Papst Benedikt XVI.: Das Maß der wahren Größe ist die Demut

Zweite Mittwochskatechse zu Gregor dem Großen - die Lehre

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ROM, 4. Juni 2008 (ZENIT.org).- In der heutigen Mittwochskatechese setzte Papst Benedikt XVI. seine Betrachtung des heiligen Papstes Gregor des Großen (* um 540 in Rom; † 12. März 604 ebenfalls in Rom) fort.

„Gregorius Magnus“ gilt als einer der bedeutendsten Päpste überhaupt und ist der jüngste der vier Kirchenlehrer des Abendlandes. Dieser „Diener der Diener Gottes“ offenbare, so Benedikt XVI., das Maß der wahren Größe: die Demut. Seine Lehre fasziniere über die Jahrhunderte hinweg.

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Liebe Brüder und Schwestern!

Bei dieser unserer Begegnung am Mittwoch werde ich heute zur außerordentlichen Gestalt Papst Gregors des Großen zurückkehren, um aus seiner reichen Lehre weiteres Licht zu empfangen. Trotz der vielfältigen Aufgaben, die mit seiner Funktion als Bischof von Rom verbunden waren, hat er uns zahlreiche Werke hinterlassen, aus denen die Kirche in den nachfolgenden Jahrhunderten mit vollen Händen geschöpft hat. Jenseits des beachtlichen Briefwechsels – das Registrum Epistolarum, das ich in der letzten Katechese erwähnte, enthält über 800 Briefe – hat er uns vor allem Schriften exegetischer Art hinterlassen. Unter ihnen stechen der Moralische Kommentar zu Hiob – bekannt unter dem lateinischen Titel Moralia in Iob (Expositio in beatum Iob seu moralium) –, die Homilien zu Ezechiel und die Evangelienhomilien hervor. Dann gibt es ein bedeutendes Werk hagiographischer Natur, die Dialoge, das Gregor zur Erbauung der langobardischen Königin Theodolinda verfasste. Das wichtigste und berühmteste Werk ist aber zweifellos die Regula pastoralis, das der Papst zu Beginn seines Pontifikats mit einer deutlich programmatischen Zielsetzung schrieb.

Wenn wir diese Werke einer schnellen Durchsicht unterziehen wollen, so müssen wir vor allem festhalten, dass Gregor in seinen Schriften nie Sorge darum zeigt, seine „eigene“ Lehre, seine eigene Originalität zu umreißen. Es ist vielmehr seine Absicht, die traditionelle Lehre der Kirche erklingen zu lassen; er will einfachhin der Mund Christi und seiner Kirche auf dem Weg sein, der zu durchlaufen ist, um zu Gott zu gelangen.

Beispielhaft sind in diesem Zusammenhang seine exegetischen Kommentare. Er war ein leidenschaftlicher Leser der Bibel, der er sich mit nicht einfach spekulativen Absichten annäherte: Der Heiligen Schrift, so dachte er, muss der Christ nicht so sehr theoretische Kenntnisse entnehmen als vielmehr die tägliche Nahrung für seine Seele, für sein Leben als Mensch in dieser Welt. In den Homilien zu Ezechiel zum Beispiel besteht er sehr auf dieser Funktion des heiligen Textes. Sich der Schrift zu nähern, einfach um seine eigene Wissbegierde zu befriedigen, bedeutet, der Versuchung des Stolzes zu erliegen und sich so der Gefahr auszusetzen, in die Irrlehre abzudriften. Die intellektuelle Demut ist die Grundregel für den, der versucht, ausgehend vom heiligen Buch die übernatürlichen Wirklichkeiten zu durchdringen.

Die Demut schließt natürlich das ernsthafte Studium nicht aus; damit es jedoch geistlich nützlich ist und gestattet, wirklich in die Tiefe des Textes einzudringen, bleibt die Demut unverzichtbar. Nur mit dieser inneren Haltung wird die Stimme Gottes wirklich gehört und schließlich wahrgenommen. Andererseits: Wenn es um das Wort Gottes geht, so ist das Verstehen nichts wert, wenn das Verständnis nicht zum Handeln führt. In den Homilien zu Ezechiel findet sich jenes schöne Wort, das besagt, dass „der Prediger seine Feder in das Blut seines Herzens eintauchen muss. So wird er auch zum Ohr des Nächsten vorstoßen können“. Liest man diese Homilien, erkennt man, dass Gregor mit dem Blut seines Herzens geschrieben hat und deshalb noch heute zu uns spricht.


