Papst Benedikt XVI. in Kroatien: Predigt bei der Vesper

Predigt bei der Vesper mit Bischöfen, Ordensleuten, Priestern und Seminaristen

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Zagreb, 5. Juni 2011 (ZENIT.org). – Der selige Alojzije Stepinac, der als Bischof jedem Totalitarismus heroisch Widerstand leistete, stand im Mittelpunkt der Predigt von Papst Benedikt XVI. bei der feierlichen Vesper mit Bischöfen, Priestern und Ordensleuten.

Wir veröffentlichen die offizielle deutsche Übersetzung der Ansprache im Wortlaut:

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Liebe Mitbrüder im bischöflichen und im priesterlichen Dienst,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich danke dem Herrn für diese Begegnung im Gebet, die mir erlaubt, einen besonderen Moment der Gemeinschaft mit euch Bischöfen, Priestern, Personen geweihten Lebens, Seminaristen, Novizen und Novizinnen zu erleben. Ich grüße euch alle von Herzen und danke euch für das Zeugnis, das ihr der Kirche gebt, wie es die Jahrhunderte hindurch viele Hirten und Märtyrer in diesem Land getan haben – vom heiligen Domnius bis zum seligen Kardinal Stepinac, bis zum verehrten Kardinal Kuharić und vielen anderen. Ich danke Kardinal Josip Bozanić für die freundlichen Worte, die er an mich gerichtet hat. Heute Abend wollen wir in Andacht und Gebet des seligen Alojzije Stepinac gedenken, des furchtlosen Hirten, eines Vorbilds an apostolischen Eifer und christlicher Standhaftigkeit, dessen heroisches Leben noch heute den Gläubigen der kroatischen Diözesen Licht spendet und ihren Glauben und ihr kirchliches Leben trägt. Die Verdienste dieses unvergesslichen Bischofs entspringen im Wesentlichen seinem Glauben: In seinem Leben hat er stets den Blick auf Christus gerichtet und ihm wollte er immer ähnlich sein, sodass er ein lebendiges Bild Christi – auch des leidenden Christus – wurde. Gerade dank seines unerschütterlichen christlichen Bewusstseins hat er es verstanden, jedem Totalitarismus Widerstand zu leisten. So wurde er in der Zeit der nazistischen und faschistischen Diktatur ein Verteidiger der Juden, der orthodoxen Christen sowie aller Verfolgten und dann, in der kommunistischen Ära, „Anwalt" seiner Gläubigen, besonders der vielen verfolgten und getöteten Priester. Ja, er wurde ein „Anwalt" Gottes auf dieser Erde, denn er hat hartnäckig die Wahrheit und das Recht des Menschen, mit Gott zu leben, verteidigt.

„Durch ein einziges Opfer hat er (Christus) die, die geheiligt werden, für immer zur Vollendung geführt" (Hebr 10,14). Diese Aussage aus dem Hebräerbrief, die eben vorgetragen wurde, lädt uns ein, die Figur des seligen Kardinals Stepinac im Sinne der „Gestalt" Christi und seines Opfers zu betrachten. Das christliche Martyrium ist nämlich das höchste Maß an Heiligkeit, doch das ist es immer und allein dank Christus, durch sein Geschenk, als Antwort auf sein Opfer, das wir in der Eucharistie empfangen. Der selige Alojzije Stepinac hat mit seinem Priestertum, mit seinem Bischofsamt und mit dem Opfer seines Lebens geantwortet: ein einziges „Ja" vereint mit dem Ja Christi. Sein Martyrium stellt den Höhepunkt der Gewalttaten dar, die während der schrecklichen Zeit der kommunistischen Verfolgung gegen die Kirche verübt wurden. Die kroatischen Katholiken – speziell der Klerus – waren Gegenstand von Schikanen und systematischen Übergriffen, deren Ziel die Zerstörung der katholischen Kirche war, angefangen bei ihrer höchsten lokalen Autorität. Jene besonders harte Zeit war gekennzeichnet durch eine Generation von Bischöfen, Priestern und Ordensleuten, die bereit waren zu sterben, um nicht Christus, die Kirche und den Papst zu verraten. Die Menschen haben gesehen, dass die Priester nie den Glauben, die Hoffnung und die Liebe verloren haben, und so sind sie immer vereint geblieben. Diese Einheit erklärt, was menschlich betrachtet unerklärlich ist: dass ein so hartes Regime die Kirche nicht hat bezwingen können.

Auch heute ist die Kirche in Kroatien aufgerufen, einig zu sein, um sich den Herausforderungen des veränderten gesellschaftlichen Umfelds zu stellen, indem sie mit missionarischer Kühnheit neue Wege der Evangelisierung ausmacht, vor allem im Dienst an den jungen Generationen. Liebe Mitbrüder im Bischofsamt, vor allem euch möchte ich ermutigen in der Ausübung eurer Sendung. Je mehr ihr in fruchtbarer Übereinstimmung untereinander und in Gemeinschaft mit dem Nachfolger Petri handelt, desto mehr könnt ihr den Schwierigkeiten unserer Zeit entgegentreten. Ferner ist es wichtig, dass vor allem die Bischöfe und die Priester immer im Dienst der Versöhnung zwischen den getrennten Christen und zwischen Christen und Muslimen tätig sind und so den Spuren Christi folgen, der unser Friede ist. Versäumt nicht, den Priestern klare geistliche, theologische und pastorale Orientierungen zu geben. Obwohl nämlich die kirchliche Gemeinschaft in ihrem Innern legitime Verschiedenheiten aufweist, kann sie doch nur in der Gemeinsamkeit ihrer Glieder ein treues Zeugnis für den Herrn ablegen. Das verlangt von euch den Dienst der Wachsamkeit, der im Dialog und mit großer Liebe, aber auch mit Klarheit und Festigkeit ausgeübt werden muss.

