Papst Benedikt XVI.: Aufruf zu wahrer Solidarität

„Das Viele oder Wenige, das wir haben, teilen“

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ROM, 1. Oktober 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. gestern, Sonntag, zum Angelus gehalten hat.



Der Heilige Vater betrachtete während der letzten allgemeinen Audienz in Castel Gandolfo, dem Sommersitz der Päpste, die Evangeliumsstelle vom reichen Mann und dem armen Lazarus, um die Gläubigen zur Umkehr aufzurufen und den Appell Pauls VI. aus Populorum progressio nachdrücklich zu bekräftigen: „Die Völker, die Hunger leiden, bitten die Völker, die im Wohlstand leben, dringend und inständig um Hilfe.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute legt uns das Lukasevangelium das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus vor (Lk 16,19-31). Der Reiche personifiziert den ungerechten Gebrauch des Reichtums durch den, der ihn für einen zügellosen und egoistischen Luxus verwendet und dabei nur an seine eigene Zufriedenheit denkt, ohne sich im geringsten um den Bettler zu kümmern, der vor seiner Tür steht. Der Arme dagegen steht für jenen Menschen, um den sich allein Gott kümmert, und im Gegensatz zum reichen Mann besitzt er einen Namen: Lazarus, eine Abkürzung für Eleasar, was soviel heißt wie: „Gott hilft ihm“. Wer von allen vergessen wird, den vergisst Gott nicht; wer in den Augen der Menschen nichts wert ist, ist wertvoll in den Augen des Herrn.

Die Erzählung zeigt, wie die irdische Ungerechtigkeit von der göttlichen Gerechtigkeit umgestoßen wird: Nach dem Tod wird Lazarus „in Abrahams Schoß“ aufgenommen, das heißt in die ewige Seligkeit, während der reiche Mann „in der Unterwelt“ endet, wo er „qualvolle Schmerzen“ leidet. Es handelt sich um einen neuen Stand der Dinge, gegen den man keine Berufung einlegen kann und der endgültig ist. Somit muss man sich im Lauf des Lebens bessern; es nachher zu tun, nützt nichts.

Dieses Gleichnis eignet sich auch für eine soziale Lesart. Die von Papst Paul VI. gerade vor 40 Jahren in der Enzyklika Populorum progressio gebotene Interpretation bleibt bezeichnend. Wenn er vom Kampf gegen den Hunger spricht, schreibt er: „Es geht darum, eine Welt zu bauen, wo jeder Mensch… ein volles menschliches Leben führen kann… wo der arme Lazarus an derselben Tafel mit dem Reichen sitzen kann“ (47). Die zahlreichen Situationen des Elends – so heißt es in der Enzyklika – werden einerseits durch die „Versklavung seitens der Menschen“ und andererseits durch eine „noch nicht hinreichend gebändigte Natur“ verursacht (ebd.). Unglücklicherweise leiden gewisse Bevölkerungen aufgrund beider Faktoren. Wie könnte man da in diesem Augenblick nicht besonders an die Länder der Subsahara in Afrika denken, die in den vergangenen Tagen von schweren Überschwemmungen betroffen waren? Aber wir dürfen auch nicht die vielen anderen Situationen humanitären Notstands in verschiedenen Regionen der Welt vergessen, in denen Kämpfe um politische und wirtschaftliche Macht die bereits gravierende Umweltproblematik zusätzlich verschärfen. Der Appell, dem damals Paul VI. seine Stimme verlieh: „Die Völker, die Hunger leiden, bitten die Völker, die im Wohlstand leben, dringend und inständig um Hilfe“ (Populorum progressio, 3), behält heute seine ganze Dringlichkeit bei. Wir können nicht sagen, dass wir den Weg nicht kennen würden, der einzuschlagen ist: Wir haben das Gesetz und die Propheten, sagt uns Jesus im Evangelium. Wer nicht auf sie hören will, wird sich nicht einmal dann ändern, wenn einer von den Toten auferstehen würde, um ihn zu ermahnen.

Die Jungfrau Maria möge uns helfen, damit wir die gegenwärtige Zeit nutzen, um auf das Wort Gottes zu hören und es in die Tat umzusetzen. Sie möge uns die Gnade erlangen, dass wir aufmerksamer werden gegenüber den Brüdern und Schwestern, die Not leiden, um mit ihnen das Viele oder Wenige, das wir haben, zu teilen, und – angefangen bei uns selbst – dazu beitragen, die Logik und den Stil der wahren Solidarität zu verbreiten.

[Nach dem Angelus-Gebet appellierte der Heilige Vater für Frieden und Einheit in Myanmar und Korea:]

Ich verfolge mit großer Angst die Besorgnis erregenden Ereignisse dieser Tag in Myanmar, und möchte jenem teuren Volk im Augenblick der schmerzhaften Prüfung, die es durchmacht, meine geistige Nähe zum Ausdruck bringen. Während ich mein solidarisches und inniges Gebet zusichere und die ganze Kirche dazu auffordere, dasselbe zu tun, wünsche ich nachdrücklich, dass eine friedliche Lösung zum Wohl des Landes gefunden werde.

Ich empfehle eurem Gebet auch die Situation der koreanischen Halbinsel an, wo einige wichtige Entwicklungen im Dialog zwischen den beiden Koreas hoffen lassen, dass sich die Bemühungen um die Aussöhnung zum Wohl des koreanischen Volkes und zugunsten der Stabilität und des Friedens der ganzen Region festigen können.

[Auf Deutsch sagte Papst Benedikt XVI.:]

Ein frohes „Grüß Gott“ sage ich gerne allen deutschsprachigen Gästen hier in Castel Gandolfo. Heute morgen wurde in Neiße in der Diözese Oppeln die Dienerin Gottes Maria Louise Merkert selig gesprochen. Die selige Maria Louise ist Mitbegründerin der Schwestern von der heiligen Elisabeth und wurde schon zu ihren Lebzeiten als die „liebe Mutter aller“, die „Mutter der Armen“ und die „schlesische Samariterin“ verehrt. Nehmen wir uns die Selige zum Vorbild, um gerade den Armen und Bedürftigen in unserer Nähe die Liebe Gottes zuzuwenden.

Der Heilige Geist lenke unsere Worte und Werke! – Euch allen wünsche ich einen gesegneten Sonntag und eine gute Woche.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 – Libreria Editrice Vaticana]