Papst Benedikt, US-Präsident Obama und der Nahe Osten

Interview mit einem französischen Philosophen über den Aufruf zum „Neuanfang“

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PARIS, 18. September 2009 (ZENIT.org).- Benedikt XVI. und US-Präsident Barack Obama rufen beide zu einem „Neuanfang" im Nahen Osten auf. Dass beide denselben Begriff verwenden, veranlasste den französischen Philosophen Henri Hude dazu, die Vorschläge dieser beiden Männer zur Lösung eines der größten Unruheherde der Welt zu analysieren.

Der Aufruf des Papstes anlässlich seiner Pilgerreise ins Heilige Land im Mai 2009 und der Aufruf des US-Präsidenten in dessen Rede in Kairo einen Monat später sind Gegenstand eines Essays, den Hude für „Humanitas" geschrieben hat, einem Magazin, das von der päpstlichen katholischen Universität von Chile veröffentlicht wird. Hude ist Rektor des Zentrums für ethische Forschung an der Akademie von Saint-Cyr. Er sprach mit ZENIT über seinen Aufsatz und darüber, warum bestimmte Forderungen nach Toleranz im Nahen Osten ins Leere laufen.

ZENIT: Warum ziehen Sie eine Parallele zwischen den Reden Benedikts XVI. und den Aussagen von US-Präsident Obama?

Hude: Die Menschheit hat nicht nur im Nahen Osten einen „Neuanfang" nötig. Benedikt XVI. und Barack Obama bekräftigen dies, und sie verwenden beide denselben Ausdruck. Sie gebrauchen dieses Wort am Anfang und am Ende ihrer jeweiligen Reden.

Das Ziel, auf das dieser „Neuanfang" ausgerichtet ist, ist der weltweite Friede. Beide deuten in diese Richtung, ohne eine Utopie zu meinen. Für beide ist dieser „Neuanfang" nur möglich, wenn die Religion ernsthaft in Betracht gezogen wird. Daher richten beide besondere Aufmerksamkeit auf die kulturellen und geistigen Bedingungen eines weltweiten Friedens.

Ihre Ansichten über die Zukunft - die verschieden, aber miteinander verflochten sind - legen eine mögliche positive Wiederherstellung des globalen geistigen und profanen Panoramas nahe.

ZENIT: Was ist Ihrer Meinung nach der wesentliche Beitrag dieser Vorschläge?


Hude: Er besteht darin, dass sie erklären, dass die Religion ein Friedensfaktor sein kann. Barack Obama glaubt daran, dass die Religionen harmonisch miteinander leben können, wenn sie sich der Norm einer Philosophie unterwerfen, die Gleichberechtigung sowie die Freiheit von Meinungsäußerung und Traditionen innerhalb einer politischen Verfassung gewährleistet, die wiederum darauf gerichtet ist, die gesamte Pluralität in eine Einheit zu führen, ohne sie aufzuheben: „E pluribus unum - aus vielen Eines." Und unter dieser Bedingung ist sein Beitrag für die Gesellschaft sehr positiv.

Meiner Meinung nach bringt Benedikt XVI. besser zum Ausdruck, wie dieses theoretische Modell funktionieren kann, ohne einer Utopie oder der Manipulation anheimzufallen. Benedikt XVI. spricht weniger über Religion im Allgemeinen, sondern er spricht methodisch und mit Realismus und Respekt die verschiedenen besonderen Beziehungen an, die zwischen Christentum und Aufklärung, Aufklärung und Islam beziehungsweise zwischen Christentum und Islam bestehen. Natürlich berücksichtigt er auch das Judentum.

ZENIT: Sie schließen die Aufklärung, die „Metaphysik des Lichts", als Religion mit ein?

Hude: Selbstverständlich. Und dies gilt auch für die Aufklärung in ihrer gegenwärtigen Phase, die ganz und gar relativistisch ist. Wir reden uns ein, dass es einfacher wäre, unsere „Meinungen" gegenseitig anzuerkennen, ohne eine „absolute Wahrheit" zu suchen. Aber so einfach ist das nicht. Denn wenn es keine absolute Wahrheit gibt, wird diese Aussage selbst zur absoluten Wahrheit - und so gibt es nach wie vor eine absolute Wahrheit. Und diese letzte „endgültige Wahrheit" ist keine rein praktische Toleranzregel, sondern eine ganz besondere Überzeugung, die mit einem ganzen System von Ge- und Verboten einhergeht.

Wenn in jedem Geist eine absolute Wahrheit entspringen kann, landen wir direkt im Polytheismus oder Pantheismus. Daher ist es zwar durchaus vernünftig, dass die Aufklärung Probleme zu bedenken gibt, die die Religionen mit der Toleranz haben, Probleme wie die Frage der Religionsfreiheit und die Glaubenskriege, aber dies nur dann, wenn sie sich selbst mit in die Bedingungen der Gleichberechtigung, in die problematische Verwicklung, die sie aufzeigt, mit einschließt. Wenn wir daher tiefer über die Vernunft der Aufklärung nachdenken, erkennen wir, dass sie neben all den anderen ebenfalls eine der möglichen Vorstellungen vom Absoluten, vom Göttlichen darstellt.

