Papst Benedikt XVI. empfängt führende Vertreter des Judentums

Israel-Reise in Vorbereitung - Scharfe Verurteilung jeder Verharmlosung des Holocaust

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ROM, 12 Februar 2009 (ZENIT.org).- „Inakzeptabel“ und „untragbar“: Mit diesen Worten verurteilte Papst Benedikt XVI. am heutigen Vormittag jeden Versuch, das schreckliche Verbrechen der Shoah zu vergessen oder zu verharmlosen. Der Heilige Vater wandte sich mit einer unmissverständlichen Ansprache an die Vertreter der Delegation der „Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations“. Die „Konferenz“ ist ein Zusammenschluss von Spitzenvertreterm jüdischer Einrichtungen in den USA.

Der Papst bekräftigte beim Empfang im Vatikan erneut, dass die Kirche jede Form des Antisemitismus ablehne. Gleichzeitig gab Benedikt XVI. bekannt, dass er mit den Vorbereitungen für seine Reise nach Israel beschäftigt sei.

Der Rabbiner Arthur Schneier, der Benedikt XVI. während seines Besuchs in den USA im vergangenen April in der „East Park Synagogue“ von New York empfangen hatte, hielt im Namen der jüdischen Gäste die Grußadresse an den Heiligen Vater.

Benedikt XVI. rief den Anwesenden seine Besuche in der Synagoge von Köln 2005 (aus Anlass des Weltjugendtreffens) sowie seinen Aufenthalt auf dem Gelände des Vernichtungslagers von Auschwitz-Birkenau im Mai 2006 in Erinnerung und fragte: „Welche Worte können eine so tief bewegende Erfahrung angemessen wiedergeben? Als ich diesen Ort des Schreckens betrat, diesen Schauplatz unermesslichen Leids, dachte ich an die unzählige Schar von Gefangenen, darunter so viele Juden, die auf diesem Weg in die Gefangenschaft in Auschwitz und all den anderen Lagern geraten waren. Diese Kinder Abrahams hatten, kummervoll und erniedrigt wie sie waren, wenig mehr als den Glauben an den Gott ihrer Väter, der sie aufrecht hielt – einen Glauben, den wir Christen mit euch, unseren Brüdern und Schwestern, teilen.“

„Wie können wir auch nur annähernd das alles das begreifen, was in diesen infamen Gefängnissen stattgefunden hat? Die ganze Menschheit fühlt tiefe Scham angesichts der wüsten Brutalität, die damals eurem Volk gegenüber an den Tag gelegt wurde. Erlaubt mir, zu wiederholen, was ich bei dieser düsteren Gelegenheit sagte: ‚Die Machthaber des Dritten Reiches wollten das jüdische Volk als Ganzes zertreten, es von der Landkarte der Menschheit tilgen; auf furchtbare Weise haben sich da die Psalmworte bestätigt: Wie Schafe werden wir behandelt, die zum Schlachten bestimmt sind’“ (Ansprache in Auschwitz-Birkenau).

Mit Blick auf die Apostolische Reise nach Israel - einem Land, „das Christen wie Juden heilig ist, weil man dort die Wurzeln unseres Glaubens findet“ - bekräftigte Benedikt XVI.: „In der Tat: Die Kirche nährt sich aus der Wurzel dieses guten Olivenbaums, der das Volk Israel ist – und auf den die wilden Ölbaum-Äste der Heiden aufgepfropft wurden“ (vgl. Röm 11,17-24). Seit den frühesten Tagen des Christentums sei dessen Identität und jeder Aspekt seines Lebens und Gottesdienstes eng an die alte Religion der „Väter im Glauben“ rückgebunden.

