Papst Benedikt XVI. antwortet auf die Fragen der Priester (Teil 1)

„Eine Welt, in der es Gott nicht gibt, wird in jedem Fall eine Welt der Willkür und des Egoismus“

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ROM, 28. August 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offiziellen Übersetzung der Frage- und Antwortstunde, die Papst Benedikt XVI. am 24. Juli 2007 in der Kirche Santa Giustina Martire (Auronzo di Cadore) dem Klerus der Diözesen Belluno-Feltre und Treviso gewährte.

Der Heilige Vater kommt im vorliegenden ersten Teil des ausführlichen Gesprächs auf die Bedeutung und die Wege der Gewissensbildung zu sprechen. Außerdem beantwortet er die Frage nach dem richtigen Zeitmanagement des Priesters, um anschließend den interreligiösen Dialog in den Blick zu nehmen.



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1. Heiligkeit, ich bin Don Claudio. Ich möchte Ihnen eine Frage stellen zur Gewissensbildung, besonders im Hinblick auf die jungen Generationen, denn heute scheint es immer schwieriger zu sein, ein konsequentes, aufrichtiges Gewissen heranzubilden. Gutes und Schlechtes wird verwechselt mit »sich gut fühlen« und »sich schlecht fühlen«, mit dem emotionalen Aspekt. Dazu möchte ich Sie um Ihren Rat bitten. Danke.

Benedikt XVI.: Exzellenzen, liebe Mitbrüder, zunächst möchte ich euch meine Freude und meine Dankbarkeit für diese schöne Begegnung zum Ausdruck bringen. Ich danke den beiden Bischöfen, Bischof Andrich und Bischof Mazzocato, für diese Einladung. Allen von euch, die ihr in der Urlaubszeit so zahlreich erschienen seid, gilt mein herzlicher Dank.

Eine Kirche voller Priester zu sehen ist ermutigend, weil wir sehen, daß es Priester gibt. Die Kirche lebt, auch wenn die Probleme in unserer Zeit und gerade hier im Westen immer größer werden. Die Kirche ist immer lebendig, und mit Priestern, die wirklich den Wunsch haben, das Reich Gottes zu verkündigen, wächst sie und widersteht sie den Schwierigkeiten, vor denen wir in unserer heutigen kulturellen Situation stehen.

Nun, diese erste Frage läßt ein Problem der kulturellen Situation im Westen erkennbar werden, denn der Begriff des Gewissens hat in den letzten beiden Jahrhunderten eine tiefgreifende Wandlung erfahren. Heute herrscht die Idee vor, daß nur das vernünftig sei, ein Teil der Vernunft sei, was quantifizierbar ist. Die anderen Dinge, also die Religion und die Moral, gehörten demnach nicht zur gemeinsamen Vernunft, weil sie nicht verifizierbar oder, wie es heißt, nicht experimentell zu widerlegen sind. In dieser Situation, in der die Moral und die Religion von der Vernunft gleichsam ausgeschlossen werden, ist der einzige endgültige Maßstab der Moralität und auch der Religion das Subjekt, das subjektive Gewissen, das keine anderen Instanzen kennt. Letztlich entscheidet nur das Subjekt mit seinem Gefühl, mit seinen Erfahrungen, mit eventuellen Maßstäben, die es gefunden hat. Aber so wird das Subjekt zu einer isolierten Wirklichkeit, und so ändern sich, wie Sie gesagt haben, die Parameter von Tag zu Tag.

