Papst Benedikt: „Der Sturmwind von Pfingsten geht uns alle an, gerade heute“

Zu Pfingsten den Geist der Verantwortung der Wahrheit, der Werte des Gewissens und der Liebe wieder entdecken

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ROM, Freitag, 10. Juni 2011 (ZENIT.org). – „Der Heilige Geist schafft Verstehen, weil er die Liebe ist, die aus dem Kreuz, aus dem Selbstverzicht Jesu Christus hervorkommt. Wir brachen hier nicht zu versuchen, die dogmatischen Zusammenhänge, die sich damit auftun, im Einzelnen zu reflektieren. Es kann für unseren Zusammenhang genügen, an die Formel zu erinnern, in der Augustinus den Kern der Pfingsterzählung zusammenzufassen versuchte: Die Weltgeschichte, so sagt er, ist ein Kampf von zweierlei Liebe – Selbstliebe bis zum Gotteshass, Gottesliebe bis zur Preisgabe des Selbst. Die zweite aber ist die Erlösung der Welt und des Selbst.

Ich denke, es würde schon viel bedeuten, wenn die Pfingsttage uns über den gedankenlosen Konsum der Freizeit hinaus auf unsere Verantwortung hinlenken würden; wenn sie uns dahin brächten, über den Verstand, das planbare und speicherbare Wissen hinaus, wieder den ‚Geist‘ zu entdecken, die Verantwortung der Wahrheit, der Werte des Gewissens und der Liebe.

Denn selbst wenn wir einstweilen nicht darüber das im engsten Sinn Christliche hinausfinden, würden wir damit gleichsam schon den Saum Christi und seines Geistes berühren. Auf die Dauer können nämlich ‚Wahrheit‘ und ‚Liebe‘ gar nicht ortlos im leeren Raum bestehen. Wenn sie das bleibende Maß und die Hoffnung des Menschen sind, dann sind sie nicht ein Teil der sich wandelnden Geschichte, sondern der Bezugspunkt ihrer Bewegung. Dann sind sie nicht ferne Ideen, sondern dann haben sie ein Angesicht. Dann rufen sie uns. Dann sind sie selbst ‚Liebe‘, also Person. Dann ist der Heilige Geist wirklich ‚Geist‘ in der Fülle dessen, was dieses Wort immer nur besagen kann.

Wahrscheinlich müssen wir uns aus einer zutiefst veränderten Welt ganz neu durchtasten zu ihm. Vielleicht wird manchem unmöglich scheinen, den Weg ganz bis zum Ende, zur ‚nüchternen Trunkenheit‘ des pfingstlichen Glaubens zu gehen. Aber die drängende Frage von Pfingsten, die den furchtbaren ‚Schlaf der Gewissen‘ aufrüttelt, von dem Pierre Henri Simon spricht, die sollte und könnte uns doch wohl alle betreffen: Der Sturmwind von Pfingsten geht uns alle an; auch heute, gerade heute“.

Aus: Joseph Ratzinger - Papst Benedikt XVI., Dogma und Verkündigung, München, Verlag Erich Wewel 1977. S 367 f.