Papst Benedikt XVI.: „Ist die Aussage ‚Christus ist auferstanden‘ auch für uns aktuell?“

Elfte Katechese über den heiligen Apostel Paulus

| 1571 klicks

ROM, 5. November 2008 (ZENIT.org).- Der Schlüssel zum Verständnis der Christologie des heiligen Paulus ist die Auferstehung. Papst Benedikt XVI. verwies heute, Mittwoch, in seiner elften Katechese über den Völkerapostel auf die grundlegende Bedeutung des Auferstehungsglaubens. Ohne ihn wäre das christliche Leben absurd, sinnlos und leer.

***

Liebe Brüder und Schwestern!

„Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos …, und ihr seid immer noch in euren Sünden“ (1 Kor 15, 14.17). Mit diesen starken Worten aus dem ersten Brief an die Korinther gibt uns der heilige Paulus zu verstehen, welche entscheidende Bedeutung er der Auferstehung Jesu zuwies. In diesem Ereignis nämlich liegt die Lösung des Problems, das sich mit dem Drama des Kreuzes stellt. Das Kreuz allein konnte den christlichen Glauben nicht erklären, im Gegenteil: Es wäre eine Tragödie geblieben, der Verweis auf die Absurdität des Seins. Das Ostergeheimnis besteht in der Tatsache, dass jener Gekreuzigte „am dritten Tag auferweckt worden ist, gemäß der Schrift“ (1 Kor 15,4). So bezeugt es die protochristliche Überlieferung. Hierin liegt der Schlussstein der paulinischen Christologie: Alles dreht sich um dieses Gravitationszentrum. Die ganze Lehre des Apostels Paulus geht vom Geheimnis dessen aus, den der Vater von den Toten auferweckt hat, und sie kehrt wieder zu diesem Geheimnis zurück. Die Auferstehung ist eine grundlegende Gegebenheit, gleichsam ein vorweggenommenes Axiom (vgl. 1 Kor 15,12), auf dessen Grundlage Paulus seine synthetische Verkündigung („kerygma“) formulieren kann: Er, der gekreuzigt wurde und auf diese Weise die unendliche Liebe Gottes zum Menschen sichtbar machte, ist auferstanden und lebt mitten unter uns.

Es ist wichtig, die Verbindung zwischen der Verkündigung der Auferstehung zu erfassen, wie Paulus sie formuliert, und jener, die in den ersten christlichen Gemeinden vor Paulus gebräuchlich war. Hier kann wirklich erkannt werden, wie wichtig die Überlieferung war, die dem Apostel vorangegangen ist und die er seinerseits mit großer Achtung und Aufmerksamkeit weitergeben wollte. Der Text über die Auferstehung, der im Kapitel 15,1-11 des ersten Briefs an die Korinther vorliegt, lässt gut die Verbindung zwischen dem „Empfangen“ und dem „Überliefern“ hervortreten. Der heilige Paulus misst der wortwörtlichen Formulierung der Tradition große Bedeutung zu; am Ende des in Betracht gezogenen Abschnittes betont er: „Ob nun ich verkündige oder die anderen…“ (1 Kor 15,11), und setzt so die Einheit des „kerygma“ ins Licht, der Verkündigung an alle Gläubigen und all jene, die die Auferstehung Christi verkündigen werden. Die Überlieferung, an die er anschließt, ist die Quelle, aus der es zu schöpfen gilt. Die Originalität seiner Christologie gereicht nie zum Schaden der Treue zur Überlieferung. Das „kerygma“ der Apostel steht immer vor der persönlichen erneuten Ausarbeitung des Paulus; eine jede seiner Argumentation geht von der gemeinsamen Tradition aus, in der der Glaube zum Ausdruck kommt, den alle Kirchen teilen, die eine einzige Kirche sind. Und so bietet der heilige Paulus für alle Zeiten ein Modell dafür, wie Theologie zu betreiben ist und wie gepredigt werden soll. Der Theologe, der Prediger schafft keine neuen Welt- und Lebensanschauungen, sondern er steht im Dienst der überlieferten Wahrheit, im Dienst der realen Tatsache Christi – des Kreuzes, der Auferstehung. Seine Aufgabe besteht darin, uns heute zu helfen, hinter den antiken Worten die Wirklichkeit des „Gott mit uns“ zu begreifen, das heißt die Wirklichkeit des wahren Lebens.

