Papst Benedikt XVI.: Der Gläubige lebt von der „lebendigen Erfahrung“ der Nähe Jesu

Generalaudienz im Zeichen des Apostels Bartholomäus

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ROM, 4. Oktober 2006 ( ZENIT.org ).- Benedikt XVI. wurde am Mittwochvormittag bei der Generalaudienz auf dem Petersplatz von rund 40.000 Pilgern begeistert willkommen geheißen. Der Heilige Vater hatte wenige Stunden zuvor seine Zelte in der päpstlichen Sommerresidenz von Castel Gandolfo abgebrochen, um in den Vatikan zurückzukehren, und setzte nun seine Katechesenreihe über die zwölf Apostel fort, indem er über Gestalt und Beispiel des heiligen Bartholomäus sprach. Dieser Apostel, der auch Nathanael genannt wird, erinnere uns daran, „dass die Treue zu Jesus auch ohne die Verwirklichung Aufsehen erregender Werke gelebt und bezeugt werden kann“.



Das große Vorurteil, das Bartholomäus oder Nathanael gegenüber Jesu vorbringt – „Aus Nazaret? Kann von dort etwas Gutes kommen?“ (Jo 1,46a) – erschließe uns einerseits die jüdische Messiasvorstellung, zeige aber auf der anderen Seite auch die Freiheit Gottes, „die unsere Erwartungen überrascht und gerade dort vorstellig wird, wo wir es uns nicht erwarten würden“.

Dem fügte Benedikt XVI. hinzu, dass dieses Vorurteil allerdings – wie so oft – auf unvollständigen Informationen beruhe und deswegen unbegründet sei, da Jesus ja „nicht ausschließlich ‚aus Nazaret’ war, sondern in Bethlehem geboren wurde“.

Die Einladung „Komm und sieh!“ (Joh 1,46b), die Philippus daraufhin an seinen Freund richtet, veranlasste den Bischof von Rom, die Notwendigkeit des persönlichen Umgangs mit Jesus zu unterstreichen: „In unserer Beziehung mit Jesus dürfen wir uns nicht nur mit Worten zufrieden geben“, bekräftigte er. „Unsere Kenntnis von Jesus bedarf vor allem der lebendigen Erfahrung. Das Zeugnis des anderen ist sicherlich wichtig, da in der Regel unser ganzes christliches Leben mit der Verkündigung beginnt, die durch einen oder mehrere Zeugen zu uns gelangt; aber dann müssen wir es selbst sein, die persönlich in eine innige und tiefe Beziehung zu Jesus hineingezogen werden!“

In diesem Zusammenhang verwies der Papst auf die Samariter, die dem Zeugnis der Frau, der Jesus beim Jakobsbrunnen begegnet war, zwar Glauben schenken, aber dennoch danach verlangen, ihn mit eigenen Augen zu sehen und ihm zuzuhören. Und anschließend sagen sie zur Frau: „Nicht mehr aufgrund deiner Aussage glauben wir, sondern weil wir ihn selbst gehört haben und nun wissen: Er ist wirklich der Retter der Welt“ (Joh 4,42).

Abschließend betrachtete Benedikt XVI. das Glaubensbekenntnis des Nathanael: „Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel“ (Joh 1,49), das sozusagen den Beginn des Johannesevangelium markiere.

„Mit ihm ist ein erster wichtiger Schritt auf dem Weg der Treue zu Jesus gegeben“, kommentierte der Heilige Vater. In diesem Bekenntnis werde Jesus „sowohl in seiner besonderen Beziehung mit Gott Vater erkannt, dessen eingeborener Sohn er ist, als auch in seiner Beziehung mit dem Volk Israel, zu dessen König er erklärt wird“. Diese beiden Aspekte dürfe man nicht aus den Augen verlieren.

„Wenn wir nur die himmlische Dimension Jesu verkündigen, laufen wir Gefahr, aus ihm ein ätherisches und verschwommenes Wesen zu machen. Und wenn wir dagegen nur seinen konkreten Ort in der Geschichte wahrnehmen, vernachlässigen wir schließlich die göttliche Dimension, die ihn in seinem Wesen auszeichnet.“

Einen besonderen Gruß richtete Papst Benedikt XVI. anschließend an die offizielle Delegation der Gemeinde Aschau am Inn aus Oberbayern, deren Ehrenbürger er wurde. Eine entsprechende Urkunde wurde ihm nach der Generalaudienz überreicht. Die Familie Ratzinger hatte von 1932 bis 1937 in Aschau gewohnt, und Joseph Ratzinger hatte dort die Grundschule besucht.