Papst Benedikt XVI.: Abrüstung betrifft jeden Menschen

Grußbotschaft anlässlich einer Konferenz über Abrüstung, Entwicklung und Frieden im Vatikan

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ROM, 3. Juli 2008 (ZENIT.org).- „Ein Rüstungsabbau ist nicht denkbar, wenn man vorher nicht die Gewalt an der Wurzel ausrottet, wenn sich also der Mensch nicht entschieden an der Suche nach dem Frieden, nach dem Guten und dem Gerechten ausrichtet“, erklärt Papst Benedikt XVI. in seinem Schreiben an Kardinal Renato Raffaele Martino, Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden, anlässlich einer Tagung zum Thema Abrüstung, Entwicklung und Frieden.

„Der Krieg hat wie jede Form des Übels seinen Ursprung im Herzen des Menschen“, schreibt der Heilige Vater, der in diesem Zusammenhang daran erinnert, dass die Abrüstung nicht nur Staaten, sondern jeden Menschen betrifft,  „Jeder ist aufgerufen, das eigene Herz zu entwaffnen und überall Friedensstifter zu sein.“

Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung des Briefes.

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An den verehrten Mitbruder
Renato Raffaele Kardinal Martino
Präsident des Päpstlichen Rates für Gerechtigkeit und Frieden

Mit großer Freude sende ich einen herzlichen Gruß an die Teilnehmer der vom Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden ausgerichteten Internationalen Studientagung zum Thema »Abrüstung, Entwicklung und Frieden. Perspektiven für eine allseitige Abrüstung« und bringe meine aufrichtige Anerkennung für diese so angebrachte Initiative zum Ausdruck. Ich versichere Sie, Herr Kardinal, und alle Teilnehmer meiner geistlichen Nähe.

Das Thema, das euren Reflexionen zugrunde liegt, ist äußerst aktuell. Die Menschheit ist in Wissenschaft und Technik zu einem außerordentlichen Fortschritt gelangt. Der menschliche Geist hat Früchte hervorgebracht, die vor nur wenigen Jahrzehnten noch undenkbar gewesen wären. Gleichzeitig gibt es in der Welt noch Gebiete, in denen sich die menschliche und materielle Entwicklung nicht auf einem angemessenen Niveau befindet; nicht wenige Völker und Personen entbehren der elementarsten Rechte und Freiheiten. Auch in den Teilen der Welt, in denen erhöhter Wohlstand zu verzeichnen ist, scheinen sich die Gebiete, in denen Ausgrenzung und Elend herrschen, auszuweiten. Der weltweite Globalisierungsprozeß hat zwar neue Horizonte eröffnet, gleichzeitig aber vielleicht noch nicht zu den erhofften Resultaten geführt. Und wenn die Menschheitsfamilie nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs mit der Gründung der »Organisation der Vereinten Nationen« eine große zivilisatorische Leistung erbracht hat, so macht die internationale Gemeinschaft heute gleichsam einen verunsicherten Eindruck. In verschiedenen Teilen der Welt halten Spannungen und Kriege an, und auch dort, wo man nicht die Tragödie des Krieges erlebt, sind dennoch Gefühle der Angst und der Unsicherheit weit verbreitet. Darüber hinaus machen Phänomene wie der Terrorismus auf weltweiter Ebene die Grenze zwischen Frieden und Krieg instabil und beeinträchtigen die Zukunftshoffnung der Menschheit erheblich.

Wie kann man diesen Herausforderungen begegnen? Wie kann man die »Zeichen der Zeit« erkennen? Gewiß ist gemeinsames Handeln auf politischer, wirtschaftlicher und juristischer Ebene notwendig, aber zuvor bedarf es der gemeinsamen Reflexion auf moralischer und geistlicher Ebene; es erscheint immer dringlicher, einen »neuen Humanismus« zu fördern, der den Menschen erleuchtet, damit er sich selbst und den Sinn seines Weges in der Geschichte versteht. Äußerst aktuell ist in diesem Zusammenhang die Lehre des Dieners Gottes Papst Paul VI. und sein Vorschlag eines ganzheitlichen Humanismus, der »jeden Menschen und den ganzen Menschen im Auge haben« muß (Enzyklika Populorum progressio, 14). Die Entwicklung kann nicht nur auf wirtschaftliches Wachstum reduziert werden, sondern muß die moralische und geistliche Dimension mit einschließen. Ein echter ganzheitlicher Humanismus muß zugleich stets solidarisch sein, und die Solidarität ist eine der höchsten Ausdrucksformen des menschlichen Geistes, sie gehört zu seinen natürlichen Pflichten (vgl. Jak 2,15–16) und gilt sowohl für die Personen als auch für die Völker (vgl. Pastorale Konstitution Gaudium et spes, 14); von ihrer Umsetzung hängen die volle Entwicklung und der Frieden ab. Wenn der Mensch nämlich nur dem materiellen Wohlstand nachstrebt und im eigenen Ich verschlossen bleibt, versperrt er sich selbst den Weg zur vollen Verwirklichung und zum wahren Glück.

