Papst Benedikt XVI.: Danksagung für 2007 und 2008

Jahresabschlussgottesdienst mit „Te Deum“ im Petersdom

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ROM, 9. Februar 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Predigt, die Benedikt XVI. am 31. Dezember 2007 während des Jahresabschlussgottesdienstes in der Petersbasilika gehalten hat.

Der Papst lud zur gemeinsamen Danksagung für das zu Ende gehende Jahr 2007 und für das Jahr 2008 ein. „Die Zeit vergeht, und ihr unaufhaltsamer Lauf veranlasst uns, mit tiefer Dankbarkeit den Blick auf den zu richten, der der Ewige ist, auf den Herrn der Zeit.“

Der Heilige Vater nannte seine Anliegen und Hoffnungen für die Diözese Rom Sorgen und rief alle Gläubigen dazu auf, echter „Sauerteig der Hoffnung“ zu werden.

„Christus ist unsere verläßliche Hoffnung, und diesem Thema habe ich meine kürzlich veröffentlichte Enzyklika gewidmet, mit dem Titel Spe salvi. Aber unsere Hoffnung ist immer wesentlich auch Hoffnung für die anderen; nur so ist sie wirklich auch Hoffnung für jeden von uns.“


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Liebe Brüder und Schwestern!

Auch in diesem Jahr, das nunmehr ausklingt, sind wir in der Vatikanischen Basilika versammelt, um die Erste Vesper des Hochfestes der Gottesmutter Maria zu feiern. Für die Liturgie fällt dieses bedeutsame Marienfest mit dem Ende und dem Anfang des Kalenderjahres zusammen. Mit der Betrachtung des Geheimnisses der Gottesmutterschaft vereint sich daher unsere Danksagung für das zu Ende gehende Jahr 2007 und für das Jahr 2008, das wir bereits erblicken. Die Zeit vergeht, und ihr unaufhaltsamer Lauf veranlaßt uns, mit tiefer Dankbarkeit den Blick auf den zu richten, der der Ewige ist, auf den Herrn der Zeit. Danken wir ihm gemeinsam, liebe Brüder und Schwestern, im Namen der ganzen Diözesangemeinschaft von Rom. An jeden von euch richtet sich mein Gruß. Zunächst grüße ich den Kardinalvikar, die Weihbischöfe, die Priester, die geweihten Personen ebenso wie die vielen hier versammelten Laien. Ich grüße den Herrn Bürgermeister und die anwesenden Obrigkeiten. Mein Gruß gilt darüber hinaus der gesamten Bevölkerung von Rom und insbesondere denen, die in Schwierigkeiten und Not leben. Allen versichere ich meine tiefempfundene Nähe und mein beständiges Gebetsgedenken.

In der kurzen Lesung, die wir gehört haben und die dem Brief an die Galater entnommen ist, deutet der hl. Paulus, als er von der Befreiung des Menschen spricht, die Gott durch das Geheimnis der Menschwerdung wirkt, in sehr zurückhaltender Weise auf diejenige hin, durch die der Sohn Gottes in die Welt gekommen ist. Er schreibt: »Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau« (Gal 4,4). In der »Frau« betrachtet die Kirche die Züge der Maria von Nazaret, einer einzigartigen Frau, da sie berufen ist, eine Sendung zu erfüllen, die sie in sehr enge Beziehung zu Christus stellt – eine ganz einzigartige Beziehung, weil Maria die Mutter des Erlösers ist. Mit derselben Deutlichkeit jedoch können und müssen wir sagen, daß sie unsere Mutter ist, weil sie in einer einzigartigen mütterlichen Beziehung zum Sohn gelebt und so seine Sendung für uns und für das Heil aller Menschen geteilt hat. Indem die Kirche sie betrachtet, erkennt sie in ihr die eigenen Züge: Maria lebt den Glauben und die Liebe; Maria ist ein Geschöpf, auch sie ist vom einzigen Erlöser gerettet; Maria wirkt mit an der Heilsinitiative für die ganze Menschheit. So ist Maria für die Kirche das wahre Bild der Kirche selbst: In ihr muß die kirchliche Gemeinschaft unablässig den echten Sinn ihrer Berufung und ihres eigenen Geheimnisses erkennen.

Im weiteren zeigt dieser kurze, aber reiche paulinische Text auf: Die Tatsache, daß der Sohn die menschliche Natur angenommen hat, öffnet die Aussicht auf eine radikale Umwandlung der Situation des Menschen. Wie es dort heißt, »sandte Gott seinen Sohn … damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, damit wir die Sohnschaft erlangen« (Gal 4,4–5). Das menschgewordene Wort verwandelt die menschliche Existenz von innen heraus, indem es uns teilhaben läßt an seinem Sein als Sohn des Vaters. Er ist geworden wie wir, damit wir wie er werden: Söhne im Sohn, also Menschen, die frei sind vom Gesetz der Sünde. Ist das nicht ein wesentlicher Grund, um Gott zu danken? Am Ende eines Jahres gibt es noch viel mehr Grund zum Danken, wenn wir an die vielen Wohltaten und an seine ständige Hilfe denken, die wir im Laufe der vergangenen zwölf Monate erfahren haben. Daher versammelt sich jede christliche Gemeinschaft an diesem Abend, um das »Te Deum« zu singen, den traditionellen Dank- und Lobgesang an die Allerheiligste Dreifaltigkeit. Das werden auch wir am Ende dieser liturgischen Begegnung tun, vor dem Allerheiligsten Sakrament.

