Papst Benedikt XVI.: hohe Intellektualität, selbstverständlicher Glaube

Interview mit Dr. Florian Schuller, Leiter der Katholischen Akademie in Bayern

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MÜNCHEN, 19. September 2006 (ZENIT.org).- Die "zentrale Botschaft" des Papstbesuchs in Bayern liegt für Dr. Florian Schuller, den Leiter der Katholischen Akademie in Bayern, vor allem in der persönlichen Ausstrahlung Benedikts XVI.



In den intellektuellen Kreisen in Deutschland sei "eine starke Reaktion auf den Papst festzustellen, allerdings vor allem – so habe ich im Moment den Eindruck – von seiner Person her: wie er rüberkommt, wie er auf die Menschen zugeht", erklärte Dr. Schuller am Rande des Papstbesuchs in der bayerischen Landeshauptstadt gegenüber ZENIT. Ob es tatsächlich stimmt, dass Joseph Ratzinger im Gegensatz zu früher ein anderer geworden sei, wie vielerorts gemeint wird, kann Dr. Schuller allerdings nicht sagen.

"Die persönliche Ausstrahlung des Papstes scheint mir im Moment die zentrale Botschaft dieser Tage zu sein", bekräftigte er. "Die inhaltliche Perspektive oder die inhaltliche Spitze seiner Botschaft der Vernunft und des Nachdenkens und des Argumentierens im Blick auf den Menschen, der vielleicht nicht Christ ist, aber meine Argumentation verstehen muss, da ist wohl mit einer größeren Langzeitwirkung zu rechnen."

Papst Benedikt vertrete "im intellektuellen Gespräch unserer Gesellschaft tatsächlich eine ganz zentrale Position, die auf diese Weise heute kaum ein anderer vertreten kann – weil er einerseits von seiner ganz hohen, differenzierten Intellektualität geprägt ist, und andererseits ganz tief verwurzelt ist in einem selbstverständlichen Glauben, der jetzt nicht dauernd vom Zweifeln angebissen ist, wie das sonst häufig auch geschieht, sondern der aus der Wurzel dieses Glaubens heraus lebt."

In diesem Zusammenhang ging der Direktor der Katholischen Akademie auf die historische Debatte von Jürgen Habermas und Kardinal Ratzinger ein: "Wir haben im Januar 2004 ein wunderbares, weltweit beachtetes Gespräch organisiert, und zwar zwischen Jürgen Habermas, dem Vertreter des säkularen Denkens in Deutschland, und Joseph Kardinal Ratzinger als den Vertreter des katholischen Denkens, und da ging es um die vorpolitischen moralischen Grundlagen des Staates beziehungsweise der Gesellschaft (vgl. Gesprächsabend am 19. Januar 2004 (pdf-Format)).

Die Perspektive von Joseph Kardinal Ratzinger war ganz zentral die: Vernunft und Glaube sind nicht Gegensätze, sondern komplementäre Wege zum Erkennen der Wahrheit und zum Deuten der Wirklichkeit. Und beide Wege sind aufeinander angewiesen und müssen sich gegenseitig – das war damals sein Begriff – 'reinigen'. Glauben ohne Denken wird Ideologie, und Denken ohne Glauben wird ein totalitäres Unterfangen, das den Menschen letztlich zerstört."

Vom 11. bis zum 14. Oktober 2006 wird sich die Akademie im Rahmen der "Philosophischen Woche 2006" mit dem Thema "Vernunft, Glaube – Die Frage nach Gott in der Philosophie" auseinandersetzen. Konkret geht es laut Dr. Schuller darum, über das Verhältnis von Philosophie und Theologie nachzudenken und zu diskutieren.

Am 12. Oktober wird der Philosoph Robert Spaemann um 19.00 Uhr im Kardinal-Wendel-Haus (Mandlstraße 23, 80802 München) einen öffentlich zugänglichen Vortrag halten. Er steht unter der Überschrift: "Über die Vernünftigkeit des Glaubens an Gott".

Der Münchner Philosophieprofessor hat selbst angekündigt, worum es dabei gehen wird: "Ist die Beantwortung der Frage, ob Gott existiert, Sache privater Überzeugung – rationaler Rechtfertigung und Begründung unzugänglich? Dafür spricht die Tatsache, dass offensichtlich rationale Diskurse zu keiner definitiven Einigung aller Menschen führen. Dagegen spricht die begründete Vermutung, mit der Existenz Gottes stehe und falle die Wahrheitsfähigkeit der menschlichen Vernunft. Nietzsche hat diesen Zusammenhang als erster gesehen. Er zog daraus die Konsequenz, beides zu leugnen: Gott und die Erkennbarkeit der Welt. Gibt es Gründe, die gegenteilige Folgerung zu ziehen? Gibt es so etwas wie einen Gottesbeweis nach Nietzsche? Und was eigentlich behauptet derjenige, der behauptet, dass Gott ist?"