Auf eurer Studientagung denkt ihr über drei voneinander abhängige Elemente nach: über Abrüstung, Entwicklung und Frieden. Ohne die Entwicklung einer jeden Person und eines jeden Volkes ist ein echter und dauerhafter Friede in der Tat nicht vorstellbar. Paul VI. sagte, daß »Entwicklung gleichbedeutend ist mit Frieden« (Populorum progressio, 87). Auch ein Rüstungsabbau ist nicht denkbar, wenn man vorher nicht die Gewalt an der Wurzel ausrottet, wenn sich also der Mensch nicht entschieden an der Suche nach dem Frieden, nach dem Guten und dem Gerechten ausrichtet. Der Krieg hat wie jede Form des Übels seinen Ursprung im Herzen des Menschen (Mt 15,19; Mk 7,20–23). In diesem Sinn betrifft die Abrüstung nicht nur die Bewaffnung der Staaten, sondern jeden Menschen. Jeder ist aufgerufen, das eigene Herz zu entwaffnen und überall Friedensstifter zu sein.

Solange die Gefahr eines Angriffs vorhanden ist, ist die Bewaffnung der Staaten aus Gründen der Notwehr erforderlich, die zu den unveräußerlichen Rechten der Staaten gehört und auch mit der Pflicht derselben verbunden ist, die Sicherheit und den Frieden der Völker zu verteidigen. Dennoch ist nicht jedes Niveau an Rüstung als rechtmäßig anzusehen, weil »ein Staat nur die zu seiner Notwehr notwendigen Waffen besitzen darf« (Päpstlicher Rat für Gerechtigkeit und Frieden, Der internationale Waffenhandel. Eine ethische Reflexion, 21. Juni 1994, S.15). Der Verstoß gegen dieses »Prinzip der Suffizienz« führt zu dem Widersinn, daß die Staaten für das Leben und den Frieden der Völker, die sie verteidigen wollen, eine Gefahr darstellen und die Rüstung von einer Garantie des Friedens zu einer tragischen Kriegsvorbereitung zu werden droht.

Auch zwischen Abrüstung und Entwicklung besteht eine enge Beziehung. Die enormen materiellen und menschlichen Ressourcen, die in die militärischen Ausgaben und in die Rüstung einfließen, werden nämlich den Entwicklungsprojekten der Völker, besonders der ärmsten und hilfsbedürftigsten, entzogen. Und das verstößt gegen die Charta der Vereinten Nationen, die die internationale Gemeinschaft und insbesondere die Staaten verpflichtet, »die Herstellung und Wahrung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit so zu fördern, daß von den menschlichen und wirtschaftlichen Hilfsquellen der Welt möglichst wenig für Rüstungszwecke abgezweigt wird« (Art. 26). Tatsächlich forderte bereits Paul VI. im Jahre 1964 die Staaten auf, die Rüstungsausgaben zu senken und mit den so gewonnenen Mitteln einen Weltfonds zu schaffen, der für Entwicklungsprojekte der ärmsten und notleidenden Personen und Völker bestimmt ist (vgl. Messaggio al mondo affidato ai giornalisti, 4. Dezember 1964). Es zeigt sich jedoch, daß Waffenproduktion und Waffenhandel immer mehr zunehmen und eine führende Rolle in der Weltwirtschaft spielen. Es besteht sogar die Tendenz zur Überlagerung von ziviler und militärischer Wirtschaft, wie die anhaltende Verbreitung von »Dual-Use«-Gütern und den entsprechenden Erkenntnissen – also von Gütern und Erkenntnissen, die sowohl im zivilen als auch im militärischen Bereich genutzt werden können – zeigt. Das ist eine ernste Gefahr im biologischen, chemischen und nuklearen Bereich, in denen die zivilen Programme niemals sicher sein werden ohne einen allgemeinen und vollkommenen Verzicht auf militärische und feindliche Programme. Ich erneuere daher den Appell an die Staaten, die Rüstungsausgaben zu senken und die Idee, einen für Projekte zur friedlichen Entwicklung der Völker bestimmten Weltfonds zu schaffen, ernsthaft in Betracht zu ziehen.

