Papst Benedikt XVI. antwortet auf die Fragen der Priester (Teil 3)

„Das beste Zeugnis für Christus, die beste Verkündigung ist stets das Leben wahrer Christen“

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ROM, 31. August 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Frage- und Antwortstunde, die Papst Benedikt XVI. am 24. Juli 2007 in der Kirche Santa Giustina Martire (Auronzo di Cadore) dem Klerus der Diözesen Belluno-Feltre und Treviso gewährte.



Der Heilige Vater zeigt im vorliegenden dritten und letzten Teil des ausführlichen Gesprächs Wege der Verkündigung auf und spricht von der Freude über die Schönheit der menschlichen Dinge. Darüber hinaus äußert er sich zur Komplexität des priesterlichen Dienstes heute und zur Zeit des leidvollen Wachstums der Kirche nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil.

„Wenn wir sehen, wie Familien, die vom Glauben erfüllt sind, in der Freude leben, wie sie auch im Leiden in tief gründender Freude leben, wie sie den anderen helfen und Gott und den Nächsten lieben, so scheint mir das heute die schönste Verkündigung zu sein.“

Teil 1 dieser Katechese erschien am Dienstag, der zweite Teil am Donnerstag.

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7. Ich bin Don Francesco. Heiliger Vater, mich hat eine Stelle in Ihrem Buch Jesus von Nazareth sehr beeindruckt. Sie schrieben dort: »Aber was hat Jesus dann eigentlich gebracht, wenn er nicht den Weltfrieden, nicht den Wohlstand für alle, nicht die bessere Welt gebracht hat? Was hat er gebracht? Die Antwort lautet ganz einfach: Gott. Er hat Gott gebracht.« Soweit das Zitat, das für mich von einer entwaffnenden Deutlichkeit und Wahrheit ist. Die Frage ist folgende: Es ist die Rede von einer Neuevangelisierung, von einer neuen Verkündigung des Evangeliums – das war auch die Grundentscheidung der Synode unserer Diözese Belluno-Feltre. Aber was sollen wir tun, damit dieser Gott, der einzige Reichtum, den Jesus gebracht hat und der für viele Menschen oft wie in einen Nebelschleier gehüllt zu sein scheint, inmitten unserer Häuser wieder in hellem Glanz erstrahlen kann und Wasser sein kann, das den Durst auch der vielen Menschen stillt, die keinen Durst mehr zu haben scheinen? Danke.

Benedikt XVI.: Danke. Das ist eine grundlegende Frage. Die grundlegende Frage unserer Pastoralarbeit ist, wie wir der Welt, unseren Mitmenschen Gott bringen sollen. Natürlich hat dieses »Gott bringen« viele Dimensionen: Bereits in der Verkündigung, im Leben und im Tod Jesu sehen wir, wie dieser eine Gott sich in vielen Dimensionen entfaltet. Mir scheint, daß wir stets zwei Dinge im Auge behalten müssen.

Auf der einen Seite ist da die christliche Verkündigung – das Christentum ist kein hochkompliziertes Bündel von Dogmen, die niemand alle kennen kann. Es ist keine Sache nur für Akademiker, die diese Dinge studieren können, sondern es ist etwas Einfaches: Es gibt einen Gott, und Gott ist nahe in Jesus Christus. So hat Jesus Christus selbst zusammenfassend gesagt: Das Reich Gottes ist gekommen. Das verkündigen wir – im Grunde etwas sehr Einfaches. Alle Dimensionen, die anschließend zutage treten, sind weitere Dimensionen dieser einen Sache, und nicht alle müssen alles kennen. Natürlich müssen sie aber in den inneren Kern, ins Wesentliche vordringen, und dann öffnen sich mit stets wachsender Freude auch die verschiedenen Dimensionen.

