Papst Benedikt XVI.: Hoffnung auf ewiges Leben

Angelus-Ansprache am Allerseelentag

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ROM, 3. November 2008 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. gestern, Sonntag, am Fest Allerseelen vor dem Angelusgebet gehalten hat.

„Es ist auch heute notwendig, die Wirklichkeit des Todes und des ewigen Lebens zu evangelisieren.“

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Liebe Brüder und Schwestern!

Gestern hat uns das Fest Allerheiligen „die heilige Stadt, unsere Heimat, das Himmlische Jerusalem“ betrachten lassen (Präfation an Allerheiligen). Heute gedenken wir, während unser Geist noch diesen letzten Wirklichkeiten zugewandt ist, aller verstorbenen Gläubigen, „die uns vorausgegangen sind, bezeichnet mit dem Siegel des Glaubens, und die nun ruhen in Frieden“ (1. Eucharistisches Hochgebet). Es ist überaus wichtig, dass wir Christen die Beziehung mit den Verstorbenen in der Wahrheit des Glaubens leben und im Licht der Offenbarung auf den Tod und das Jenseits schauen. Schon der Apostel Paulus schrieb an die ersten Gemeinden und ermahnte die Gläubigen dabei, „nicht zu trauern“ wie die anderen, die keine Hoffnung haben. „Wenn Jesus – und das ist unser Glaube – gestorben und auferstanden ist“, so schrieb er nämlich, „dann wird Gott durch Jesus auch die Verstorbenen zusammen mit ihm zur Herrlichkeit führen“ (1 Thess 4,12-14). Es ist auch heute notwendig, die Wirklichkeit des Todes und des ewigen Lebens zu evangelisieren, Wirklichkeiten, die vor allem durch Aberglauben und Synkretismen gefährdet sind, damit die christliche Wahrheit nicht der Gefahr ausgesetzt wird, sich mit Mythologien verschiedenster Art zu vermischen.

In meiner Enzyklika über die christliche Hoffnung habe ich mir die Frage über das Geheimnis des Ewigen Lebens gestellt (Spe salvi, 10-12). Ich habe mich gefragt: Ist christlicher Glaube auch für die Menschen von heute Hoffnung, die ihr Leben verwandelt und trägt (vgl. ebd. 10)? Und radikaler noch: Wollen die Männer und Frauen unserer Zeit noch das ewige Leben? Oder ist vielleicht das irdische Dasein ihr einziger Horizont geworden? In Wirklichkeit wollen wir alle, wie schon der heilige Augustinus festgestellt hat, das „selige Leben“, das Glück. Wir wissen nicht genau, was es ist und wie es ist, aber wir fühlen uns zu ihm hingezogen. Das ist eine universale Hoffnung, die den Menschen immer und allerorts gemeinsam ist. Das Wort „ewiges Leben“ versucht, dieser nicht unterdrückbaren Erwartung einen Namen geben: Es ist keine immer weitergehende Abfolge von Kalendertagen, sondern das Eintauchen in den Ozean der unendlichen Liebe, in dem es keine Zeit, kein Vor- und Nachher mehr gibt. Eine Fülle von Leben und Freude: Das ist es, was wir von unserem Mitsein mit Christus erhoffen und erwarten (vgl. ebd. 12).

Erneuern wir am heutigen Tag die Hoffnung auf das ewige Leben, das im Tod und in der Auferstehung Christi gründet. „Ich bin auferstanden, und jetzt bin ich immer bei dir“, sagt uns der Herr, „und meine Hand trägt dich. Wo immer du auch fallen magst, wirst du in meine Hände fallen, und ich werde sogar an der Tür des Todes da sein. Wohin dich niemand mehr begleiten kann und wohin du nichts mitnehmen kannst, dort warte ich auf dich, um für dich die Finsternis in Licht zu verwandeln.“ Die christliche Hoffnung ist aber nie rein individuell, sie ist immer auch Hoffnung für die anderen. Unsere Leben sind auf das Engste miteinander verbunden, und das Gute und das Böse, das einer tut, betreffen immer auch die anderen. So kann das Gebet einer Seele auf ihrer irdischen Pilgerschaft einer anderen Seele bei ihrer Läuterung nach dem Tod helfen. Deshalb lädt uns die Kirche heute ein, für unsere lieben Verstorbenen zu beten und auf den Friedhöfen bei ihren Gräbern innezuhalten. Maria, Stern der Hoffnung, möge unseren Glauben an das ewige Leben stärker und wahrer und unser Gebet für die verstorbenen Brüder und Schwestern wirksamer machen.

[Die deutschsprachigen Pilger auf dem Petersplatz begrüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Ganz herzlich begrüße ich die deutschsprachigen Gläubigen zum gemeinsamen Angelus-Gebet am Allerseelentag. Die Kirche lädt uns ein, heute besonders der Verstorbenen zu gedenken und Gott zu bitten, dass er unsere Brüder und Schwestern in seine ewige Herrlichkeit aufnehme. Wenden wir uns vertrauensvoll an die selige Jungfrau Maria, die in der Lauretanischen Litanei als „Pforte des Himmels“ angerufen wird. Sie stehe auch uns in der Todesstunde bei, damit wir unsere Sünden bereuen und voll Zuversicht vor das Antlitz Gottes treten können. Der Herr segne euch und eure Familien!

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Orginals; © Copyright 2008 – Libreria Editrice Vaticana]