Papst Benedikt erklärt Franziskaner für innovativ, kontemplativ, weise und authentisch

Leben und Beispiel des heiligen Bonaventura von Bagnoregio ist Thema der Mittwochskatechese

| 2435 klicks

ROM, 3. März 2010 (ZENIT.org).-Papst Benedikt XVI. hat seine Schwäche für den hl. Bonaventura heute während der tradtionellen Mittwochskatechese bekannt. Der Papst erklärte den Franziskaner für innovativ, kontemplativ, weise und authentisch. Wir veröffentlichen die vollständige Ansprache der Katechese bei der heutigen Generalaudienz.

* * *

***

Leben und Beispiel des heiligen Bonaventura von Bagnoregio

(* 1217 in Bagnoregio; † 15. Juli 1274 in Lyon)

 

Liebe Brüder und Schwestern!

Heute möchte über den heiligen Bonaventura von Bagnoregio sprechen. Ich gebe zu, dass ich eine gewisse Nostalgie verspüre, während ich euch diesen Inhalt vortrage, da ich an die Forschungen zurückdenke, die ich als junger Gelehrter gerade zu diesem mir besonders hoch geschätzten Autor durchführte. Sein Studium hat auf meinen Bildungsweg erheblich geprägt. Mit großer Freude habe ich vor einigen Monaten eine Pilgerreise zu seinem Geburtsort, Bagnoregio, unternommen, einer kleinen italienischen Stadt in Latium, die voll Verehrung die Erinnerung an ihn bewahrt.

Er wurde wahrscheinlich 1217 geboren und starb 1274; demgemäß lebte er im 13. Jahrhundert, einem Zeitalter, in dem der christliche Glaube zutiefst in die Kultur und Gesellschaft Europas eingedrungen war und so im Bereich der Literatur, der Kunst, der Philosophie und Theologie unvergängliche Werke inspirierte. Unter den christlichen Gestalten, die zum Zustandekommen dieser Harmonie zwischen Glaube und Kultur beigetragen haben, tritt eben Bonaventura hervor, ein Mann des Handelns und der Kontemplation von großer Frömmigkeit und Klugheit in der Leitung.

Er hieß Giovanni da Fidanza. Eine Begebenheit aus seiner Kinderzeit hat sein Leben tief geprägt, wie er selbst erzählt. Er war schwer erkrankt, und nicht einmal sein Vater, der Arzt war, hatte noch Hoffnung, ihn vor dem Tod zu retten. So bat seine Mutter um die Fürsprache des kurz vorher heiliggesprochenen Franziskus von Assisi. Und Giovanni wurde wieder gesund.

Wenige Jahre später, als er sich in Paris aufhielt, wohin er sich für seine Studien begeben hatte, wurde ihm die Gestalt des „Poverello" von Assisi noch vertrauter. Er hatte das Diplom eines „Magister artium" erlangt, das wir mit einem Abschluss an einem angesehenen Gymnasium unserer Zeit vergleichen könnten.

Wie viele jungen Menschen der Vergangenheit und auch heute stellte sich Giovanni an diesem Punkt eine entscheidende Frage: „Was soll ich aus meinem Leben machen?" Da ihn das der Tatendranges und die vom Evangelium inspirierte Radikalität der Minderbrüder faszinierte, die 1219 nach Paris gekommen waren, klopfte Giovanni an die Tür des Franziskanerkonvents der Stadt und bat, in die große Familie der Jünger des Franziskus aufgenommen zu werden.

Viele Jahre später erklärte er die Gründe für seine Entscheidung: Im heiligen Franziskus und in der von ihm begonnenen Bewegung erkannte er das Wirken Christi. So schrieb er in einem an einen anderen Minderbruder adressierten Brief: „Ich muss vor Gott gestehen, dass für mich der Grund, das Leben des seligen Franziskus vor jedem anderen zu lieben, darin besteht, dass er den Anfängen und dem Werden der Kirche ähnelt. Die Kirche begann mit einfachen Fischern, und wurde in der Folge durch sehr berühmte und weise Lehrern bereichert; die Religion des seligen Franziskus ist nicht von der Klugheit der Menschen, sondern von Christus gestiftet worden" (Epistula de tribus quaestionibus ad magistrum innominatum, in: Opere di San Bonaventura. Introduzione generale, Rom 1990, S. 29)

Daher legte Giovanni um das Jahr 1243 den Franziskanerhabit an und gab sich den Namen Bonaventura. Er wurde sofort zum Studieren bestimmt und besuchte die Theologische Fakultät der Universität von Paris. Dort besuchte er eine Reihe sehr anspruchsvoller Kurse. Er erlangte die verschiedenen Abschlüsse seiner Laufbahn: Den Titel des „baccalaureus biblicus" und des „baccalaureus sententiarum".

