Papst Benedikt XVI. – Gewissen unserer Zeit

Interview mit Buchautor P. Vincent Twomey

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MAYNOOTH, 11. September 2007 (ZENIT.org).- Das moderne Denken hat nach Ansicht von Pater Twomey das Gewissen zu einem Entschuldigungsmechanismus degradiert. Man denke, unser Gewissen könne nicht irren, und was man für richtig erachte, das sei tatsächlich richtig.



Der irische Priester Vincent Twomey, emeritierter Professor für Moraltheologie an der päpstlichen Universität des St. Patrick's College in Maynooth, ist Autor des Buchs „Benedikt XVI. – Das Gewissen unserer Zeit“, das im vergangenen Jahr im Sankt-Ulrich-Verlag herauskam.

Im folgenden Interview mit ZENIT spricht er über die Rolle des Heiligen Vaters als Wegbereiter einer Rückkehr zu einem tieferen Verständnis des Gewissens.

ZENIT: Sie waren Doktorschüler Joseph Ratzingers. Inwieweit hat diese Erfahrung Sie ganz besonders darauf vorbereitet, dieses Buch zu schreiben?

Pater Twomey: Im Frühjahr 1971 belegte ich Professor Ratzingers Doktorandenseminar und bereitete mich unter seiner wissenschaftlichen Betreuung auf mein Doktorexamen vor, das ich im Jahr 1979 ablegte.

Seit seiner Berufung zum Erzbischof von München im Jahr 1977 traf Ratzinger sich regelmäßig jedes Jahr mit seinen früheren Doktorschülern und Studenten nach deren Doktorprüfung für ein Wochenendkolloquium, eine Gepflogenheit, die auch noch nach seiner Wahl zum Papst fortdauert.

Ich denke, dass ich infolge dessen den Papst vielleicht mehr als alle anderen kenne. Denn an die 36 Jahre hatte ich mit ihm zu tun: Als Student saß ich zu seinen Füßen, ich studierte seine Schriften und nahm an Diskussionen mit ihm teil. Dies gab mir auch einen gewissen Einblick in sein Denken, was wiederum meine eigene Theologie tief beeinflusst hat.

ZENIT: Was charakterisiert Ihrer Meinung nach die Schriften Joseph Ratzingers, jetzt Papst Benedikt XVI., am meisten?

Pater Twomey: Die herausragendsten äußeren Charakteristika seiner Schriften sind Originalität, Klarheit und ein hervorragender Stil, der nicht leicht in einer Übersetzung wiedergegeben werden kann.

Ratzinger ist mehr als ein Gelehrter von Weltrang und ein Akademiker: Er ist ein schöpferischer Geist.

Er hat etwas von einem Midas in positivem Sinn: Was immer er berührt, verwandelt er zu Gold, mit anderen Worten, welches Thema er auch immer behandelt, seien es die Dogmen der Kirche oder ein Mosaik in einem alten römischen Kirchenbau oder das Thema Bioethik, immer hat er etwas Neues und Packendes dazu zu sagen. Und er schreibt mit unglaublicher Klarheit.

Was seinen Stil anbetrifft, soll Kardinal Joachim Meisner von Köln ihn als den Mozart der Theologie bezeichnet haben -- er schreibe Meisterwerke scheinbar mühelos.

Was den Inhalt seiner Schriften angeht, so hat Ratzinger einmal selbst gesagt, „Gott ist das eigentlich zentrale Thema meiner Arbeit.“

Es gibt kaum einen Bereich der Theologie -- Dogmatik, Moral, Politik, Bioethik, Liturgie, Exegese, Musik, bildende Kunst, -- den er nicht tiefschürfend untersucht hat. Und alles, was er untersucht, betrachtet er gleichsam vom Blickwinkel Gottes aus, indem er nämlich zu entdecken sucht, welches Licht die Offenbarung -- Schrift und Tradition -- auf den jeweiligen Gegenstand werfen kann.

Andererseits jedoch steht seine theologische Reflexion fest auf dem Boden der Erfahrung unserer Zeit. Sie gründet in den Fragen und existentiellen Probleme, die von der Moderne und Postmoderne, von den zeitgenössischen Denkern und den epochemachenden Ereignissen unserer Zeit aufgeworfen werden.

Allerdings waren seine pastoralen und administrativen Pflichten als Erzbischof und Präfekt der Glaubenskongregation von solcher Art, dass er wenig Zeit hatte, umfassende Monographien zu schreiben. Dies hatte zur Folge, dass die meisten seiner Schriften Fragmente sind. Aber was für Fragmente!

