Papst Benedikt ruft nach Rationalität, Offenheit für das Absolute und Weltfamilie

Kardinal Martino über die Grundaussagen der neuen Sozialenzyklika

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ROM, 9. Juli 2009 (ZENIT.org).- In einer Welt des rasanten globalen Wandels frischt die neue Enzyklika von Papst Benedikt XVI. mit dem Titel Caritas in veritate wesentliche Grundaussagen von Populorum Progressio wieder neu auf.



Wie der Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, Kardinal Renato Raffaele Martin, betont, fügt sich das dritte Lehrschreiben „in die Tradition der Sozialenzykliken ein, die in der modernen Form mit ‚Rerum novarum’ von Papst Leo XIII. begannen hat, und erscheint 18 Jahre nach der Sozialenzyklika Centesimus annus von Papst Johannes Paul II.“

„Caritas in veritate“ mache sich, so Kardinal Martino, vor allem drei Perspektiven der Enzyklika von Papst Paul VI. zu eigen: die Vorstellung, dass „die Welt unter einem Mangel an Denken leidet“ (vgl. PP 85); die Feststellung, dass es keinen wahren Humanismus gebe, „der nicht gegenüber dem Absoluten offen ist“ (vgl. PP 42), und schließlich die Aussage, dass der Ursprung der Unterentwicklung in der fehlenden Brüderlichkeit liege (vgl. PP 66).

Die Enzyklika Benedikts XVI. befasse sich außerdem mit der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise, wenngleich sie nicht das zentrale Thema sei. „Die derzeitige Krise zeigt nach Aussage von ‚Caritas in veritate’, dass es notwendig ist, das so genannte ‚westliche’ Wirtschaftssystem neu zu überdenken, was bereits in ‚Centesimus annus’ gefordert, jedoch nie wirklich umgesetzt wurde.“

So werde deutlich, dass „die Soziallehre der Kirche eine Dimension besitzt, die gleich bleibt, und eine andere, die sich im Lauf der Zeit verändert. Sie versteht sich als Begegnung des Evangeliums mit den immer wieder neuen Problemen, mit denen die Menschheit konfrontiert wird. Diese ändern sich, was heute mit einer überraschenden Geschwindigkeit geschieht.“

Die Kirche besitze keine technischen Lösungen, die sie vorschlagen könne – das bekräftige auch „Caritas in veritate“. Dennoch besitze die Kirche die Pflicht, „die Menschheitsgeschichte mit dem Licht der Wahrheit und der Wärme der Liebe Jesu Christi zu erleuchten“, so Kardinal Martino.

In seinem Rückblick auf die vergangenen 20 Jahre, die uns heute von der Enzyklika „Centesimus annus“ trennen, wies der Kardinal auf die großen Veränderungen hin, die es seither gegeben hat:
-- Die politischen Ideologien, die die Zeit vor 1989 kennzeichneten, scheinen ihre Gewaltsamkeit verloren zu haben, sind jedoch von der neuen Ideologie der Technik abgelöst worden.

-- Die Phänomene der Globalisierung sind stärker hervorgetreten: auf der einen Seite durch das Ende der verfeindeten Böcke, auf der anderen Seite durch das weltweite Informatik- und Telematiknetz (die Enzyklika analysiert die Globalisierung nicht in einem bestimmten Abschnitt, sondern im ganzen Text, da dieses Phänomen, wie man heute sagt, „transversal“ ist und Wirtschaft und Finanzen, Umwelt und Familie, Kultur und Religion, Migration und Schutz der Arbeiterrechte betrifft).

-- Die Religionen stehen wieder im Rampenlicht der politischen Bühne, während ein militanter und manchmal übertriebener Laizismus versucht, die Religionen aus der politischen Sphäre auszuschließen.

-- Einige große Länder haben es geschafft, sich aus einer Situation des Rückstands zu befreien, was das geopolitische Gleichgewicht beachtlich verändert.

„Caritas in veritate“ hebt nach Worten von Kardinal Martino besonders hervor, dass Papst Paul VI. die Soziallehre der Kirche in eine enge Verbindung mit der Evangelisierung („Evangelii nuntiandi“) gebracht und die zentrale Bedeutung vorhergesagt habe, die soziale Problematiken im Zusammenhang mit der Fortpflanzung spielen sollten („Humana vitae“). Die Perspektive von Paul VI. und die Anregungen aus „Populorum Progressio“ seien in der ganzen Enzyklika Benedikts XVI. präsent.

Die aktuelle globale Krise sei eine Gelegenheit, neue Erkenntnisse zu erlangen und neue Projekte zu planen, so Kardinal Martino. „Caritas in veritate“ vermittle eine positive Vision. Sie ermutige die Menschen dazu, nach Ressourcen der Wahrheit und des Willens zu suchen, um die Schwierigkeiten zu überwinden. Dabei handle es sich nicht um eine sentimentale Ermutigung, denn in der Enzyklika würden in vernünftiger Weise und mit großer Fürsorge die wichtigsten Probleme der Unterentwicklung in weiten Teilen der Welt behandelt. Es handle sich somit um eine begründete, bewusste und realistische Ermutigung, da weltweit zahlreiche „Protagonisten und Akteure der Wahrheit und der Liebe am Werk sind und weil Gott, der Wahrheit und Liebe ist, immer in der Menschheitsgeschichte wirkt“.