Bonaventura studierte die Heilige Schrift sehr gründlich, die Sentenzen des Petrus Lombardus, das Handbuch für Theologie jener Zeit und die wichtigsten theologischen Schriftsteller. Er stand dabei in Kontakt mit den Lehrern und Studenten, die aus ganz Europa in Paris zusammenkamen. In ihm reifte ein selbstständiges, persönliches Nachdenken und eine geistliche Empfindsamkeit von großem Wert heran. Im Lauf der nachfolgenden Jahre verstand er es dann, sie in seine Werke und Predigten einfließen zu lassen und wurde so zu einem der wichtigsten Theologen der Kirchengeschichte.

Es ist wichtig, das Thema der Doktorarbeit in Erinnerung zu rufen, die er verteidigte, um als Lehrer der Theologie zugelassen zu werden, für die „licentia ubique docendi", wie es damals hieß. Der Titel seiner Dissertation lautete „Untersuchungen über das Wissen Christi" (Quaestiones disputatae de scientia Christi). Dieses Argument zeigt die zentrale Rolle, die Christus immer im Leben und in der Lehre des Bonaventura eingenommen hat. Wir können ohne weiteres sagen, dass sein gesamtes Denken zutiefst christozentrisch war.

In jenen Jahren entbrannte in Paris, der Wahlheimatstadt Bonaventuras, eine heftige Polemik gegen die Minderbrüder des Franziskus von Assisis und gegen die Predigerbrüder des Dominikus de Guzmán.

Es wurde ihnen das Recht streitig gemacht, an der Universität zu lehren, und man bezweifelte sogar die Echtheit ihres geweihten Lebens. Gewiss, viele Änderungen, die von den Bettelorden in das Selbstverständnis von Ordenslebens eingeführt hatten und von denen ich in früheren Katechesen gesprochen habe, waren derartig innovativ, dass es nicht allen gelang, sie zu verstehen.

Dazu kamen dann, wie dies bisweilen auch unter aufrichtig religiösen Menschen passieren kann, Motive menschlicher Schwäche, wie Neid und Eifersucht. Obwohl Bonaventura die Ablehnung der anderen Universitätslehrer förmlich spürte, hatte er bereits seine Lehrtätigkeit an den theologischen Lehrstühlen der Franziskaner aufgenommen und verfasste als Erwiderung gegenüber jenen, die sich gegen die Bettelorden stellten, eine Schrift mit dem Titel „Über die evangelische Vollkommenheit" (Quaestiones disputatae de perfectione evangelica).

Darin zeigt er auf, dass die Bettelorden und insbesondere die Minderbrüder dadurch, dass sie die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams praktizierten, die evangelischen Räte selbst befolgten. Jenseits der historischen Umstände bleibt die von Bonaventura in diesem seinem Werk und in seinem Leben gebotene Lehre immer aktuell: Die Kirche wird durch die Treue zur Berufung jener ihrer Söhne und Töchter heller und schöner, die nicht nur die Gebote des Evangeliums in die Praxis umsetzen, sondern durch die Gnade Gottes dazu berufen sind, dessen Räte zu befolgen und auf diese Weise mit ihrem armen, keuschen und gehorsamen Lebensstil dafür Zeugnis abzulegen, dass das Evangelium Quell der Freude und der Vollkommenheit ist.

Der Konflikt wurde wenigstens für einige Zeit beigelegt, und durch das persönliche Eingreifen Papst Alexanders IV. wurde Bonaventura 1257 offiziell als „doctor" und „magister" der Universität von Paris anerkannt. Dennoch musste er auf diese prestigereiche Aufgabe verzichten, da ihn das Generalkapitel des Ordens im selben Jahr zum Generalminister wählte.

