Papst Benedikt XVI.: Aufruf zum Dienst am Leben in jeder seiner Phasen

„Der Herr des Lebens ist neben dem Kranken als der gegenwärtig, der lebt und das Leben schenkt“

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WÜRZBURG/ROM, 28. Februar 2008 (Die-Tagespost.de/ ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 25. Februar anlässlich des Audienz für die Mitglieder des zweitägigen internationalen Vatikan-Kongresses „An der Seite des unheilbar kranken und sterbenden Menschen: ethische und praktische Leitlinien“ der Päpstlichen Akademie für das Leben gehalten hat.

Kein Gläubiger dürfe in Einsamkeit und Verlassenheit sterben, bekräftigte der Heilige Vater. „Die ganze Gesellschaft durch ihre Gesundheitseinrichtungen und zivilen Institutionen dazu aufgerufen, das Leben und die Würde des Schwerkranken und Sterbenden zu achten.“ Die „Solidarität der Liebe, die Wahrung und die Achtung des menschlichen Lebens“ müsse in jedem Moment der irdischen Entwicklung des Menschen zum Ausdruck gebracht werden.

„Konkret gesagt geht es darum, einem jeden Menschen, der dessen bedarf, die notwendige Unterstützung durch Therapien und angemessenes ärztliches Eingreifen sicherzustellen, die entsprechend der medizinischen Verhältnismäßigkeit ausgemacht und angewendet werden; dabei ist stets der moralischen Pflicht Rechnung zu tragen, jene Mittel der Wahrung des Lebens (durch den Arzt) zu verabreichen und (seitens des Patienten) anzunehmen, die sich in der konkreten Situation als ordentliche Mittel erweisen. Was hingegen die Therapien betrifft, die in gewichtiger Weise mit Risiken verbunden oder unter der angebrachten Vorsicht als außerordentlich zu bewerten sind, wird der Rückgriff auf diese als moralisch erlaubt, aber fakultativ anzusehen sein.“

 

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Liebe Brüder und Schwestern,

mit großer Freude entbiete ich meinen Gruß Ihnen allen, die Sie an dem von der Päpstlichen Akademie für das Leben organisierten Kongress teilnehmen, der unter dem Thema steht: „An der Seite des unheilbar kranken und sterbenden Menschen: ethische und praktische Leitlinien“. Der Kongress findet in Verbindung mit der 14. Vollversammlung der Akademie statt, deren Mitglieder ebenfalls bei dieser Audienz zugegen sind. Ich danke vor allem dem Präsidenten Bischof Sgreccia für seine freundlichen Grußworte. Zusammen mit ihm grüße ich den gesamten Vorsitz der Akademie, deren leitenden Rat, alle Mitarbeiter sowie die ordentlichen, Ehren- und korrespondierenden Mitglieder. Einen herzlichen und dankbaren Gruß möchte ich dann an die Referenten dieses wichtigen Kongresses richten, ebenso wie an alle Teilnehmer, die aus verschiedenen Ländern der Welt stammen. Meine Lieben, Ihr hochherziger Einsatz und Ihr Zeugnis sind wahrhaft lobenswert.

Bereits einfach in Anbetracht der Titel der Vorträge des Kongresses können das breite Panorama Ihrer Reflexionen und die Wichtigkeit wahrgenommen werden, die diese für die gegenwärtige Zeit einnehmen, insbesondere in der säkularisierten Welt von heute. Sie versuchen, Antworten auf die vielen Probleme zu geben, die jeden Tag der unaufhörliche Fortschritt der medizinischen Wissenschaften stellt, deren Aktivitäten immer mehr von hochgradigen technologischen Instrumenten gestützt werden. Angesichts all dessen tritt die dringliche Herausforderung für alle und in besonderer Weise für die vom auferstandenen Herrn belebte Kirche hervor, in den weiten Horizont des menschlichen Lebens den Glanz der offenbarten Wahrheit und die Unterstützung der Hoffnung zu bringen. Wenn ein Leben in fortgeschrittenem Alter oder aber bei Anbruch des irdischen Daseins oder in seiner vollen Blüte aufgrund unvorhergesehener Ursachen verlischt, so darf darin nicht einfach eine biologische Gegebenheit gesehen werden, das zu Ende geht, oder eine Biographie, die abgeschlossen wird, sondern eine neue Geburt und ein erneuertes Dasein, das vom Auferstandenen dem angeboten wird, der sich seiner Liebe nicht willentlich widersetzt hat. Mit dem Tod gelangt die irdische Erfahrung zu ihrem Abschluss, aber durch den Tod eröffnet sich auch für einen jeden von uns jenseits der Zeit das volle und endgültige Leben.

