Papst Benedikt XVI., die Sexualität, die Öffnung für das Kondom: jüngste Entwicklungen

Interview mit Professor Arturo Cattaneo

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ROM, 20. Dezember 2010 (ZENIT.org).- Was Sexualität als Lebensvorgang angeht, sind Papst Benedikt XVI. und der schweizer Philosoph Martin Rhonheimer einer Meinung. Dieser habe 2004 eine These aufgestellt, die nun Benedikt XVI. in dem Interview-Buch mit Peter Seewald übernommen worden sei. Dies erklärte in einem Interview mit ZENIT Pater Arturo Cattaneo, Professor an der Fakultät für Kirchenrecht in Venedig und an der Theologischen Fakultät von Lugano (Schweiz).

Unter den Themen, die vom Papst in „Licht der Welt" (Herder) angesprochen werden, haben die Medien besonders jene Stelle aufgegriffen, die dann von vielen als eine „Öffnung für das Kondom" bezeichnet wurde. Da bekannt ist, dass die Kirche stets die Empfängnisverhütung verurteilt hat, konnte eine solche „Öffnung" oder „Wende" von diesem Ausmaß in seiner Lehre nicht unbemerkt bleiben. Die Aussage des Papstes hat Begeisterung wie auch Verwirrung hervorgerufen, besonders unter denen, die sie als einen neuen Ansatz verstanden oder gar als eine Umkehrung der bisherigen Verurteilung, die bisher als endgültig erschien.

Bedeutet die Aussage des Papstes über Kondome eine „Wende" in der Lehre der Kirche?

- Professor Arturo Cattaneo: Ich würde nicht von einer Wende sprechen, sondern von einer Entwicklung, einem mutigen Beitrag, in dem Sinne, dass der Papst sich zu einer Angelegenheit artikuliert hat, in der die Kirche es bisher vorgezogen hatte, zu schweigen. In diesem Zusammenhang erscheint es mir wichtig, zwischen der Verurteilung der Empfängnisverhütung (die der Papst nicht ändern wollte) und der Verwendung von Kondomen zu unterscheiden, die in „einigen Fällen ein erster Schritt zu einer Moralisierung" bedeuten kann. Der Papst selbst hat in seinem Interview-Buch bestätigt, dass „die Perspektiven von Humanae Vitae richtig bleiben".

In einem Artikel der Schweizer Zeitung „Il Giornale del Popolo" vom 11. Dezember 2010 erklären Sie, dass der Papst zu dieser Entwicklung von einer These inspiriert worden sei, die schon vor einigen Jahren von dem Schweizer Philosophen Martin Rhonheimer, Professor an der Universität vom Heiligen Kreuz in Rom, formuliert wurde. Können Sie uns erklären, wie Sie das meinen?

- Professor Arturo Cattaneo: Der Direktor des Informationsbüros des Heiligen Stuhls, Pater Federico Lombardi, erklärte in einer offiziellen Anmerkung (siehe ZENIT, 22. November 2010), die unmittelbar nach dem vorzeitigen Erscheinen einiger Passagen des Buches in „L'Osservatore Romano" herausgegeben wurde, dass „zahlreiche Moraltheologen und angesehene kirchliche Persönlichkeiten analoge Positionen vertreten haben und sie weiterhin vertreten. Es ist allerdings richtig, dass wir sie noch nicht mit dieser Klarheit aus dem Mund eines Papstes gehört haben".

Nach Ansicht einiger Experten, darunter der Journalist im Vatikan Sandro Magister und einem Artikel in der „Neuen Zürcher Zeitung", sei Rhonheimer derjenige, der am entscheidendsten den Weg zu der Öffnung geebnet hätte, die der Papst jetzt vollzogen hat.

Um welchen Weg handelt es sich dabei?

-- Professor Arturo Cattaneo: In der angeführten Anmerkung sagte Pater Lombardi, dass der Papst „einen wichtigen Beitrag der Klärung und Vertiefung zu einer seit Langem diskutierten Frage" gebe.

Um zu verstehen, wovon die Rede ist, ist es nötig, die Äußerungen Rhonheimers wiederzugeben, zum Beispiel das, was er in „The Tablet" am 10. Juli 2004 sagte: „Was soll ich als katholischer Priester sexuell freizügigen Menschen oder an AIDS erkrankten Homosexuellen sagen, die Kondome benutzen? Ich werde versuchen, ihnen zu helfen, eine moralische und geordnete Sexualität zu leben. Aber ich werde ihnen nicht sagen, dass sie keine Kondome benutzen sollen. Ich werde einfach nicht darüber reden und werde zu verstehen geben, dass, wenn sie sich entscheiden, Geschlechtsverkehr zu haben, sie zumindest einen Sinn für Verantwortung beihalten sollten. Mit einer Haltung wie dieser, respektiere ich völlig die Lehre der katholischen Kirche über Empfängnisverhütung. Dies ist kein Aufruf zu ‚Ausnahmen' von der Norm, die die Empfängnisverhütung verbietet. Diese Norm hat Geltung ohne Ausnahmen: Die Entscheidung zur Empfängnisverhütung ist intrinsisch schlecht. Aber, wie offensichtlich ist, gilt die Norm nur für Akte der Empfängnisverhütung, wie sie in Humanae Vitae definiert werden".

Und wie werden diese Akte definiert?

-- Professor Arturo Cattaneo: Nach Humanae Vitae versteht man unter dem empfängnisverhütenden Akt „jede Handlung, die entweder in Voraussicht oder während des Vollzugs des ehelichen Aktes oder im Anschluß an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern". Dies wurde vom Katechismus der Katholischen Kirche in der Nummer 2370 wieder aufgegriffen.

So können wir den Grund verstehen, warum in einigen Fällen, wie die vom Papst genannten, die Verwendung von Kondomen nicht ein Akt der Empfängnisverhütung ist, sondern wie der Papst sagt, „ein erster Schritt zu einer Moralisierung und ein erstes Stück Verantwortung" sein kann.

In diesem Sinne muss der Beitrag von Rhonheimer bei der Klarstellung des moralischen Objektes einer jeden menschlichen Handlung angesehen werden. Dieser Beitrag hat in der Enzyklika Veritatis splendor volle Akzeptanz gefunden.

Welche Bedeutung kann die Erklärung des Papstes über den Gebrauch von Kondomen im Kampf gegen AIDS haben?

-- Professor Arturo Cattaneo: Ich glaube, dass die Klarstellung des Papstes förderlich ist, da sie der Verbreitung des falschen Eindrucks entgegenwirkt, die Kirche würde jede Verwendung von Kondomen verurteilt und damit allem die Kampagnen feindlich gegenüber steht, die die Ausbreitung von AIDS eindämmen wollen. Die Debatte war nach ein paar Worten des Papstes auf seiner Reise nach Afrika im Jahr 2009 entfacht worden. In diesem Zusammenhang hat der Papst jetzt mit seiner Erklärung bestätigt, dass Kondome nicht „die" Lösung sein können. Es ist in der Tat benötigt, viel mehr zu tun: vorzubeugen, zu erziehen, zu unterstützen, zu beraten, den Menschen nah zu sein, sowohl vor wie nach der Erkrankung. Der Papst sagt, dass Kondome alleine „nicht die Lösung des Problems darstellen", sondern eine ausschließliche Fokussierung darauf einer „Banalisierung der Sexualität" gleichkomme. Es gehe vielmehr darum, die Sexualität zu „vermenschlichen".

[Aus dem Spanischen übersetzt von Iria Staat]