Er nahm dieses Amt mit Weisheit und Hingabe für 17 Jahre wahr; dabei besuchte er die Provinzen, schrieb an die Brüder und griff manchmal mit einer gewissen Strenge ein, um Missbräuche zu beseitigen.

Als Bonaventura diesen Dienst aufnahm, hatte sich der Orden der Minderbrüder beträchtlich entwickelt: Mehr als 30.000 Brüder waren über das ganze Abendland verstreut, mit Missionen in Nordafrika, im Nahen Osten und auch in Peking. Es war notwendig, diese Expansion zu festigen und ihr vor allem Einheit im Handeln und im Geist in voller Treue zum Charisma des Franziskus zu verleihen. Tatsächlich waren unter den Nachfolgern des Heiligen aus Assisi verschiedene Arten der Auslegung von seiner Botschaft zu verzeichnen und es bestand wirklich die Gefahr eines inneren Bruchs. Um diese Gefahr zu vermeiden, nahm das Generalkapitel des Ordens 1260 in Narbona einen von Bonaventura eingebrachten Text an und ratifizierte ihn, in dem die Normen gesammelt und vereinheitlicht wurden, die das tägliche Leben der Minderbrüder regelten. Dennoch ahnte Bonaventura, dass die von Weisheit und Mäßigung inspirierten gesetzlichen Bestimmungen nicht ausreichend waren, um die Gemeinschaft des Geistes und der Herzen sicherzustellen.

Es war notwendig, dieselben Ideale und Überzeugungen zu teilen. Aus diesem Grund wollte Bonaventura das echte Charisma des Franziskus vorlegen, sein Leben und seine Lehre. Daher sammelte er mit großem Eifer Dokumente, die den „Poverello" betrafen, und hörte aufmerksam die Erinnerungen derer, die Franziskus direkt gekannt hatten. So entstand eine historisch gut fundierte Biographie des Heiligen aus Assisi mit dem Titel „Legenda maior", die auch in einer etwas bündigeren Form verfasst und „Legenda minor" genannt wurde. Das lateinische Wort „legenda" bezeichnet im Gegensatz zum deutschen Wort keine Frucht der Phantasie; „legenda" bedeutet im Gegenteil einen autoritativen Text, der offiziell „zu lesen ist". Tatsächlich wurde vom Generalkapitel der Minderbrüder 1263 in Pisa in der Biographie des heiligen Bonaventura das treue Bild des Gründers erkannt; so wurde sie zur offiziellen Biographie des Heiligen.

Welches Bild des heiligen Franziskus tritt aus dem Herzen und aus der Feder seines ergebenen Sohnes und Nachfolgers, des heiligen Bonaventura, hervor? Der wesentliche Punkt ist: Franziskus ist ein „alter Christus", ein Mensch, der mit aller Leidenschaft Christus gesucht hat. In der Liebe, die zur Nachahmung drängt, hat er sich ganz ihm gleich gestaltet. Bonaventura verwies alle Nachfolger des Franziskus auf dieses lebendige Ideal.

Dieses Ideal, das für jeden Christen - gestern, heute, immer - gültig ist, wurde auch für die Kirche des dritten Jahrtausends von meinem Vorgänger und ehrwürdigen Diener Gottes Johannes Paul II. als Programm gesehen. Dieses Programm, so schrieb er in seinem Apostolischen Schreiben „Novo millennio ineunte", „findet letztlich in Christus selbst seine Mitte. Ihn gilt es kennenzulernen, zu lieben und nachzuahmen, um in ihm das Leben des dreifaltigen Gottes zu leben und mit ihm der Geschichte eine neue Gestalt zu geben, bis sie sich im himmlischen Jerusalem erfüllt" (29).

Im Jahr 1273 erfuhr das Leben des Bonaventura eine weitere Veränderung. Papst Gregor X. wollte ihn zum Bischof weihen und zum Kardinal ernennen. Er bat ihn auch, ein sehr wichtiges kirchliches Ereignis vorzubereiten: das II. Ökumenische Konzil von Lyon, dessen Ziel die Wiederherstellung der Gemeinschaft zwischen der lateinischen und der griechischen Kirche war. Er widmete sich dieser Aufgabe voller Sorgfalt, konnte jedoch das Ende dieser ökumenischen Versammlung nicht mehr sehen, da er während ihres Ablaufes verstarb. Ein anonymer päpstlicher Notar verfasste eine Lobrede auf Bonaventura, die uns ein abschließendes Bild dieses großen Heiligen und herausragenden Theologen bietet: „Ein guter, umgänglicher, frommer und barmherziger Mann, von Tugend erfüllt, geliebt von Gott und von den Menschen... Denn Gott hatte ihm eine derartige Gnade geschenkt, dass alle, die ihn sahen, von einer Liebe durchdrungen wurden, die das Herz nicht verbergen konnte" (vgl. J.G. Bougerol, Bonaventura, in: A. Vauchez (Hg.), Storia dei santi e della santità cristiana. Bd. VI. L'epoca del rinnovamento evangelico, Mailand 1991, S. 91).