Der Herr des Lebens ist neben dem Kranken als der gegenwärtig, der lebt und das Leben schenkt, der gesagt hat: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10, 10), „Ich bin die Auferstehung und das Leben: wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt“ (Joh 11, 25) und „Ich werde ihn auferwecken am letzten Tag“ (Joh 6, 54). In jenem feierlichen und heiligen Moment finden all jene Anstrengungen ihren Sinn, die in der christlichen Hoffnung unternommen wurden, um uns selbst und die uns anvertraute Welt zu verbessern, und die geläutert sind durch die Gnade und dank der Liebe Gottes, des Schöpfers und Vaters wertvoller werden.

Wenn sich im Augenblick des Todes die Beziehung mit Gott voll in der Begegnung mit dem verwirklicht, „der nicht stirbt, der das Leben selber ist und die Liebe selber, dann sind wir im Leben. Dann leben wir“ (Spe salvi, 27). Für die Gemeinschaft der Gläubigen stellt diese Begegnung des Sterbenden mit der Quelle des Lebens und der Liebe ein Geschenk dar, das für alle von Wert ist, das die Gemeinschaft aller Gläubigen bereichert. Als solches müssen ihm die Aufmerksamkeit und Teilnahme der Gemeinschaft zuteil werden, nicht nur der Familie und der engen Verwandten, sondern in ihren Grenzen und möglichen Formen der gesamten Gemeinschaft, die mit dem Sterbenden verbunden war.

Kein Gläubiger dürfte in Einsamkeit und Verlassenheit sterben. Mutter Teresa von Kalkutta sorgte sich in besonderer Weise darum, die Armen und Verlassenen aufzunehmen, damit sie wenigstens im Augenblick des Todes in der Umarmung der Schwestern und Brüder die Wärme des Vaters erfahren könnten. Es ist jedoch nicht nur die christliche Gemeinde, die sich aufgrund ihrer besonderen Bande der übernatürlichen Gemeinschaft dafür einsetzt, in ihren Mitgliedern das Geheimnis des Schmerzes und des Todes sowie den Anbruch des neuen Lebens zu begleiten und zu feiern.

In der Tat ist die ganze Gesellschaft durch ihre Gesundheitseinrichtungen und zivilen Institutionen dazu aufgerufen, das Leben und die Würde des Schwerkranken und Sterbenden zu achten. „Nicht die Wissenschaft erlöst den Menschen“ (Spe salvi 26): Trotz dieses Bewusstseins sind die gesamte Gesellschaft und insbesondere die mit der medizinischen Wissenschaft verbundenen Sektoren dazu angehalten, die Solidarität der Liebe, die Wahrung und die Achtung des menschlichen Lebens in jedem Moment seiner irdischen Entwicklung zum Ausdruck zu bringen, vor allem wenn es einen Umstand der Krankheit erleidet oder sich in seiner Endphase befindet.

Konkret gesagt geht es darum, einem jeden Menschen, der dessen bedarf, die notwendige Unterstützung durch Therapien und angemessenes ärztliches Eingreifen sicherzustellen, die entsprechend der medizinischen Verhältnismäßigkeit ausgemacht und angewendet werden; dabei ist stets der moralischen Pflicht Rechnung zu tragen, jene Mittel der Wahrung des Lebens (durch den Arzt) zu verabreichen und (seitens des Patienten) anzunehmen, die sich in der konkreten Situation als „ordentliche“ Mittel erweisen. Was hingegen die Therapien betrifft, die in gewichtiger Weise mit Risiken verbunden oder unter der angebrachten Vorsicht als „außerordentlich“ zu bewerten sind, wird der Rückgriff auf diese als moralisch erlaubt, aber fakultativ anzusehen sein.

Darüber hinaus müssen jedem Menschen immer die notwendigen und gebotenen Behandlungen sowie die Unterstützung für die Familien sichergestellt werden, die am meisten von der Krankheit eines ihrer Mitglieder geprüft sind, dies vor allem, wenn die Krankheit schwer und von langer Dauer ist. Auch im Bereich der Arbeitsgesetzgebung werden gewöhnlich den Familienmitgliedern spezifische Rechte im Moment der Geburt zuerkannt; in entsprechender Weise und besonders unter gewissen Umständen sollten ähnliche Rechte den engen Familienangehörigen im Augenblick der Krankheit eines ihrer Verwandten in der Endphase zuerkannt werden.