Ein jedes von ihnen vermag jene Erkenntnis der Wahrheit zu übermitteln, die den Geist und das Herz des Lesers berührt -- und in vielen eine Bekehrung des Herzens bewirken kann.

ZENIT: In Ihrem Buch beschreiben Sie Benedikt XVI. als jemanden, der keine Angst davor hat, Fehler zu machen; als jemanden, der den Mut hat, nicht perfekt zu sein”. Können Sie dies näher erklären?

Pater Twomey: Mut zum Unvollkommensein ist mehr als keine Angst vor dem Fehlermachen zu haben, auch wenn es dies einschließen kann.

Grundlegend für seine gesamte Einstellung zum Leben und zur Theologie ist die Voraussetzung, dass nur Gott vollkommen ist, dass die menschlichen Anstrengungen immer unvollkommen sind.

Perfektionismus jeder Art ist für den Menschen immer schädlich, besonders aber im Bereich der Politik. Die meisten politischen Ideologien zielen darauf ab, eine perfekte Welt und eine perfekte Gesellschaft zu schaffen und machen so für gewöhnlich letzten Endes die Erde zur Hölle.

Dies ist ein häufiges Thema seiner Schriften über das politische Leben, kann jedoch auch in seinen Schriften über die menschlichen Bemühungen, sich mit Theologie zu befassen, wieder gefunden werden. Auch das wird nie abgeschlossen sein: Diese Arbeit wird immer verbesser- und korrigierbar sein und vertieft werden können.

Wir können nicht alles wissen – schon gar nicht alles über Gott und seinen Plan für den Menschen. Ich habe seine Schriften „fragmentarisch” genannt; die meisten von ihnen sind unvollendet -- wie zum Beispiel sein klassisches Buch „Einführung in das Christentum” und, neueren Datums, sein „Jesus von Nazareth.“ Und doch hat er den Mut, sie in ihrem unfertigen Zustand zu veröffentlichen.

Diese Einstellung gab Joseph Ratzinger jene innere Ruhe und Freiheit, welche die Welt jetzt in Benedikt XVI. erlebt. Aber sie ist vielleicht auch das Geheimnis seines liebenswürdigen Humors und Esprits.

ZENIT: Sie weisen darauf hin, dass das Wort Gewissen derzeit falsch verstanden wird. Worin besteht diese Entstellung, und wie wirkt sie sich auf die Kirche aus?

Pater Twomey: Der Ausgangspunkt ist der traditionelle Begriff eines irrenden Gewissens, der im Gefolge des Aufruhrs nach „Humanae vitae” fälschlich so interpretiert wurde, dass es für viele in der Tat bedeutete, es spiele keine Rolle, was man tue – vorausgesetzt, man sei ehrlich davon überzeugt, dass es richtig sei.

Aufrichtigkeit wird nun zum Kriterium der Moral, und wenn man dies logisch zu Ende denkt, wäre es unmöglich, einen Hitler oder Stalin zu verurteilen, da ja der Anspruch geltend gemacht werden könnte, dass auch sie, aus ihrer Perspektive heraus, nach ihren ehrlichen Überzeugungen gehandelt haben.

Das traditionelle Beharren auf dem Vorrang des eigenen Gewissens, auch wenn es ein irrendes Gewissen ist, verschob sich zu einer neuen Vorstellung, der des „unfehlbaren Gewissens”. Dies führt so weit, dass behauptet wird, das Gewissen könne nicht irren und das, was man für richtig halte, sei auch richtig.

Dadurch wird das Gewissen zu einem Entschuldigungsmechanismus degradiert. Diese Vorstellung bekommt ihre Plausibilität, wenn nicht gar ihre Anregung, von dem vorherrschenden Relativismus der Moderne.

Es wird heute manchmal der Anspruch erhoben, jeder könne sich die moralischen Prinzipien aussuchen, die er oder sie am geeignetsten halte. Diese sind dann, nach Prüfung der verschiedenen Wahlmöglichkeiten, das Ergebnis ihrer Gewissensentscheidung.

Das ist in der Tat eine sehr verlockende Theorie. Aber sie läuft darauf hinaus, dass jede Person für sich selbst bestimmen kann, was richtig oder falsch ist. Das ist die Versuchung von Adam und Eva im Paradies.

