Pakistan: "Christen stark im Glauben und der Hoffnung"

Interview mit Bischof Francis von Multan

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MULTAN, 12. November 2001 (ZENIT.org-FIDES).- Das folgende Interview ist Teil eines Dossiers zur Situation der Christen in Ländern mit muslimischer Mehrheit, das die vatikanische Missionsagentur Fides in der kommenden Woche veröffentlichen wird.



Der 55jährige Bischof Andrew Francis von Multan bezeichnet sich selbst als "Bischof für den interreligiösen Dialog". Die Gemeinde Bahawalpur, wo am 28. Oktober 16 Christen bei einem Massaker in einer Kirche starben, befindet sich in seiner Diözese. Bischof Francis ist viel unterwegs zwischen Islamabad, wo er mit der Nuntiatur und dem Catholic Relief Service in Kontakt ist, und seiner Diözese. Er besucht oft seine Gläubigen und unterhält gute Beziehungen zu muslimischen Religionsführern.

Bischof Francis ist auch Mitglied des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog. "An erster Stelle möchte ich über Fides dem Papst den aufrichtigen Dank der christlichen und muslimischen Bevölkerung der Diözese Multan für seine Nähe zum Ausdruck bringen", bekräftigt er zu Beginn des Gesprächs. "Durch die Entsendung von Erzbischof Joseph Cordes von Cor Unum hat der Papst dazu beigetragen, die Spannungen zu beruhigen und im Land wieder Hoffnung entstehen zu lassen. Die Botschaft des Heiligen Vaters zur Beisetzung der Opfer von Bahawalpur hat sowohl Christen als auch Muslime bewegt".

FRAGE: Wie sieht heute die Situation der christlichen Gemeinde in ihrer Diözese aus?

BISCHOF FRANCIS: Die Gläubigen in der Diözese Bahawalpur sind verängstigt. Ich setze meine Pastoralbesuche bei den Gläubigen fort, um den Menschen Botschaften des Friedens und der Zuversicht zu bringen. Als Bischof und als Christ bin ich berufen, meinen starken Glauben an Christus und meinen Gehorsam gegenüber dem Heiligen Vater und gegenüber der kirchlichen Lehre, die uns alle zusammenhalten wird, zu bekräftigen.

FRAGE: Wie empfindet die muslimische Glaubensgemeinschaft diese Situation?

BISCHOF FRANCIS: Es herrscht große Solidarität. Auch die pakistanische Regierung hat ihr Beileid zum Ausdruck gebracht. Der Präsident, die Minister und die Regierung von Punjab waren uns in diesem schmerzlichen Moment sehr nahe. Die muslimische Gemeinschaft, ihre Ulema, Berufsverbände und Studenten haben uns um Vergebung gebeten. Das ganze Land hat es sehr geschätzt, dass der Bischof von Multan niemanden beschuldigt hat, sondern als Botschafter des Friedens, der Versöhnung und des Vergebens handelte. Auf diese Weise haben wir unsere moralische Kraft gestärkt. Die Anteilnahme der ganzen muslimischen Gemeinschaft ist eine große Hoffnung für die Zukunft des Landes. Auch ganz normale Bürger haben ihre Trauer zum Ausdruck gebracht und die Extremisten verurteilt. Die Menschen haben dem Leichenzug auf dem Weg zum Friedhof applaudiert. Dafür möchte ich allen danken. Trotz aller Schwierigkeiten, die es heute gibt, vertrauen wir darauf, dass wir unser christliches Leben auch in Zukunft fortführen können.

FRAGE: Wie steht es um die Beziehungen zwischen den beiden Gemeinschaften?

BISCHOF FRANCIS: Die Kommission für den muslimisch-christlichen Dialog bemüht sich um die Verbesserung der Beziehungen zu den Muslimen. Wir müssen für das Ende des Krieges in Afghanistan beten: dieser Krieg ist Anlaß für Reaktionen gegen Christen. Ich bin kein Politiker, aber ich bete für den Frieden und hoffe auf eine friedliche Zukunft für die Welt. Wir müssen vorsichtig sein, aber wir dürfen uns nicht entmutigen lassen. Viele Muslime spielen bei dem Abbau der Spannungen eine wichtige Rolle. Wir wissen, dass Vergebung und Versöhnung stärker sind als die Gewalt.

Ich selbst betrachte mich als "Bischof für den muslimisch-christlichen" Dialog: der Papst hat mich zum Mitglied des Päpstlichen Rates ernannt, der sich mit diesem Anliegen befasst. Ich habe meine Arbeit verdoppelt, um die Kontakte an der Basis aufrecht zu erhalten und eine Begegnung zwischen den beiden Gemeinschaften zu ermöglichen, die sich an den gemeinsamen Werten des Friedens, der Versöhnung und der Harmonie ausrichten sollten. Ich bin davon überzeugt, dass die Menschen in Bahawalpur nicht umsonst den Märtyrertod gestorben sind. Ich glaube, dass vor allem in schweren Zeiten Gott bei uns ist.

FRAGE: Was wünschen Sie sich von den westlichen Ländern, die am Krieg beteiligt sind?

BISCHOF FRANCIS: Wie dies auch bereits der Heilige Vater getan hat, möchte ich die Politiker auf der ganzen Welt darum bitten, den Dialog und die Versöhnungsarbeit anstatt der Logik der Gewalt anzuwenden. In Pakistan und auch im Rest der Welt gibt es keinen Konflikt der Kulturen: wir haben uns nach dem 11. September nicht geändert. Doch allein Gott kennt die Zukunft.

FRAGE: Wie werden Sie in nächster Zukunft vorgehen?

BISCHOF FRANCIS: Wir versuchen eine Begegnung mit den Fundamentalisten zu ermöglichen und wollen das Gebet und die Versöhnung in der Diözese Multan fördern. Ich habe meine Priester darum gebeten, die Messen im Freien zu feiern und damit öffentlich ihren Glauben zu bezeugen. In einem Hirtenbrief habe ich bereits unseren Willen zu Frieden und Hoffnung bekräftigt. Wir Christen in Südasien haben die Erfahrung gemacht, dass der Papst ein Symbol für die Einheit ist. Für mein Land bitte ich um die Fürsprache der Jungfrau Maria, der Friedenskönigin.