Papst Benedikt XVI.: Aufruf zu weltweitem Frieden

Angelus in Assisi

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ROM, 18. Juni 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am Sonntag zum Angelus gehalten hat.



Der Heilige Vater hielt sich aus Anlass der Feiern zum 800. Jahrestag der Bekehrung des heiligen Franziskus (1181-1226) in Assisi auf. Sein Besuch, so erklärte Benedikt XVI., wolle auf die Tragweite dieses Ereignisses aufmerksam machen.

Der Papst benutzte die Gelegenheit, um von der „Stadt des Friedens“ einen eindringlichen Appell zur Beendigung aller kriegerischen Auseinandersetzungen zu formulieren. „Nur ein verantwortungsvoller und aufrichtiger, vom großherzigen Einsatz der internationalen Gemeinschaft unterstützter Dialog“ werde jegliches Leid beenden und „den Menschen, Institutionen und Völkern Leben und Würde zurückerstatten können“.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Vor nunmehr acht Jahrhunderten hätte sich die Stadt Assisi wohl kaum die Rolle vorstellen können, die ihr die göttliche Vorsehung zuwies – eine Rolle, die sie heute zu einer so weltberühmten Stadt macht, zu einem wahren „Ort der Seele“. Was ihr diesen Charakter verliehen hat, ist ein Ereignis, das sich hier zutrug und das ihr ein unauslöschliches Zeichen einprägte. Ich beziehe mich auf die Bekehrung des jungen Franziskus, der nach 25 Jahren eines mittelmäßigen und verträumten Lebens, das auf die Suche nach weltlichen Freuden und Erfolgen ausgerichtet war, sich der Gnade öffnete, zu sich kam und schrittweise in Christus das Ideal seines Lebens erkannte. Meine heutige Pilgerreise nach Assisi möchte dieses Ereignis ins Gedächtnis rufen, um seine Bedeutung und Tragweite neu zu erkennen.

Mit besonderer Rührung habe ich in der kleinen Kirche von San Damiano halt gemacht, in der Franziskus das programmatische Wort hörte, das vom Kreuz herabkam: „Geh, Franziskus, und bau mein Haus wieder auf“ (2 Cel I, 6, 10: FF 593). Es war dies eine Sendung, die mit der vollständigen Bekehrung seines Herzens begonnen hatte, um so Sauerteig des Evangeliums zu werden, der aus vollen Händen in die Kirche und die Gesellschaft geworfen wurde. In Rivotorto habe ich den Ort gesehen, wohin der Tradition nach jene Leprakranken deportiert wurden, denen sich der Heilige voller Barmherzigkeit annäherte, um sein Leben als Büßer zu beginnen, und auch das Heiligtum, wo die Erinnerung an die arme Wohnstatt des Franziskus und seiner ersten Brüder wach gehalten wird. Ich war in der Basilika der heiligen Klara, der „kleinen Pflanze“ des Franziskus, und heute Nachmittag werde ich mich nach dem Besuch der Kathedrale von Assisi in der Portiuncola aufhalten, von der aus Franziskus in Mariens Schatten die Schritte seiner Bruderschaft leitete, die sich zu verbreiten begann, und wo er den letzten Atemzug tat. Dort werde ich den Jugendlichen begegnen, auf dass der junge, zu Christus bekehrte Franziskus zu ihrem Herzen spreche.

In diesem Augenblick möchte ich mir von der Basilika des heiligen Franziskus aus, wo seine sterblichen Überreste ruhen, vor allem seine Lobpreisungen zu Eigen machen: „Du höchster, mächtigster, guter Herr, Dir sind die Lieder des Lobes, Ruhm und Ehre und jeglicher Dank geweiht“ (Altissimo, Onnipotente, bon Signore, tue so’ le laude, la gloria e l’honore et onne benedizione; Sonnengesang – Cantico di Frate Sole 1: FF263). Franz von Assisi ist ein großer Erzieher unseres Glaubens und unseres Lobpreises. Er verliebte sich in Jesus Christus und begegnete so dem Antlitz jenes Gottes, der die Liebe ist, dessen von Leidenschaft erfüllter Sänger er als wahrer „Narr Gottes“ wurde. Im Licht der Seligpreisungen des Evangeliums lässt sich die Sanftmut verstehen, mit der er die Beziehungen zu den anderen zu leben verstand, indem er sich demutsvoll zu allen hinzugesellte und zum Zeugen und Stifter des Friedens machte.

Aus dieser Stadt des Friedens möchte ich den Vertretern der anderen christlichen Konfessionen und der anderen Religionen einen Gruß übersenden, die im Jahr 1986 der Einladung meines verehrten Vorgängers folgten, hier in der Vaterstadt des Franziskus einen Weltgebetstag für den Frieden zu erleben. Ich halte es für meine Pflicht, von hier aus einen dringlichen und flehentlichen Appell zu richten, damit allen bewaffneten Konflikten, die die Erde mit Blut tränken, ein Ende gesetzt werde; damit die Waffen schweigen und allerorts der Hass der Liebe, die Schmähung der Vergebung und die Zwietracht der Einheit weichen! Im Geiste spüren wir hier die Anwesenheit all derer, die in jedem Teil der Welt aufgrund des Krieges und seiner tragischen Folgen weinen, leiden und sterben. Unser Gedanke richtet sich insbesondere auf das Heilige Land, das der heilige Franziskus so sehr liebte, auf den Irak, den Libanon, auf den gesamten Nahen Osten. Die Völker dieser Länder kennen nun schon seit viel zu langer Zeit die Schrecken der Kämpfe, des Terrorismus, der blinden Gewalt; die Illusion, dass Gewalt die Konflikte lösen kann; die Weigerung, die Gründe des anderen anzuhören und ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Nur ein verantwortungsvoller und aufrichtiger, vom großherzigen Einsatz der internationalen Gemeinschaft unterstützter Dialog wird solchem Leid ein Ende bereiten sowie den Menschen, Institutionen und Völkern Leben und Würde zurückerstatten können.

Der heilige Franziskus, Mann des Friedens, möge für uns vom Herrn die Gnade erlangen, dass die Zahl derer größer werde, die bereit sind, durch tausenderlei kleine Gesten des alltäglichen Lebens „Werkzeuge seines Friedens“ zu werden; dass all jene, die verantwortungsvolle Posten innehaben, von einer leidenschaftlichen Liebe für den Frieden und von einem unzähmbaren Willen, ihn auch zu erlangen, beseelt seien, und zu seiner Erreichung angemessene Mittel wählen. Die heilige Jungfrau, die der „Poverello“ zärtlich liebte und mit inspirierten Worten besang, möge uns helfen, das Geheimnis des Friedens im Wunder der Liebe zu entdecken, das sich mit der Menschwerdung des Sohnes Gottes in ihrem Schoß vollbrachte.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2007 - Libreria Editrice Vaticana]