Pakistan: Das große Problem der Zwangsbekehrungen

Interview mit Erzbischof Lawrence Saldanha (Lahore), Vorsitzender der Pakistanischen Bischofskonferenz

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BERLIN, 12. November 2008 (ZENIT.org).- Drohungen, Folter und Terror: Muslimische Extremisten setzen die christliche Minderheit in Pakistan sehr unter Druck, aber selbst in ihrer Bedrängnis bleiben die meisten von ihnen dem Glauben an Christus treu. Einige sähen sich allerdings gezwungen, zum Islam übertreten, berichtet der Erzbischof von Lahore, Lawrence Saldanha, der zugleich Vorsitzender der Pakistanischen Bischofskonferenz ist, im vorliegenden ZENIT-Interview.



Anlässlich der Vorstellung von „Religionsfreiheit weltweit – Bericht 2008“, einem Kompendium, das Ende Oktober in Berlin und anderen europäischen Hauptstädten vorgestellt wurde, hielt sich Erzbischof Saldanha in Deutschland auf. Er hofft, dass das 600 Seiten umfassende Werk, das der Initiative des Gesamtwerks von Kirche in Not zu verdanken ist, vielen Menschen die Lage der Christen in Pakistan näher bringen wird, damit sie für ihre bedrängten Schwestern und Brüder beten.

ZENIT: Im September forderten Sie den neu gewählten pakistanischen Staatspräsidenten in einem Brief dazu auf, die Rechte der Minderheiten zu schützen. Was hat er Ihnen geantwortet?

Erzbischof Saldanha: Er hat nichts gesagt. Er erhielt meinen Brief, der, wie ich hoffe, etwas bewirken kann, aber er antwortete nicht offen darauf. Es ist aber schon etwas Gutes, dass er mein Schreiben erhalten hat.

ZENIT: Ist Diskriminierung in Pakistan heute ein größeres Problem als früher?

Erzbischof Saldanha: Ja, das ist sie, weil wir es heute mit muslimischen Extremisten zu tun haben, mit islamischen Fundamentalisten, die ihre eigenen Vorstellungen des Islams durchsetzen wollen. Sie haben eine sehr strikte Sicht und wollen, dass überall das islamische Recht eingeführt wird. Zum Beispiel wollen sie, dass die Frauen den Schleier tragen und die Männer Bärte. Musik soll, wenn es nach ihnen ginge, genauso verboten werden wie Kinobesuche oder das Fernsehen.

Nicht nur die Christen sind von diesem Extremismus in unserem Land betroffen, sondern auch die anderen Muslime.

ZENIT: Im Jahr 2007 gab es Versuche, Gesetze einzuführen, die den Religionswechsel verbieten. Wie steht es damit?

Erzbischof Saldanha: Sie sind noch nicht eingeführt worden, aber das könnte noch geschehen. Das bedeutet, dass es für jeden schwieriger werden könnte – auch für die Muslime –, seine Religion zu wechseln.

Heute kommt es zudem häufig vor, dass die Extremisten Zwang auf die Christen ausüben, damit diese zum Islam übertreten. Das ist heute ein großes Problem für uns. Sie setzen alles daran, um Christen und Hindus zu konvertieren und sie zu Muslimen zu machen. Es gibt viele Fälle von jungen Mädchen, die gezwungen werden, einen Muslim zu heiraten und ihre Religion zu wechseln. Ähnliches geschieht Krankenschwestern, die in den Krankenhäusern ihren Dienst versehen. Das ist ein ziemlich verbreitetes Phänomen geworden, und es verstößt gegen die Religionsfreiheit. Deswegen weisen wir immer öfter darauf hin.

ZENIT: Wie begegnen die Christen diesen enormen Herausforderungen?

Erzbischof Saldanha: Manche hören nicht auf das, was ihnen gesagt wird, und sagen, man mache Witze, aber andere fürchten sich. Und manchmal werden sie wirklich gezwungen, zum Islam überzutreten. Ich kenne zum Beispiel einen Geschäftsbesitzer in Lahore, der ganz gut verdiente, den aber andere Geschäftsbesitzer schließlich dazu brachten, Muslim zu werden – um des Friedens willen. Andernfalls hätte er sein Geschäft zusperren müssen.

Wie Sie sehen, besteht unser Problem als Minderheit vor allem darin, dass wir in unserem Land Außenseiter sind, auch wenn wir Pakistaner sind. Wir sind Außenseiter in der Gesellschaft, und deswegen stehen wir manchmal sehr großen Herausforderungen gegenüber. Unsere christliche Bevölkerung ist sehr beunruhigt über diese Situation; sie fürchtet sich.

ZENIT: Gibt es für die Christen in Pakistan auch Zeichen der Hoffnung?

Erzbischof Saldanha: Wir haben jetzt immerhin eine neue Regierung, und wir hoffen, dass sie dem Programm der Religionsfreiheit folgen wird. Es ist auch ein schon ein hoffnungsvolles Zeichen, dass die Polizei häufig Christen in Gefahr beschützt.

Die Regierung ist nicht gegen die Christen. Das ist nur eine kleine Gruppe von Extremisten, die ihre Vorstellungen durchsetzen wollen. Die Menschen haben vor ihnen Angst, denn sie bedienen sich der Folter, bedrohen die Leute oder töten sie sogar. Sie töten Menschen, die sie nicht gerne haben. Darüber hinaus bedienen sie sich der Methode der Selbstmord-Bombenanschläge – um Ängste zu schüren und die Menschen einzuschüchtern.

ZENIT: Was erhoffen Sie sich von Ihrem Deutschland-Besuch, bei dem Sie über all diese Dinge sprechen werden?

Erzbischof Saldanha: Wir hoffen, dass unsere Freunde im Westen unsere Schwierigkeiten verstehen. Wir sind eine kleine Minderheit, und deswegen kennt man unsere Lage nicht. Durch den Bericht „Religionsfreiheit weltweit“ und die Pressekonferenz können viele auf unsere Lage aufmerksam werden, und so werden wir ihre Unterstützung spüren können.

Auf der anderen Seite ist es aber auch problematisch für uns, wenn die Extremisten von diesem Ereignis hier erfahren. Sie üben Rache. Sie haben auch schon viele Journalisten umgebracht. Jedes Jahr werden Journalisten bedroht, und manche von ihnen müssen sterben, weil sie schreiben, was diese Menschen machen. Sie leben in ständiger Angst – das ist das Problem unserer Nation. Auch die Fernsehstationen erhalten Bombendrohungen.

ZENIT: Was können wir von den bedrängten Christen in ihrem Land lernen?


Erzbischof Saldanha: Sie besitzen einen starken Glauben, sind dem Glauben an Christus treu und setzen ihre Hoffnung auf ihn. Sie vertrauen darauf, dass unser Herr Jesus Christus ihnen helfen wird.

Sie leben jetzt ihren Glauben aktiver, haben größere Andacht und engagieren sich mehr. Und sie kommen wieder in die Kirche. Am Sonntag sind unsere Kirchen voll. Sie beten mehr, und sie sind aktiver. Die Ereignisse, von denen wir sprechen, haben die Christen zusammengeführt.

Sie beten und hoffen, dass die Dinge besser werden. Das können wir von ihnen lernen: dass sie weiter treu zu ihrem Glauben stehen.

Von Dominik Hartig