Eine solidarische und humanitäre Gesellschaft muss den schwierigen Umständen der Familien Rechnung tragen, die manchmal für lange Zeit die Last der häuslichen Pflege von unselbständigen Schwerkranken tragen müssen. Eine größere Achtung des individuellen menschlichen Leben geht unvermeidlich über die konkrete Solidarität aller und jedes Einzelnen und bildet eine der dringlichsten Herausforderungen unserer Zeit.

In der Enzyklika Spe salvi habe ich daran erinnert: „Das Maß der Humanität bestimmt sich ganz wesentlich im Verhältnis zum Leid und zum Leidenden. Das gilt für den Einzelnen wie für die Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die die Leidenden nicht annehmen und nicht im Mit-leiden helfen kann, Leid auch von innen zu teilen und zu tragen, ist eine grausame und inhumane Gesellschaft“ (38). In einer komplexen Gesellschaft, die stark unter dem Einfluss der Dynamiken der Produktivität und der Erfordernisse der Wirtschaft steht, laufen die schwachen Menschen und die ärmsten Familien Gefahr, in Momenten wirtschaftlicher Schwierigkeiten und/oder der Krankheit überrollt zu werden. Immer mehr finden sich in den großen Städten alte und einsame Menschen, auch in den Momenten schwerer Krankheit und wenn sie dem Tode nahe stehen. In derartigen Situationen verstärkt sich der auf Sterbehilfe ausgerichtete Druck, vor allem dann, wenn sich eine utilitaristische Sichtweise des Menschen einschleicht. Diesbezüglich nehme ich die Gelegenheit wahr, um noch einmal entsprechend der jahrhundertealten Lehre der Kirche die feste und beständige ethische Verurteilung jeder Form der direkten Euthanasie zu bekräftigen.

Die Synergien der Zivilgesellschaft und der Gemeinschaft der Gläubigen müssen darauf ausgerichtet sein zu erreichen, dass alle nicht nur in Würde und Verantwortung leben, sondern ebenso den Augenblick der Prüfung und des Todes unter der besten Bedingung der Brüderlichkeit und der Solidarität auch dort durchgehen können, wo sich der Tod in einer armen Familie oder im Bett eines Krankenhauses zuträgt. Die Kirche ist mit ihren bereits aktiven Institutionen sowie mit neuen Initiativen dazu berufen, das Zeugnis der tätigen Nächstenliebe zu bieten, besonders bei kritischen Situationen von Menschen, die nicht selbstständig sind und keine Unterstützung durch die Familie haben, sowie gegenüber den Schwerkranken, die palliativer Therapien und angemessenem religiösen Beistand bedürfen. Die geistliche Mobilisierung der Pfarr- und Diözesangemeinden auf der einen Seite, die Schaffung oder Qualifizierung der von der Kirche abhängenden Strukturen auf der anderen Seite werden das gesamte soziale Umfeld beleben und sensibilisieren können, damit einem jeden leidenden Menschen und insbesondere dem, der sich dem Moment des Todes annähert, die Solidarität und Liebe angeboten und diese bezeugt werden.

Die Gesellschaft ihrerseits darf es nicht daran fehlen lassen, die gebotene Unterstützung den Familien zuzusichern, die die Absicht haben, sich zuhause für manchmal lange Zeiträume um Kranke zu kümmern, die unter degenerativen Krankheiten leiden (Krebskrankheiten, neurodegenerative Pathologien usw.) oder einer besonders anspruchsvollen Pflege bedürfen. In besonderer Weise ist die Mitwirkung aller lebendigen und verantwortlichen Kräfte der Gesellschaft für jene Einrichtungen zur spezifischen Pflege eingefordert, die zahlreiches und spezialisiertes Personal und besonders kostenträchtige Ausrüstung absorbieren. Vor allem in diesen Bereichen kann sich die Synergie zwischen der Kirche und den Institutionen als einzigartig wertvoll offenbaren, um dem menschlichen Leben im Moment der Schwäche die nötige Hilfe zuzusichern.

Während ich hoffe, dass auf diesem Internationalen Kongress, der in Verbindung mit dem Jubiläum der Erscheinungen von Lourdes stattfindet, neue Vorschläge gefunden werden können, um die Situation derer zu erleichtern, die mit den Endstadien der Krankheiten zu tun haben, ermahne ich Sie, in Ihrem wohlverdienten Einsatz des Dienstes am Leben in jeder seiner Phasen fortzufahren. Mit diesen Gefühlen versichere ich Sie meines Gebets als Stütze Ihrer Arbeit und begleite Sie mit einem besonderen Apostolischen Segen.

[© Die Tagspost vom 28. Februar 2008]