Wir werden singen und beten: »Te ergo, quaesumus, tuis famulis subveni, quos pretioso sanguine redemisti – Dich bitten wir denn, komm deinen Dienern zu Hilfe, die du erlöst mit kostbarem Blut.« Das ist unser Gebet an diesem Abend: Komm, Herr, mit deinem Erbarmen den Einwohnern unserer Stadt zu Hilfe. Hier, ebenso wie anderswo, lasten schwere Entbehrung und Armut auf dem Leben der einzelnen und der Familien und hindern sie daran, vertrauensvoll in die Zukunft zu blicken; nicht wenige, vor allem junge Menschen, sind angezogen von einer falschen Verherrlichung oder besser Entweihung des Körpers und von der Banalisierung der Sexualität; und wie sollte man die vielen mit dem Konsumismus und dem Säkularismus verbundenen Herausforderungen aufzählen, vor denen die Gläubigen und die Menschen guten Willens stehen? Um es mit einem Wort zu sagen: Auch in Rom ist jener Mangel an Hoffnung und Vertrauen im Leben spürbar, das »finstere« Übel der modernen westlichen Gesellschaft.

Die Mängel sind offensichtlich, aber dennoch fehlt es nicht an Licht und Grund zur Hoffnung, über die man den besonderen göttlichen Segen erbitten kann. In eben dieser Perspektive werden wir beten, wenn wir das »Te Deum« singen: »Salvum fac, Domine, et benedic hereditati tuae – Rette dein Volk, o Herr, und segne dein Erbe.« O Herr, behüte und beschütze besonders die Diözesangemeinschaft, die sich mit wachsender Kraft im Bereich der Erziehung einsetzt, um auf jenen »Erziehungsnotstand« zu antworten, von dem ich am vergangenen 11. Juni in der Begegnung mit den Teilnehmern an der Pastoraltagung der Diözese gesprochen habe, also auf die Schwierigkeiten, die bei der Weitergabe der Grundwerte des Lebens und eines aufrichtigen Verhaltens an die jungen Generationen wahrgenommen werden (vgl. O.R. dt., Nr. 26, 29.6.2007). Ohne Aufsehen zu erregen, versuchen wir mit geduldigem Vertrauen diesem Notstand entgegenzutreten, vor allem im Bereich der Familie, und es ist ganz sicher tröstlich festzustellen, daß die in den letzten Jahren von seiten der Pfarreien, der Bewegungen und der Verbände für die Familienpastoral unternommene Arbeit sich weiterhin entwickelt und ihre Früchte trägt.

Schütze, Herr, auch die missionarischen Initiativen, die die Welt der Jugendlichen betreffen: Sie sind im Anwachsen begriffen, und eine nunmehr nicht unbedeutende Zahl Jugendlicher übernimmt persönlich die Verantwortung und die Freude, das Evangelium zu verkünden und zu bezeugen. Wie sollten wir in diesem Zusammenhang nicht Gott danken für den kostbaren Pastoraldienst, welcher der Welt der römischen Universitäten geboten wird? Etwas Ähnliches sollte, wenn auch unter nicht wenigen Schwierigkeiten, ebenso in den Schulen begonnen werden.

Segne, Herr, die vielen jungen und auch älteren Männer, die in den letzten Jahrzehnten für die Diözese Rom zu Priestern geweiht wurden: Zur Zeit warten 28 Diakone auf die Priesterweihe, die für den kommenden April vorgesehen ist. So sinkt das Durchschnittsalter des Klerus, und es ist möglich, der Ausbreitung der pastoralen Nöte entgegenzutreten und auch anderen Diözesen zu Hilfe zu kommen. Besonders in den Stadtrandgebieten steigt der Bedarf an neuen Gemeindezentren. Acht von ihnen sind zur Zeit im Aufbau, nachdem ich selbst kürzlich die Freude hatte, das letzte der bereits fertiggestellten zu weihen: die Pfarrei »Santa Maria del Rosario ai Martiri Portuensi«. Es ist schön, die Freude und die Dankbarkeit der Einwohner eines Stadtteils, die zum ersten Mal ihre neue Kirche betreten, persönlich zu erfahren.

»In te, Domine, speravi: non confundar in aeternum – Auf dich, o Herr, habe ich meine Hoffnung gesetzt. In Ewigkeit werde ich nicht zuschanden. « Der majestätische Hymnus des »Te Deum« schließt mit diesem Ruf des Glaubens, des vollkommenen Vertrauens auf Gott, mit dieser feierlichen Verkündigung unserer Hoffnung. Christus ist unsere »verläßliche« Hoffnung, und diesem Thema habe ich meine kürzlich veröffentlichte Enzyklika gewidmet, mit dem Titel Spe salvi. Aber unsere Hoffnung ist immer wesentlich auch Hoffnung für die anderen; nur so ist sie wirklich auch Hoffnung für jeden von uns (vgl. Nr. 48). Liebe Brüder und Schwestern der Kirche von Rom, bitten wir den Herrn, daß er jeden von uns zu einem echten Sauerteig der Hoffnung in den verschiedenen Bereichen mache, damit für die ganze Stadt eine bessere Zukunft aufgebaut werden kann. Das ist mein Wunsch für alle am Vorabend eines neuen Jahres, ein Wunsch, den ich der mütterlichen Fürsprache Marias anvertraue, Gottesmutter und Stern der Hoffnung. Amen!

 

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