Aber was soll jetzt konkret getan werden? Als wir über die Pastoralarbeit in der heutigen Zeit gesprochen haben, haben wir, so scheint mir, bereits die wesentlichen Punkte berührt. Aber um in diesem Sinne fortzufahren: Um den Menschen Gott zu bringen, bedarf es vor allem einerseits der Liebe und andererseits der Hoffnung und des Glaubens. Die Dimension des konkreten Lebens: Das beste Zeugnis für Christus, die beste Verkündigung ist stets das Leben wahrer Christen.

Wenn wir sehen, wie Familien, die vom Glauben erfüllt sind, in der Freude leben, wie sie auch im Leiden in tief gründender Freude leben, wie sie den anderen helfen und Gott und den Nächsten lieben, so scheint mir das heute die schönste Verkündigung zu sein. Auch für mich ist es stets die tröstlichste Verkündigung, katholische Familien oder katholische Persönlichkeiten zu sehen, die vom Glauben durchdrungen sind: In ihnen strahlt wirklich die Gegenwart Gottes in hellem Glanz auf; sie bringen das »lebendige Wasser«, von dem Sie gesprochen haben.

Die grundlegende Verkündigung ist also das Leben der Christen selbst. Natürlich gibt es auch die Verkündigung des Wortes. Wir müssen alles tun, um das Wort zu Gehör zu bringen, um es bekannt zu machen. In der heutigen Zeit gibt es viele Schulen des Wortes und des Gesprächs mit Gott in der Heiligen Schrift, eines Gesprächs, das zwangsläufig auch zum Gebet wird, weil ein rein theoretisches Studium der Heiligen Schrift nur ein intellektuelles Hören und keine wahre und ausreichende Begegnung mit dem Wort Gottes wäre.

Wenn es wahr ist, daß in der Heiligen Schrift und im Wort Gottes der lebendige Herr und Gott, der mit uns spricht, die Antwort und das Gebet selbst hervorruft, dann müssen die Schulen der Heiligen Schrift auch Schulen des Gebets sein, des Dialogs mit Gott, der inneren Annäherung an Gott. Die ganze Verkündigung ist also wichtig. Dann würde ich natürlich sagen: die Sakramente.

Mit Gott kommen immer auch alle Heiligen. Es ist wichtig – das sagt uns die Heilige Schrift von Anfang an –, daß Gott niemals allein kommt, sondern daß er begleitet und umgeben ist von den Engeln und Heiligen.

Es gefällt mir sehr, daß auf dem großen Glasfenster der Petersbasilika, auf dem der Heilige Geist dargestellt ist, Gott von einer Schar von Engeln und Lebewesen umgeben ist, die Ausdruck und sozusagen Ausfluß der Liebe Gottes sind. Mit Gott, mit Christus, mit dem Menschen, der Gott ist, und mit Gott, der Mensch ist, kommt die Gottesmutter Maria. Das ist sehr wichtig.

Gott, der Herr, hat eine Mutter, und in der Mutter erkennen wir wirklich die mütterliche Güte Gottes. Die Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, ist die Helferin der Christen; sie ist unser ständiger Trost, unsere große Hilfe. Das sehe ich auch im Gespräch mit den Bischöfen aus aller Welt, aus Afrika und gerade in letzter Zeit auch aus Lateinamerika, daß die Liebe zur Mutter Gottes die große Kraft der Katholizität ist. In der Mutter Gottes sehen wir die ganze Zärtlichkeit Gottes. Daher ist es ein großes Geschenk der Katholizität, diese freudige Liebe zur Gottesmutter, zu Maria, zu pflegen und zu leben.

Und dann gibt es die Heiligen; jeder Ort hat seinen Heiligen. Das ist gut so, denn so sehen wir die vielen Farben des einen Lichtes Gottes, der zu uns kommt, und seiner Liebe. Die Heiligen müssen in ihrer Schönheit entdeckt werden, in ihrer Annäherung an mich im Wort Gottes, denn in einem bestimmten Heiligen kann ich das unerschöpfliche Wort Gottes für mich ganz persönlich übertragen finden. Darüber hinaus gibt es all die Aspekte des Gemeindelebens, auch die menschlichen Aspekte.

