Papst Benedikt XVI. betrachtet drei Lehren des heiligen Basilius des Großen

„Nur wenn wir für diesen Gott, den gemeinsamen Vater, offen sind, können wir eine gerechte und brüderliche Welt aufbauen“

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ROM, 17. August 2007 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. bei der ersten Generalaudienz nach seinen Sommerferien in den Dolomiten gehalten hat.



Vor zahlreichen Gläubigen und Pilgern aus aller Welt nahm der Heilige Vater am 1. August wieder den heiligen Basilius den Großen in den Blick und knüpfte damit nahtlos an seine Katechese vom 4. Juli an. Im Mittelpunkt der aktuellen Katechesen-Reihe des Papstes stehen die großen Heiligengestalten des frühen Christentums.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Nach dieser dreiwöchigen Pause nehmen wir unsere gewohnten Begegnungen am Mittwoch wieder auf. Heute möchte ich an die letzte Katechese anknüpfen, die das Leben und die Schriften des hl. Basilius zum Thema hatte, der im 4. Jahrhundert Bischof in Kleinasien, in der heutigen Türkei, war.

Das Leben dieses großen Heiligen und seine Werke sind reich an Anregungen zum Nachdenken und an Lehren, die auch für uns heute gültig sind.

Da ist vor allem der Hinweis auf das Geheimnis Gottes, der für den Menschen der maßgebendste und lebenswichtige Bezug bleibt. Der Vater ist »Anfang und Urgrund des Seins von allem, was existiert, Quelle der Lebewesen« (Hom. 15,2 de fide: PG 31,465c), und vor allem ist er »der Vater unseres Herrn Jesus Christus« (Anaphora sancti Basilii). Wenn wir durch die Geschöpfe bis zu Gott zurückgehen, »werden wir uns seiner Güte und seiner Weisheit bewußt« (Basilius, Adversus Eunomium 1,14: PG 29,544b). Der Sohn ist das »Abbild der Güte des Vaters und Abdruck der ihm gleichen Gestalt« (vgl. Anaphora sancti Basilii). Durch seinen Gehorsam und sein Leiden hat das fleischgewordene Wort die Sendung als Erlöser des Menschen vollbracht (vgl. Basilius, In Psalmum 48,8: PG 29,452ab; vgl. auch De Baptismo 1,2: SC 357,158).

Schließlich spricht er ausführlich vom Heiligen Geist, dem er ein ganzes Buch gewidmet hat. Er enthüllt uns, daß der Geist die Kirche beseelt, sie mit seinen Gaben erfüllt, sie heilig macht. Das strahlende Licht des göttlichen Geheimnisses spiegelt sich im Menschen, Ebenbild Gottes, wider und erhöht dessen Würde. Wenn man auf Christus blickt, begreift man vollständig die Würde des Menschen. Basilius ruft aus: »[Mensch], werde dir deiner Größe bewußt, indem du den für dich gezahlten Preis bedenkst: Betrachte den Preis für deine Befreiung und erkenne deine Würde!« (In Psalmum 48,8: PG 29,452b).

Besonders der Christ, der dem Evangelium gemäß lebt, erkennt, daß die Menschen alle untereinander Brüder sind; daß das Leben ein Verwalten der von Gott empfangenen Güter ist, für die jeder dem anderen gegenüber verantwortlich ist, und wer reich ist, muß gleichsam ein »Vollstrecker der Weisungen des wohltätigen Gottes« sein (Hom. 6 de avaritia: PG 32,1181–1196). Wir müssen uns alle gegenseitig helfen und als Glieder eines Leibes zusammenarbeiten (Ep. 203,3). Und zu diesem Punkt hat er in seinen Predigten auch mutige, starke Worte gebraucht. In der Tat, wer nach dem Gebot Gottes den Nächsten lieben will wie sich selbst, »darf nicht mehr besitzen als sein Nächster« (Hom. in divites: PG 31,281b).

In Zeiten von Hungersnot und Katastrophen ermahnte der heilige Bischof die Gläubigen mit leidenschaftlichen Worten, »sich nicht grausamer als wilde Tiere zu verhalten…, indem sie sich aneignen, was Gemeingut ist, und allein besitzen, was allen gehört« (Hom. tempore famis: PG 31,325a). Der tiefgründige Gedanke des Basilius tritt in dem folgenden eindrucksvollen Satz deutlich zutage: »Alle Notleidenden schauen auf unsere Hände, so wie wir auf die Hände Gottes schauen, wenn wir in Not sind.« Wohlverdient ist daher das Lob von seiten Gregors von Nazianz, der nach dem Tod des Basilius sagte: »Basilius überzeugte uns, daß wir, da wir Menschen sind, weder die Menschen verachten noch durch unsere Unmenschlichkeit gegenüber den Menschen Christus, das gemeinsame Haupt aller, beleidigen dürfen; vielmehr müssen wir bei Unglücksfällen der anderen selbst wohltätig sein und Gott von unserer Barmherzigkeit leihen, weil wir Barmherzigkeit nötig haben« (Gregor von Nazianz, Oratio 43,63: PG 36,580b). Das sind sehr aktuelle Worte. Wir sehen, der hl. Basilius ist wirklich einer der Väter der Soziallehre der Kirche.

Außerdem erinnert uns Basilius daran, daß wir, um die Liebe zu Gott und zu den Menschen in uns lebendig zu erhalten, die Eucharistie nötig haben, die für die Getauften angemessene Speise, die die aus der Taufe erwachsenden neuen Kräfte zu nähren vermag (vgl. De Baptismo 1,3: SC 357,192). An der Eucharistie teilnehmen zu können, die eingesetzt wurde, »um unablässig die Erinnerung an den zu bewahren, der für uns gestorben und auferstanden ist« (Moralia 80,22: PG 31,869b), ist ein Grund zu unermeßlicher Freude (Moralia 21,3: PG 31,741a). Die Eucharistie, unermeßliche Gabe Gottes, schützt in jedem von uns die Erinnerung an das Taufsiegel und gewährt uns, die Gnade der Taufe in Fülle und Treue zu leben. Deshalb empfiehlt der heilige Bischof den häufigen, auch täglichen Empfang der Kommunion: »Auch jeden Tag zur Kommunion zu gehen und den heiligen Leib und das Blut Christi zu empfangen, ist gut und nützlich; denn er selbst sagt mit aller Klarheit: ›Wer mein Fleisch ißt und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben‹ (Joh 6,54). Wer wird also daran zweifeln, daß ständige Teilnahme am Leben heißt, in Fülle zu leben?« (Ep. 93: PG 32, 484b). Mit einem Wort, die Eucharistie ist für uns notwendig, um in uns das wahre Leben, das ewige Leben zu empfangen (vgl. Moralia 21,1: PG 31,737c).

Schließlich interessierte sich Basilius natürlich auch für jenen auserwählten Teil des Gottesvolkes, den die Jugendlichen, die Zukunft der Gesellschaft, verkörpern. An sie richtete er eine Rede darüber, wie sie aus der heidnischen Kultur ihrer Zeit Nutzen ziehen könnten. Mit großer Ausgewogenheit und Aufgeschlossenheit erkennt er, daß sich in der klassischen, griechischen und lateinischen, Literatur Beispiele von Tugend finden. Diese Beispiele rechten Lebens können für den christlichen Jugendlichen bei der Suche nach der Wahrheit, nach der richtigen Lebensweise nützlich sein (vgl. Ad Adolescentes 3). Es gilt daher, den Texten der klassischen Autoren alles zu entnehmen, was angemessen ist und der Wahrheit entspricht: Mit einer solchen kritischen und offenen Haltung – es handelt sich in der Tat um eine richtiggehende »Unterscheidung der Geister« – wachsen die Jugendlichen in der Freiheit. Mit dem berühmten Bild von den Bienen, die aus den Blüten nur das sammeln, was für den Honig dient, empfiehlt Basilius: »Wie die Bienen im Unterschied zu den anderen Tieren, die sich auf den Genuß des Duftes und der Farbe der Blumen beschränken, aus den Blüten den Honig zu ziehen wissen, so kann man auch aus diesen Schriften … etwas Nutzen für den Geist ziehen. Wir müssen jene Bücher nutzen, indem wir in allem dem Beispiel der Bienen folgen. Sie setzen sich nicht unterschiedslos auf alle Blüten und versuchen auch nicht, von jenen, auf denen sie sich niederlassen, alles wegzutragen, sondern ziehen nur das heraus, was der Herstellung des Honigs dient, und lassen den Rest beiseite. Und wenn wir weise sind, werden wir aus jenen Schriften alles entnehmen, was sich für uns eignet und was der Wahrheit entspricht, und werden den Rest übergehen« (Ad Adolescentes, 4). Vor allem empfiehlt Basilius den Jugendlichen, in den Tugenden, in der rechten Lebensweise zu wachsen: »Während die anderen Güter … wie beim Würfelspiel von diesem auf jenen übergehen, ist allein die Tugend ein unveräußerliches Gut und besteht während des Lebens und nach dem Tod weiter« (Ad Adolescentes, 5).

Liebe Brüder und Schwestern, mir scheint, man kann sagen, daß dieser Kirchenvater aus einer fernen Zeit auch zu uns spricht und uns Wichtiges zu sagen hat. Da ist vor allem diese aufmerksame, kritische und kreative Teilnahme an der Kultur von heute. Sodann die soziale Verantwortung: In der heutigen Zeit, in einer globalisierten Welt, sind auch die geographisch entfernten Völker wirklich unsere Nächsten. Dann die Freundschaft mit Christus, dem Gott mit dem menschlichen Antlitz. Und schließlich die Erkenntnis und die Dankbarkeit gegenüber dem Schöpfergott, Vater von uns allen: Nur wenn wir für diesen Gott, den gemeinsamen Vater, offen sind, können wir eine gerechte und brüderliche Welt aufbauen.

[Anschließend begrüßte Benedikt XVI. die Pilgergruppen:]

Ich grüße die Gruppe der Pfadfinder und Pfadfinderinnen Europas, die an diesem Morgen mit ihrer Gegenwart ihre kirchliche Beteiligung bestätigen wollen, nachdem sie das Pfadfinderversprechen erneuert haben, das sie dazu anhält, ihre Pflicht gegenüber Gott zu erfüllen und den anderen großherzig zu dienen. Meine Gedanken richten sich auch an alle Pfadfinder der Welt, die ihre Versprechen genau heute erneuern, an dem Tag, auf den das 100jährige Bestehen des Pfadfindertums fällt. Denn genau vor 100 Jahren, am 1. August 1907, begann auf der Insel Brownsea das erste Pfadfinderlager der Geschichte. Von Herzen wünsche ich, daß die erzieherische Bewegung der Pfadfinder, die aus der tiefen Intuition von Lord Robert Baden Powell hervorgegangen ist, weiterhin reiche Früchte der menschlichen, spirituellen und zivilen Bildung in allen Ländern der Welt tragen möge.

Zum Abschluß der Generalaudienz möchte ich eine gute Nachricht im Hinblick auf den Irak erwähnen, die im ganzen Land einen allgemeinen Ausbruch der Freude hervorgerufen hat. Ich beziehe mich auf den Sieg der irakischen Fußballnationalmannschaft beim Asien Cup. Es ist ein historischer Erfolg für den Irak, der zum ersten Mal Fußball-Asienmeister geworden ist. Der Enthusiasmus, der alle Einwohner angesteckt und sie auf die Straßen geführt hat, um das Ereignis zu feiern, hat mich beeindruckt und mit Freude erfüllt. Wie ich oft mit den Irakern geweint habe, so freue ich mich jetzt mit ihnen. Die Erfahrung dieser geteilten Freude offenbart den Wunsch eines Volkes, ein normales und ruhiges Leben zu führen. Ich hoffe, daß dieses Ereignis dazu beitragen kann, im Irak mit dem Beitrag aller eine Zukunft echten Friedens in Freiheit und gegenseitigem Respekt aufzubauen. Herzlichen Glückwunsch!

[Auf Deutsch erklärte der Bischof von Rom:]

In der letzten Mittwochskatechese vor meinem Urlaub habe ich über die Person und das Leben des heiligen Basilius gesprochen. Heute möchte ich noch auf einige wichtige Aspekte seiner Lehre eingehen: Der heilige Bischof und Kirchenlehrer ruft die Christen zu ungeteilter und konkreter Liebe gegenüber Gott und dem Nächsten, zu vorbehaltloser Hingabe an die Gebote Gottes und zu einer echten Lebenspraxis im Geiste des Evangeliums auf. Der Mensch, der Gott liebt, strebt danach, immer wieder im Gebet das Geheimnis des Dreifaltigen Gottes zu betrachten. Gott ist der Urgrund und die Quelle alles Lebens. Wenn wir von den Geschöpfen gedanklich zu Gott zurückgehen, wird uns immer mehr die Güte und Weisheit des Vaters bewußt. Der Sohn Gottes macht uns mit seinem Erlösungswerk deutlich, was der Mensch ihm wert ist und welche Würde dem Menschen zu eigen ist. Von Christus geht der Heilige Geist aus, der die Kirche belebt, sie mit seinen Gaben erfüllt und sie heilig macht. Basilius erinnert zudem daran, daß die Werke der Nächstenliebe wie auch die regelmäßige Teilnahme an der Eucharistie nötig sind, um die Liebe zu Gott wach zu halten. Der Jugend gibt der Heilige den Rat, die Wahrheit und das Gute auch in der Kultur und im Wissen der Zeit zu suchen.

Einen frohen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher deutscher Sprache, besonders an die zahlreichen Jugendgruppen, unter ihnen mit besonderer Freude an die Ministranten aus dem Pfarrverband Tittmoning. Euer Besuch hier in Rom und die vielen Zeugnisse der Heiligen und Märtyrer in dieser Stadt mögen euch anspornen, selbst Zeugen für Christus zu sein und den Menschen, die unsere Hilfe brauchen, die Güte und Liebe Gottes sichtbar zu machen. Der Heilige Geist geleite euch und gebe euch Kraft!

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