Papst Benedikt XVI.: Aufruf zu ethisch vertretbarem Wirtschaften

„Logik der gerechten Verteilung“ kommt vor „Logik des Profits“

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ROM, 24. September 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. gestern, Sonntag, zum Angelus gehalten hat.



Der Heilige Vater ermutigte die Gläubigen und Pilger, die sich in Castel Gandolfo versammelt hatten, die irdischen Güter so zu gebrauchen, dass sie nicht zum Hindernis für das ewige Heil werden.

„Es scheint ein Paradox zu sein: Christus hat uns nicht mit seinem Reichtum reich gemacht, sondern mit seiner Armut – das heißt mit seiner Liebe, die ihn dazu getrieben hat, sich uns ganz zu schenken.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute Vormittag habe ich die Diözese Velletri besucht, deren Titelkardinal ich für mehrere Jahre gewesen bin. Es war eine familiäre Begegnung, die es mit gestattet hat, Momente der Vergangenheit neu aufleben zu lassen, die reich waren an geistlichen und pastoralen Erfahrungen.

Während der festlichen Eucharistiefeier kommentierte ich die liturgischen Texte und hielt bei einer Überlegung zum rechten Gebrauch der irdischen Güter inne, einem Thema, auf das der heilige Lukas an diesen Sonntagen verschiedentlich unsere Aufmerksamkeit gelenkt hat. Indem Christus das Gleichnis von einem unehrlichen, aber doch sehr klugen Verwalter erzählt, lehrt er seine Jünger, was die beste Weise des Gebrauchs des Geldes und des materiellen Reichtums ist, die eben darin besteht, sie mit den Armen zu teilen und so, mit Blick auf das Himmelreich, ihre Freundschaft zu gewinnen. „Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons“, sagt Jesus, „damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es (mit euch) zu Ende geht“ (Lk 16,9).

Das Geld ist nicht „ungerecht“ an sich, aber es kann den Menschen mehr als alles andere sonst dazu veranlassen, sich in einem blinden Egoismus zu verschließen. Es geht also darum, eine Art „Konversion“ der wirtschaftlichen Güter zu erwirken: statt sie nur für die eigenen Interessen zu nutzen, muss man auch an die Bedürfnisse der Armen denken und so Christus selbst nachahmen, der, wie der heilige Paulus schreibt, „reich war [und] euretwegen arm [wurde], um euch durch seine Armut reich zu machen“ (2 Kor 8,9). Es scheint ein Paradox zu sein: Christus hat uns nicht mit seinem Reichtum reich gemacht, sondern mit seiner Armut – das heißt mit seiner Liebe, die ihn dazu getrieben hat, sich uns ganz zu schenken.

Hier könnte man ein weites und komplexes Feld von Überlegungen über das Thema des Reichtums und der Armut auftun, das auch die weltweite Ebene mit einschließt, in dem zwei Logiken der Wirtschaft aufeinander treffen: die Logik des Profits und die Logik der gerechten Verteilung der Güter, die nicht miteinander in Widerspruch stehen, wenn ihre Beziehung wohl geordnet ist. Die katholische Soziallehre hat immer festgehalten, dass die gerechte Güterverteilung Vorrang hat. Der Profit ist natürlich legitim und, im rechten Maße, für die wirtschaftliche Entwicklung notwendig. So schrieb Johannes Paul II. in der Enzyklika Centesimus Annus: „Die moderne Betriebswirtschaft enthält durchaus positive Aspekte. Ihre Wurzel ist die Freiheit des Menschen, die sich in der Wirtschaft wie auf vielen anderen Gebieten verwirklicht“ (32). Nichtsdestoweniger ist, so fügte er hinzu, der Kapitalismus nicht als einzig gültiges Modell wirtschaftlicher Organisation anzusehen (vgl. ebd. 35). Hungersnöte und der ökologische Notstand lassen mit wachsender Deutlichkeit erkennen, dass die Logik des Profits, wenn sie die Oberhand gewinnt, das Missverhältnis zwischen Reich und Arm sowie die verderbliche Ausbeutung des Planeten verstärkt und vergrößert. Wenn hingegen die Logik des Teilens und der Solidarität überwiegt, ist es möglich, den Kurs zu korrigieren und ihn auf eine gerechte und tragbare Entwicklung auszurichten.

Die heilige Jungfrau Maria erklärt im Magnifikat: Der Herr „[beschenkt] die Hungernden […] mit seinen Gaben, und lässt die Reichen leer ausgehen“ (Lk 1,53). Sie möge den Christen helfen, die Güter der Erde mit einer dem Evangelium entsprechenden Weisheit, das heißt mit hochherziger Solidarität, zu gebrauchen. Und sie möge die Regierenden und Wirtschafsfachleute zu weitsichtigen Strategien bewegen, die den echten Fortschritt aller Völker fördern.

[Nach dem Gebet des „Engel des Herrn“ erklärte der Heilige Vater:]

In diesen Tagen fand in Rom das Erste Welttreffen der Priester, Diakone und Ordensleute statt, die dem Volk der Zigeuner angehören, und das der Päpstliche Rat der Seelsorge für die Migranten und Menschen unterwegs organisiert hatte. An die Teilnehmer, die das Angelus-Gebet auf dem Petersplatz mitverfolgen, richte ich meinen herzlichen Gruß. Liebe Brüder und Schwestern, das Thema eurer Tagung: „Mit Christus im Dienst des Zigeunervolkes“ möge in eurem Leben immer realer werden. Darum bete ich, und ich empfehle euch dem Schutz der Jungfrau Maria an.

Des weitern möchte ich daran erinnern, dass die Gesellschaft des heiligen Vinzenz von Paul heute in Italien eine Kampagne gegen den Analphabetismus startet, der eine schwerwiegende soziale Wunde ist, die nach wie vor zahlreiche Menschen in verschiedenen Regionen der Welt betrifft. Dieser Initiative wünsche ich den besten Erfolg, und ich nehme die Gelegenheit wahr, um an die Kinder und Jugendlichen, die vor kurzem das neue Schuljahr begonnen haben, sowie natürlich an ihre Lehrer einen herzlichen Gruß zu richten. Eine gute Schulzeit euch allen!

[Auf Deutsch sagte Papst Benedikt XVI.:]

Ganz herzlich heiße ich alle Pilger und Besucher deutscher Sprache hier in Castel Gandolfo willkommen. Unter ihnen grüße ich besonders die Mitglieder des Vorstands und des Aufsichtsrats der LIGA-Bank, die heuer ihr 90-jähriges Bestehen als katholische Genossenschaftsbank feiert.

Die Lesungen der Liturgie dieses Sonntags erinnern uns an die vom Schöpfer gewollte Ordnung der Welt, in der sich alle Menschen frei entfalten können. Unsere Aufgabe ist es, die Ressourcen der Erde im Dienst der Menschen fruchtbringend und gerecht zu verwalten. Dazu gehört auch die Sorge für die bedürftigen Brüder und Schwestern, damit sie durch uns das Erbarmen und die Güte Gottes erfahren können. Der Herr mache euch auf all euren Wegen zu Boten seines Friedens. Gesegneten Sonntag!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]