Pakistan: Missbrauch des Blasphemie-Paragraphen, gefälschte Beweise

Drahtzieher sind die Spekulanten der sogenannten Landmafia

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ROM, 4. September 2012 (ZENIT.org). – Große Wellen schlägt weiterhin der Fall des katholischen Mädchens Rimsha Mashi, eine geistig behinderte Elfjährige, die wegen Blasphemie angeklagt worden war. Die Polizei hatte Rimsha am 16. August festgenommen und war damit Forderungen einer radikalislamischen Gruppe nachgekommen, die behauptete, das Mädchen habe Koranverse verbrannt. Über 600 christliche Familien aus dem Stadtviertel Mehra Jafar, wo die Familie von Rimsha wohnt, haben unterdessen ihre Wohnungen aus Angst vor Racheakten der Extremisten verlassen. Rund 100 christliche Einwohner wurden in einem Stadtpark von Islamabad untergebracht, wo diese inmitten der Notunterkünfte auch eine Kapelle errichteten. In Pakistan berichten sowohl staatliche als auch private Medien über den Fall. Auch die in Hurdu erscheinenden und im Allgemeinen eher konservativen Tageszeitungen befassen sich damit, wie der Fidesdienst berichtet.

„Durch den Fall Rimsha erhielten christliche und muslimische Religionsführer, Vertreter von Nichtregierungsorganisationen und Intellektuelle die Möglichkeit, sich zu Fällen des Missbrauchs des Blasphemie-Paragraphen zu äußern. Dadurch entsteht ein neues Bewusstsein in der pakistanischen Öffentlichkeit, was zu einer Revision oder Änderung des Gesetzes führen könnte“, so P. John Shakir Nadeem, Leiter von „Radio Veritas“ und Sekretär der Kommission für Soziale Kommunikationsmittel der Pakistanischen Bischofskonferenz. Nach Ansicht von P. Shakir Nadeem „sind sich alle einig, dass der Missbrauch des Blasphemie-Paragraphen gestoppt werden muss. Dies ist ein großer Fortschritt. Es wird vorgeschlagen, dass die Regierung eine Sonderkommission einrichten sollte, die das Gesetz prüft und Vorschläge macht, wie ein solcher Missbrauch verhindert werden könnte und welche Strafen es im Falle falscher Anklagen geben sollte.“ In dieser Debatte spielen jedoch auch politische Faktoren eine Rolle. „Es handelt sich um eine delikate Angelegenheit, und ich glaube, dass erst langfristig etwas geschehen wird, wahrscheinlich nicht vor den Wahlen im kommenden Jahr“, so P. Nadeem.

Inzwischen haben in dem Prozess gegen Rimsha zwei weitere Zeugen sagen zu ihren Gunsten ausgesagt. Wie bereits der stellvertretende Imam, Hafiz Zubair, bestätigten sie, dass die Beweise gegen das christliche Mädchen vom Imam Khalid Jadoon gefälscht wurden. Auch zahlreiche muslimische Religionsvertreter, darunter Hafiz Tahir Ashrafi vom „All Pakistan Ulema Council“, treten für Rimsha ein.

Trotzdem kommt es zu Spannungen: Der Sonderberater des pakistanischen Premierministers für Nationale Harmonie, Paul Bhatti, der sich ebenfalls für Rimsha engagiert, konnte gestern aus Sicherheitsgründen sein Büro nicht verlassen, nachdem er eine Morddrohung erhalten hatte. Bhatti sollte eigentlich zusammen mit Tahir Ashrafi und P. Rehmat Hakam Michael, Generalvikar der Diözese Islamabad-Rawalpindi, als Gast an einer Talkshow des Senders „Dunya News TV“ teilnehmen und musste per Telefonschaltung zugeschaltet werden. Seit heute wird Bhatti von einer neuen Sondereskorte bewacht.

Unterdessen wurde der Verdacht bestätigt, den P. Francis Nadeem bereits im Gespräch mit dem Fidesdienst geäußert hatte: hinter dem Fall Rimsha verbirgt sich die so genannte Land-Mafia. Spekulanten wollen die Christen aus dem Vorort Mehrabadi vertreiben, nachdem die Immobilienpreise in diesem Teil von Islamabad gestiegen sind. Bei den meisten dort lebenden Christen handelt es sich um Gläubige, die aus Gojra fliehen mussten, nachdem radikalislamische Gruppen den Ort in Brand gesteckt hatten. Auf Initiative des damaligen Minderheitenministers, Shahbaz Bhatti, hatten die Binnenflüchtlige neue Unterkünfte am Stadtrand von Islamabad erhalten.