Wir dürfen nicht immer auf Wolken schweben, auf den höchsten Wolken des Geheimnisses, wir müssen auch mit beiden Beinen auf der Erde stehen und gemeinsam die Freude leben, eine große Familie zu sein: die kleine große Familie der Pfarrgemeinde, die große Familie der Diözese, die große Familie der Universalkirche. In Rom kann ich all das sehen; ich kann sehen, wie Menschen, die aus allen Teilen der Erde kommen und die einander nicht kennen, einander in Wirklichkeit doch kennen, weil sie alle zur Familie Gottes gehören, einander nahe sind, weil sie alles haben: die Liebe zum Herrn, die Liebe zur Jungfrau und Gottesmutter Maria, die Liebe zu den Heiligen, die apostolische Nachfolge und den Nachfolger Petri, die Bischöfe. Ich würde sagen, daß diese Freude an der Katholizität in ihrer Vielfarbigkeit auch die Freude an der Schönheit ist. Hier haben wir die Schönheit einer schönen Orgel, die Schönheit einer wunderschönen Kirche, die Schönheit, die in der Kirche gewachsen ist. Das scheint mir ein wunderbares Zeugnis der Gegenwart und der Wahrheit Gottes zu sein. Die Wahrheit kommt in der Schönheit zum Ausdruck, und wir müssen stets dankbar sein für diese Schönheit und müssen versuchen, alles zu tun, was in unseren Kräften steht, damit sie erhalten wird, sich entfaltet und noch größer wird. Mir scheint, daß Gott so auf sehr konkrete Weise zu uns kommt.

8. Ich bin Don Lorenzo, ein Pfarrer. Heiliger Vater, die Gläubigen erwarten von den Priestern nur eines: daß sie darauf spezialisiert sind, die Begegnung des Menschen mit Gott zu fördern. Das sind nicht meine Worte, sondern das haben Sie, Heiligkeit, in einer Ansprache an den Klerus gesagt. Mein Spiritual im Seminar sagte bei den sehr mühsamen Gesprächen zur geistlichen Leitung immer zu mir: »Lorenzino, die menschliche Seite ist in Ordnung, aber …«, und wenn er »aber« sagte, dann meinte er damit, daß ich das Fußballspiel lieber hatte als die eucharistische Anbetung. Und das täte meiner Berufung nicht gut. Und es sei nicht in Ordnung, die Vorlesungen zur Moral und zum Kirchenrecht zu kritisieren, denn die Professoren wüßten auf diesem Gebiet mehr als ich. Und wer weiß, was er mit diesem »aber« sonst noch alles zum Ausdruck bringen wollte. Ich glaube, daß er jetzt im Himmel ist, und dennoch bete ich manchmal ein »Herr gib ihm die ewige Ruhe« für ihn. Trotz allem bin ich nunmehr seit 34 Jahren Priester, und ich bin darüber auch glücklich. Wunder habe ich nicht vollbracht, Schaden angerichtet, von dem ich weiß, ebensowenig, Schaden, von dem ich nichts weiß, vielleicht. »Die menschliche Seite ist in Ordnung«: Das ist für mich ein großes Kompliment. Führt denn der Weg, der den Menschen zu Gott bringt und Gott zum Menschen, nicht über das, was wir Menschlichkeit nennen und das auch für uns Priester unverzichtbar ist?

Benedikt XVI.: Danke. Ich würde dem, was Sie am Ende gesagt haben, einfach zustimmen. Der Katholizismus wurde, etwas vereinfachend, stets als die Religion des großen »et et« betrachtet: nicht der großen Exklusivismen, sondern der Synthese. Katholisch bedeutet »Synthese«. Daher wäre ich gegen eine Alternative »entweder Fußball spielen oder die Heilige Schrift oder das Kirchenrecht studieren«. Wir sollen beides tun.

Es ist schön, Sport zu treiben. Ich bin kein großer Sportler, aber als ich noch jünger war, ging ich gern in die Berge. Jetzt mache ich nur sehr einfache Wanderungen, aber ich finde es nach wie vor sehr schön zu wandern, hier auf dieser schönen Erde, die der Herr uns gegeben hat.

