Papst Benedikt ermutigt Franziskaner-Konventualen, „Zeugen der Schönheit Gottes“ zu sein

„Das Evangelium zum Maßstab machen“

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ROM/ASSISI, 5. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Aus Anlass des gestrigen Gedenktags des heiligen Franz von Assisi veröffentlichen wir die offizielle Übersetzung der Botschaft, die Papst Benedikt XVI. dem Generalminister der Franziskaner-Minoriten oder auch Franziskaner-Konventualen, Pater Marco Tasca, anlässlich des Generalkapitels zur 800-Jahr-Feier der Bekehrung des heiligen Franziskus zukommen ließ.



Gegenüber ZENIT hatte sich der neue Generalminister zur Begegnung mit dem Heiligen Vater Mitte Juni in Assisi geäußert (vgl. 199. Generalkapitel und Papstbesuch).

Papst Benedikt hebt in seinem Schreiben hervor, das die Franziskaner-Konventualen vor allem dazu aufgerufen seien, „Christus zu verkünden: Sie sollen sich allen Menschen gütig und vertrauensvoll nähern, für den Dialog offen sein, aber stets ein leidenschaftliches Zeugnis geben vom einzigen Erlöser.“ Wie Franziskus sollten sie „Zeugen der ‚Schönheit‘ Gottes“ sein.

Um dieser Sendung entsprechen zu können, bedarf es nach Worten des Bischofs von Rom zuallererst des Hörens „auf das Wort Gottes in einer Atmosphäre tiefen und ständigen Gebets“. Nur unter dieser Voraussetzung sei es möglich, „die wahren Nöte der Männer und Frauen unserer Zeit zu erfassen, ihnen Antworten zu geben, die der Weisheit Gottes entspringen und das zu verkündigen, was man tief im eigenen Leben erfahren hat“.

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An den Hochwürdigsten Pater Marco Tasca
Generalminister des Franziskanerordens der Konventualen

Mit großer Freude grüße ich Sie, Hochwürdigster Pater, und alle Franziskaner-Konventualen, die sich in Assisi zum 199. Generalkapitel versammelt haben. Ich freue mich, dies in dieser päpstlichen Basilika zu tun, in der prächtige Kunstwerke von den Wundern der Gnade berichten, die der Herr am hl. Franziskus vollbracht hat.

Ich denke, es ist von der Vorsehung vorherbestimmt, daß dies im Kontext der 800-Jahrfeier der Bekehrung des Franziskus geschieht. Durch meinen heutigen Besuch wollte ich in der Tat die Bedeutung dieses Ereignisses hervorheben, auf das man sich stets zurückbesinnen muß, um Franziskus und seine Botschaft zu verstehen. Gleichsam als wollte er seinen inneren Weg in einem einzigen Wort zusammenfassen, fand Franziskus selbst keinen treffenderen Ausdruck als den der »Buße«: »So hat der Herr mir, dem Bruder Franziskus, gegeben, das Leben der Buße zu beginnen« (Testament, 1: FF 110). Er nahm sich also selbst vor allem als »Büßer« wahr – sozusagen im Zustand andauernder Bekehrung. Indem er sich dem Wirken des Heiligen Geistes überließ, bekehrte sich Franziskus immer mehr zu Christus und wurde auf den Wegen der Armut, der Nächstenliebe und der Mission zu seinem lebendigen Abbild.

Eure Aufgabe sei es also, seine Botschaft kraftvoll und konsequent zu bezeugen! Ihr seid berufen, dies in jenem Einklang mit der Kirche zu tun, der Franziskus in seiner Beziehung zum Stellvertreter Christi und zu allen Hirten der Kirche auszeichnete. In diesem Zusammenhang bin ich Euch dankbar für den bereitwilligen Gehorsam, mit dem Ihr, gemeinsam mit den Minderbrüdern – dem besonderen Band der Liebe entsprechend, das Euch schon immer mit dem Apostolischen Stuhl verbunden hat – die Verfügungen des Motu proprio Totius Orbis entgegengenommen habt. Diese betreffen die neuen Beziehungen der beiden päpstlichen Basiliken »San Francesco« und »Santa Maria degli Angeli« zu dieser Teilkirche, in der der »Poverello« geboren wurde und die eine so wichtige Rolle in seinem Leben gespielt hat.