Dieses Thema entfaltet Gregor auch im Moralischen Kommentar zu Hiob. Der patristischen Tradition folgend, untersucht er den heiligen Text in den drei Dimensionen seines Sinnes: die wörtliche Dimension, die allegorische und die moralische Dimension, die alle Dimensionen des einen Sinns der Heiligen Schrift sind. Dennoch weist Gregor dem moralischen Sinn eine klare Vorrangstellung zu. In dieser Hinsicht legt er sein Denken mittels einiger bedeutsamer Binome dar – Wissen-Tun, Sprechen-Leben, Erkennen-Handeln –, durch die er die beiden Aspekte des menschlichen Lebens zu Wort kommen lässt, die sich ergänzen sollten, jedoch oft in einer Antithese enden. Das moralische Ideal, so kommentiert er, besteht immer darin, eine harmonische Integration von Wort und Handlung, Denken und Tun, Gebet und Hingabe an die Pflichten des eigenen Standes zu verwirklichen: Dies ist der Weg, um jene Synthese zu verwirklichen, dank derer das Göttliche auf den Menschen herabkommt und der Mensch sich bis zum Einswerden mit Gott erhebt. Der große Papst steckt so für den wahren Gläubigen einen vollständigen Plan für dessen Leben ab. Daher wird der Moralische Kommentar zu Hiob im Lauf des Mittelalters eine Art Summa der christlichen Moral.

Von beachtenswerter Bedeutung und Schönheit sind auch seine Evangelienhomilien. Die erste von ihnen wurde in Sankt Peter während der Adventszeit des Jahres 590 und somit wenige Monate nach seiner Wahl zum Papst gehalten; die letzte hielt er in der Basilika San Lorenzo am zweiten Sonntag nach Pfingsten des Jahres 593.

Der Papst predigte vor dem Volk in jenen Kirchen, wo die „stationes“– besondere Gebetszeremonien in den bedeutsamen Zeiten des Kirchenjahres – oder die Feste der Märtyrer gefeiert wurden, denen diese Kirchen geweiht waren. Das inspirierende Prinzip, das die verschiedenen Predigten miteinander verbindet, ist im Wort „praedicator“ zusammengefasst. Nicht nur der Diener Gottes, sondern auch jeder Christ hat die Aufgabe, zum „Prediger“ dessen zu werden, was er in seinem Innern erfahren hat, entsprechend dem Vorbild Christi, der Mensch geworden ist, um allen die Verkündigung des Heils zu bringen. Der Horizont dieser Aufgabe ist eschatologisch: Die Erwartung der Erfüllung aller Dinge in Christus ist ein steter Gedanke des großen Papstes und wird zum inspirierenden Grund seines gesamten Denkens und Handelns. Daraus ergeben sich seine unablässigen Mahnungen zur Wachsamkeit und zum Bemühen in guten Werken.

Der vielleicht organischste Text Gregor des Großen ist die in den ersten Jahren des Pontifikats geschriebene Regula pastoralis. In ihr will Gregor die Gestalt des vollkommenen Bischofs skizzieren, der Lehrer und Leiter seiner Herde ist. Zu diesem Zweck erläutert er die Ernsthaftigkeit des Hirtenamtes in der Kirche und die Pflichten, die es mit sich bringt. Aus diesem Grund sollten diejenigen, die nicht zu einer derartigen Aufgabe berufen worden sind, sie nicht mit Oberflächlichkeit suchen; jene hingegen, die sie ohne gebührendes Nachdenken übernommen haben, sollten darauf achten, dass in ihrer Seele eine angemessene Besorgnis entstehe. Indem er eines seiner Lieblingsthemen aufgreift, bekräftigt er, dass der Bischof vor allem der „Prediger“ schlechthin sei, und als solcher müsse er vor allem den anderen zum Vorbild gereichen, so dass sein Verhalten für alle anderen ein Bezugspunkt sein könne. Ein wirksames pastorales Handeln erfordere, dass er diejenigen kenne, an die er sich richtet, und dass seine Worte an die Situation jedes Menschen angepasst sind. Gregor beschreibt die verschiedenen Kategorien von Gläubigen mit scharfsinnigen und genauen Bemerkungen, die die Wertung dessen rechtfertigen, der in diesem Werk auch eine psychologische Abhandlung erkannt hat. Daraus zeigt sich, dass er wirklich seine Herde kannte und mit den Menschen seiner Zeit und seiner Stadt über alles sprach.