ZENIT: Welches ist der Wert dieser „parallelen Standpunkte" hinsichtlich der Aufgabe der Evangelisierung?

Hude: Eine Evangelisierung ist nur möglich, wenn die Christen auf ihren Glauben stolz sind und sich seiner nicht schämen. Benedikt XVI. entlastet hier die Christen, aber auch die Muslime und die Juden. Jemand, der sich schämt, traut sich nicht, öffentlich über seinen Glauben zu sprechen. Warum?

Benedikt XVI. gibt folgende Antwort: „In der Tat  behaupten einige, dass die Religion notwendigerweise eine Ursache von Spaltung in unserer Welt ist. Am besten sei es daher, der Religion möglichst wenig Beachtung in der Öffentlichkeit zu schenken" (Ansprache vor der Al-Hussein Moschee). Und als Beweis dafür müssten die Glaubenskriege herhalten, die unvermeidlich seien.

Barack Obama und Benedikt XVI. sprechen dieses Problem offen und gründlich an. Von daher ergeben sich zwei sehr verschiedene Vorstellungen von Religion als wesentlichem Friedensfaktor, die sich aber bis zu einem gewissen Grad nahekommen. Diese Idee, dass die Religion ein wesentlicher Friedensfaktor ist, ist geeignet, die Christen hinsichtlich eines derartigen Vorwurfs zu entlasten und hält sie auch davon ab, sich selbst Vorwürfe zu machen.

ZENIT: Worin besteht der größte Unterschied zwischen Obamas Ansatz und dem Ansatz des Papstes?

Hude: Der US- Präsident konzentriert sich auf die Religionen unter einem politischen Gesichtspunkt, auch wenn er nicht ohne religiöse Sensibilität ist, und er dient dem Fortgang der öffentlichen Reflexion, indem er deutlich zeigt, dass er die Komplexität des Problems klar erkennt. Aber er erhebt sich kaum über eine warmherzige, wenn auch etwas vage pazifistische interreligiöse Rhetorik, deren Wirksamkeit hinsichtlich der religiösen Gemütslage in ihrer Tragweite abgeschwächt wird und oft durch ihre starke Affinität zu säkularem Denken  beeinträchtigt wird. Natürlich wäre die Zerstörung der Religionen in der säkularistischen und relativistischen Umgebung, die Obama nicht wünscht, automatisch die Lösung der Probleme, die ihre Existenz mit sich bringt; aber ebenso wäre die Auflösung des Säkularismus eine mögliche Lösung für die Probleme, die dieser für die Religionen mit sich bringt. Wie können wir über diese Scheinlösungen hinweg kommen?

Der Papst konzentriert sich seinerseits akribisch auf die Religionen und macht sich Gedanken über die relative Schwierigkeit ihres politischen Zusammenlebens - die eine unleugbare Tatsache ist - und behandelt dies in erster Linie als ein religiöses Problem, das sich sehr ernsthaft und tief innerhalb des religiösen Gewissens jedes einzelnen zeigt. Er geht nicht von den Erfordernissen der demokratischen Politik oder des Weltfriedens als absoluten Zielen aus, sondern von der Suche nach dem Willen Gottes in jeder Situation. Auch aus diesem Grund ist seine politische Philosophie tiefer und dringt in höherem Maß zu den spezifischen wirksamen Bedingungen für den Frieden vor.

ZENIT: Aber was bedeutet dann die Forderung nach interreligiösem Frieden, wenn sie nicht nur im Namen des Geistes der Aufklärung gestellt wird?


Hude:
Das ist eine gute Frage. Diese Forderung darf in sich selbst nichts enthalten, was der grundlegenden Überzeugung jeder der Parteien entgegengesetzt ist. Sonst könnte es wie eine Aufforderung zur Apostasie wirken. Deswegen ist ein vollkommen ehrlicher Dialog notwendig.

Stellen sie sich zum Beispiel vor, Gott hätte offenbart, dass der Heilige Krieg eine religiöse Pflicht sei - ich spreche hier nicht die Wurzeln dieser Frage an; es handelt sich hier nur um eine Diskussionshypothese: Was würden sie bei dieser Hypothese bei einem „echten Gläubigen" für eine Reaktion erwarten, wenn man Gott vorwerfe, er wäre politisch unkorrekt? Eine in westlichem Stil formulierte Forderung wäre für ihn unverständlich. Anstatt dessen könnte es wirksam und nicht illoyal sein, gegenüber dieser Art von Gläubigen darauf hinzuweisen, dass in den neuen Situationen der Welt ein Heiliger Krieg - besonders dann, wenn schreckliche Mittel angewendet würden - total kontraproduktiv wäre und nur dazu führte, die Religion zu schwächen und das, was er als ein irreligiöses Konzept für Freiheit und Frieden betrachtet, zu stärken. Dies war die bittere Erfahrung der europäischen Christenheit im 16. und 17. Jahrhundert. Das ist natürlich nur ein Beispiel.

