Papst Benedikt XVI.: Die Universität dient der Wahrheitssuche und offenbart den Sinn des Lebens

Feierliche Eröffnung des Akademischen Jahres an der Päpstlichen Lateranuniversität

| 472 klicks

ROM, 23. Oktober 2006 (ZENIT.org).- Am Samstag, dem 21. Oktober, eröffnete Papst Benedikt XVI. an der Lateranuniversität das neue Studienjahr. Anlässlich der Einweihung der nach Papst Pius IX. benannten neuen Universitätsbibliothek brachte der Heilige Vater, der von Kardinal-Staatsekretär Tarcisio Bertone begleitet wurde, seine besondere Freud zum Ausdruck, die ihm dieser Besuch in „seiner“ Universität bereite: Die im Jahr 1773 gegründete Päpstliche Lateranuniversität ist die Universität des Bischofs von Rom. Deshalb, so Papst Benedikt, müsse sie auf besondere Weise „im Dienst des Herrn, das heißt im Dienst der Wahrheit stehen“, die frei mache. Nur wenn die Menschen auf diesem Weg unterwegs seien, könnten sie die „ursprüngliche Idee Gottes“ erkennen und an ihr teilhaben.



In seiner Ansprache ging Benedikt XVI. auf die besondere Aufgabe der Universität angesichts der heutigen „dramatischen Krise“ der abendländischen Kultur und Identität ein. „Die Universität gehört zu den besten Orten, an denen geeignete Auswege aus dieser Situation gefunden werden können.“ In der Universität werde „der Reichtum der Tradition bewahrt, der über die Jahrhunderte hinweg lebendig bleibt“, deshalb könne an dieser Stätte der „Reichtum der Wahrheit“ erläutert, der allerdings „mit einfachem und offenem Geist“ aufgenommen werden müsse. Die Universität habe die Pflicht, auf die Fragen der neuen Generationen nach dem Sinn des Lebens zu antworten. „Diese Erwartungen dürfen nicht enttäuscht werden“, bekräftigte der Heilige Vater.

Gegenwärtig werde allerdings einer „künstlichen Vernunft“ Vorrang eingeräumt, einer Vernunft, die in immer stärkerem Ausmaß der experimentellen Technik hörig sei und so vergesse, „dass jede Wissenschaft den Menschen immer schützen und seine Suche nach dem eigentlich Guten fördern muss. Das ‚Machen’ überzubewerten und dabei das ‚Sein’ zu verdunkeln, ist nicht hilfreich für die Wiedererlangung des wichtigen Gleichgewichts, das jeder Mensch braucht, um seiner Existenz eine feste Grundlage und eine gültige Zielsetzung zu geben.“

Jeder Mensch ist nach Papst Benedikt dazu berufen, den eigenen Taten einen höheren Sinn zu geben. Dies sei umso mehr bei der universitären Forschung der Fall, die das ganze Leben negativ beeinflussen könne. „Sich von der Lust am Entdecken hinreißen zu lassen, ohne weiter auf die Kriterien zu achten, die einer tieferen Sicht entstammen“, könne den Menschen leicht in die dramatische Situation bringen, von der der antike Mythos des Ikarus erzähle.

Der junge Ikarus habe sich am Freudengefühl der absoluten Freiheit ergötzt, die ihm seine neuen Flügel ermöglicht hätten, und nicht auf die warnenden Wortes seines Vaters Dädalus gehört. Er habe vergessen, dass seine Flügel aus Wachs waren. Die Nähe zur Sonne habe das Wachs schmelzen lassen und so sei Ikarus abgestürzt und gestorben.

Mit dem verderblichen Sturz und dem Tod habe Ikarus den Preis für seine illusorische Vorstellung einer absoluten Freiheit bezahlen müssen, und Benedikt XVI. sah in dieser antiken Fabel einen „bleibenden Wert“, denn: „Im Leben gibt es auch andere Illusionen, denen man sich nicht hingeben darf, wenn man keine unheilvollen Konsequenzen riskieren will – für das eigene Leben und für das Leben der anderen.“

In diesem Sinn habe der Universitätsprofessor nicht nur die Aufgabe, die Wahrheit zu suchen und bei seiner Zuhörerschaft Staunen hervorzurufen. Er müsse vielmehr „alle Facetten der Erkenntnis fördern und vor reduktionistischen und verzerrten Interpretationen verteidigen“. Das Thema der Wahrheit in den Mittelpunkt stellen, das sei „kein rein spekulativer Akt, der einem engen Kreis von Denkern vorbehalten ist“. Die Wahrheit sei im Gegenteil eine vitale Frage, „um dem persönlichen Leben eine tiefe Identität zu geben und in den gesellschaftlichen Beziehungen Verantwortung zu wecken“.

Ausdrücklich warnte der Papst davor, die Frage nach der Wahrheit auszublenden. Denn wenn das geschehe, werde das Leben auf eine Ansammlung von Hypothesen reduziert, die keine sicheren Bezugspunkte aufwiesen.

Benedikt XVI. zitierte in diesem Zusammenhang das „Lob der Torheit“ des Humanisten Erasmus von Rotterdam: „Die Meinungen sind Quelle für billiges Glück! Das wahre Wesen der Dinge zu erkennen – selbst wenn es sich um Dinge von geringster Bedeutung handelt –, kostet große Mühe.“ Diese Mühe ist nach Papst Benedikt das Charakteristikum jeder Universität. Sie befähige dazu, immer mehr in das Herzstück der echten Fragen einzudringen und schenke die Freude an der Wahrheitssuche und daran, sie gefunden zu haben.

Benedikt XVI. sprach den Wunsch aus, dass in den Universitäten ein Geist des Schweigens und der Kontemplation herrschen möge und dass die Studierenden aufmerksame, gewissenhafte Menschen seien.

„Gott ist die letzte Wahrheit, die die Vernunft von Natur aus erkennen will, wenn sie vom Wunsch geleitet wird, ihr Ziel voll und ganz zu erreichen.“ Gott ist für den Heiligen Vater weder ein leeres Wort noch eine abstrakte Theorie, sondern „der Grund, auf dem der Mensch sein Leben baut“.

Ein Leben „‚veluti si Deus daretur’ (‚als ob es Gott gäbe) bringt die Verantwortung mit sich, jeden gangbaren Weg auszuforschen, um so nahe wie möglich zu dem zu kommen, der das Ziel ist, zu dem alles hinstrebt“. Der Gläubige wisse, dass dieser Gott ein Antlitz habe und sich in Jesus Christus ein für allemal jedem Menschen genähert hat.

Der Papst beschloss seine Ansprache mit den Worten: „Christus erkennen heißt, das wahre Leben erkennen, durch das die Freiheit gefunden wird: ‚Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch befreien’ (Joh 8,32)."