Wir können also nicht ständig in tiefer Betrachtung leben. Vielleicht kann ein Heiliger auf der letzten Stufe seines irdischen Weges an diesen Punkt gelangen, aber normalerweise leben wir mit beiden Beinen auf der Erde und richten den Blick zum Himmel empor. Beides ist uns vom Herrn gegeben, und daher ist es nicht nur sehr menschlich, die menschlichen Dinge zu lieben, die Schönheiten von Gottes Erde zu lieben, sondern es ist auch sehr christlich und wirklich katholisch. Ich würde sagen – ich glaube, ich habe es vorhin bereits erwähnt –, daß zu einer guten und wirklich katholischen Seelsorge auch dieser Aspekt gehört: im »et et« zu leben, die Menschlichkeit und das Menschliche des Menschen zu leben, alle Gaben, die der Herr uns geschenkt hat und die wir zur Entfaltung gebracht haben, und gleichzeitig Gott nicht zu vergessen. Denn am Ende kommt das große Licht von Gott, und nur von ihm kommt das Licht, das Freude hineinträgt in alle Aspekte der Dinge, die es gibt. Ich möchte daher einfach für die große katholische Synthese eintreten, für dieses »et et«: wirklich Mensch zu sein und – jeder seinen Gaben und seinem Charisma entsprechend – die Erde zu lieben und die schönen Dinge, die der Herr uns geschenkt hat, aber auch dankbar zu sein, weil auf der Erde das Licht Gottes erstrahlt, das allen übrigen Dingen Glanz und Schönheit verleiht. Leben wir in diesem Sinne die Katholizität mit Freude. Das wäre meine Antwort.

(Beifall)

9. Ich heiße Don Arnaldo. Heiliger Vater, durch Erfordernisse der Seelsorge und des Dienstes sowie durch die zurückgegangene Anzahl von Priestern sehen sich unsere Bischöfe veranlaßt, den Klerus umzuverteilen, wobei häufig viele Verpflichtungen und mehrere Pfarreien einer einzigen Person zufallen. Das weckt bei vielen Gemeinschaften von Getauften die Empfänglichkeit und bei uns Priestern die Bereitschaft dafür, den pastoralen Dienst als Priester und Laien gemeinsam zu leben. Wie sollen wir diese Veränderungen in der pastoralen Organisation leben und die Spiritualität des guten Hirten dabei in den Vordergrund stellen? Danke, Heiligkeit…

Benedikt XVI.: Ja, kehren wir zurück zur Frage nach den pastoralen Prioritäten und danach, wie man heute Pfarrer sein soll.

Kürzlich sagte mir ein französischer Bischof, ein Ordensmann, der daher nie Pfarrer gewesen ist: »Heiligkeit, ich möchte, daß Sie mir deutlich machen, was ein Pfarrer ist. In Frankreich haben wir diese großen Seelsorgeeinheiten mit 5, 6 oder 7 Pfarreien, und der Pfarrer wird zu einem Koordinator verschiedener Organismen und Aufgaben.« Und es schien ihm, daß der Pfarrer, da er durch die Koordinierung dieser verschiedenen Organismen, mit denen er zu tun hat, so stark in Anspruch genommen ist, keine Möglichkeit mehr zu einer persönlichen Begegnung mit seinen Schafen habe. Und als Bischof, also als »großer Pfarrer«, fragte er sich, ob dieses System richtig sei oder ob wir nicht wieder eine Möglichkeit finden müssen, um den Pfarrer wirklich zum Pfarrer, also zum Hirten seiner Herde, zu machen.

Natürlich konnte ich nicht sofort eine Lösung für diese Situation in Frankreich anbieten, aber es stellt sich allgemein das Problem, daß der Pfarrer trotz neuer Situationen und neuer Formen der Verantwortlichkeit nicht die Nähe zum Volk verlieren darf. Er muß wirklich persönlich der Hirte dieser ihm vom Herrn anvertrauten Herde sein.

