Pacem in Terris: Friede in der Welt

Botschaft Benedikts XVI. an die Teilnehmer der XVIII. Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften

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VATIKAN, 3. Mai 2012 (ZENIT.org). - Der Heilige Vater Benedikt XVI. übersandte Prof. Mary Ann Glendon, der Präsidentin der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften, und den Teilnehmern an der vom 27. April bis 1. Mai 2012 stattfindenden XVIII. Vollversammlung der Päpstlichen Akademie, folgende Botschaft zum Thema „The Global Quest for ‚Tranquillitatis Ordinis. Pacem in terris‘, Fifty Years Later“ (Das Globale Streben nach „Tranquillitatis ordinis. Pacem in terris“, Fünfzig Jahre danach):

[Wir dokumentieren seine Ansprache in einer eigenen Übersetzung:]

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An Ihre Exzellenz Professor Mary Ann Glendon, Präsidentin der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften

Mit großer Freude begrüße ich Sie und all jene, die sich zur XVIII. Vollversammlung der Päpstlichen Akademie der Sozialwissenschaften in Rom eingefunden haben. Anlässlich des 50. Jahrestages der Veröffentlichung der Enzyklika „Pacem in Terris“ des Seligen Johannes XXIII. unterzogen Sie den Einfluss dieses bedeutenden Dokuments auf die kirchliche Sozialdoktrin einem eingehenden Studium. Am Höhepunkt des Kalten Krieges, als die Welt noch der großen Bedrohungen der Existenz und der Verbreitung von Massenvernichtungswaffen ausgesetzt war, richtete Papst Johannes einen „offenen Brief an die Welt“. Es handelte sich um den innigen Appel eines außergewöhnlichen Priesters am Ende seines Lebens für eine lebendige Verbreitung von Frieden und Gerechtigkeit auf nationaler und internationaler Ebene und in allen Teilen der Gesellschaft. Obwohl die globalpolitische Landschaft im letzten halben Jahrhundert maßgebliche Veränderung erfuhr, beinhaltet die Vision des Johannes XXIII. auch Lehren für das gegenwärtige Zeitalter. Vor dem Hintergrund einer kontinuierlichen Waffenproliferation  stellt die Zeit nach dem Kalten Krieg neue Herausforderungen für Frieden und Gerechtigkeit an uns, mit deren Bewältigung wir kämpfen.

„Die Welt wird kein Ort des Friedens sein, solange der Friede keine Wohnung im Herzen eines jeden von uns und eines jeden Menschen gefunden hat, solange nicht alle die von Gott gesetzte Ordnung in sich wahren“ (vgl. Pacem in Terris, 165). Im Zentrum der kirchlichen Sozialdoktrin steht die Anthropologie, die den Menschen als ein mit Verstand und Vernunft begabtes Wesen erkennt, das zum Erwerb von Wissen und zur Liebe fähig ist, und in dem sich das Bild des Schöpfers spiegelt. Frieden und Gerechtigkeit sind die Früchte des rechten Gesetzes, das in die Schöpfung selbst und in die Herzen der Menschen eingeschrieben ist (vgl. Röm 2,15), und können daher von allen Menschen guten Willens, von allen „Pilgern der Wahrheit und des Friedens“ gelebt werden.  Die Enzyklika von Papst Johannes war und ist eine starke Aufforderung zum Einsatz für jenen kreativen Dialog zwischen der Kirche und der Welt, zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen, dessen Förderung das Zweite Vatikanische Konzil in die Wege leitete. Die Enzyklika bietet eine zutiefst christliche Sicht des vom Menschen eingenommenen Ortes im Kosmos. Sie tut dies im Vertrauen, dass sie auf diese Weise eine Botschaft der Hoffnung in eine danach hungernde Welt aussendet; eine Botschaft, die unter allen Gläubigen oder Nichtgläubigen Resonanz findet, da ihre Wahrheit allen zugänglich ist.

Im selben Geiste richtete der selige Johannes Paul II. nach den Terrorangriffen, die die Welt im September 2001 erschüttert hatten, die Mahnung an uns: „Kein Friede ohne Gerechtigkeit, keine Gerechtigkeit ohne Vergebung“ (Botschaft zur Feier des Weltfriedenstages 2002). Der Gedanke der Vergebung muss in den internationalen Diskurs über Konfliktresolution Eingang finden, um die sterile und zu nichts führenden Austausch der gegenseitigen Schuldzuweisungen zu verändern. Ist der Mensch nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, eines Gottes „voller Erbarmen“ (Eph 2,4), so sollen die menschlichen Angelegenheiten ein Ausdruck der damit verbundenen Eigenschaften sein.  Es handelt sich um das Zusammenspiel von Gerechtigkeit und Vergebung, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Diese Eigenschaften sind der Kern der göttlichen Antwort auf menschliches Vergehen (vgl. Spe Salvi 44), der Kern der „von Gott gesetzten Ordnung“ (Pacem in Terris 1). Vergebung ist keine Verleugnung des Vergehens, vielmehr ist sie ein Beitrag zur heilenden und verwandelnden Liebe Gottes, die versöhnt und erneuert.

Mit großer Eloquenz wurde „The Church in Africa at the Service of Reconciliation, Justice and Peace“ (Die Kirche in Afrika im Dienst der Versöhnung, der Gerechtigkeit und des Friedens) als Thema für die Sonderversammlung der Bischofssynode für Afrika im Jahr 2009 gewählt. Die Lebens spendende Botschaft des Evangeliums brachte Millionen von Afrikanern Hoffnung und half ihnen dabei, das von repressiven Regimes und Bruderkriegen zugefügte Leid zu überwinden. Ebenso stand  die Sonderversammlung für die Kirche im Nahen Osten im Jahr 2010 im Zeichen der Themen Gemeinschaft und Zeugnis, der Einheit von Seele und Geist, die jenen eigen ist, die dem Licht der Wahrheit folgen. Die Überwindung von Ungerechtigkeiten und Fehlern der Vergangenheit ist nur dann möglich, wenn Männer und Frauen von einer Botschaft der Hoffnung und des Heils inspiriert werden; einer Botschaft, die einen Weg nach vorne zeigt, heraus aus jenem Sumpf der Gewalt,  der Völker und Nationen so oft in einem Teufelskreis gefangen hält.  Seit 1963 sind einige der damals unlösbar scheinenden Konflikte bereits Geschichte. Lasst uns also frohen Mutes unser Bemühen um die Verwirklichung von Frieden und Gerechtigkeit in der heutigen Welt fortsetzen. Lasst uns im Vertrauen verharren, dass unser gemeinsames Streben nach der von Gott gesetzten Ordnung, nach einer Welt, in der die Würde eines jeden Menschen gewährleistet ist, Früchte tragen kann und wird.

Ich empfehle Ihre Überlegungen der mütterlichen Führung Unserer Lieben Frau, der Königin des Friedens, an und erteile Ihnen, dem Bischof Sánchez Sorondo und allen Teilnehmern an der XVIII. Vollversammlung mit Freuden meinen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 27. April 2012

BENEDICTUS PP. XVI.

[Übersetzung des englischen Originals von Sarah Fleissner]