»Gewissen« bedeutet in der christlichen Überlieferung »Mit-Wissen«: Wir sind offen, unser Sein ist offen, es kann die Stimme des Seins selbst, die Stimme Gottes, hören. Die Stimme der großen Werte ist also in unser Sein eingeschrieben, und die Größe des Menschen besteht eben darin, daß er nicht in sich selbst verschlossen ist, daß er nicht auf die materiellen, die quantifizierbaren Dinge verkürzt werden kann, sondern daß er in seinem Innersten offen ist für die wesentlichen Dinge, daß er fähig ist zu hören. In der Tiefe unseres Seins können wir nicht nur die Bedürfnisse des jeweiligen Augenblicks, nicht nur die materiellen Dinge wahrnehmen, sondern wir können die Stimme des Schöpfers selbst hören, und so erkennt man, was gut ist und was schlecht ist. Aber natürlich muß dieses Hörvermögen ausgebildet und entfaltet werden. Und eben darum geht es bei unserer Verkündigung in der Kirche: um die Entfaltung dieser dem Menschen von Gott geschenkten erhabenen Fähigkeit, die Stimme der Wahrheit und so die Stimme der Werte zu hören.

Ich würde daher sagen, daß ein erster Schritt darin besteht, den Menschen bewußt zu machen, daß unser Wesen selbst eine moralische Botschaft in sich trägt, eine göttliche Botschaft, die entschlüsselt werden muß und die wir immer besser kennenlernen, immer besser hören können, wenn unser inneres Hörvermögen geöffnet und entfaltet wird. Jetzt stellt sich die konkrete Frage, wie diese Erziehung zum Hören geschehen soll, wie man den Menschen dazu fähig machen soll trotz all der Taubheiten der modernen Zeit, wie man es anstellen soll, daß dieses Hörvermögen zurückkehrt, daß es zum wirklichen Geschehen wird, zum »Effatà« der Taufe, zur Öffnung der inneren Sinne. Angesichts der Situation, in der wir uns befinden, würde ich eine Verbindung zwischen einem laikalen und einem religiösen Weg, dem Weg des Glaubens, vorschlagen.

Wir alle sehen heute, daß der Mensch die Grundlage seiner Existenz, seine Erde, zerstören könnte und daß wir daher mit dieser Erde, mit der uns anvertrauten Wirklichkeit, nicht mehr einfach das machen können, was wir wollen und was uns im Augenblick nützlich und vielversprechend zu sein scheint. Wir müssen, wenn wir überleben wollen, die inneren Gesetze der Schöpfung, dieser Erde, respektieren, müssen diese Gesetze kennenlernen und diesen Gesetzen auch gehorchen. Dieser Gehorsam gegenüber der Stimme der Erde, der Stimme des Seins ist also für unser zukünftiges Glück wichtiger als die Stimmen des Augenblicks, die Wünsche des Augenblicks. Das ist ein erstes Kriterium, das es zu lernen gilt: daß das Sein selbst, unsere Erde, zu uns spricht und daß wir zuhören müssen, wenn wir überleben und die Botschaft der Erde entschlüsseln wollen. Und wenn wir der Stimme der Erde gehorchen müssen, dann gilt das noch mehr für die Stimme des menschlichen Lebens.

Wir müssen nicht nur für die Erde Sorge tragen, sondern wir müssen den anderen, die anderen respektieren – den anderen in seiner Einzigartigkeit als Person, als meinen Nächsten ebenso wie die anderen als Gemeinschaft, die auf der Erde lebt und die zusammenleben muß. Und wir sehen, daß es nur dann weitergehen kann, wenn wir das Geschöpf Gottes, das Abbild Gottes, das der Mensch ist, absolut respektieren, wenn wir das Zusammenleben auf der Erde respektieren. Und hier kommen wir zu dem Punkt, daß wir die großen moralischen Erfahrungen der Menschheit brauchen.

Diese Erfahrungen sind aus der Begegnung mit dem anderen, mit der Gemeinschaft entstanden: die Erfahrung, daß die menschliche Freiheit stets eine miteinander geteilte Freiheit ist und daß sie nur dann funktionieren kann, wenn wir unsere Freiheiten miteinander teilen und dabei die Werte respektieren, die wir alle gemeinsam haben. Mir scheint, daß man in diesen Schritten die Notwendigkeit deutlich machen kann, der Stimme des Seins zu gehorchen, der Würde des anderen zu gehorchen, der Notwendigkeit zu gehorchen, zusammen unsere Freiheiten als »eine« Freiheit zu leben. So kann man den Wert erkennen, der darin enthalten ist, eine würdige Lebensgemeinschaft unter den Menschen möglich zu machen. So gelangen wir, wie schon gesagt, zu den großen Erfahrungen der Menschheit, in denen sich die Stimme des Seins ausdrückt, und vor allem zu den Erfahrungen des großen Pilgerwegs des Gottesvolkes in der Geschichte, angefangen bei Abraham. In diesem Weg finden wir nicht nur die grundlegenden menschlichen Erfahrungen wieder, sondern wir können durch diese Erfahrungen die Stimme des Schöpfers selbst hören, der uns liebt und der mit uns gesprochen hat.

