Papst Benedikt XVI.: „Christi Auferstehung ist unsere Hoffnung!"

Osterbotschaft des Papstes zum Segen Urbi et Orbi

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ROM, 12. April 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, am Ostersonntag, nach der heiligen Messe zum Segen Urbi et Orbi vom Mittelbalkon des Petersdoms aus gehalten hat.

„Resurrectio Domini, spes nostra! Christi Auferstehung ist unsere Hoffnung! Das ruft die Kirche heute mit Freude aus: Sie verkündet die Hoffnung, die Gott gefestigt und unüberwindlich gemacht hat, indem er Jesus Christus von den Toten auferweckt hat; sie verbreitet die Hoffnung, die sie im Herzen trägt und mit allen teilen möchte.“

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Liebe Brüder und Schwestern aus Rom und der ganzen Welt!

Von Herzen bringe ich Euch allen meine österlichen Glückwünsche mit den Worten des heiligen Augustinus zum Ausdruck: „Resurrectio Domini, spes nostra – die Auferstehung des Herrn ist unsere Hoffnung" (Augustinus, Sermo 261, 1). Mit dieser Aussage erklärte der große Bischof seinen Gläubigen, daß Jesus für uns auferstanden ist, damit wir, obwohl wir sterben müssen, nicht verzweifeln sollten in dem Gedanken, daß mit dem Tod das Leben völlig beendet sei; Christus ist auferstanden, um uns Hoffnung zu geben (vgl. ibid.).

Tatsächlich ist eine der Fragen, die das Leben des Menschen am meisten quälen, genau diese: Was ist nach dem Tod? Das heutige Hochfest erlaubt uns, auf dieses Rätsel zu antworten, daß der Tod nicht das letzte Wort hat, denn schließlich ist es das Leben, das siegt. Und diese unsere Gewißheit gründet sich nicht auf bloße menschliche Überlegungen, sondern auf eine geschichtliche Gegebenheit des Glaubens: Jesus Christus, der gekreuzigt und begraben wurde, ist mit seinem verherrlichten Leib auferstanden. Jesus ist auferstanden, damit auch wir, wenn wir an ihn glauben, das ewige Leben haben können. Diese Verkündigung ist das Herz der evangelischen Botschaft. Das erklärt der heilige Paulus mit Nachdruck: „Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos." Und er fügt hinzu: „Wenn wir unsere Hoffnung nur in diesem Leben auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen" (1 Kor 15, 14. 19). Seit dem Morgengrauen des Ostertags erfaßt ein neuer Frühling der Hoffnung die Welt; mit jenem Tag hat unsere Auferstehung schon begonnen, denn Ostern ist nicht bloß ein Moment der Geschichte, sondern der Beginn eines neuen Zustands: Jesus ist nicht etwa auferstanden, damit die Erinnerung an ihn im Herzen seiner Jünger lebendig bleibt, sondern damit er selbst in uns lebt und wir in ihm schon die Freude des ewigen Lebens erfahren können.

Die Auferstehung ist deshalb nicht eine Theorie, sondern eine von dem Menschen Jesus Christus durch sein „Pascha", durch seinen „Übergang" offenbarte geschichtliche Realität – ein Übergang, der einen „neuen Weg" zwischen der Erde und dem Himmel eröffnet hat (vgl. Hebr 10, 20). Es ist weder ein Mythos noch ein Traum, es ist weder eine Vision noch eine Utopie, es ist kein Märchen, sondern ein einmaliges und unwiederholbares Ereignis: Jesus von Nazareth, der Sohn Marias, der am Freitag bei Sonnenuntergang vom Kreuz abgenommen und begraben worden ist, hat siegreich das Grab verlassen. Tatsächlich haben Petrus und Johannes bei Anbruch des ersten Tages nach dem Sabbat das Grab leer vorgefunden. Magdalena und die anderen Frauen sind dem auferstandenen Jesus begegnet; auch die beiden Jünger von Emmaus haben ihn erkannt, als er das Brot brach; am Abend ist der Auferstandene den Aposteln im Abendmahlssaal erschienen und danach vielen anderen Jüngern in Galiläa.

Die Verkündigung der Auferstehung des Herrn trägt Licht in die dunklen Zonen der Welt, in der wir leben. Ich beziehe mich insbesondere auf den Materialismus und den Nihilismus, auf jene Weltanschauung, die nicht über das experimentell Feststellbare hinauszublicken vermag und sich trostlos in ein Gefühl des Nichts zurückzieht, das der definitive Endpunkt der menschlichen Existenz wäre. In der Tat: Wenn Christus nicht auferstanden wäre, würde die „Leere" unweigerlich die Oberhand gewinnen. Wenn wir Christus und die Auferstehung ausblenden, gibt es für den Menschen kein Entrinnen, und jede Hoffnung bleibt eine Illusion. Doch gerade heute bricht die Botschaft von der Auferstehung des Herrn mit Macht hervor und stellt die Antwort auf die immer wiederkehrende Frage der Skeptiker dar, die auch im Buch Kohelet wiedergegeben ist: „Gibt es etwa ein Ding, von dem man sagen könnte: Sieh dir das an, das ist etwas Neues?" (vgl. Koh 1, 10). Ja, antworten wir: Am Ostermorgen ist alles neu geworden. „Mors et vita / duello conflixere mirando: dux vitae mortuus / regnat vivus – Tod und Leben, die kämpften unbegreiflichen Zweikampf; des Lebens Fürst, der starb, herrscht nun lebend." Das ist das Neue! Eine Neuheit, die das Leben dessen, der sie annimmt, verändert, wie es bei den Heiligen geschah. So erging es zum Beispiel dem heiligen Paulus.