Einen besonderen Gruß richte ich an Sie, Bruder Marco Tasca. Das Vertrauen der Mitbrüder hat Sie in das anspruchsvolle Amt des Generalministers berufen. Auch der 750. Jahrestag der Wahl des hl. Bonaventura zum Generalminister des Ordens möge Ihnen Gutes verheißen. Mögen Sie zusammen mit den gewählten Definitoren die große Ordensfamilie nach dem Vorbild des hl. Franziskus und des hl. Bonaventura mit weiser Umsicht leiten, den Wurzeln des franziskanischen Lebens treu und die »Zeichen der Zeit« beachtend.

Aus Anlaß des Generalkapitels kommen Ordensbrüder aus vielen Ländern und verschiedenen Kulturen zusammen, um einander zuzuhören und miteinander zu sprechen durch die eine Sprache des Heiligen Geistes und so die Erinnerung an die Heiligkeit des Franziskus lebendig werden zu lassen. Dies ist wirklich eine außerordentliche Gelegenheit, um einander teilhaben zu lassen an den »wunderbaren Dingen«, die Gott auch heute durch die über den ganzen Erdkreis verteilten Söhne des »Poverello« wirkt. Ich wünsche daher, daß die Kapitelväter, während sie Gott für die Entwicklung des Ordens vor allem in den Missionsländern danken, diese Begegnung nutzen mögen, um sich zu fragen, was der Heilige Geist von ihnen verlangt, damit sie auch heute, zu Beginn des dritten christlichen Jahrtausends, weiterhin auf den Spuren des seraphischen Vaters mit Hingabe das Reich Gottes verkünden können.

Ich habe mit Interesse zur Kenntnis genommen, daß das Hauptthema, das für die Reflexionen in den Tagen dieses Kapitels gewählt wurde, die Ausbildung zur Mission ist. Dabei wurde hervorgehoben, daß diese Ausbildung niemals ein für allemal stattfindet, sondern vielmehr als ein ständiger Weg angesehen werden muß. Dieser Weg besitzt in der Tat viele Dimensionen, aber im Mittelpunkt steht die Fähigkeit, sich vom Heiligen Geist formen zu lassen, um bereit zu sein, überall dorthin zu gehen, wohin sein Ruf ergeht. Die Grundlage kann nur das Hören auf das Wort Gottes in einer Atmosphäre tiefen und ständigen Gebets sein. Nur unter dieser Bedingung ist es möglich, die wahren Nöte der Männer und Frauen unserer Zeit zu erfassen, ihnen Antworten zu geben, die der Weisheit Gottes entspringen und das zu verkündigen, was man tief im eigenen Leben erfahren hat.

Die große Familie der Franziskaner-Konventualen lasse sich auch weiterhin anspornen durch das Wort, das Franziskus vom Gekreuzigten in »San Damiano« hörte: »Geh hin und stelle mein Haus wieder her« (2 Cel I,6,10: FF 593). Jeder Ordensbruder muß daher ein wahrhaft kontemplativer Mensch sein, dessen Blick fest auf den Blick Christi gerichtet ist. Wie Franziskus gegenüber dem Aussätzigen muß er in der Lage sein, in den leidenden Brüdern das Antlitz Christi zu sehen und allen den Frieden zu verkünden. Um dieses Ziel zu erreichen, muß er seinen Weg der Angleichung an Jesus, den Herrn, gehen, den Franziskus an verschiedenen Stätten durchlebte, die symbolisch sind für seinen Weg der Heiligkeit: von »San Damiano« nach Rivotorto, von »Santa Maria degli Angeli« bis nach La Verna.