Ebenso gibt es eine enge Beziehung zwischen Entwicklung und Frieden, dies in einem zweifachen Sinn. Es kann nämlich Kriege geben, die durch schwere Menschenrechtsverletzungen, Ungerechtigkeit und Elend ausgelöst werden, man darf jedoch nicht die Gefahr wirklicher »Wohlstandskriege« außer acht lassen, die vom Willen zur Expansion oder zur Wahrung der wirtschaftlichen Macht verursacht werden und auf Kosten anderer gehen. Der rein materielle Wohlstand ohne eine entsprechende moralische und geistliche Entwicklung kann den Menschen so sehr blenden, daß er dazu getrieben wird, seinen eigenen Bruder zu töten (vgl. Jak 4,1ff.). Noch dringender als in der Vergangenheit ist heute ein entschiedenes Eintreten der internationalen Gemeinschaft für den Frieden notwendig. Auf wirtschaftlicher Ebene müssen die Bemühungen dahin gehen, daß sich die Wirtschaft am Dienst am Menschen, an der Solidarität und nicht nur am Gewinn orientiert. Auf juristischer Ebene sind die Staaten dazu aufgerufen, erneuerten Einsatz zu zeigen, insbesondere für die Beachtung der geltenden internationalen Abrüstungs- und Rüstungskontrollverträge für alle Arten von Waffen und für die Ratifizierung und somit das Inkrafttreten bereits angenommener Entwürfe, wie des Kernwaffenteststopp-Vertrags, sowie für den Erfolg derzeit laufender Verhandlungen – wie die Verhandlungen über das Verbot von Streumunition, über den Handel mit konventionellen Waffen oder über spaltbares Material. Schließlich müssen alle Kräfte gegen die Verbreitung von Leicht- und Kleinkaliberwaffen aufgeboten werden, die lokale Kriege und urbane Gewalt fördern und jeden Tag auf der ganzen Welt den Tod zu vieler Menschen verursachen.

Die verschiedenen Probleme technischer Natur werden sich jedoch schwerlich ohne eine Bekehrung des Menschen zum Guten auf kultureller, moralischer und geistlicher Ebene lösen lassen. Jeder Mensch ist in jeder Lebenslage aufgerufen, sich zum Guten zu bekehren und den Frieden zu suchen – im eigenen Herzen, mit dem Nächsten und in der Welt. In diesem Sinn bleibt die Lehre des seligen Papstes Johannes XXIII. stets gültig, der deutlich auf das Ziel einer allseitigen Abrüstung hingewiesen hat, indem er sagte, daß »das Ablassen von der Rüstungssteigerung, die wirksame Abrüstung oder – erst recht – die völlige Beseitigung der Waffen so gut wie unmöglich sind, wenn dieser Abschied von den Waffen nicht allseitig ist und auch die Gesinnung erfaßt, das heißt, wenn sich nicht alle einmütig und aufrichtig Mühe geben, daß die Furcht und die angstvolle Erwartung eines Krieges aus den Herzen gebannt werden« (Enzyklika Pacem in terris, 61). Gleichzeitig darf man die Auswirkungen der Rüstung auf die innere Verfassung und das Verhalten des Menschen nicht übersehen. Die Waffen geben nämlich ihrerseits leicht der Gewalt Nahrung. Diesen Aspekt brachte Paul VI. in seiner Ansprache an die Generalversammlung der Vereinten Nationen von 1965 sehr deutlich zur Sprache. An jener Stätte, an die auch ich mich in den nächsten Tagen begeben werde, sagte er: »Die Waffen, besonders jene schrecklichen, die die moderne Wissenschaft euch gegeben hat, lassen Tote und Ruinen zurück. Zunächst jedoch nähren sie böse Träume und schlechte Gesinnungen, lassen sie Alpträume, Mißtrauen und böse Absichten aufkommen, verlangen sie enorme Ausgaben, bringen sie Projekte zum Stillstand, die der Solidarität und der nutzbringenden Arbeit dienen, verfälschen sie das Denken und Empfinden der Völker« (Nr. 5).