An dieser Stelle muss präzisiert werden: Wenn der heilige Paulus die Auferstehung verkündet, geht es ihm nicht darum, diesbezüglich eine organische lehrmäßige Exposition vorzulegen – er will sozusagen kein Theologie-Handbuch schreiben –, sondern er setzt sich mit dem Thema auseinander, indem er auf konkrete Zweifel und Fragen antwortet, die die Gläubigen an ihn richteten. Es handelt sich somit um eine Rede, die sich aus der Gelegenheit ergibt, die aber voller Glauben und gelebter Theologie ist. Darin ist eine Konzentration auf das Wesentliche festzustellen: Wir sind durch Christus „gerechtfertigt“, das heißt gerecht gemacht, gerettet worden, der für uns gestorben und auferstanden ist. Es tritt vor allem die Tatsache der Auferstehung hervor, ohne die das christliche Leben schlechthin absurd wäre. An jenem Morgen des Ostertages ereignete sich etwas Außerordentliches, etwas Neues und gleichzeitig etwas sehr Konkretes, das durch sehr genaue, von zahlreichen Zeugen festgehaltene Zeichen gekennzeichnet war. Für Paulus ist – genauso wie für die anderen Verfasser des Neuen Testaments – die Auferstehung an das Zeugnis dessen gebunden, der den Auferstandenen direkt erlebt hat. Es geht darum, nicht nur mit den Augen oder den Sinnen zu sehen und zu erleben, sondern auch mit dem inneren Licht, das uns dazu drängt, das anzuerkennen, was die äußeren Sinne als objektive Gegebenheit vorlegen. Deshalb weist Paulus wie die vier Evangelien dem Thema der Erscheinungen eine grundlegende Bedeutung zu, die für den Glauben an den Auferstandenen, der das Grab leer hinterlassen hat, eine entscheidende Bedingung sind.

Diese beiden Tatsachen sind wichtig: Das Grab ist leer, und: Jesus ist wirklich erschienen. So bildet sich jenes Band der Überlieferung, die durch das Zeugnis der Apostel und der ersten Jünger den nachfolgenden Generationen bis hin zu uns weitergegeben wird. Die erste Folge beziehungsweise die erste Form, dieses Zeugnis zum Ausdruck zu bringen, besteht darin, die Auferstehung als Zusammenfassung der Verkündigung des Evangeliums und als Höhepunkt eines Heil bringenden Weges zu predigen. All dies tut Paulus bei diversen Gelegenheiten: Man kann in den Briefen und in der Apostelgeschichte nachschlagen, wo immer zu sehen ist, dass der wesentliche Punkt für ihn die Zeugenschaft der Auferstehung ist. Ich möchte nur einen Text zitieren: Der in Jerusalem verhaftete Paulus steht als Angeklagter vor dem Hohen Rat. In dieser Situation, in der es für ihn um Leben und Tod geht, zeigt er auf, was Sinn und Inhalt seiner ganzen Verkündigung ist: „Wegen der Hoffnung und wegen der Auferstehung der Toten stehe ich vor Gericht“ (Apg 23,6). Dasselbe wiederholt er immer wieder in seinen Briefen (vgl. 1 Thess 1,9f; 4,13-18; 5,10), in denen er sich auch auf seine persönliche Erfahrung beruft, auf seine persönliche Begegnung mit dem auferstandenen Christus (vgl. Gal 1,15-16; 1 Kor 9,1).

Aber wir können uns fragen: Worin besteht für den heiligen Paulus der tiefe Sinn des Ereignisses der Auferstehung Jesu? Was sagt es uns im Abstand von 2000 Jahren? Ist die Aussage „Christus ist auferstanden“ auch für uns aktuell? Warum ist für ihn und für uns heute die Auferstehung ein so bestimmendes Thema?