Der große Papst besteht dennoch auf der Pflicht des Hirten, jeden Tag die eigene Armseligkeit zu erkennen, so dass der Stolz das vollbrachte Gute nicht vor den Augen des höchsten Richters wertlos werden lässt. Daher ist das Schlusskapitel der Regula der Demut gewidmet: „Wenn man sich dessen brüstet, viele Tugenden erlangt zu haben, so ist es gut, über die eigene Unzulänglichkeit nachzudenken und sich zu erniedrigen: Statt das vollbrachte Gute zu beachten, muss das beachtet werden, dessen Erfüllung vernachlässigt wurde.“ All diese wertvollen Hinweise zeigen den hohen Begriff, den Gregor von der Sorge für die Seelen hatte, die er als „ars artium“, die „Kunst der Künste“ bestimmte. Die Regula war so erfolgreich, dass sie – was sehr selten ist – sehr bald auf Griechisch und Angelsächsisch übersetzt wurde.

Wichtig ist auch ein weiteres Werk, die Dialoge, in denen Gregor dem Freund und Diakon Petrus, der davon überzeugt ist, dass die Sitten bereits so sehr verroht sind, dass sie das Entstehen von Heiligen wie in vergangenen Zeiten nicht mehr gestatten würden, das Gegenteil beweist: Heiligkeit ist immer möglich, auch in schwierigen Zeiten. Er beweist es, indem er das Leben von Zeitgenossen oder jüngst verstorbenen Menschen erzählt, die sehr wohl als heilig bezeichnet werden konnten, auch wenn sie nicht heilig gesprochen worden waren. Die Erzählung wird von theologischen und mystischen Betrachtungen begleitet, die aus dem Buch einen einzigartigen hagiographischen Text machen, der ganze Generationen von Lesern zu faszinieren vermag. Die Materie ist den lebendigen Traditionen des Volkes entnommen und hat das Ziel der Erbauung und Bildung, indem die Aufmerksamkeit des Leser auf eine Reihe von Fragen gelenkt wird wie den Sinn des Wunders, die Auslegung der Heiligen Schrift, die Unsterblichkeit der Seele, die Existenz der Hölle, die Vorstellung vom Jenseits – Themen, die alle einer angemessenen Klärungen bedürfen. Das ganze zweite Buch ist der Gestalt des heiligen Benedikt von Nursia gewidmet und stellt das einzige Zeugnis über das Leben des heiligen Mönchs aus der Antike dar, dessen geistliche Schönheit im Text in ihrer ganzen Fülle zum Vorschein kommt.

Im theologischen Entwurf, den Gregor über seine Werke hin entwickelt, werden Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft relativiert. Was für ihn mehr als alles andere zählt, ist der Bogen der gesamten Heilsgeschichte, der sich in den finsteren Windungen der Zeit weiter aufspannt. In dieser Perspektive ist es bedeutsam, dass er die Bekehrung der Anglier mitten im Moralischen Kommentar zu Hiob ankündigt: In seinen Augen war dieses Ereignis ein Vordringen des Reiches Gottes, von dem die Schrift spricht. Es konnte somit im Kommentar zu einem heiligen Buch mit Recht erwähnt werden. Für ihn müssen sich die Leiter der christlichen Gemeinden darum bemühen, die Ereignisse im Licht des Wortes Gottes zu lesen. In diesem Sinn verspürt der große Papst die Pflicht, den Hirten und Gläubigen auf dem geistlichen Weg einer „lectio divina“ Orientierung zu geben, die erleuchtet und konkret ist und im Kontext des eigenen Lebens zu stehen kommt.