Im Hinblick auf den Respekt gegenüber den menschlichen Erfahrungen, die uns heute den Weg weisen und dies auch morgen noch tun werden, scheinen mir die Zehn Gebote stets einen vorrangigen Wert zu haben, da wir in ihnen die großen Wegweiser erkennen. Die Zehn Gebote – im Licht Christi, im Licht des Lebens der Kirche und ihrer Erfahrungen neu ausgelegt und neu gelebt – machen einige grundlegende und wesentliche Werte deutlich: Das vierte und das sechste Gebot zeigen gemeinsam auf, wie wichtig unser Leib ist, wie wichtig es ist, die Gesetze des Leibes und der Sexualität und der Liebe zu achten, den Wert der treuen Liebe, die Familie; das fünfte Gebot zeigt den Wert des Lebens und auch den Wert des gemeinsamen Lebens auf; das siebte Gebot zeigt den Wert auf, der darin liegt, die Güter der Erde miteinander zu teilen und sie gerecht miteinander zu teilen, die Verwaltung der Schöpfung Gottes; das achte Gebot zeigt den großen Wert der Wahrheit auf.

Während wir also im vierten, fünften und sechsten Gebot die Nächstenliebe haben, haben wir im siebten Gebot die Wahrheit. All das ist nicht möglich ohne die Gemeinschaft mit Gott, ohne die Achtung vor Gott und ohne die Gegenwart Gottes in der Welt. Eine Welt, in der es Gott nicht gibt, wird in jedem Fall eine Welt der Willkür und des Egoismus. Nur wenn Gott da ist, gibt es Licht, gibt es Hoffnung. Unser Leben hat einen Sinn, den nicht wir schaffen müssen, sondern der uns vorausgeht, der uns trägt. Daher würde ich also vorschlagen, gemeinsam die deutlich sichtbaren Wege zu gehen, die heute auch das laikale Gewissen leicht erkennen kann, und dabei zu versuchen, zu den tieferen Stimmen hinzuführen, zur wahren Stimme des Gewissens, die sich in der großen Tradition des Gebets, des moralischen Lebens der Kirche mitteilt. So können wir, glaube ich, in einem Weg geduldiger Erziehung alle lernen, zu leben und das wahre Leben zu finden.

2. Ich bin Don Mauro. Heiligkeit, in unserem Pastoraldienst sind wir durch die vielen Verpflichtungen einer immer stärkeren Belastung ausgesetzt. Die Aufgaben, die mit der Verwaltung der Pfarreien und der Organisation der Pastoral sowie mit der Unterstützung von Menschen in Not verbunden sind, werden immer mehr. Ich frage Sie: An welchen Prioritäten soll sich heute unser Dienst als Priester und Pfarrer ausrichten, um einerseits die Bruchstückhaftigkeit und andererseits die Zersplitterung zu vermeiden? Danke.

Benedikt XVI.: Das ist wirklich eine sehr realistische Frage. Auch ich kenne dieses Problem ein wenig – jeden Tag kommen viele Unterlagen, viele Audienzen sind notwendig, es ist viel zu tun. Man muß jedoch die richtigen Prioritäten finden und darf das Wesentliche nicht vergessen: die Verkündigung des Reiches Gottes.

