Papst Benedikt XVI.: Gott ist nicht etwas Widersinniges

Generalaudienz über die Vernünftigkeit des Glaubens

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VATIKANSTADT, 21. November 2012 (ZENIT.org). – In der Katechese während der Generalaudienz auf dem Petersplatz wählte Papst Benedikt XVI. das Thema der Vernünftigkeit des Glaubens. Gottglauben widerspreche der Vernunft nicht, vielmehr sei er die Vollendung des menschlichen Denkens.

[Wir dokumentieren die offizielle deutsche Zusammenfassung der Katechese:]

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Liebe Brüder und Schwestern!

In den Katechesen über den Glauben möchte ich heute über die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott sprechen. Gott ist nicht etwas Widersinniges, das der Vernunft entgegensteht. Er ist ein Geheimnis und in diesem Sinn dunkel – so wie in die Sonne zu schauen zunächst nur Dunkelheit zeigt –, aber ein Geheimnis, das nicht irrational ist, sondern Überfülle an Sinn und Wahrheit, die eigentliche Quelle des Lichts. Das Geheimnis Gottes mag also der Vernunft zunächst dunkel erscheinen. Aber der Glaube gibt uns gleichsam sozusagen die Sehfähigkeit, sein Licht zu ertragen, es gebrochen in der Geschichte Gottes mit uns dann als das wahre Licht zu erkennen. Gott selbst ist dem Menschen nahe geworden und hat sich sozusagen auf ihn eingelassen, sich auf seine Maßstäbe und Maße gleichsam herunterbegeben, damit wir ihn von unseren Maßen her sehen können. Gott erleuchtet mit seiner Gnade die Vernunft, und der Glaube lädt uns ein, uns auf den Weg zu machen, so immer mehr sehend zu werden und aus unseren Maßen auf die Maße Gottes zu kommen. „Glaube, um überhaupt verstehen zu können. – Verstehe, um zu glauben“ (vgl. Sermo 43,9), hat der heilige Augustinus aus der Erfahrung seines eigenen kurvenreichen Lebensweges gesagt. Er bezeugt einen Glauben, der die Vernunft öffnet und nicht tötet. Vernunft und Glaube sind beide zusammen Bedingungen für das Verstehen von Gottes Wort und für das Verstehen unserer selbst. Über den Weg der Schöpfung kann die menschliche Vernunft Gott erkennen, hat das Erste Vatikanum im Anschluss an den Römerbrief des heiligen Paulus gesagt und hinzugefügt, dass freilich in der erbsündigen Beschaffenheit des Menschen – damit er zur Gewissheit kommt und damit er wirklich ihn in seiner Wahrheit erkennen kann – die Nachhilfe Gottes nötig ist, die er uns durch den Glauben gibt (vgl. Dei Filius, 2). Jedenfalls stehen so auch Wissenschaft und Glaube nicht im Gegensatz zueinander, sondern sind aufeinander verwiesen. Wissenschaft erweitert die Vernunft, hilft uns, die Welt zu erkennen, zu verstehen. Aber der Glaube gibt uns die Maßstäbe der Menschlichkeit, des Menschseins, die Maßstäbe dafür, was dem Menschen gut ist und was in sich gut ist und so die Pathologien der Wissenschaft überwindet, die ihrerseits die Pathologien der Religion überwinden kann. Beide gehören zusammen als gemeinsamer Weg zum Licht Gottes, das er uns in der Offenbarung aufgetan hat.

 [Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Papst mit folgenden Worten:]

Von Herzen grüße ich alle Pilger und Gäste deutscher Sprache. An Gott zu glauben ist, wie gesagt, unserer Vernunft nicht entgegengesetzt, sie wartet darauf. Der Glaube helfe uns, in Christus den Sinn und die Fülle unseres Daseins und den Garant wahrer menschlicher Freiheit zu erkennen. Er ist die Erfüllung unseres Strebens nach dem Wahren und nach dem Guten. Der Herr segne euch alle.

 [© Copyright 2012 - Libreria Editrice Vaticana]