„Die zweitausendjährige Geschichte der Beziehungen zwischen dem Judentum und der Kirche hat viele verschiedene Phasen erlebt, darunter einige, die schmerzvolle Erinnerungen wachrufen. Jetzt, wo wir uns in einem Geist der Versöhnung treffen können, sollten wir früheren Schwierigkeiten nicht erlauben, uns davon abzuhalten, dass wir einander die Hand der Freundschaft reichen. Denn: Wo gebe es denn auch eine Familie, in der es nicht zu irgendwelchen Spannungen kommt?“

Die Erklärung des II. Vatikanischen Konzils „Nostra aetate“ bildet nach Worten Benedikts XVI. einen „Meilenstein auf dem Weg zur Versöhnung“ und lege klar die Prinzipien dar, die seither die Haltung der Kirche zu den jüdisch-christlichen Beziehungen bestimmt. „Die Kirche ist zutiefst und unwiderrufbar darauf verpflichtet, jeden Antisemitismus zurückzuweisen und weiterhin gute, dauerhafte Beziehungen zwischen unseren beiden Gemeinschaften aufzubauen. Wenn es ein Bild gibt, das diese Verpflichtung zum Ausdruck bringt, so ist dieses der Moment, als mein geliebter Vorgänger Johannes Paul II. an der Klagemauer in Jerusalem Gott um Vergebung für alle Ungerechtigkeit bat, die das jüdische Volk erlitten hatte.“

„Ich mache mir sein Gebet zu Eigen: ‚Gott unserer Väter, du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt, deinen Namen zu den Völkern zu tragen: Wir sind zutiefst betrübt über das Verhalten aller, die im Laufe der Geschichte deine Söhne und Töchter leiden ließen. Wir bitten um Verzeihung und wollen uns dafür einsetzen, dass echte Brüderlichkeit herrsche mit dem Volk des Bundes’.“

Zum Holocaust stellte Papst Benedikt XVI. außerdem fest: „Der Hass und die Verachtung gegenüber Männern, Frauen und Kindern, die in der Shoah deutlich wurden, waren ein Verbrechen gegen Gott und gegen die Menschheit. Das sollte jedem klar sein, vor allem jenen, die in der Tradition der Heiligen Schrift stehen.“

„Es ist über jeden Zweifel erhaben, dass jede Leugnung oder Herabsetzung dieses furchtbaren Verbrechens untragbar und gänzlich inakzeptabel ist.“ Der Heilige Vater erinnerte in diesem Zusammenhang an die Worte, die er am 28. Januar 2009 während der Generalaudienz gesprochen hatte: „Die Shoah sei für alle eine Mahnung gegen das Vergessen, gegen die Leugnung oder die Verharmlosung. Denn Gewalt, die gegen einen einzigen Menschen verübt wird, wird gegen alle verübt.“

Das schreckliche Kapitel des Holocaust dürfe nie vergessen werden. Zu Recht sei Erinnern auch „memoria futuri“, so der Papst weiter, also ein „Warnzeichen für die Zukunft“. Die Menschheit müsse alles tun, um eine ähnliche Katastrophe in der Zukunft zu verhindern.

Benedikt XVI. betete abschließend darum, dass die Erinnerung an die Shoah „unsere Entschlossenheit stärken werde, die Wunden zu heilen, die die Beziehungen zwischen Christen und Juden allzu lange schmerzvoll gemacht haben.“

Der Rabbiner Schneier hatte zuvor in seinem Grußwort hervorgehoben, dass die heutige Begegnung mit dem Papst zum gegenseitigen Verständnis diene, dies insbesondere in diesen „schmerzhaften und schwierigen Tagen“ nach den negationistischen Äußerungen eines Bischofs der Priesterbruderschaft St. Pius X.

Der Rabbiner dankte dem Papst für sein Verständnis für „unseren Schmerz und unsere Angst“. Gleichfalls dankte Schneier für die Bekräftigung einer „nicht zur Diskussion stehenden Solidarität“ gegenüber dem jüdischen Volk sowie für die Verurteilung jeglicher Form der Leugnung des Holocaust. Er würdigte auch den „persönlichen Einsatz“ Benedikts XVI., der wie jener Johannes Pauls II. dazu ermutige, die Bande zwischen Katholiken und Juden zu stärken.