Nehmen wir das Erbe dieses heiligen Kirchenlehrers auf, der uns den Sinn unseres Leben mit den folgenden Worten in Erinnerung ruft: „Auf der Erde... können wir die unendliche göttliche Größe durch die Vernunft und die Bewunderung betrachten; in der himmlischen Heimat hingegen durch die Schau, wenn wir alle Gott ähnlich sein werden, und durch die Ekstase... werden wir in die Freude Gottes eintreten" (Quaestiones disputatae de scientia Christi, q. 6., Conclusio, in: Opere di San Bonaventura. Opuscoli Teologici /1, Rom 1993, S. 187; vgl. Bonaventura. Quaestiones disputatae de Scientia Christi - Vom Wissen Christi, lat./dt., übers., mit Komm. und Einl. hg. v. Andreas Speer, Hamburg 1992).

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

Wenn ich bei der heutigen Katechese über den heiligen Bonaventura spreche, so tue ich dies nicht ohne eine gewisse Nostalgie. Dieser Heilige ist mir im Studium und zu Beginn meiner wissenschaftlichen Tätigkeit ein hochgeschätztes Vorbild und ein Begleiter geworden, dem ich Wesentliches für meine geistliche Prägung verdanke. Bonaventura wurde um 1217 in Bagnoregio etwa 80 km nördlich von Rom geboren. Seine Lebenszeit fällt mitten in jenes 13. Jahrhundert, das sich durch eine große Blüte des Glaubens, des Wissens und der Kultur auszeichnete. Schon früh wurde Bonaventura, der mit weltlichem Namen Giovanni Fidanza hieß, von der Gestalt des heiligen Franz von Assisi, den er persönlich nicht mehr erlebt hat, berührt. Bonaventura berichtet, dass er als Kind schwer erkrankte. Keiner konnte ihm helfen. Da rief die Mutter in ihrer Not den gerade heiliggesprochenen Franziskus zu Hilfe, und der Knabe wurde wieder gesund. Bei seinem Studium in Paris begegnete Bonaventura dann den Franziskanerbrüdern, die auch als Professoren an der Universität wirkten. Er war von ihrem Glaubenseifer und ihrer Bedürfnislosigkeit so fasziniert, dass er selbst in diesen Orden eintrat. Er hatte im Laufe seines Lebens hohe Ämter inne, er wurde selbst Professor in Paris, dann Generalminister seines Ordens und schließlich Kardinal. Bei allem blieb er dem Armutsideal seines Ordens verpflichtet. Die Leuchtkraft der Kirche, das war seine tiefe Überzeugung, gründet in der Berufungstreue gerade jener Söhne und Töchter, die nicht nur die Gebote Gottes in die Tat umsetzen, sondern durch ein Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam dafür Zeugnis ablegen, dass das Evangelium Quelle der Freude und des erfüllten Lebens ist. Als bedeutender Theologe nahm Bonaventura schließlich an den Vorbereitungen zum 2. Konzil von Lyon teil. Dort wirkte er maßgeblich an Verhandlungen um eine Versöhnung der griechischen und der lateinischen Kirche mit. Er konnte noch die Union erleben und starb dann 1274 in Lyon.

[Die deutschsprachigen Pilger begrüßte der Papst mit folgenden Worten:]

Von Herzen grüße ich alle deutschsprachigen Pilger und Besucher. Christus gilt es immer mehr kennenzulernen, zu lieben und nachzuahmen. So finden wir, sagt der heilige Bonaventura, die Mitte unseres Lebens und können der Geschichte Gestalt geben. Dazu schenke euch Gott seine Gnade.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2010 - Libreria Editrice Vaticana]