Mehrmals haben wir im Zusammenhang des Paulusjahres die Gelegenheit gehabt, über die Erfahrung des großen Apostels zu meditieren. Saulus von Tarsus, der erbitterte Christenverfolger, begegnete auf dem Weg nach Damaskus dem auferstandenen Christus und wurde von ihm „ergriffen". Alles weitere ist uns bekannt. In Paulus vollzog sich das, was er später an die Christen von Korinth schrieb: „Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden" (2 Kor 5, 17). Schauen wir auf diesen großen Missionar, der mit der kühnen Begeisterung seines apostolischen Wirkens das Evangelium zu vielen Völkern der damaligen Welt gebracht hat. Mögen seine Lehre und sein Beispiel uns anregen, Jesus, den Herrn zu suchen. Mögen sie uns ermutigen, ihm zu vertrauen, denn das Gefühl des Nichts, das dazu neigt, die Menschheit zu vergiften, ist überwältigt worden durch das Licht und die Hoffnung, welche von der Auferstehung ausgehen. Jetzt haben sich die Worte des Psalms bewahrheitet und sind ganz real geworden: „Auch die Finsternis ist für dich nicht finster, die Nacht leuchtet wie der Tag" (vgl. 139 [138], 12). Nicht mehr das Nichts hüllt alles ein, sondern die liebende Gegenwart Gottes. Sogar das Reich des Todes selbst ist befreit, denn getragen vom Hauch des Geistes ist das Wort des Lebens auch in der „Unterwelt" angekommen (vgl. V. 8).

So wahr es ist, daß der Tod keine Macht mehr über den Menschen und die Welt hat, bestehen doch noch viele, zu viele Zeichen seiner alten Herrschaft fort. Wenn Christus auch durch sein Pascha die Wurzel des Übels ausgerottet hat, so braucht er doch Männer und Frauen, die ihm zu jeder Zeit und an jedem Ort helfen, seinen Sieg mit seinen eigenen Waffen zu behaupten: mit den Waffen der Gerechtigkeit und der Wahrheit, mit den Waffen der Barmherzigkeit, der Vergebung und der Liebe. Das ist die Botschaft, die ich unlängst anläßlich meiner Apostolischen Reise nach Kamerun und Angola dem gesamten afrikanischen Kontinent überbringen wollte, der mich mit großer Begeisterung und hörbereitem Herzen empfangen hat. Tatsächlich leidet Afrika über alle Maßen aufgrund grausamer und endloser – oft vergessener – Konflikte, die verschiedene seiner Nationen zerreißen und mit Blut überströmen, und aufgrund der zunehmenden Anzahl seiner Söhne und Töchter, die dem Hunger, der Armut und der Krankheit zum Opfer fallen. Dieselbe Botschaft werde ich mit Nachdruck im Heiligen Land wiederholen, das ich zu meiner Freude in wenigen Wochen besuchen werde. Die schwierige, aber unerläßliche Versöhnung, welche die Vorbedingung für eine Zukunft in gemeinsamer Sicherheit und in friedlichem Zusammenleben ist, kann nur durch die erneuten, ausdauernden und aufrichtigen Bemühungen zur Beilegung des israelisch-palästinensischen Konflikts Wirklichkeit werden. Vom Heiligen Land richtet sich dann der Blick weiter auf die angrenzenden Länder, auf den Mittleren Osten, auf die ganze Welt. In einer Zeit weltweiter Lebensmittel-Knappheit, finanzieller Verworrenheit, alter und neuer Formen der Armut, besorgniserregenden Klimawandels, in einer Zeit, in der Gewalt und Elend viele zwingen, auf der Suche nach weniger unsicheren Überlebens-Chancen die eigene Heimat zu verlassen, in einer Zeit ständig bedrohlichen Terrorismus’ und wachsender Ängste angesichts der Unsicherheit der Zukunft ist es dringend notwendig, erneut Perspektiven zu eröffnen, die in der Lage sind, wieder Hoffnung zu vermitteln. Niemand sollte sich aus diesem friedlichen Kampf, der mit dem Pascha Christi begonnen hat, zurückziehen. Er – ich wiederhole es – sucht Männer und Frauen, die ihm helfen, seinen Sieg mit seinen eigenen Waffen zu behaupten: mit den Waffen der Gerechtigkeit und der Wahrheit, mit den Waffen der Barmherzigkeit, der Vergebung und der Liebe.

Resurrectio Domini, spes nostra! Christi Auferstehung ist unsere Hoffnung! Das ruft die Kirche heute mit Freude aus: Sie verkündet die Hoffnung, die Gott gefestigt und unüberwindlich gemacht hat, indem er Jesus Christus von den Toten auferweckt hat; sie verbreitet die Hoffnung, die sie im Herzen trägt und mit allen teilen möchte, an jedem Ort, besonders dort, wo die Christen wegen ihres Glaubens und ihres Einsatzes für Gerechtigkeit und Frieden Verfolgung erleiden; sie beruft sich auf die Hoffnung, die den Mut zum Guten zu erwecken vermag, auch und gerade dann, wenn das Opfer verlangt. Heute besingt die Kirche den „Tag, den der Herr gemacht hat", und lädt zur Freude ein. Heute ruft die Kirche bittend Maria, den Stern der Hoffnung an, damit sie die Menschheit zum sicheren Hafen des Heils geleite, zum Herzen Christi, des Pascha-Opfers, des Lammes, das „die Welt erlöst" hat, des Unschuldigen, der „uns Sünder mit dem Vater versöhnt" hat. Ihm, dem siegreichen König, ihm, dem Gekreuzigten und Auferstandenen, rufen wir mit Freude unser Halleluja zu!

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