P. Raniero Cantalamessa: Wozu sind Wunder gut?

Kommentar zum Evangelium des 28. Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr C)

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ROM, 12. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Der Prediger des Päpstlichen Hauses, P. Raniero Cantalamessa OFM Cap., erklärt in seinem Kommentar zu den Lesungen des kommenden Sonntags (2 Kön 5,14-17; 2 Tim 2,8-13; Lk 17,11-19) nicht nur, was unter einem Wunder tatsächlich zu verstehen ist, sondern er geht auch auf die Bedeutung dieses „Zeichens“ ein, das immer auf etwas Höheres verweist.



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Wozu sind Wunder gut?

Jesus war gerade auf dem Weg nach Jerusalem, als ihm am Eingang zu einem Dorf zehn Aussätzige entgegenkamen. Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: „Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!“ Jesus hatte Mitleid mit ihnen und sagte: „Geht, zeigt euch den Priestern!“ Und während die zehn Aussätzigen zu den Priestern gingen, wurden sie auf wunderbare Weise geheilt. Auch die erste Lesung berichtet von einer wunderbaren Heilung vom Aussatz: der von Naaman, dem Syrer, durch den Propheten Elischa. Die Absicht der Liturgie ist also eindeutig: Sie will uns zum Nachdenken über den Sinn des Wunders anregen, insbesondere des Wunders der Heilung von Krankheiten.

Zunächst stellen wir fest, dass das Vorecht, Wunder zu wirken, zu den am besten bezeugten des Lebens Jesu gehört. Vielleicht bestand die vorherrschende Meinung der Menschen der damaligen Zeit von Jesus, noch ehe sie an einen Propheten dachten, gerade darin: Er ist der Wundertäter. Jesus selbst stellt diese Tatsache als Beweis für die messianische Echtheit seiner Sendung hin: „Blinde sehen wieder, und Lahme gehen; Aussätzige werden rein, und Taube hören; Tote stehen auf, und den Armen wird das Evangelium verkündet“ (Mt 11,5). Das Wunder lässt sich aus dem Leben Jesu nicht entfernen, ohne die Maschen des gesamten Gewebes des Evangeliums aufzulösen.

Zusammen mit den Wundererzählungen bietet uns die Schrift auch die Kriterien, um deren Echtheit und Ziele erkennen zu können. Das Wunder ist in der Bibel nie Selbstzweck, und noch weniger soll es dazu dienen, den zu erhöhen, der es vollbringt, und seine außerordentlichen Kräfte ins Rampenlicht zu stellen, wie das bei den Wunderheilern, die für sich selbst Werbung machen, ja fast immer der Fall ist. Das Wunder ist Ansporn zu glauben und Lohn des Glaubens zugleich; es ist ein Zeichen und will auf etwas Größeres verweisen. Deshalb ist Jesus so traurig, als er nach der Brotvermehrung bemerkt, dass die Menschen nicht verstanden haben, wofür dieses „Zeichen“ war (vgl. Mk 6,51).

Das Wunder tritt im Evangelium auf zwei verschiedene Weisen auf: Einmal wird es positiv gesehen, ein anderes Mal negativ. Positiv dann, wenn es mit Dankbarkeit und Freude angenommen und aufgenommen wird, den Glauben an Christus vertieft und die Hoffung auf eine zukünftige Welt ohne Krankheit und Tod nährt; negativ, wenn darum gebeten wird oder es gar gefordert wird, um zu glauben. „Welches Zeichen tust du, damit wir es sehen und dir glauben? Was tust du?“ (Joh 6,30). Jesus erwiderte traurig: „Wenn ihr nicht Zeichen und Wunder seht, glaubt ihr nicht“ (Joh 4,48). Diese Ambivalenz setzt sich in einer anderen Form in der heutigen Welt fort. Einerseits ist da der, der das Wunder sucht, koste es, was es wolle; er ist immer auf der Jagd nach außerordentlichen Ereignissen und bleibt bei ihnen und ihrer unmittelbaren Nützlichkeit stehen. Auf der anderen Seite gibt es jenen, der dem Wunder nicht den geringsten Raum lässt; er betrachtet es im Gegenteil mit einem gewissen Ungemach, als handle es sich um eine mindere Manifestation von Religiosität, und er merkt nicht, dass er auf diese Weise den Anspruch erhebt, Gott selbst darüber zu belehren, was wahre Religiosität ist und was nicht.

Debatten aus der jüngeren Vergangenheit, die vom „Phänomen Pater Pio“ angefacht wurden, haben sichtbar werden lassen, wie groß die Konfusion hinsichtlich des Wunders ist. Es ist zum Beispiel nicht wahr, dass die Kirche jedes unerklärliche Vorkommnis als ein Wunder ansieht (Von ihnen ist die Welt und auch die Medizin voll!). Als Wunder betrachtet sie nur das unerklärliche Vorkommnis, das aufgrund der Umstände, unter denen es sich ereignet hat (und die streng geprüft sind), das Merkmal eines göttlichen Zeichens aufweist, das heißt das Merkmal einer Bestätigung, die einem Menschen gegeben wurde, oder einer Antwort auf seine Bitte.

Wenn eine Frau, die von Geburt an keine Pupillen hat, plötzlich sehen kann, obwohl die Pupillen weiterhin fehlen, so kann dies als ein unerklärliches Vorkommnis gewertet werden; wenn sich die Sehkraft aber genau in dem Augenblick einstellt, in dem sie bei Pater Pio beichtet – wie es tatsächlich geschah –, so lässt sich das nicht mehr nur einfach von einem „unerklärlichen Vorkommnis“ sprechen.

Unsere „laikalen“ Freunde mit ihrer kritischen Haltung gegenüber Wundern leisten einen wertvollen Beitrag zum Glauben, denn sie lassen uns auf der Hut sein vor Verfälschungen, die in diesem Bereich leicht vorkommen können. Aber auch sie müssen sich vor einer unkritischen Haltung vorsehen. Es ist nämlich genauso falsch, a priori an alles zu glauben, was als Wunder angepriesen wird, wie a priori alles abzulehnen, ohne sich die Mühe zu machen, die Tatsachen zu untersuchen. Man kann der sein, der „an alles glaubt“, aber auch jener, der „an nichts glaubt“ – was allerdings keinen großen Unterschied macht.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen vom Autor zur Verfügung gestellten Originals]