Bevor wir zum Schluss kommen, ist es geboten, ein Wort über die Beziehungen zu sagen, die Papst Gregor mit den Patriarchen von Antiochien, Alexandrien und Konstantinopel pflegte. Er sorgte sich stets darum, deren Rechte anzuerkennen und sie zu achten. Dabei hütete er sich vor jeglicher Einmischung, die deren rechtmäßige Autonomie einschränken würde. Wenn sich Gregor im Kontext seiner historischen Situation dennoch dem Titel „ökumenisch“ für den Patriarchen von Konstantinopel widersetzte, so tat es das nicht, um diese rechtmäßige Autonomie einzuschränken oder zu leugnen, sondern da er um die brüderliche Einheit der universalen Kirche besorgt war. Er tat es vor allem aus seiner tiefen Überzeugung heraus: dass die Demut die grundlegende Tugend eines jeden Bischofs sein müsse und umso mehr die eines Patriarchen.

Gregor war in seinem Herzen ein einfacher Mönch geblieben, und deshalb war er entschieden gegen die großen Titel. Er wollte – und das ist ein Ausdruck von ihm – „servus servorum Dei“ sein. Dieses von ihm geprägte Wort war in seinem Mund keine fromme Formel, sondern die wahre Offenbarung seiner Art zu leben und zu handeln. Er war innerlich tief betroffen von der Demut Gottes, der in Christus zu unserem Diener geworden ist, der uns die schmutzigen Füße gewaschen hat und wäscht. Somit war er überzeugt, dass vor allem der Bischof diese Demut Gottes nachahmen und so Christus nachfolgen sollte. Sein Wunsch war es wirklich gewesen, als Mönch in einem ständigen Dialog mit dem Wort Gottes zu leben. Aber aus Liebe zu Gott verstand er es, in einer Zeit voller Qualen und Leiden zum Diener aller zu werden. Er verstand es, „Diener der Diener“ zu sein. Gerade weil er ein solcher war, ist er groß und zeigt auch uns das Maß der wahren Größe.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

In der heutigen Audienz wollen wir uns erneut dem heiligen Papst Gregor dem Großen zuwenden und nun einen Blick auf sein umfassendes Schrifttum werfen. Neben einer reichhaltigen Korrespondenz von über 800 Briefen sind vor allem Werke exegetischer und spiritueller Natur von ihm überliefert: am bekanntesten sind die Homilien zu Ezechiel und zu den Evangelien, die Auslegung zum Buch Hiob, die Pastoralregel und die Dialoge über das Wirken einiger Heiliger.

Gregor will vor allem den Weg aufzeigen, auf dem wir zur Gottesschau im ewigen Leben gelangen. Dazu dient in erster Linie das Wort Gottes, die Heilige Schrift. Wir lesen die Bibel nicht, um unsere Wissbegierde zu stillen; das würde bloß unseren Stolz fördern und uns der Versuchung des Irrtums aussetzen. Nur in intellektueller Bescheidenheit und mit dem Gebet können wir uns der übernatürlichen Wirklichkeit nähern. Die Bibel sei uns dabei tägliche Nahrung für die Seele. Das gewissenhafte Studium verlangt allerdings auch die Deutung des vielfältigen Schriftsinns. Der tiefere Sinn erschließt sich unter Einbeziehung seiner moralischen Dimension.

Das Verständnis ist nichts, wenn es nicht auch zum Handeln führt. So ist besonders Gregors Hiobkommentar auch ein Handbuch der Moral. Das Ideal der Moral besteht für ihn darin, ein harmonisches Miteinander von Wort und Tat zu gewährleisten. Dies ist die erste Aufgabe des praedicator, der nicht nur Lehrer sondern auch Vorbild für seine Herde sein soll.

Zudem stehen für Gregor Schriftauslegung und Geschichtsdeutung in engem Zusammenhang. Die Hirten sollen sich bemühen, den Gläubigen die aktuellen Ereignisse im Licht des Wortes Gottes zu deuten. – Stets verstand Gregor seine Lehre und sein Tun als Dienst und handelte im Bewusstsein, Diener der Diener Gottes zu sein.

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Einen herzlichen Gruß richte ich an die Pilger und Besucher deutscher Zunge; besonders an die Wallfahrer des Malteser-Hilfsdienstes und an die Gruppe des Bayerischen Roten Kreuzes. Der heilige Papst Gregor will auch uns heute sagen, dass im Licht des Wortes Gottes jede Lebenssituation einen Sinn hat. Wir sind in der Liebe des Auferstandenen stets geborgen. Euch allen eine gesegnete Zeit hier in Rom!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2008 – Libreria Editrice Vaticana]