Pakistan: Weihnachten im Gefängnis

Dominikaner beim Gefängnisbesuch in Pakistan

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Von Eva-Maria Kolmann

KÖNIGSTEIN, 16. Dezember 2011 (ZENIT.org). - In einem pakistanischen Gefängnis zu sitzen, ist wirklich eine Strafe. Folter ist an der Tagesordnung. Die Haftbedingungen sind miserabel. Für hundert Häftlinge gibt es eine einzige Waschgelegenheit, und die Zellen sind winzig und überfüllt. Manche Häftlinge sterben an Hitzschlag oder weil ihr Herz aussetzt. Allein im Jahr 2010 sind in Pakistan 72 Menschen in Haft gestorben. Für Christen ist es noch viel schlimmer. Werden sie schon im „normalen Leben“ benachteiligt und unterdrückt, so ist ihre Lage im Gefängnis noch prekärer.

In der Haftanstalt von Faisalabad kommt an Weihnachten jedoch auch zu ihnen das Christkind. Dominikanerpater Iftikhar Moon und seine Mitbrüder besuchen die Gefangenen. Ein Raum wird weihnachtlich geschmückt. Bunte Glitzergirlanden und Sterne aus Glanzpapier verleihen den grauen Wänden einen Hauch von Weihnachtsstimmung. Dort feiern sie die Heilige Messe. Im vergangenen Jahr kam auch Bischof Joseph Coutts mit und feierte Weihnachten mit den Christen im Gefängnis.

Die Gefangenen singen Weihnachtslieder. Einer von ihnen trägt die Lesungen vor. Hinterher dann die Bescherung: Lebensmittel, Decken, Medikamente und andere Gaben werden verteilt. Auch die Wärter bekommen kleine Geschenke: Kekse oder Limonade. Einige von ihnen feiern Weihnachten mit, obwohl sie Muslime sind. Pater Iftikhar sagt: „Manche Polizisten sind gute Menschen, die uns helfen. Aber einige sind auch gierig und verlangen Geld.“ Da die meisten Christen sehr arm sind, können es sich ihre Familien nicht leisten, die Wärter zu bestechen. So bekommen christliche Häftlinge im Gegensatz zu ihren muslimischen Mithäftlingen fast nie Besuch. Viele wären auch schon längst entlassen worden, wenn sie sich die ihnen auferlegte Geldbuße hätten leisten können. Manchmal können die Dominikaner ihnen helfen.

In den Gefängnissen von Faisalabad, der drittgrößten Stadt Pakistans, sitzen 5000 Menschen. Davon sind 85 bis 100 Christen. Die meisten von ihnen sind aufgrund von Drogendelikten oder illegalem Alkoholhandel inhaftiert. In Pakistan dürfen nämlich nur Nicht-Muslime Alkohol erwerben, und auch sie benötigen eine Genehmigung. Manche Nicht-Muslime, also auch Christen, kaufen daher Alkohol und verkaufen ihn auf dem Schwarzmarkt teuer an Muslime. Meistens macht die Polizei mit und ist eine feste Größe in diesem Geschäft. Aber jederzeit kann sie die Schwarzhändler verhaften.

Pater Iftikhar, dessen Arbeit das internationale katholische Hilfswerk Kirche in Not unterstützt, besucht aber nicht nur regelmäßig die christlichen Gefangenen, und er geht auch nicht nur zu denen, die wegen leichterer Delikte inhaftiert sind. Er kümmert sich ebenso um diejenigen, denen die Todesstrafe droht. Fünf oder sieben zum Tode Verurteilte teilen sich eine winzige Zelle, berichtet er. Wenn er sie besucht, verschließt der Wärter hinter ihm die Tür. Dann hört sich der Ordensmann ihre Probleme an. „Manche bereuen ihre Taten. Ich bin Männern begegnet, die ihre Ehefrauen getötet hatten. Sie haben geweint und für ihre Taten vor Gott Buße getan. Einmal saß auch ein alter Mann in der Todeszelle. Er war Auftragsmörder gewesen. Wie viele Menschen er getötet hatte, wusste er gar nicht mehr. Auch er weinte. Er bereute seine Taten zutiefst“, erzählt Pater Iftikhar.

Aber es gibt auch jene, die nicht die Wahrheit sagen und sich nicht zu ihren Verbrechen bekennen wollen. „Da waren zum Beispiel drei Freunde, die zusammen auf einer Baustelle arbeiteten. Sie entführten ein Kind und verlangten am Telefon Lösegeld von der Familie. Sie bekamen das Geld, brachten den Jungen aber trotzdem um. Wenn sie zusammen sind, sagen sie, dass sie es waren, aber jeder einzelne beschuldigt jeweils die beiden anderen. Überhaupt lügen hier viele. Fast alle behaupten, unschuldig zu sein, und erhoffen sich davon Vorteile.“  Und noch etwas bereitet dem Dominikanerpater Sorgen: „Es gibt in den Gefängnissen regelrechte kriminelle Banden. Sie bekämpfen sich gegenseitig, und oft haben sie Handys und gehen vom Gefängnis aus ihrem ‚Job' nach. Sie lassen draußen Menschen ermorden und Geld in die Haftanstalt schaffen“.

In der islamischen Kultur ist das Verständnis von Vergebung völlig anders als im Christentum. Es geht um Vergeltung, nach gleichem Maß. Üblich ist auch die Praxis des sogenannten „Blutgeldes“. Wenn die Familie des Opfers damit einverstanden ist, zahlt der Mörder Geld und entkommt der Todesstrafe. Manchmal wird auch ein junges Mädchen aus der Familie des Täters mit einem alten Mann aus der Opferfamilie verheiratet. „Manche Täter lassen sich allerdings lieber hängen, als so ein Opfer anzunehmen“, weiß Pater Iftikhar. Die Dominikaner helfen aber nicht nur den Häftlingen, sondern auch ihren Angehörigen. Vor allem, wenn der Gefangene der einzige Ernährer seiner Familie gewesen ist. Die Verhaftung bedeutet für seine Frau und seine Kinder, dass sie in großer Not zurückbleiben. Hier versuchen die Dominikanerpatres, die bitterste Not zu lindern. Zudem setzen sie sich auch dafür ein, dass sich die Familie des Opfers mit dem Täter versöhnt und ihm vergibt.

Inzwischen ist die Situation für den Gefängnisseelsorger schwieriger geworden. Bei einem Ausbruchsversuch kam es zu einem Kampf zwischen Gefangenen und Polizisten, und seitdem wird alles sehr streng gehandhabt. Nun darf Pater Iftikhar nur noch an den Feiertagen das Gefängnis betreten. Er hat sich bereits beim Gefängnisdirektor beschwert. „Das ist meine Arbeit“, hat er ihm gesagt. Zumindest an Weihnachten werden Pater Iftikhar und seine Mitbrüder aber wieder ins Gefängnis gehen können. Sie werden den Häftlingen Trost spenden und sie zwei Stunden lang ihr hartes Los vergessen lassen. Zwei Stunden lang werden die Gefangenen sich wie richtige Menschen fühlen. Und in der Heiligen Messe wird es auch für sie heißen: „Siehe, ich verkünde euch große Freude. Denn heute ist euch der Retter geboren“.