Paulus gibt zu Beginn des Briefes an die Römer eine feierliche Antwort auf diese Frage, wenn er anhebt und auf „das Evangelium Gottes“ Bezug nimmt, „das Evangelium von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten“ (Röm 1,3-4). Paulus weiß wohl, und er sagt es viele Male, dass Jesus immer der Sohn Gottes gewesen ist, vom Augenblick seiner Fleischwerdung an. Die Neuheit der Auferstehung besteht in der Tatsache, dass Jesus aus der Niedrigkeit seines irdischen Daseins erhoben und „in Macht“ als Sohn Gottes eingesetzt wird. Der bis zum Tod am Kreuz erniedrigte Jesus kann jetzt zu den Elf sagen: „Mir ist alle Macht gegeben im Himmel und auf der Erde“ (Mt 28,18). Es ist das Wirklichkeit geworden, was in Psalm 2,8 gesagt wird: „Fordere von mir, und ich gebe dir die Völker zum Erbe, die Enden der Erde zum Eigentum.“ Deshalb beginnt mit der Auferstehung das Evangelium Christi für alle Völker. Es beginnt das Reich Christi, dieses neue Reich, das keine andere Macht kennt als jene der Wahrheit und der Liebe. Die Auferstehung offenbart also endgültig, was die wahre Identität und die außerordentliche Gestalt des Gekreuzigten ist. Eine unvergleichbare und höchste Würde: Jesus ist Gott! Mehr als in der Fleischwerdung offenbart sich für den heiligen Paulus die geheime Identität Jesu im Geheimnis der Auferstehung. Während der Titel „Christus“, das heißt der „Messias“, der „Gesalbte“, bei Paulus dazu neigt, zum Eigennamen Jesu zu werden, und der Titel „Herr“ seine persönliche Beziehung zu den Gläubigen bestimmt, erhellt jetzt der Titel „Sohn Gottes“ die innige Beziehung Jesu mit Gott, eine Beziehung, die sich im Osterereignis vollkommen offenbart. Man kann somit sagen, dass Jesus auferweckt ist, um der Herr der Toten und der Lebenden zu sein (vgl. Röm 14,9; und 2 Kor 5,15), oder mit anderen Worten: unser Heiland (vgl. Röm 4,25).

All dies hat wichtige Konsequenzen für unser Glaubensleben: Wir sind dazu berufen, bis ins Innerste unseres Seins an der gesamten Geschichte des Todes und der Auferstehung Christi teilzuhaben. Der Apostel sagt: Wir sind „mit Christus gestorben“, und wir glauben, „dass wir auch mit ihm leben werden. Wir wissen, dass Christus, von den Toten auferweckt, nicht mehr stirbt; der Tod hat keine Macht mehr über ihn“ (Röm 6,8-9). Das wird in der Anteilnahme an den Leiden Christi konkret, die ein Vorspiel zu jener vollen Gleichgestaltung mit ihm durch die Auferstehung ist, nach der wir in der Hoffnung streben. Das ist auch dem heiligen Paulus geschehen. Seine persönliche Erfahrung wird in den Briefen in innigen und auch realistischen Tönen beschrieben: „Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden; sein Tod soll mich prägen. So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen“ (Phil 3,10-11; vgl. 2 Tim 2,8-12).

Die Theologie des Kreuzes ist keine Theorie – sie ist die Wirklichkeit des christlichen Lebens. Im Glauben an Jesus Christus zu leben, die Wahrheit und die Liebe zu leben, schließt tagtäglich Verzicht und Leiden ein. Das Christentum ist kein bequemer Weg, es ist vielmehr ein steiler Weg, der hohe Anforderungen stellt, dabei allerdings vom Licht Christi und der großen Hoffnung erleuchtet ist, die aus ihm erwächst. Der heilige Augustinus sagt: Den Christen bleibt das Leid nicht erspart, ganz im Gegenteil: Ihnen ist mehr verheißen, da das Leben aus dem Glauben den Mut zum Ausdruck bringt, dem Leben und der Geschichte mit größerer Tiefe zu begegnen. Nichtsdestoweniger erkennen wir nur so – das heißt in der Erfahrung des Leids – das Leben in seiner Tiefe, in seiner Schönheit, in der großen Hoffnung, die der gekreuzigte und auferstandene Christus weckt. Der Gläubige steht somit zwischen zwei Polen: auf der einen Seite die Auferstehung, die in gewisser Weise schon in uns gegenwärtig und wirksam ist (vgl. Kol 3,1-4; Eph 2,6), und auf der anderen die Dringlichkeit, in jenen Prozess einzutreten, der alle und alles zu der Fülle führt, die im Brief an die Römer mit einem gewagten Bild beschrieben wird: So wie die gesamte Schöpfung seufzt und in Geburtswehen liegt, so seufzen auch wir in Erwartung der Erlösung unseres Leibes, unserer Erlösung und Auferstehung (Röm 8,18-23).

