Papst Benedikt XVI.: Gott hat Zeit für uns!

Der Aufruf Jesu „Seid wachsam!" gilt allen

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ROM, 1. Dezember 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am gestrigen ersten Adventssonntag vor dem Angelusgebet gehalten hat. Der Heilige Vater ging zu Beginn des neuen Kirchenjahres mit Blick auf Weihnachten auf die drei „Angelpunkte" der Menschheitsgeschichte ein: Schöpfung, Menschwerdung und Weltgericht

 

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Liebe Brüder und Schwestern!

Mit dem ersten Adventssonntag beginnen wir heute ein neues Kirchenjahr. Dies lädt uns dazu ein, über die Dimension der Zeit nachzudenken, die immer eine große Faszination auf uns ausübt. Dem Beispiel Jesu folgend möchte ich dennoch von einer sehr konkreten Feststellung ausgehen: Alle sprechen wir davon, dass wir keine Zeit haben, da der Rhythmus des alltäglichen Lebens für alle frenetisch geworden ist. Diesbezüglich bringt die Kirche eine „gute Nachricht": Gott schenkt uns seine Zeit. Wir haben immer wenig Zeit. Besonders für den Herrn können oder wollen wir manchmal keine Zeit finden. Nun, Gott hat Zeit für uns! Das ist das Erste, was uns der Beginn eines Kirchenjahres immer wieder neu und mit Staunen entdecken lässt. Ja, Gott schenkt uns seine Zeit, da er mit seinem Wort und seinem Werk des Heils in die Geschichte eingetreten ist, um sie für die Ewigkeit zu öffnen, um sie zur Geschichte des Bundes werden zu lassen. In dieser Hinsicht ist die Zeit schon an sich ein fundamentales Zeichen der Liebe Gottes - ein Geschenk, das der Mensch - wie alles andere auch - nutzen oder im Gegenteil dazu verderben kann; er kann sie in ihrem Sinn erfassen oder in abgestumpfter Oberflächlichkeit vernachlässigen.

Es lassen sich drei große „Angelpunkte" der Zeit ausmachen, die die Heilsgesichte bestimmen: am Anfang die Schöpfung, im Mittelpunkt die Menschwerdung-Erlösung und am Ende die „Parousie", die endgültige Wiederkunft, die auch das Weltgericht einschließt. Diese drei Momente sind jedoch nicht einfach in einer chronologischen Abfolge zu verstehen. Die Schöpfung ist zwar sehr wohl der Ursprung von allem, sie hält aber nach wie vor an und verwirklicht sich im gesamten Verlauf des kosmischen Werdens bis hin zum Ende der Zeiten. Ebenso hat sich die Menschwerdung-Erlösung zwar in einem bestimmten historischen Augenblick ereignet, in der Zeit des Vorübergangs Jesu auf Erden, dennoch aber erstreckt sich ihr Wirkungsbereich auch über die ganze vorhergehende und die ganze nachfolgende Zeit. Und die letzte Wiederkunft und das Weltgericht, die gerade im Kreuz Christi eine entscheidende Vorwegnahme gefunden haben, üben ihrerseits ihren Einfluss auf das Verhalten der Menschen zu allen Zeiten aus.

Die liturgische Zeit des Advents feiert das Kommen Gottes in seinen beiden Momenten: Zunächst fordert sie uns dazu auf, das Erwarten der glorreichen Wiederkunft Christi neu wach werden zu lassen. Und wenn dann Weihnachten näher kommt, ruft sie uns auf, das zu unsrem Heil Mensch gewordene Wort aufzunehmen. Der Herr tritt aber fortwährend in unser Leben ein. Wie angebracht also ist der Aufruf Jesu, der uns an diesem ersten Sonntag wieder so kraftvoll vor Augen geführt wird: „Seid wachsam!" (Mk 13,33.35.37). Er ist an die Jünger gerichtet, aber auch „an alle", da in der Stunde, die nur Gott kennt, jeder dazu aufgerufen sein wird, über sein Dasein Rechenschaft abzulegen. Das bringt einen rechten Abstand von den irdischen Gütern mit sich, eine aufrichtige Reue hinsichtlich der eigenen Sünden, eine tatkräftige Liebe zum Nächsten und vor allem die Tatsache, sich demütig und vertrauensvoll der Hand Gottes anzuvertrauen, unseres milden und barmherzigen Vaters.

Ikone des Advents ist die Jungfrau Maria, die Mutter Jesu. Beten wir zu ihr, dass sie auch uns helfe, zu einer Verlängerung der Menschlichkeit für den Herrn zu werden, der kommt.



[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2008 - Libreria Editrice Vaticana]