Papst Benedikt XVI.: Christus zeigt den Ausweg aus der „tiefsten Wüste“

Predigt in Viterbo, der „Stadt der Päpste“

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ROM, 7. September 2009 (ZENIT.org).- Wenn der Mensch nicht mehr in der Lage ist, mit Gott und den anderen zu sprechen, dann ist sein Herz die „tiefste Wüste“. Das bekräftigte Papst Benedikt XVI. gestern, Sonntag, während der Eucharistiefeier in der Diözese Viterbo.



Wer in die Wüste der Gottesverlassenheit gerate, erblinde und könne die Wirklichkeit nicht mehr erkennen. Seine Ohren würden taub und könnten den Schrei dessen nicht mehr vernehmen, der um Hilfe flehe; das Herz verhärte sich; man werde gleichgültig und egoistisch. Aber es gebe eine Rettung aus dieser Wüste: das Leben in Christus, so Papst Benedikt XVI.

Rund 20.000 Gläubige nahmen gestern am großen Papstgottesdienst auf dem Feld zu Füßen der Altstadt vor dem antiken Tor teil, dass „FAUL“ genannt wird, womit auf die vier Hügel des antiken „Viterbium“ verwiesen wird: „Fanum-Arbanum-Vetulonia-Longula“. Papst Benedikt hatte unmittelbar nach seiner Ankunft in Viterbo den historischen „Konklavesaal“ besucht, wo im Mittelalter fünf Papstwahlen stattgefunden hatten.

In seiner Predigt erklärte der Heilige Vater in der Kathedrale, dass jede liturgische Zusammenkunft ein Ort der Gegenwart Gottes sei. Unter Bezugnahme auf die alttestamentliche Lesung des 23. Sonntags im Jahreskreis aus dem Buch Jesajas, in der der Prophet den Verzagten Mut zuspricht, betonte er die „wunderbare Neuheit“ der Verkündigung: „ Wenn der Herr gegenwärtig ist, dann werden die Augen der Blinden sehend, die Ohren der Tauben sind wieder offen, der Lahme ‚springt’ wie ein Hirsch. Alles wird neu geboren, und alles lebt neu auf, da wohltuende Quellen die Wüste bewässern.“

Der Symbolgehalt des Wortes „Wüste“ verweise auf dramatische Ereignisse, schwierige Situationen und die Einsamkeit, von denen das Leben nicht selten gekennzeichnet sei. Das Kommen des Herrn veranlasse den Propheten aber dazu, dem Menschen zuzurufen: „Fürchte dich nicht!“

Das Evangelium von der Heilung des Taubstummen verdeutliche den glühenden Wunsch Jesu, „im Menschen die vom Egoismus geschaffene Einsamkeit und mangelnde Kommunikation zu besiegen, um einer ‚neuen Menschheit’ ein Antlitz zu verleihen: der Menschheit des Hörens und des Wortes, des Dialogs, der Kommunikation, der Gemeinschaft“. Diese Menschheit sei eine „gute“ Menschheit, so wie die ganze Schöpfung Gottes gut sei: „eine Menschheit ohne Diskriminierungen, ohne Ausgrenzungen, so dass die Welt wirklich für alle ein ‚Raum der wahren Brüderlichkeit’ ist“.

Benedikt XVI. nahm in seiner Predigt auch auf die drei Grundlinien des Pastoralplans der Diözese Viterbo Bezug: „Erziehung zum Glauben“, „Glaubenszeugnis“ und „Aufmerksamkeit gegenüber den Zeichen Gottes“. Die Erziehung zum Glauben besteht nach seinen Worten in einer Suche; in der christlichen Initiation beziehungsweise im Leben in Christus. Dabei gehe es darum, „Christus zu lernen“, wie es Benedikt XVI. formulierte. Der Papst rief alle Christen in den Pfarreien, Familien und den Vereinigungen auf, diesen Weg in allen Bereichen der Gesellschaft zu beschreiten und erinnerte in diesem Zusammenhang an den Einsatz mehrerer Heiliger, die in Viterbo gewirkt hatten. Wenn man sich von ihrem Beispiel inspirieren lasse, sei es leichter, „erneut aus diesen geistlichen Quellen zu schöpfen, um mit Klarheit und konsequent dem heutigen unausweichlichen und vorrangigen ‚Erziehungsnotstand’ zu begegnen, der eine große Herausforderung für jede christliche Gemeinschaft sowie für die ganze Gesellschaft darstellt“.

Das karitative Wirken der Kirche bezeichnete der Papst als die sichtbare Gestalt des Glaubenszeugnisses: „Ihre initiativen, ihre Werke sind Zeichen des Glaubens und der Liebe Gottes, der Liebe ist.“ In diesem Zusammenhang erwähnte der Papst den heiligen Domenico Bàrberi (1792-1849), der 1845 den später zum Kardinal ernannten John Henry Newman in die katholische Kirche aufgenommen hatte. Benedikt XVI. würdigte Kardinal Newman, der im kommenden Jahr selig gesprochen werden soll, als „eine Gestalt von hohem intellektuellen Profil und leuchtender Spiritualität“ (vgl. ZENIT-Reihe über Kardinal Newman).

Die Aufmerksamkeit gegenüber den Zeichen Gottes zeige sich vor allem in der Aufmerksamkeit gegenüber dem Nächsten, bekräftigte Papst Benedikt anschließend, und ermutigte jeden einzelnen, „vor der Welt Zeuge der Auferstehung und des Lebens Jesu, unseres Herrn, und ein Zeichen des lebendigen Gottes zu sein“ (Lumen gentium, 38).

Aus Anlass des aktuellen Priesterjahrs erinnerte Benedikt XVI. die Gläubigen von Viterbo daran, dass vor allem der Priester ein solcher Zeuge sein müsse, und forderte die Gläubigen auf, mehr für Priester und Seminaristen sowie um geistliche Berufungen zu beten.

Anschließend richtete sich Papst Benedikt direkt an die Laien: „Liebe Laiengläubige, Jugendliche und Familien, fürchtet euch nicht, den Glauben in den verschiedenen Bereichen der Gesellschaft, in den vielfältigen Situationen des menschlichen Daseins zu leben und zu bezeugen!“ Er verwies dabei auf das Beispiel von Mario Fani, auf den die Gründung der „Katholischen Aktion“ zurückgeht.

Auch wenn sich die Zeiten und die sozialen Bedingungen änderten, bleibe die Berufung des Christen immer dieselbe und höchst aktuell: die Berufung, „das Evangelium in Solidarität mit der Menschheitsfamilie zu leben“. Dieses Zeugnis sei „der Grund des sozialen Einsatzes, des dem politischen Wirken eigenen Dienstes, der ganzheitlichen menschlichen Entwicklung“.

Abschließend rief der Papst die Gläubigen dazu auf, sich nicht zu fürchten, wenn sich das Herz in der Wüste des Lebens verlieren sollte, und riet allen, sich Christus anzuvertrauen, „dem Erstgeborenen der neuen Menschheit: einer Familie aus Geschwistern in der Freiheit und in der Gerechtigkeit, in der Wahrheit und in der Liebe der Kinder Gottes“.