Es gibt unterschiedliche Situationen: Ich denke an die Bischöfe in ihren Diözesen, in denen es sehr unterschiedliche Situationen gibt; sie müssen gut darauf bedacht sein zu gewährleisten, daß der Pfarrer ein Hirte bleibt und kein Bürokrat für sakrale Angelegenheiten wird. Auf jeden Fall scheint mir, daß eine erste Gelegenheit, den uns anvertrauten Menschen nahe zu sein, das sakramentale Leben ist: In der Eucharistie sind wir zusammen, hier können und müssen wir einander begegnen; das Sakrament der Buße und der Versöhnung ist eine sehr persönliche Begegnung, ebenso wie die Taufe. Sie ist eine persönliche Begegnung und nicht nur der Augenblick, in dem das Sakrament gespendet wird. Ich würde sagen, daß diese Sakramente alle ihr Umfeld besitzen: Zu taufen bedeutet, der jungen Familie vorher etwas Katechese zu erteilen, mit ihr zu sprechen, so daß die Taufe auch zu einer persönlichen Begegnung wird und Gelegenheit bietet für eine sehr konkrete Katechese. Ebenso sind die Vorbereitung auf die Erstkommunion, auf die Firmung und auf die Ehe stets Gelegenheiten, bei denen der Pfarrer, der Priester, den Menschen persönlich begegnet; er ist der Prediger, und er ist der Verwalter der Sakramente, wobei die menschliche Dimension stets mit eingeschlossen ist.

Das Sakrament ist niemals nur ein Ritus, sondern der Ritus, der sakramentale Akt ist die Verdichtung eines menschlichen Umfelds, in dem der Priester, der Pfarrer sich bewegt. Ich finde es auch sehr wichtig, gute Systeme zu finden, um Aufgaben zu delegieren. Es ist nicht gut, wenn der Pfarrer zum bloßen Koordinator von Organismen wird; er muß vielmehr Aufgaben auf verschiedene Weise delegieren. Und gewiß findet sich auf den Synoden – und hier in eurer Diözese habt ihr gerade die Synode abgehalten – ein Weg, um dem Pfarrer ausreichende Freiheit zu verschaffen. Er muß einerseits die Verantwortung für die Gesamtheit der ihm anvertrauten Seelsorgeeinheit behalten, darf aber nicht darauf reduziert werden, in erster Linie ein koordinierender Bürokrat zu sein. Er muß jemand sein, der die wichtigsten Fäden in der Hand hält, der aber auch Mitarbeiter hat.

Mir scheint, daß die Mitverantwortlichkeit der ganzen Pfarrgemeinde eines der wichtigen und positiven Ergebnisse des Konzils ist: Nicht mehr nur der Pfarrer muß alles in Gang bringen und am Leben erhalten, sondern da die Pfarrgemeinde wir alle sind, müssen wir alle mitarbeiten und helfen. Der Pfarrer darf nicht als übergeordneter Koordinator isoliert sein, sondern er muß uns wirklich als Hirte zur Seite stehen bei den gemeinsamen Arbeiten, in denen die Pfarrgemeinde gemeinsam verwirklicht und gelebt wird.

Ich würde also Folgendes sagen: Durch die Koordinierung und die lebenswichtige Verantwortlichkeit der ganzen Pfarrgemeinde einerseits und durch das sakramentale Leben und die Verkündigung als Mittelpunkt des Gemeindelebens andererseits ist es, wenn auch unter schwierigeren Bedingungen, auch heute möglich, ein Pfarrer zu sein, der vielleicht nicht alle mit Namen kennt, wie der Herr es vom guten Hirten sagt, der aber seine Schafe wirklich kennt und der wirklich der Hirte ist, der sie ruft und führt.