Als ich diese Frage hörte, kam mir der Evangeliumstext von vor zwei Wochen in den Sinn, über die Aussendung der 70 Jünger. Bei dieser ersten großen Mission, die Jesus durchführen läßt, gibt der Herr diesen 70 Jüngern drei Gebote, die, wie mir scheint, auch heute noch die großen Prioritäten der Arbeit eines Jüngers Christi, eines Priesters, wesentlich zum Ausdruck bringen. Die drei Gebote sind: betet, heilt und verkündigt.

Ich denke, daß wir das Gleichgewicht zwischen diesen drei grundlegenden Geboten finden müssen, daß wir sie uns stets vor Augen halten müssen als das Herzstück unserer Arbeit. Betet: Ohne eine persönliche Beziehung zu Gott kann also alles übrige nicht gelingen, weil wir Gott und die göttliche Wirklichkeit und das wahre menschliche Leben nicht wirklich zu den Menschen bringen können, wenn wir selbst nicht in einer tiefen und wahren Beziehung, einer Beziehung der Freundschaft zu Gott in Christus Jesus stehen. Daher ist die tägliche Feier der heiligen Eucharistie wichtig als grundlegende Begegnung, in der der Herr mit mir spricht und ich mit dem Herrn, der sich in meine Hände gibt. Ohne das Stundengebet, durch das wir uns hineinstellen in das große Gebet des ganzen Gottesvolkes – angefangen bei den Psalmen des alten Volkes, das im Glauben der Kirche erneuert wurde –, und ohne das persönliche Gebet können wir keine guten Priester sein, sondern es geht das Wesentliche unseres Dienstes verloren.

Ein Mann Gottes zu sein, also ein Mann, der in Freundschaft zu Christus und zu seinen Heiligen steht, ist das erste Gebot. Dann kommt das zweite. Jesus hat gesagt: Heilt die Kranken, die Verlorengegangenen, diejenigen, die in Not sind. Es ist die Liebe der Kirche für die Ausgegrenzten, für die Leidenden. Auch reiche Menschen können innerlich ausgegrenzt sein und leiden. Das »Heilen« bezieht sich auf alle menschlichen Nöte, die stets Nöte sind, die in der Tiefe zu Gott hingehen.

Wir müssen also, wie es heißt, unsere Schäfchen kennen, menschliche Beziehungen haben zu den uns anvertrauten Personen, menschlichen Kontakt haben und dürfen die Menschlichkeit nicht verlieren, weil Gott Mensch geworden ist und so alle Dimensionen unseres menschlichen Seins bestätigt hat. Aber wie gesagt: das Menschliche und das Göttliche gehören stets zusammen. Zu diesem »Heilen« in seinen zahlreichen Formen gehört, wie mir scheint, auch der sakramentale Dienst.

Der Dienst der Versöhnung ist ein wunderbarer Akt des Heilens, den der Mensch braucht, um wirklich ganz gesund zu sein. Diese sakramentalen Heilungen also sind wichtig, von der Taufe, der grundlegenden Erneuerung unseres Daseins, bis hin zum Sakrament der Versöhnung und zur Krankensalbung. Natürlich besitzen alle anderen Sakramente, auch die Eucharistie, einen großen seelsorglichen Aspekt. Wir müssen den Leib heilen, vor allem aber – das ist unsere Sendung – die Seele. Wir müssen an die vielen Krankheiten denken, an die moralischen und geistlichen Nöte, die es heute gibt und denen wir gegenübertreten müssen, indem wir die Menschen zur Begegnung mit Christus im Sakrament führen und ihnen helfen, das Gebet und die Betrachtung zu entdecken, das stille Verharren in der Kirche in Gottes Gegenwart. Und dann verkündigen.