Für jeden Sohn des hl. Franziskus sei daher fester Grundsatz, was der »Poverello« zum Ausdruck brachte mit den einfachen Worten: »Regel und Leben der Minderen Brüder ist dieses, nämlich unseres Herrn Jesu Christi heiliges Evangelium zu beobachten« (Rb I,1: FF 75). In diesem Zusammenhang freue ich mich zu erfahren, daß zusammen mit der ganzen großen Franziskanischen Familie auch die Franziskaner-Konventualen bemüht sind, die einzelnen Etappen noch einmal zu durchleben, die Franziskus dazu brachten, das »propositum vitae« zu formulieren, das durch Innozenz III. um das Jahr 1209 bestätigt wurde. Der »Poverello«, der dazu berufen war, »nach der Form des heiligen Evangeliums« zu leben (Testament, 14: FF 116), sah sich selbst ganz im Lichte des Evangeliums. Genau hier entspringt die immerwährende Aktualität seines Zeugnisses. Seine »Prophetie« lehrt, das Evangelium zum Maßstab zu machen, um sich den Herausforderungen jeder Epoche, auch unserer Epoche, zu stellen und dem trügerischen Reiz kurzlebiger Zeiterscheinungen zu widerstehen, um fest verankert zu sein im Plan Gottes und so die wahren Bedürfnisse der Menschen zu erkennen. Mein Wunsch ist, daß die Ordensbrüder dieses »Programm« mit neuem Elan und Mut annehmen mögen im Vertrauen auf die Kraft, die von Gott kommt.

Die Franziskaner-Konventualen sind vor allem aufgerufen, Christus zu verkünden: Sie sollen sich allen Menschen gütig und vertrauensvoll nähern, für den Dialog offen sein, aber stets ein leidenschaftliches Zeugnis geben vom einzigen Erlöser. Sie sollen Zeugen der »Schönheit« Gottes sein, die Franziskus zu loben wußte, wenn er die Wunder der Schöpfung betrachtete. Inmitten der wunderschönen Gemäldezyklen, die diese Basilika ausschmücken, und in jedem anderen Winkel des wunderbaren Tempels der Natur möge aus ihrem Mund das Gebet aufsteigen, das Franziskus nach der mystischen Verzückung von La Verna sprach und das ihn zweimal ausrufen ließ: »Du bist die Schönheit« (Lobpreis Gottes, 4.5: FF 261). Ja, Franziskus ist ein großer Meister der »via pulchritudinis«. Die Ordensbrüder mögen ihn nachahmen im Ausstrahlen der Schönheit, die erlöst. Das sollen sie besonders in dieser wunderschönen Basilika tun – nicht nur, indem sie sich die dort aufbewahrten Kunstschätze zu Nutze machen, sondern auch und vor allem durch eine tiefempfundene und würdevolle Liturgie und durch die eifrige Verkündigung des christlichen Mysteriums.

Den Kapitelsvätern wünsche ich, daß sie bei der Rückkehr in ihre jeweiligen Gemeinschaften die Frische und Aktualität der franziskanischen Botschaft mit sich bringen mögen. Allen sage ich: Bringt Euren Mitbrüdern die Erfahrung der Brüderlichkeit dieser Tage als Licht und Kraft, die den Horizont des täglichen Lebens erhellen können, der nicht immer ohne Schatten ist; bringt jedem Menschen den Frieden, den Ihr empfangen und geschenkt habt.

Indem ich mich im Geiste an die Unbefleckte Jungfrau, die »Tota pulchra«, wende und die Fürbitte des hl. Franziskus und der hl. Klara anrufe, denen ich die Ergebnisse der Arbeiten dieses Generalkapitels anvertraue, erteile ich Ihnen, Hochwürdigster Pater, den Kapitelsvätern und allen Ordensmitgliedern als Unterpfand meiner besonderen Zuneigung den Apostolischen Segen.

Assisi, 17. Juni 2007

BENEDICTUS PP. XVI

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]