10. Ich habe die letzte Frage, und ich bin sehr versucht, sie nicht zu stellen, weil es nur eine kleine Frage ist – und nachdem Eure Heiligkeit neunmal den Weg gefunden haben, zu uns von Gott zu sprechen und uns in höchste Höhen zu führen, erscheint mir das, was ich Sie fragen möchte, beinahe arm und banal zu sein. Aber an diesem Punkt tue ich es doch. Es geht um ein Wort für die Menschen meiner Generation. Wir wurden während des Konzils ausgebildet, haben dann mit Begeisterung und vielleicht auch mit dem Anspruch, die Welt zu verändern, unseren Weg begonnen. Wir haben auch hart gearbeitet, und heute stehen wir vor Schwierigkeiten, weil wir müde geworden sind, weil viele Träume sich nicht verwirklicht haben und auch weil wir uns ein wenig isoliert fühlen. Die Älteren sagen zu uns: »Seht ihr – wir hatten doch recht damit, vorsichtiger zu sein«, und die Jüngeren behandeln uns manchmal wie »Nostalgiker des Konzils«. Unsere Frage ist folgende: Können wir unserer Kirche noch etwas geben, besonders durch die Verbundenheit mit den Menschen, die uns unserer Meinung nach ausgezeichnet hat? Bitte helfen Sie uns, wieder Hoffnung und inneren Frieden zu finden…

Benedikt XVI.: Danke, das ist eine wichtige Frage, die ich sehr gut kenne. Auch ich habe die Zeiten des Konzils erlebt. Ich war mit großer Begeisterung in der Petersbasilika und sah, wie sich neue Türen öffneten. Und es schien wirklich das neue Pfingsten zu sein, in dem die Kirche die Menschheit wieder überzeugen könne.

Nachdem sich die Welt im 19. und 20. Jahrhundert von der Kirche entfernt hatte, schien es, daß Kirche und Welt einander wieder begegneten und daß wieder eine christliche Welt entstünde und eine Kirche der Welt, eine Kirche, die wirklich offen ist gegenüber der Welt. Wir hatten große Hoffnungen, aber in Wirklichkeit haben sich die Dinge als schwieriger erwiesen. Dennoch bleibt das große Erbe des Konzils, das einen neuen Weg geöffnet hat. Es ist stets eine »Magna Charta« des Weges der Kirche geblieben, sehr wesentlich und grundlegend. Aber warum hat sich alles so entwickelt?

Ich sollte vielleicht mit einer historischen Anmerkung beginnen. Nachkonziliare Zeiten sind fast immer sehr schwierig. Nach dem großen Konzil von Nizäa – das für uns wirklich die Grundlage unseres Glaubens ist, denn wir bekennen ja den in Nizäa formulierten Glauben – entstand nicht eine Situation der Versöhnung und der Einheit, wie Konstantin, der Förderer jenes großen Konzils, es sich erhofft hatte, sondern ein wirkliches Chaos: Jeder stritt mit jedem. Der hl. Basilius vergleicht in seinem Buch über den Heiligen Geist die Situation der Kirche nach dem Konzil von Nizäa mit einer nächtlichen Seeschlacht, in der niemand mehr den anderen erkennt, sondern jeder gegen jeden ist. Es herrschte wirklich ein totales Chaos: So beschreibt der hl. Basilius sehr ausdrucksstark das Drama der Zeit nach dem Konzil, der Zeit nach Nizäa. Dann lädt 50 Jahre später aus Anlaß des Ersten Konzils von Konstantinopel der Kaiser den hl. Gregor von Nazianz ein, am Konzil teilzunehmen, und der hl. Gregor von Nazianz antwortet: Nein, ich komme nicht, weil ich diese Dinge kenne. Ich weiß, daß alle Konzile nur zu Durcheinander und Kampf führen, daher komme ich nicht. Und er ging nicht hin.