Man nennt das oft Katholizismus „à la carte”, genüsslich sich aussuchen, was einem passt. Moral wird auf eine im Grunde irrationale persönliche Vorliebe reduziert.

Diese vorherrschende Vorstellung von Gewissen hatte eine verheerende Auswirkung auf die Kirche und das christliche Leben.

ZENIT: Sie nennen Benedikt XVI. Gewissensberater für die moderne Zeit. In welcher Weise trifft das zu?

Pater Twomey: Vor allen Dingen war Ratzinger, als Theologe und später als Präfekt der Glaubenskongregation, die Stimme des kirchlichen Gewissens, indem er die objektive Wahrheit bekräftige, als sie, sei es theoretisch oder in der Praxis, bestritten wurde.

Es ist erstaunlich, dass weltliche Denker, solche, die sozusagen außerhalb der Kirche stehen, dies eher zu erkennen scheinen, als diejenigen innerhalb der Kirche. So hat ihn zum Beispiel die Académie Française als den geeigneten Nachfolger Andrei Sacharows, des Atomphysikers und Dissidenten zur Zeit der Sowjetdiktatur, geehrt.

Sie haben den mutigen Denker erkannt, der in der Tat der große „Dissident“ unter der „Diktatur des Relativismus” war, die Europa und Amerika im letzten halben Jahrhundert überschwemmt hat.

Zweitens ist das Gewissen nicht nur ein zentrales Thema seiner Schriften, sondern er hat auch einen wesentlichen Beitrag zur Korrektur des falschen Verständnisses von Gewissen geleistet, das ich vorhin in groben Zügen dargestellt habe und dem ich ein ganzes Kapitel meines Buches widme.

ZENIT: In welcher Weise hat die Erfahrung, im Nazideutschland aufgewachsen zu sein, dazu beigetragen, Joseph Ratzinger auf das Papstamt vorzubereiten? Welche speziellen Lehren hat er damals gezogen, die er auch heute noch in die Praxis umsetzt?

Pater Twomey: Die Antwort auf diese Frage kann man in einer Bemerkung finden, die er in einem Interview im Jahr 1999 machte: „Die Folge [des Durchlebens der Nazizeit], war, dass ich lernte, einen gewissen Vorbehalt gegenüber den herrschenden Ideologien zu haben.“

Es ist klar, dass er den Begriff „Ideologien” auch auf jene Einstellungen innerhalb der Kirche bezog, die modern sind, weil sie gängige ideologische Trends der Gesellschaft widerspiegeln.

Unter einer politischen Ideologie und ihrer Bürokratie gelebt zu haben, machte ihn für die Notwendigkeit empfänglich, dass ein jeder seine moralische Verantwortung wahrnehmen muss, besonders aber jene, die ein öffentliches Amt in der Kirche oder im Staat innehaben. Wobei moralische Verantwortung nur eine andere Bezeichnung für Gewissen ist.

Seine Skepsis gegenüber Bischofskonferenzen wurzelte darin, dass er erlebt hatte, wie das Verhalten der deutschen Bischöfe als Kollektiv, gelinde gesagt, nicht ganz dem Zeugnis einzelner Bischöfe entsprochen hatte, wie etwa jenem des Bischofs Clemens von Galen von Münster und jenem des Erzbischofs Michael Faulhaber von München.

Er fordert von allen Bischöfen, dass sie ein persönliches Zeugnis ablegen und nicht warten, bis die kollektive Konferenz das ein oder andere von einer anonymen Kommission ausgearbeitete Dokument routinemäßig absegnet.

Genauso ist auch seine Theologie von einer persönlichen Suche nach der Wahrheit geprägt, zu der ihn sein Gewissen drängt. Sein ganzes Leben hindurch übte er seine persönliche moralische Verantwortung aus, auch wenn ihm dies das negative Etikett des „Rottweilers” oder „Großinquisitors” eintrug – oder gar „Feind der Menschlichkeit,“ wie es ein Journalist ausdrückte.

Die Wahrheit in Liebe auszusprechen, bedeutet, sehr oft, im Widerspruch zu den vorherrschenden Moden zu stehen und sich auf diese Weise unbeliebt zu machen.

Jetzt, als Benedikt XVI., übt er diese moralische Verantwortung nach wie vor aus – nicht zuletzt in der Weise, wie er die meisten seiner Ansprachen schreibt, die ins Herz seiner Zuhörer dringen, weil sie aus seinem eigenen Herzen kommen und nicht einem vorbereiteten Schema entspringen.