Papst Benedikt XVI.: Jeder Gläubige ist zur Fülle des christlichen Lebens berufen

„Die göttliche Gnade erleuchtet das Herz... und führt es zur mystischen Schau des Herrn"

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ROM, 16. September 2009 (ZENIT.org).- Wir veröffentlichen die Ansprache, die Papst Benedikt XVI. heute, Mittwoch, bei der Generalaudienz gehalten hat.

Die Betrachtung von Leben und Lehre des heiligen Symeon des Neuen Theologen, eines Ordensmanns der Ostkirche (* 949 in Galatien; † 12. März 1022 in Kleinasien), veranlasste den Papst, die Bedeutung der persönlichen Gottesbeziehung und die tiefe Erfahrung der Einheit mit ihm besonders hervorzuheben. Gott lerne man nicht durch Bücher kennen und lieben, sondern durch ein reiches inneres Leben, das sich enwtickle, wenn man den Weg der Läuterung einschlage. Und dazu sei ein geistlicher Begleiter unerlässlich.

„Wir haben alle in der Taufe und in der Firmung den Heiligen Geist empfangen, und was wir heute Mystik nennen, ist für Symeon den Neuen Theologen einfach Frucht des wirklichen Lebens aus Taufe und Firmung. So sollten wir uns von ihm anregen lassen, die Gnade der Taufe und der Firmung in uns lebendiger wirksam werden zu lassen, indem wir vor allem auf Gottes Wort hören und uns von seiner Liebe führen lassen."

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Liebe Brüder und Schwestern!

Heute beschäftigen wir uns mit der Gestalt eines Ordensmanns der Ostkirche, Symeon dem Neuen Theologen, dessen Schriften einen beachtlichen Einfluss auf die Theologie und die Spiritualität des Ostens ausgeübt haben, insbesondere was die Erfahrung der mystischen Vereinigung mit Gott betrifft. Symeon der Neue Theologe wurde 949 in Galatea in Paphlagonien (Kleinasien) geboren und stammte aus einer adeligen Familie der Provinz. Bereits in jungem Alter ging er nach Konstantinopel, um seine Studien aufzunehmen und in die Dienste des Kaisers einzutreten. Er fühlte sich jedoch wenig zur zivilen Karriere hingezogen, die ihm in Aussicht gestellt wurde, und unter dem Einfluss der inneren Erleuchtungen, die er erfuhr, begann er, nach einem Menschen Ausschau zu halten, der ihm in der Zeit voller Zweifel und Unschlüssigkeit, in der er sich befand, Orientierung geben könne und ihm helfe, auf dem Weg des Einswerdens mit Gott fortzuschreiten. Er fand diesen geistlichen Leiter in Symeon dem Frommen (Eulabes), einem einfachen Mönch des Studiosklosters in Konstantinopel, der ihm die Abhandlung „Das geistliche Gesetz von Markus, dem Mönch" zu lesen gab. In diesem Text fand Symeon der Neue Theologe eine Lehre, die ihn sehr beeindruckte: „Wenn du geistliche Genesung suchst - so las er dort -, achte auf dein Gewissen. Tu alles, was es dir sagt, und du wirst finden, was dir zum Nutzen gereicht." Von diesem Augenblick an ging er, wie er selbst berichtet, nie zu Bett, ohne sich zu fragen, ob das Gewissen ihm nicht etwas vorzuwerfen hätte.

Symeon trat in das Kloster der Studiten ein, wo ihm jedoch seine mystischen Erfahrungen und seine außerordentliche Verehrung für seinen geistlichen Vater Schwierigkeiten verursachten. Er wechselte in den keinen Konvent des Heiligen Mamas, der sich ebenso in Konstantinopel befand und dessen Oberhaupt (Hegoumenos) er nach drei Jahren wurde. Dort begab er sich auf eine intensive Suche nach der geistlichen Vereinigung mit Christus, was ihm großes Ansehen einbrachte Es ist interessant festzustellen, dass ihm der Beiname „der Neue Theologe" gegeben wurde ungeachtet der Tatsache, dass die Tradition den Titel „Theologe" zwei Persönlichkeiten vorbehält: dem Evangelisten Johannes und Gregor von Nazianz. Er litt unter Missverständnis und der Verbannung, wurde jedoch vom Patriarchen von Konstantinopel Sergios II. rehabilitiert.

Symeon der Neue Theologe verbrachte die letzte Zeit seines Lebens im Kloster der heiligen Marina, wo er den Großteil seiner Werke verfasste und für seine Lehren und Wunder immer berühmter wurde. Er starb am 12. März 1022.

