten, ein „Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder“ zu sein (Lk 7,34). Einer der geschichtlich am besten bezeugten Aussprüche Jesu lautet: „Ich bin gekommen, um die Sünder zu rufen, nicht die Gerechten“ (Mk 2,17). Die Sünder fühlten sich von ihm angenommen und nicht verurteilt, und so hörten sie ihm gerne zu.

Wer aber waren die Sünder, welche Gruppe von Personen wurde mit diesem Begriff umschrieben? Um die Gegner Jesu vollends zu rechtfertigen, hat einmal jemand behauptet, dass mit diesem Begriff „die bewussten und reulosen Gesetzesbrecher“ gemeint seien, mit anderen Worten die Kriminellen, die Gesetzlosen. Träfe dies zu, so hätten die Gegner Jesu allen Grund gehabt, sich zu entrüsten und ihn für eine verantwortungslose und für die Gesellschaft gefährliche Person zu halten. Das wäre so, als würde heute ein Priester einen völlig normalen Umgang mit Mafiosi und Kriminellen pflegen und ihre Einladungen zum Essen annehmen – unter dem Vorwand, zu ihnen von Gott zu sprechen.

In Wirklichkeit stehen die Dinge nicht so. Die Pharisäer hatten ihre Sicht des Gesetzes und von dem, was ihm konform oder entgegengesetzt war, und sie betrachteten alle als schlechte Menschen, die sich nicht ihrer starren Interpretation des Gesetzes anpassten. Kurz: Sünder waren für sie all jene, die ihre Traditionen und Vorschriften nicht befolgten. Derselben Logik folgend, betrachteten die Essener von Qumran die Pharisäer als Ungerechte und Gesetzesbrecher! Dasselbe passiert auch heute. Gewisse ultraorthodoxe Gruppen sehen automatisch all jene als Häretiker an, die nicht genauso denken wie sie.

Ein herausragender Gelehrter schreibt dazu: „Es ist nicht wahr, dass Jesus den verstockten und reulosen Kriminellen die Tore des Reiches öffnete oder die Existenz von ‚Sündern‘ leugnete. Jesus widersetzte sich den im Leib Israels errichtete Barrieren, aufgrund derer einige Israeliten so behandelt wurden, als befänden sie sich außerhalb des Bundes und als wären sie von der Gnade Gottes ausgeschlossen“ (James Dunn).

Jesus leugnet nicht, dass es die Sünde und die Sünder gibt. Bewiesen wird das durch die Tatsache, dass er sie „Kranke“ nennt. Diesbezüglich ist er strenger als seine Gegner. Während diese den begangenen Ehebruch verurteilen, so verurteilt er auch den ersehnten Ehebruch; während das Gesetz sagt: Du sollst nicht töten!, sagt Jesus, dass man den Bruder nicht einmal hassen oder beschimpfen darf. Zu den Sündern, die sich ihm nähern, sagt er: „Geh, und sündige nicht mehr“; er sagt nicht: „Geh, und mach weiter wie vorher.“

Das, was Jesus verurteilt, ist, es selbst festzulegen, was wahre Gerechtigkeit ist, die anderen zu verachten und dabei sogar die Möglichkeit zu leugnen, dass sich ändern können. Die Art und Weise, mit der Lukas das Gleichnis vom Pharisäer und vom Zöllner einleitet, ist bezeichnend: „Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Beispiel“ (Lk 18,9). Jesus war gegenüber denen, die die Sünder voller Verachtung verurteilten, strenger als gegenüber den Sündern selbst.

Die größte Neuheit und das Unerhörteste in der Beziehung zwischen Jesus und den Sündern ist aber nicht seine Güte und Barmherzigkeit ihnen gegenüber. Das könnte man auch rein menschlich erklären. Es gibt in seiner Haltung vielmehr etwas, was sich nicht menschlich erklären lässt, also nicht dadurch, dass man glaubt, Jesus sei ein Mensch wie jeder andere auch. Und zwar liegt es daran, dass er Sünden vergibt.

Jesus sagt zum Gelähmten: „Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben.“ Daraufhin schreien seine Gegner entrüstet: „Wer kann die Sünden vergeben, wenn nicht Gott allein?“ Jesus erwiderte, damit sie wüssten, dass der Menschensohn die Macht hat, die Sünden zu vergeben: „Steh auf, nimm dein Bett und geh nach Hause.“ Keiner konnte kontrollieren, ob die Sünden jenes Mannes vergeben waren oder nicht, alle aber konnten feststellen, dass er aufstand und wegging. Das sichtbare Wunder war Zeugnis für das unsichtbare.

Somit trägt auch die Untersuchung der Beziehungen zwischen Jesu und den Sündern zur Antwort auf die Frage: „Wer war Jesus?“ bei. War er ein Mensch wie jeder andere, ein Prophet, oder war er mehr, ein anderer? Während seines irdischen Lebens behauptete Jesus nie ausdrücklich, Gott zu sein (und wir haben das Warum schon früher erklärt), sondern in seinem Handeln sprach er sich Befugnisse zu, die allein Gott zukommen.

Kehren wir jetzt aber zum Sonntagsevangelium und zum Gleichnis vom verlorenen Sohn zurück: Es gibt ein gemeinsames Element, das die drei Gleichnisse vom verlorenen Schaf, der verlorenen Drachme und des verlorenen Sohnes, die nacheinander im 15. Kapitel des Lukasevangeliums erzählt werden, miteinander verbindet. Was sagen der Hirt, der das verlorene Schaf wieder gefunden hat, und was die Frau, die die Drachme wieder gefunden hat? „Freut euch mit mir!“ Und was sagt Jesus am Ende eines jeden dieser drei Gleichnisse? „Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren.“

Das Leitmotiv der drei Gleichnisse ist also die Freude Gottes (Bei dem Spruch: „Es herrscht bei den Engeln Gottes Freude“, handelt es sich um eine jüdische Weise, um zu sagen: Es herrscht „Freude in Gott“). In unserem Gleichnis ist Freude im Überschwang vorhanden, und sie wird zum Fest. Der Vater weiß nicht mehr, was er noch tun und erfinden soll: Er befiehlt, das schönste Gewand hervorzuholen und den Ring mit dem Siegel der Familie; er lässt das fetteste Kalb schlachten, und zu allen sagt er: „Wir wollen essen und fröhlich sein. Denn mein Sohn war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wieder gefunden worden.“

In einem seiner Romane beschreibt Dostojewskij ein Bild, das ganz so aussieht, als hätte er es tatsächlich beobachtet. Eine Frau des Volkes hält in ihren Armen ein wenige Wochen altes Kind, als dieses, wie sie sagt, zum ersten Mal lächelt. Ganz ehrfürchtig schlägt sie das Kreuzzeichen, und wer sie fragt, warum sie das tue, dem sagt sie: „Auf dieselbe Weise, wie eine Mutter glücklich ist, wenn sie das erste Lächeln ihres Kindes sieht, freut sich Gott ein jedes Mal, wenn ein Sünder auf die Knie fällt und zu ihm aus ganzem Herzen betet“ („L'Idiota – Der Idiot“, Mailand 1983, 272).

Wer weiß, ob nicht irgendjemand, wenn er das hört, Gott endlich ein wenig von dieser Freude schenken will, von dieser Freude, ihn vor seinem Sterben anzulächeln.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals]