Papst Benedikt XVI.: Christen und Muslime, Glieder einer Familie

Empfang für das Katholisch-Muslimische Forum im Vatikan

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ROM, 14. November 2008 (ZENIT.org) .- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 6. November vor den Teilnehmern des ersten Seminars des Katholisch-Muslimischen Forums im Vatikan gehalten hat.

Das Forum ist eine gemeinsame Initaitive des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog und einiger Vertreter jener 138 muslimischen Gelehrten, die sich im Oktober 2007 mit einem offenen Brief andie Christenheit gewandt hatten, um Dialog und gegenseitiges Verständnis zu fördern.

Am Ende des dreitägigen Seminars, das im Vatikan stattfand, veröffentlichten die jeweils 24 Vertreter und fünf Berater jeder Seite eine gemeinsame Erklärung. Die nächste Begegnung soll in zwei Jahren in einem muslimisch geprägten Land stattfinden. 

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Liebe Freunde!

Ich freue mich, Sie heute vormittag zu empfangen, und begrüße Sie alle ganz herzlich. Ich danke besonders Kardinal Jean-Louis Tauran sowie Scheich Mustafa Ceric und Herrn Seyyed Hossein Nasr für ihre Worte. Unsere Begegnung findet zum Abschluß des wichtigen Seminars statt, das vom »Katholisch/Muslimischen Forum« veranstaltet wurde. Eingerichtet wurde dieses Forum vom Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog und Vertretern jener 138 muslimischen Religionsführer, die am 13. Oktober 2007 den an die christlichen Oberhirten gerichteten offenen Brief unterzeichnet hatten. Das jetzige Treffen ist ein klares Zeichen unserer gegenseitigen Achtung und unseres Wunsches, einander respektvoll zuzuhören. Ich kann Ihnen zusichern, daß ich den Verlauf Ihrer Tagung im Gebet begleitet habe, da ich mir bewußt bin, daß sie im Rahmen anderer, vom Heiligen Stuhl geförderter regelmäßiger Begegnungen mit verschiedenen muslimischen Gruppen einen weiteren Schritt auf dem Weg zu einem größeren Verständnis zwischen Moslems und Christen darstellt. Der offene Brief »Ein gemeinsames Wort zwischen uns und euch« hat zahlreiche Antworten erhalten und zum Dialog, zu besonderen Initiativen und Begegnungen angeregt, die uns helfen sollen, einander genauer kennenzulernen und in der Achtung unserer gemeinsamen Werte zu wachsen. Das große Interesse, das dieses Seminar geweckt hat, ist für uns ein Ansporn sicherzustellen, daß die Überlegungen und die positiven Entwicklungen, die vom muslimischchristlichen Dialog ausgehen, nicht auf eine kleine Gruppe von Experten und Gelehrten beschränkt bleiben, sondern als ein kostbares Vermächtnis weitergegeben werden, damit sie in den Dienst aller gestellt werden und im Alltagsleben Früchte tragen. Das Thema, das Sie für Ihr Treffen gewählt haben – »Gottesliebe, Nächstenliebe: Die Würde des Menschen und die gegenseitige Achtung« – ist besonders bedeutsam. Es wurde dem offenen Brief entnommen, der die Gottes- und die Nächstenliebe als das Herzstück sowohl des Islam wie des Christentums darstellt. Dieses Thema beleuchtet klarer die theologischen und spirituellen Grundlagen einer zentralen Lehre unserer jeweiligen Religionen.

Die christliche Tradition verkündet, daß Gott die Liebe ist (vgl. 1 Joh 4,16). Aus Liebe hat er das ganze Universum geschaffen und wird durch seine Liebe in der menschlichen Geschichte gegenwärtig. Die Liebe Gottes wurde sichtbar, sie offenbarte sich vollkommen und endgültig in Jesus Christus. So kam er herab, um dem Menschen zu begegnen, und während er Gott blieb, nahm er unsere Natur an. Er gab sich selbst hin, um jedem Menschen die volle Würde zurückzugeben und uns das Heil zu bringen. Wie könnten wir das Geheimnis der Menschwerdung und der Erlösung jemals anders erklären als durch die Liebe? Diese unendliche und ewige Liebe ermöglicht es uns zu antworten, indem wir sie mit unserer ganzen Liebe erwidern: Gottesliebe und Nächstenliebe. Diese Wahrheit, die wir als grundlegend ansehen, wollte ich in meiner ersten Enzyklika Deus Caritas est herausstellen, da es sich um eine zentrale Lehre des christlichen Glaubens handelt. Es ist unsere Berufung und Sendung, die Liebe, mit der uns Gott ohne jedes Verdienst so reich beschenkt, frei mit anderen zu teilen.

Ich bin mir sehr wohl bewußt, daß Moslems und Christen unterschiedliche Zugänge zu den Dingen haben, die Gott betreffen. Dennoch können und müssen wir an den einen Gott glauben, der uns geschaffen hat und sich um jeden Menschen in jedem Winkel der Welt sorgt. Wir müssen durch unsere gegenseitige Achtung und Solidarität gemeinsam zeigen, daß wir uns selbst als Glieder einer Familie betrachten: der Familie, die Gott von der Schöpfung der Welt bis zum Ende der menschlichen Geschichte geliebt und um sich gesammelt hat.

Ich freute mich zu hören, daß Sie bei dieser Tagung bezüglich der Notwendigkeit, voll und ganz an Gott zu glauben und unsere Mitmenschen, Brüder und Schwestern, besonders die Notleidenden, unvoreingenommen zu lieben, zu einer gemeinsamen Position gelangt sind. Gott fordert uns auf, uns gemeinsam für die Opfer von Krankheit, Hunger, Armut, Ungerechtigkeit und Gewalt einzusetzen. Für die Christen ist die Gottesliebe untrennbar verbunden mit der Liebe unserer Brüder und Schwestern, aller Männer und Frauen, ohne Unterschied der Rasse und Kultur. Wie der hl. Johannes schreibt: »Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott!, aber seinen Bruder haßt, ist er ein Lügner. Denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht« (1 Joh 4,20).

Die muslimische Tradition ist auch ganz eindeutig, wenn sie zum praktischen Einsatz im Dienst an den Ärmsten ermuntert und bereitwillig in ihrer eigenen Version an die »Goldene Regel« erinnert: Euer Glaube wird nur dann vollkommen sein, wenn ihr den anderen das tut, was ihr für euch selbst wünscht. Wir sollten also zusammenarbeiten in der Förderung des echten Respekts vor der Würde der menschlichen Person und der menschlichen Grundrechte, auch wenn unsere anthropologischen Sichtweisen und unsere Theologien das unterschiedlich begründen. Es gibt ein großes und weites Feld, auf dem wir bei der Verteidigung und Förderung der moralischen Werte, die Teil unseres gemeinsamen Erbes sind, miteinander tätig werden können. Erst wenn wir uns anschicken, die zentrale Stellung der menschlichen Person und der Würde jedes Menschen anzuerkennen, das Leben zu respektieren und zu verteidigen, das Geschenk Gottes und deshalb sowohl für Christen als auch für Moslems heilig ist – nur auf der Grundlage dieser Anerkennung können wir eine gemeinsame Basis für den Aufbau einer brüderlicheren Welt finden, einer Welt, in der Auseinandersetzungen und Differenzen friedvoll beigelegt werden und die vernichtende Macht der Ideologien neutralisiert wird.

Noch einmal: Meine Hoffnung ist, daß diese grundlegenden Menschenrechte für alle Menschen überall geschützt werden. Politische und religiöse Führer haben die Pflicht, die freie Ausübung dieser Rechte in voller Achtung für die Gewissens- und Religionsfreiheit jedes einzelnen Menschen zu gewährleisten. Die Diskriminierung und Gewalt, die religiöse Menschen auch heute in vielen Teilen der Welt erfahren, und die oft gewalttätigen Verfolgungen, denen sie ausgesetzt sind, stellen inakzeptable und nicht zu rechtfertigende Akte dar, die um so schwerwiegender und beklagenswerter sind, wenn sie im Namen Gottes ausgeführt werden. Gottes Name kann nur ein Name des Friedens und der Brüderlichkeit, der Gerechtigkeit und der Liebe sein. Wir sind aufgefordert, durch unsere Worte und vor allem durch unsere Taten zu zeigen, daß die Botschaft unserer Religionen unversiegbar eine Botschaft der Harmonie und des gegenseitigen Verständnisses ist. Es ist von wesentlicher Bedeutung, daß wir dies tun; andernfalls schwächen wir die Glaubwürdigkeit und Wirksamkeit nicht nur unseres Dialogs, sondern auch unserer Religionen selbst.

Ich bete dafür, daß das »Katholisch/Muslimische Forum«, das nun zuversichtlich seine ersten Schritte tut, immer mehr zu einem Ort des Dialogs werden und uns helfen wird, wenn wir miteinander den Weg zu einer immer volleren Erkenntnis der Wahrheit einschlagen. Die heutige Begegnung ist auch eine vorzügliche Gelegenheit, uns selber zu einem immer aufrichtigeren Streben nach der Gottesliebe und Nächstenliebe zu verpflichten: das ist die unerläßliche Voraussetzung, um den Männern und Frauen unserer Zeit einen glaubwürdigen Dienst der Versöhnung und des Friedens anzubieten.

Liebe Freunde, lassen Sie uns unsere von gutem Willen beseelten Anstrengungen vereinen, um alle Mißverständnisse und Meinungsverschiedenheiten zu überwinden! Lassen Sie uns den Entschluß fassen, Vorurteile aus der Vergangenheit auszuräumen und die oft verzerrten Bilder vom anderen zu korrigieren, die noch heute Schwierigkeiten in unseren Beziehungen hervorrufen können! Lassen Sie uns miteinander für die Bildung aller Menschen, besonders der Jugendlichen, arbeiten, um eine gemeinsame Zukunft aufzubauen! Möge uns Gott in unseren guten Absichten stärken und unseren Gemeinden ermöglichen, konsequent die Wahrheit der Liebe zu leben, die das Herz des religiösen Menschen und die Grundlage für die Achtung vor der Würde jedes Menschen darstellt. Möge Gott, der eine, barmherzige und mitleidsvolle, uns bei dieser anspruchsvollen Aufgabe beistehen, uns schützen, uns segnen und uns immer mit der Kraft seiner Liebe erleuchten.

 

 

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