Was verkündigen wir? Wir verkündigen das Reich Gottes. Aber das Reich Gottes ist keine ferne Utopie einer besseren Welt, die vielleicht in 50 Jahren oder wer weiß wann Wirklichkeit sein wird. Das Reich Gottes ist Gott selbst – Gott, der zu uns gekommen und der uns in Christus sehr nahe ist. Das ist das Reich Gottes: Gott selbst ist nahe, und wir müssen uns diesem Gott nähern, der nahe ist, weil er Mensch geworden ist, Mensch bleibt und stets bei uns ist in seinem Wort, in der heiligen Eucharistie und in allen Gläubigen. Das Reich Gottes verkündigen heißt daher, heute von Gott zu sprechen, das Wort Gottes, das Evangelium, das Gegenwart Gottes ist, gegenwärtig zu machen, und natürlich Gott gegenwärtig zu machen, der in der heiligen Eucharistie gegenwärtig geworden ist.

Durch die Verknüpfung dieser drei Prioritäten und natürlich unter Berücksichtigung aller menschlichen Aspekte, unserer Grenzen, die wir erkennen müssen, können wir unser Priestertum gut verwirklichen. Auch die Demut ist wichtig, die die Grenzen unserer Kräfte erkennt. Was wir nicht tun können, das muß der Herr tun. Und wichtig ist auch die Fähigkeit, Aufgaben an andere zu übertragen, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit – all dies stets unter Beachtung der grundlegenden Gebote: beten, heilen und verkündigen.

3. Ich heiße Don Daniele. Heiligkeit, Venetien ist eine Region, die unter einem sehr starken Zufluß von Einwanderern steht, mit einer beachtlichen Präsenz von Nichtchristen. Diese Situation stellt unsere Diözesen vor eine neue Evangelisierungsaufgabe in ihrem Innern. Damit tun wir uns jedoch etwas schwer, weil wir die Verkündigung des Evangeliums mit einem Dialog in Einklang bringen müssen, der die anderen Religionen respektiert. Welche pastoralen Hinweise könnten Sie hierzu geben? Danke.

Benedikt XVI.: Natürlich ist euch diese Situation vertrauter. Und daher kann ich vielleicht nicht viele praktische Ratschläge geben, aber ich kann sagen, daß ich bei allen »Ad-limina«-Besuchen – der asiatischen, afrikanischen, lateinamerikanischen Bischöfe ebenso wie der Bischöfe aus ganz Italien – stets mit diesen Situationen konfrontiert werde.

Es gibt keine einheitliche Welt mehr. Vor allem bei uns im Westen sind alle anderen Kontinente, die anderen Religionen, die anderen Arten, das menschliche Dasein zu leben, vertreten. Wir leben in einer ständigen Begegnung, die uns vielleicht der frühen Kirche ähnlich macht, die sich in derselben Situation befand. Die Christen waren eine sehr kleine Minderheit, ein Senfkorn, das zu wachsen begann inmitten sehr unterschiedlicher Religionen und Lebensbedingungen. Wir müssen also das wieder lernen, was die Christen der ersten Generationen gelebt haben.

Der hl. Petrus hat in seinem Ersten Brief, im dritten Kapitel, gesagt: »Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.« So hat er für die gewöhnlichen Menschen jener Zeit, die gewöhnlichen Christen, die Notwendigkeit formuliert, Verkündigung und Dialog miteinander zu verbinden. Er hat nicht formell gesagt: »Verkündigt jedem das Evangelium.« Er hat gesagt: »Ihr sollt in der Lage sein, bereit sein, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.« Das scheint mir die notwendige Verbindung zwischen Dialog und Verkündigung herzustellen.

Der erste Punkt ist, daß wir selbst uns in unserem Innern unserer Hoffnung stets bewußt sein müssen. Wir müssen Menschen sein, die den Glauben leben und die den Glauben durchdenken, die ihn im Innersten kennen. So wird in uns der Glaube zur Vernunft, er wird vernünftig.

Die Betrachtung des Evangeliums und hier speziell die Verkündigung, die Predigt, die Katechese sollen die Menschen fähig machen, den Glauben zu durchdenken. Es sind bereits grundlegende Elemente in diesem Zusammenspiel von Dialog und Verkündigung. Wir selbst müssen den Glauben durchdenken, den Glauben leben und als Priester verschiedene Formen finden, ihn gegenwärtig zu machen, damit unsere katholischen Christen die Überzeugung, die Bereitschaft und die Fähigkeit finden können, Rede und Antwort zu stehen in bezug auf ihren Glauben.