Jetzt, in der Rückschau, ist also die Verarbeitung des Konzils, dieser großen Botschaft, keine so große Überraschung mehr wie damals für uns alle im ersten Augenblick. Es in das Leben der Kirche hineinzubringen, es anzunehmen, so daß es Leben der Kirche wird, es eingehen zu lassen in die verschiedenen Wirklichkeiten der Kirche, ist ein Leiden, und nur im Leiden findet auch Wachstum statt. Wachstum ist stets mit Leiden verbunden, denn es bedeutet, einen Zustand zu verlassen und in einen anderen Zustand überzugehen. Und in der nachkonziliaren Wirklichkeit lassen sich zwei große historische Einschnitte feststellen.

In die Zeit gleich nach dem Konzil fällt der Einschnitt des Jahres 1968, der Beginn oder ich wage sogar zu sagen die Explosion der großen kulturellen Krise des Westens. Die Nachkriegszeit war zu Ende. Nach all den Zerstörungen, nach dem Grauen des Krieges, des Einander- Bekämpfens, und nach der Bewußtwerdung des Dramas der großen Ideologien, die die Menschen wirklich in den Abgrund des Krieges geführt hatten, haben wir die christlichen Wurzeln Europas wiederentdeckt und haben begonnen, Europa mit diesen großen Idealen wieder aufzubauen. Aber als diese Zeit zu Ende war, kam auch alles Versagen zum Vorschein, die Mängel des Wiederaufbaus, das große Elend in der Welt. Und so beginnt, so explodiert die Krise der westlichen Kultur – eine Kulturrevolution, würde ich sagen, die radikale Veränderungen herbeiführen will. Es wird gesagt: 2000 Jahre Christentum haben nicht zu einer besseren Welt geführt. Wir müssen wieder ganz von vorn anfangen, auf eine vollkommen neue Art; der Marxismus scheint die wissenschaftliche Lösung zu sein, um endlich die neue Welt zu schaffen. Und in diesem – um es so auszudrücken – schweren, großen Zusammenstoß zwischen der neuen und gesunden Modernität, die das Konzil wollte, und der Krise der Moderne wird alles ebenso schwierig wie nach dem Ersten Konzil von Nizäa.

Eine Seite war der Meinung, daß diese Kulturrevolution das war, was das Konzil gewollt hatte. Sie identifizierte diese neue marxistische Kulturrevolution mit dem Willen des Konzils und sagte: Das ist das Konzil. Im Wortlaut sind die Texte noch ein bißchen antiquiert, aber hinter dem geschriebenen Wort steht dieser Geist, das ist der Wille des Konzils, so müssen wir es tun. Und von der anderen Seite kam natürlich die Reaktion: So zerstört ihr die Kirche. Die absolute Reaktion gegen das Konzil, die antikonziliare Haltung und die zaghafte, demütige Suche nach einer Umsetzung des wahren Geistes des Konzils. Ein Sprichwort sagt: »Wenn ein Baum fällt, macht er viel Lärm, wenn ein Wald wächst, dann hört man nichts, weil ein lautloser Prozeß vor sich geht.« Mitten im Lärm des falschen Fortschrittsglaubens und der antikonziliaren Haltung wächst also sehr still, unter vielen Leiden und auch unter vielen Verlusten beim Aufbau eines neuen kulturellen Übergangs, der Weg der Kirche.

Und dann kam 1989 der zweite Einschnitt: der Zusammenbruch der kommunistischen Regime. Aber die Antwort war nicht die Rückkehr zum Glauben, wie man es vielleicht hätte erwarten können, es wurde nicht wiederentdeckt, daß die Kirche durch das authentische Konzil die Antwort gegeben hatte. Die Antwort war dagegen der totale Skeptizismus, die sogenannte Postmoderne. Nichts ist wahr, jeder muß sehen, wie er lebt. Ein Materialismus gewinnt die Oberhand, ein blinder pseudorationalistischer Skeptizismus, der am Ende in den Drogenkonsum führt, zu all den Problemen, die wir kennen, und der dem Glauben wieder den Weg verschließt, weil es so einfach ist, so offensichtlich: Nein, es gibt nichts Wahres. Die Wahrheit ist intolerant, wir können diesen Weg nicht einschlagen. Im Umfeld dieser beiden kulturellen Brüche also – zuerst die Kulturrevolution von 1968 und dann sozusagen der Fall des Nihilismus nach 1989 – geht die Kirche mit Demut ihren Weg zwischen den Leiden der Welt und der Herrlichkeit des Herrn. Auf diesem Weg müssen wir mit Geduld wachsen, und wir müssen jetzt auf neue Weise lernen, was es heißt, auf den Triumphalismus zu verzichten.