Daher ist der Aufruf zur „Toleranz" sehr oberflächlich, wenn er darin besteht, Theisten eine Lektion von einem polytheistischen oder pantheistischen Standpunkt aus zu erteilen.

Man stelle sich vor, Muslime würden aufgefordert, Allah als einen der Götter des relativistischen Pantheon zu betrachten: Das wäre ein Scherz, und ein übler noch dazu, und sie würden es sehr übel nehmen. Und für einen Christen wäre es genauso.

Wer ist denn gemäß seinem Glauben ein Nachkomme Abrahams? Jemand, der daran glaubt, dass er von Gott dazu berufen wurde, sich entschieden von Pantheismus und Polytheismus zu trennen. Daher fördert der „Säkularist", wenn er über eine vage relativistische Toleranz predigt, überhaupt keinen ernsthaften und in die Tiefe gehenden Dialog. Seine Aufforderung trägt lediglich dazu bei, die Religionen zu zerstören, indem sie sie entweder zum Schweigen bringt, weil sie sich ihres Glaubens schämen, oder indem sie sie zu heftiger Rebellion gerade gegen die Idee der Toleranz anstachelt.

Um einen ernsthaften und friedlichen Dialog in Gang zu bringen, sollte eine Person mit diesen Vorstellungen etwa so beginnen: „Ich bin ein Polytheist - oder Pantheist -, und ich halte meinen Glauben für den wahren Glauben. Wenn Sie wollen, lasst uns darüber diskutieren." Die Aufforderung zu einem Dialog, der in die Tiefe geht, setzt Wahrheit voraus und nimmt die tragische Enttäuschung in Kauf, über das Wesentliche nicht miteinander übereinzustimmen.

ZENIT: Aber wie können wir in Frieden zusammenleben, wenn wir in wesentlichen Fragen aufgrund der unterschiedlichen Überzeugungen getrennt sind, die zu relativieren wir nicht bereit sind?


Hude:
Was es uns erlaubt, friedlich zusammenzuleben, ist Achtung und Freundschaft, Dinge also, die in einem tugendhaften Leben mit einer ernsthaften Moralvorstellung selbstverständlich sind. So wurde in den Vereinigten Staaten seit der Unabhängigkeit der Konsens zwischen Philosophen und Gläubigen aufgebaut. Gerade dieser Konsens aber wurde durch die Entscheidung über die Abtreibung in Schutt und Asche gelegt. Barack Obama würde ihn gerne neu aufbauen, nur wie ist die Frage.

Wenn der Geist der Aufklärung Kants kategorischen Imperativ zu Gunsten eines Hedonismus und ethischen Relativismus aufgibt, ist die „aufgeklärte" Demokratie nicht mehr um eine Freiheit herum aufgebaut, die sich emporhebt, sondern um eine Freiheit, die niedergeht. Dann gibt es keine Gemeinsamkeit mehr zwischen der Demokratie und den Religionen beziehungsweise einer seriösen Aufklärung. Unter diesem Gesichtspunkt sind die ethischen Probleme des Lebens entscheidend. Wenn der Geist der Aufklärung die strenge Notwendigkeit der Pflicht aufgibt, degradiert er sich zu einer intoleranten Laxheit, die zum Zusammenstoß der Kulturen führen wird.

ZENIT: Wieso gibt es Religionskriege?

Hude: Man muss diesen Ausdruck im weitesten Sinne verstehen. In einem solchen Sinn sind die Kriege zwischen Ideologien, die sich von der Aufklärung ableiten, oder zwischen einer Religion und einer speziellen Ideologie, ebenfalls religiöse Kriege. Der Papst weist warnend daraufhin, dass es Religionskriege im weiten Sinn gibt, dass sie aber nicht notwendigerweise sehr religiös sind. „Die ideologische Manipulation der Religion, die manchmal politischen Zwecken dient, ist der eigentliche Katalysator der Spannung und Spaltung" (vgl. Ansprache vor der Al-Hussein Moschee). Man kann sich hier auf den Philosophen Montaigne in seinen „Essays" („Les essais") berufen, der zur Zeit der Glaubenskriege in Frankreich lebte.

Wenn sich durch die Vorgehensweise von General Petraeus im Irak die Situation der Vereinigten Staaten so sehr verbesserte, ist dies darauf zurückzuführen, dass diese Maßnahmen gerade auf eine viel feinere Analyse des Charakters dieses Konflikts gegründet war, der nämlich religiös ist, wie von Professor Ahmed S. Hachim erläutert wurde. Benedikt XVI. lobte außerdem die Jordanier dafür, dass sie sichergestellt haben, dass „das öffentliche Gesicht der Religion ihr wahres Wesen widerspiegelt" (vgl. Ansprache vor der Al-Hussein Moschee).

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Weiterführender Link:

-- Essay von Henri Hude im spanischen Original