Wie meine Vorgänger mehrmals bekräftigt haben, ist der Friede ein Geschenk Gottes, ein kostbares Geschenk, das auch mit menschlichen Mitteln gesucht und bewahrt werden muß. Dazu müssen alle beitragen, und eine gemeinschaftliche Verbreitung der Kultur des Friedens sowie eine gemeinsame Erziehung zum Frieden – vor allem der jungen Generationen, gegenüber denen die Erwachsenen eine schwerwiegende Verantwortung tragen – werden immer notwendiger. Die Pflicht eines jeden Menschen zum Aufbau des Friedens hervorzuheben bedeutet im Übrigen nicht, die Existenz eines echten Menschenrechts auf den Frieden außer acht zu lassen. Dieses ist ein unveräußerliches Grundrecht, von dem die Wahrnehmung aller anderen Rechte abhängt. Der hl. Augustinus schrieb: »Denn solch großes Gut ist der Frieden, daß man auch im Bereich der irdischen und vergänglichen Dinge nichts Lieberes hören, nichts Erwünschteres begehren, endlich auch nichts Besseres finden kann« (Vom Gottesstaat, 19,11).

Herr Kardinal und alle Teilnehmer dieser Studientagung, wenn man den Blick auf die konkreten Situationen richtet, in denen die Menschheit heute lebt, könnte man zu Recht von Mutlosigkeit und Resignation ergriffen werden: In den internationalen Beziehungen scheinen manchmal Mißtrauen und Einsamkeit die Oberhand zu haben; die Völker fühlen sich in gegnerische Lager gespalten. Ein totaler Krieg droht aus einer schrecklichen Prophezeiung zur tragischen Realität zu werden. Der Krieg ist jedoch niemals unvermeidlich, und der Friede ist immer möglich. Ja, er ist sogar geboten! Der Augenblick ist gekommen, den Lauf der Geschichte zu ändern, das Vertrauen wiederzuerlangen, den Dialog zu pflegen, die Solidarität zu nähren. Das sind die edlen Ziele, die die Gründer der Organisation der Vereinten Nationen, einer wahren Erfahrung der Freundschaft unter den Völkern, vor Augen hatten. Vom Einsatz aller hängt die Zukunft der Menschheit ab. Nur wenn sie einen ganzheitlichen und solidarischen Humanismus anstrebt, in dessen Kontext auch die Frage der Abrüstung eine ethische und geistliche Natur annimmt, kann die Menschheit auf den erhofften wahren und dauerhaften Frieden zugehen. Dies ist gewiß kein einfacher Weg, der überdies Gefahren unterworfen ist, wie mein verehrter Vorgänger Paul VI. vor nunmehr bereits 30 Jahren in der Botschaft an die Erste Sondersitzung der Generalversammlung der Vereinten Nationen über die Abrüstung sagte: »Der Weg, der zum Aufbau einer neuen internationalen Ordnung führt, die in der Lage ist, die Kriege und ihre Ursachen auszurotten und so die Waffen überflüssig zu machen, wird nicht kurz sein« (Nr. 6). Die Gläubigen finden Halt im Wort Gottes, das uns zum Glauben und zur Hoffnung ermutigt, im Hinblick auf den endgültigen Frieden im Reich Gottes: Dort »begegnen einander Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich« (Ps 85,11). Mit innigem Gebet erflehen wir daher von Gott das Geschenk des Friedens für die ganze Menschheit. Mit diesen Empfindungen spreche ich dem Päpstlichen Rat für Gerechtigkeit und Frieden erneut meine Anerkennung dafür aus, daß er die gegenwärtige Studientagung über ein so heikles und dringliches Thema ins Leben gerufen und ausgerichtet hat. Ich versichere ein besonderes Gebetsgedenken für ein gutes Gelingen der Arbeiten und sende von Herzen allen einen besonderen Apostolischen Segen.

Aus dem Vatikan, am 10. April 2008

BENEDICTUS PP. XVI

 

 

 

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