Das Konzil hatte gesagt, daß man auf den Triumphalismus verzichten muß – und es hatte dabei an den Barock gedacht, an all diese großen Kulturen der Kirche. Es wurde gesagt: Beginnen wir auf moderne, auf neue Art. Aber ein anderer Triumphalismus war herangewachsen, der Triumphalismus zu denken: Wir machen jetzt die Dinge, wir haben den Weg gefunden, und auf ihm finden wir die neue Welt. Aber die Demut des Kreuzes, des Gekreuzigten schließt gerade auch diesen Triumphalismus aus. Wir müssen auf den Triumphalismus verzichten, daß jetzt wirklich die große Kirche der Zukunft entsteht.

Die Kirche Christi ist stets demütig, und gerade so ist sie groß und voll Freude. Es erscheint mir sehr wichtig, daß wir jetzt mit offenen Augen sehen können, wieviel Positives sich in der Zeit nach dem Konzil auch entwickelt hat: in der Erneuerung der Liturgie, in den Synoden – den römischen Synoden, den Weltsynoden, den Diözesansynoden –, in den Gemeindestrukturen, in der Mitarbeit und neuen Verantwortlichkeit der Laien, in der großen interkulturellen und interkontinentalen Mitverantwortung, in einer neuen Erfahrung der Katholizität der Kirche, der Einmütigkeit, die in Demut wächst und die dennoch die wahre Hoffnung der Welt ist. Und so müssen wir, scheint mir, das große Erbe des Konzils wiederentdecken, das nicht ein hinter den Texten rekonstruierter Geist ist, sondern die großen Konzilstexte selbst, jetzt neu ausgelegt durch die Erfahrungen, die wir gemacht haben und die Früchte getragen haben in vielen Bewegungen und vielen neuen Ordensgemeinschaften.

In Brasilien kam ich mit dem Wissen an, daß die Sekten sich ausbreiten und daß die katholische Kirche etwas sklerotisch wirkt; aber als ich dann da war, habe ich gesehen, daß in Brasilien beinahe jeden Tag eine neue Ordensgemeinschaft, eine neue Bewegung entsteht und daß nicht nur die Sekten anwachsen. Die Kirche wächst mit neuen Wirklichkeiten voller Lebenskraft. Sie füllen nicht die Statistiken – das ist eine falsche Hoffnung, die Statistik ist nicht unsere Gottheit –, aber sie wachsen in den Herzen und bringen Glaubensfreude hervor, machen das Evangelium gegenwärtig, bringen der Welt und der Gesellschaft wahre Entwicklung.

Mir scheint also, daß wir die große Demut des Gekreuzigten lernen müssen, einer Kirche, die stets demütig ist und die immer im Kontrast steht zu den großen wirtschaftlichen, militärischen und sonstigen Mächten. Gleichzeitig und damit verbunden müssen wir jedoch auch den wahren Triumphalismus der Katholizität lernen, die in allen Jahrhunderten anwächst.

Auch heute wächst die Gegenwart des Gekreuzigten und Auferstandenen, der seine Wunden hat und sie behält. Er ist verwundet, aber gerade so erneuert er die Welt, schenkt er seinen Lebensatem, der auch die Kirche erneuert, trotz all unserer Armut. Und ich würde sagen, daß wir in diesem Zusammenwirken der Demut des Kreuzes und der Freude des auferstandenen Herrn, der uns im Konzil einen großen Wegweiser geschenkt hat, voll Freude und Hoffnung unseren Weg fortsetzen können.

[© Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]