Zusammenfassend können wir mit Paulus sagen, dass der wahre Gläubige das Heil erlangt, indem er mir seinem Mund verkündet, dass Jesus der „Herr“ ist, und mit seinem Herzen glaubt, dass „Gott ihn von den Toten auferweckt hat“ (vgl. Röm 10,9). Wichtig ist vor allem das Herz, das an Christus glaubt und im Glauben den Auferstandenen „berührt“. Es reicht aber nicht, den Glauben im Herzen zu tragen, wir müssen ihn auch mit dem Mund bekennen und mit unserem Leben bezeugen und so die Wahrheit des Kreuzes und der Auferstehung in unserer Geschichte gegenwärtig machen. Auf diese Weise nämlich fügt sich der Christ in jenen Prozess ein, dank dessen sich der erste Adam, der ein irdisches Wesen und der Verwesung und dem Tod ausgesetzt war, in den letzten Adam verwandelt, der himmlisch und unverweslich ist (vgl. 1 Kor 15,20-22.42-49). Dieser Prozess hat mit der Auferstehung Christi seinen Anfang genommen, in der daher die Hoffnung gründet, dass eines Tages auch wir mit Christus in unsere wahre Heimat eintreten können, die im Himmel ist. Getragen von dieser Hoffnung schreiten wir mutig und freudig voran.

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskriptes:]

Liebe Brüder und Schwestern!

„Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer und euer Glaube sinnlos“ (1 Kor 15, 14). Diese Worte des heiligen Paulus machen deutlich, dass das Ausschlaggebende des christlichen Glaubens die Auferstehung Jesu ist. Christus, der uns durch die Hingabe am Kreuz seine bedingungslose Liebe gezeigt hat, er ist auferstanden und lebt unter uns. Auf dieser Tatsache baut Paulus seine Verkündigung auf. Der Apostel stützt sich hierbei mit großer Ehrfurcht auf die Tradition, die ihm vorausgeht. Gerade beim Thema der Auferstehung hebt er den Zusammenhang zwischen Empfangen und Weitergeben hervor; denn die Einheit der apostolischen Überlieferung steht über der persönlichen Darstellung des Ereignisses. Der Auferstandene ist den Aposteln mehrfach erschienen und hat so ihre Zeugenschaft gefestigt. Der erste Ausdruck dieses Zeugnisses ist die Predigt von der Auferstehung als Zusammenfassung des Evangeliums und Gipfel des Heilsweges. Diese führt zu einer lebendigen Begegnung mit Christus, in der sich der Auferstandene als Sohn Gottes, als Herr über Leben und Tod zeigt. Unsere menschliche Wirklichkeit ist für das Leben geschaffen und geht in Christus insgesamt auf Gott zu; wir dürfen teilhaben an seinem Heilswerk: Wenn wir auch in dieser Welt nicht immer vom Leiden verschont bleiben, so trägt uns doch die Hoffnung, dass wir an seinem Leben in Fülle Anteil erhalten werden. Wie Paulus sagt: „Sind wir mit Christus gestorben, so glauben wir auch, dass wir mit ihm leben" (Röm 6, 8).

[Die deutschsprachigen Pilger grüßte der Heilige Vater mit den folgenden Worten:]

Ganz herzlich heiße ich alle Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache willkommen. Heute begrüße ich besonders die Oberinnen der Schwestern von der hl. Elisabeth und die Pressesprecher der deutschen Bischöfe. Euch alle lade ich ein, stets Zeugen der Hoffnung zu sein für das wahre Leben und die Gemeinschaft mit Christus. Gottes Geist schenke euch den Frieden des Herzens.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2008 – Libreria Editrice Vaticana]