Liebe Mitbrüder, Christus anhangen bedeutet, unter allen Umständen „an seinem Wort festhalten" (vgl. Joh 14,23). Diesbezüglich drückte sich der selige Kardinal Stepina so aus: „Eines der größten Übel unserer Zeit ist die Mittelmäßigkeit in Fragen des Glaubens. Machen wir uns keine Illusionen … Entweder sind wir Katholiken oder wir sind es nicht. Wenn wir es sind, dann muß sich das in jedem Bereich unseres Leben zeigen" (Homilie am Hochfest der heiligen Petrus und Paulus, 29. Juni 1943). Die heute oft nicht verstandene Morallehre der Kirche kann nicht vom Evangelium abgekoppelt werden. Es ist eigens Aufgabe der Hirten, sie den Gläubigen maßgebend vorzulegen, um ihnen zu helfen, ihre persönliche Verantwortung, die Übereinstimmung zwischen ihren Entscheidungen und den Anforderungen des Glaubens abzuwägen. Auf diese Weise wird man in jener „kulturellen Wende" voranschreiten, die nötig ist, um eine Kultur des Lebens und eine dem Menschen gemäße Gesellschaft zu fördern.

Liebe Priester – insbesondere ihr Pfarrer –, ich weiß um die Wichtigkeit und die Vielfalt eurer Aufgaben in einer Zeit, in der der Priestermangel allmählich deutlich zu spüren ist. Ich rufe euch auf, nicht den Mut zu verlieren, wachsam zu bleiben im Gebet und im geistlichen Leben, um euren Dienst fruchtbringend zu erfüllen: alle, die eurer Sorge anvertraut sind, zu lehren, zu heiligen und zu führen. Nehmt großmütig auf, wer an die Tür eures Herzens klopft, indem ihr einem jeden die Gaben darbietet, welche die göttliche Güte euch übergeben hat. Verharrt in der Gemeinschaft mit eurem Bischof und in der gegenseitigen Zusammenarbeit. Nährt euren Einsatz an den Quellen der Schrift, der Sakramente und dem beständigen Lob Gottes, in Offenheit und Verfügbarkeit gegenüber dem Wirken des Heiligen Geistes – so werdet ihr fähige Arbeiter für die Neu-Evangelisierung sein, die ihr gemeinsam mit den Laien verwirklichen sollt, und zwar aufeinander abgestimmt und ohne zu vermischen, was dem geweihten Dienst obliegt und was zum allgemeinen Priestertum der Getauften gehört. Lasst euch die Sorge um die Priesterberufungen ein Herzensanliegen sein: Bemüht euch, mit eurer Begeisterung und eurer Treue einen lebhaften Wunsch zu übertragen, großmütig und ohne Zögern Christus zu antworten, der ruft, ihm, dem Haupt und Hirten, ganz ähnlich zu werden.

Liebe Brüder und Schwestern des geweihten Lebens, viel erwartet die Kirche von euch, die ihr die Sendung habt, zu allen Zeiten die „Lebensform" zu bezeugen, „die Jesus, der höchste Geweihte und Gesandte des Vaters für sein Reich, annahm und für die Jünger, die ihm folgten, bestimmt hat" (Johannes Paul II., Nachsynodales Schreiben Vita consecrata, 22). Möge Gott stets euer einziger Reichtum sein: Von ihm lasst euch formen, um dem Menschen von heute, der nach wahren Werten dürstet, die Heiligkeit, die Wahrheit und die Liebe des himmlischen Vaters sichtbar zu machen. Unterstützt von der Gnade des Geistes, sprecht zu den Menschen mit der Beredsamkeit eines Lebens, das von der Neuheit des Osterereignisses verklärt ist. So wird euer ganzes Dasein zu einem Zeichen und Dienst der Weihe, die jeder Getaufte erhalten hat, als er dem Leib Christi eingegliedert wurde.

Euch jungen Menschen, die ihr euch auf das Priestertum oder das geweihte Leben vorbereitet, möchte ich noch einmal sagen, dass der göttliche Meister unaufhörlich in der Welt am Werk ist und jedem, den er erwählt hat, zuruft: „Folge mir nach!" (Mt 9.9). Es ist eine Berufung, die die tägliche Bestätigung einer Antwort aus Liebe erfordert. Möge euer Herz immer bereit sein! Das heroische Zeugnis des seligen Alojzije Stepinac erwecke eine Erneuerung der Berufungen unter den jungen Kroaten. Und ihr, liebe Mitbrüder im bischöflichen und im priesterlichen Dienst, versäumt nicht, den jungen Menschen in den Seminaren und Noviziaten eine ausgewogene Ausbildung zu bieten, die sie auf einen Dienst vorbereitet, der dank der Tiefe ihres geistlichen Lebens und der Ernsthaftigkeit ihrer Studien gut in die Gesellschaft unserer Zeit eingefügt ist.

Geliebte Kirche in Kroatien, übernimm mit Demut und Mut die Aufgabe, das moralische Gewissen der Gesellschaft, „Salz der Erde" und „Licht der Welt" (vgl. Mt 5,13-14) zu sein. In einer Gesellschaft, die alle Lebensbereiche zu relativieren und zu säkularisieren sucht, sei du Christus und der Botschaft des Evangeliums immer treu. Sei die Wohnstatt der Freude im Glauben und in der Hoffnung. Meine Lieben! Der selige Kardinal Alojzije Stepinac und alle Heiligen eures Landes mögen Fürsprache für euer Volk einlegen, und die Mutter des Erlösers beschütze euch! Von Herzen erteile ich euch und der ganzen Kirche in Kroatien meinen Apostolischen Segen. Amen. Gelobt seien Jesus und Maria!

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