Beobachter bestätigten gegenüber dem Fidesdienst auch die Ergebnisse der Untersuchung, über die die pakistanische Presse bereits berichtete: Das Gutachten, dass bei Gericht eingereicht wurde, bestätigt die Minderjährigkeit des Mädchens, dessen Alter auf „unter 14 Jahre“ festgelegt wird, während ihre geistige Entwicklung laut Gutachten „nicht ihrem Alter entspricht“ sondern sich auf dem Niveau einer etwa 8- bis 9jährigen befindet.

Auf der Grundlage dieser Ergebnisse fordert der Anwalt des Mädchens, Tahir Naveed Chaudhary, vom Gericht die sofortige Freilassung, da nach den geltenden Bestimmungen des Jugendstrafrechts die Anklage (First Information Report) annulliert werden muss. Nach geltendem pakistanischem Recht hätte das Mädchen nicht festgenommen und inhaftiert werden dürfen. Wie die Artikel 82 und 83 des Jugendstrafrechts festlegen, können Handlungen eines Kindes im Alter bis 12 Jahre „nicht als Verbrechen definiert werden“, da der Handelnde „nicht die angemessene Reife besitzt, um die Art und die Folgen seines Handelns zu verstehen.“

Ein katholischer pakistanischer Anwalt bestätigte im Gespräch mit dem Fidesdienst, dass „auf der Grundlage des Gesetzes die Polizei gegen das Verfahren verstoßen hat, weshalb das Mädchen neun Tage lang unrechtmäßig festgehalten wurde. Das Mädchen hätte in einem Institut für Jugendliche untergebracht werden müssen und nicht im Gefängnis. Außerdem sieht das Gesetz vor, dass ein Assistent des Richters ein Gutachten zum Charakter des Kindes, dessen Bildung und sozialer und moralischer Herkunft erstellt, bevor ein Urteil ergeht." Auch diese Vorschrift wurde nicht eingehalten.

Die Polizei hatte den Imam Khalid Jadoon festgenommen, der die Beweise im Fall der wegen Blasphemie angeklagten Rimsha Masih manipuliert haben soll. Dies wurde von einem Augenzeugen, Hafiz Zubair, bestätigt, der gegen den Imam aussagte.

„Der Fall wurde durch den Imam Khalid Jadoon manipuliert. So lässt sich diese unmenschliche Anklage erklären. Ich bin mir sicher, dass Rimsha mit Hilfe Gottes freigelassen werden wird. Sie wurde zum Opferlamm und ist vollkommen unschuldig“, so Pater James Channan OP, Leiter des „Peace Centers“ mit Sitz in Lahore, zum Fidesdienst in einem Kommentar zu den jüngsten Entwicklungen im Fall Rimsha Masih.

„Der Fall Rimsha“, so P. James, „ist ein Beweis dafür, dass die christliche Glaubensgemeinschaft immer wieder Opfer des Missbrauchs des umstrittenen Blasphemieparagraphen wird. Ich hoffe, dass es für alle unschuldigen Opfer Gerechtigkeit geben wird und wünsche mir die Bestrafung aller, die solche falschen Anklagen erstatten“.

Am 2. September hatte P. James Channan zusammen mit P. Pascal Paulus, dem Provinzial der Dominikaner in Pakistan, und P. Francis Nadeem Ofm Cap eine heilige Messe in der St. Josephs-Kirche in Lahore zelebriert, bei dem die Teilnehmer für die Freilassung von Rimsha beteten. Rund eintausend Gläubige hatten sich auch einem Tag des Fastens für dieses Anliegen angeschlossen. „Unter solchen Umständen müssen wir stark im Glauben sein und dafür beten, dass der Hass überwunden wird und Liebe und Geschwisterlichkeit in unserem Land gewinnen“, so P. Francis Nadeem vom „Rat für interreligiösen Dialog“.