Die Verkündigung, die den Glauben im Bewußtsein der heutigen Zeit weitergibt, muß vielerlei Formen besitzen. Zweifellos sind Predigt und Katechese die beiden wichtigsten Formen, aber darüber hinaus gibt es viele Möglichkeiten, einander dort zu begegnen – in Glaubensseminaren, Laienbewegungen usw. –, wo man über den Glauben spricht und etwas über den Glauben lernt. All das macht uns vor allem fähig, wirklich als Nächste der Nichtchristen zu leben – hier gibt es vorwiegend orthodoxe Christen, Protestanten und darüber hinaus auch Vertreter anderer Religionen, die Muslime und andere. Als erstes muß man mit ihnen leben, in ihnen den Nächsten, unseren Nächsten erkennen, vor allem also die Nächstenliebe als Ausdruck unseres Glaubens leben.

Ich meine, daß es bereits ein sehr starkes Zeugnis und auch eine Form der Verkündigung ist, mit diesen anderen wirklich die Nächstenliebe zu leben, in ihnen unseren Nächsten zu sehen, so daß sie erkennen können: diese »Nächstenliebe« gilt mir. Wenn das geschieht, dann ist es leichter, die Quelle unseres Verhaltens aufzuzeigen, daß also die Nächstenliebe Ausdruck unseres Glaubens ist. So kann man im Dialog nicht gleich zu den großen Glaubensgeheimnissen kommen, obgleich die Muslime eine gewisse Kenntnis von Christus haben. Sie verneinen seine Göttlichkeit, sehen aber in ihm zumindest einen großen Propheten. Sie lieben die Jungfrau Maria. Es gibt also auch im Glauben gemeinsame Elemente, die Ausgangspunkte für den Dialog sind.

Eine konkrete, durchführbare und notwendige Sache ist vor allem die Suche nach einer grundsätzlichen Übereinstimmung über die zu lebenden Werte. Auch hier haben wir einen gemeinsamen Schatz, weil sie aus der abrahamitischen Religion herstammen – die neu ausgelegt und neu gelebt wurde in Formen, die wir studieren und auf die wir am Ende antworten müssen. Aber die große wesentliche Erfahrung, die Erfahrung der Zehn Gebote, ist vorhanden, und das scheint mir der Punkt zu sein, den es zu vertiefen gilt.

Auf die großen Geheimnisse einzugehen, scheint mir eine Ebene zu berühren, die nicht einfach ist und die nicht in den großen Begegnungen verwirklicht werden kann. Das Samenkorn muß vielleicht zum Herzen vordringen, damit die Antwort des Glaubens in gezielteren Dialogen hier und dort heranreifen kann. Aber was wir tun können und müssen, ist einen Konsens über die Grundwerte zu suchen, die in den Zehn Geboten zum Ausdruck kommen, zusammengefaßt in der Nächstenliebe und in der Gottesliebe, die auf die verschiedenen Lebensbereiche angewandt werden können.

Wenigstens befinden wir uns auf einem gemeinsamen Weg zum Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, dem Gott, der letztendlich der Gott mit menschlichem Antlitz ist, der in Jesus Christus gegenwärtige Gott. Aber während dieser letzte Schritt eher im kleineren Kreis unternommen werden muß, in Begegnungen persönlicher Art oder in kleinen Gruppen, so scheint mir der Weg zu dem Gott, von dem diese Werte herkommen, die das gemeinsame Leben gestatten, auch in größeren Begegnungen möglich zu sein. Ich glaube also, daß hier eine demütige, geduldige Form der Verkündigung stattfindet, eine Verkündigung, die abwartet, die aber bereits konkret zum Ausdruck bringt, daß wir entsprechend dem von Gott erleuchteten Gewissen leben.

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana; Teil 2 und 3 erscheinen am Donnerstag bzw. am Freitag]