Der bekannteste seiner Schüler, Niketas Stethatos, der die Schriften des Symeon gesammelt und abgeschrieben hat, besorgte eine postume Ausgabe und verfasste in der Folge die Biographie. Das Werk des Symeon umfasst neun Bände, die sich in theologische, gnostische und praktische Kapitel, drei Bände von an die Mönche gerichteten Katechesen, zwei Bände mit theologischen und ethischen Abhandlungen sowie einen Hymnenband unterteilen. Es dürfen dann seine zahlreichen Briefe nicht vergessen werden. All diese Werke haben bis in unsere Tage hinein einen bedeutenden Platz in der monastischen Tradition der Ostkirche.

Symeon konzentriert seine Überlegungen auf die Gegenwart des Heiligen Geistes in den Getauften und auf das Bewusstsein, das sie von dieser geistlichen Wirklichkeit haben müssen. Das christliche Leben - so hebt er hervor - ist eine innige und persönliche Gemeinschaft mit Gott; die göttliche Gnade erleuchtet das Herz des Gläubigen und führt es zur mystischen Schau des Herrn. Auf dieser Linie besteht Symeon der Neue Theologe auf der Tatsache, dass die wahre Erkenntnis nicht aus den Büchern kommt, sondern aus der geistlichen Erfahrung, aus dem geistlichen Leben. Die Erkenntnis Gottes entsteht aus einem Weg der inneren Läuterung, der dank der Kraft des Glaubens und der Liebe mit der Bekehrung des Herzens anhebt; er geht durch eine tiefe Reue und einen aufrechten Schmerz über die eigenen Sünden, um zum Einssein mit Christus zu gelangen, dem Quell der Freude und des Friedens, erfüllt vom Licht seiner Gegenwart in uns. Für Symeon ist eine solche Erfahrung der göttlichen Gnade kein außergewöhnliches Geschenk, das einigen wenigen Mystikern vorbehalten wäre, sondern sie ist Frucht der Taufe im Leben eines jeden ernsthaft bemühten Gläubigen.

Das, liebe Brüder und Schwestern, ist ein Punkt, über den es nachzudenken gilt! Dieser heilige Mönch der Ostkirche gemahnt uns alle zur Aufmerksamkeit gegenüber dem geistlichen Leben, der verborgenen Gegenwart Gottes in uns, der Aufrichtigkeit des Gewissens und der Läuterung, der Umkehr des Herzens, so dass der Heilige Geist wirklich in uns gegenwärtig werde und uns führe. Wenn man sich nämlich zurecht darum sorgt, unser leibliches, menschliches und intellektuelles Wachstum zu pflegen, so ist es noch wichtiger, das innere Wachstum nicht zu vernachlässigen, das in der Erkenntnis Gottes besteht, die nicht nur aus Büchern gelernt wird, sondern innerlich und in der Gemeinschaft mit Gott, um seiner Hilfe in jedem Moment und in jedem Umstand gewahr zu werden. Das ist es im Grunde, was Symeon beschreibt, wenn er seine eigene mystische Erfahrung veranschaulicht. Bereits als junger Mann, vor seinem Eintritt ins Kloster, während er eine Nacht lang zu Hause seine Gebete in die Länge zog und um die Hilfe Gottes beim Kampf gegen die Versuchungen betete, hatte er gesehen, wie das Zimmer voller Licht war. Als er dann ins Kloster eintrat, wurden ihm geistliche Bücher angeboten, anhand derer er sich bilden sollte; deren Lektüre jedoch trug ihm nicht den Frieden ein, den er suchte. Er fühlte sich - wie er erzählt - wie ein armes Vögelchen ohne Flügel. In Demut nahm er diese Situation an, ohne aufzubegehren, und von da an begannen sich erneut die Lichtvision einzustellen. Da er sich deren Echtheit versichern wollte, stellte Symeon an Christus die direkte Frage: „Herr, bist es wirklich du selbst, der hier ist?" Er hörte, wie im Herzen die bestätigende Antwort widerklang, und größter Trost umfing ihn. „Dies war - so wird er später schreiben - das erste Mal, dass du mich, den verlorenen Sohn, für würdig befunden hast, deine Stimme zu hören". Nichtsdestoweniger brachte ihm auch diese Offenbarung keine völlige Ruhe ein. Er fragte sich vielmehr, ob auch diese Erfahrung nicht als eine Illusion zu betrachten sei. Eines Tages geschah endlich etwas Grundlegendes für seine mystische Erfahrung. Er begann, sich als „ein Armer" zu fühlen, „der die Brüder liebt" (ptochós philádelphos). Er sah um sich so viele Feinde, die ihm schlecht gesonnen waren und ihm Übles wollten, dennoch aber nahm er in sich selbst ein intensives Gefühl der Liebe zu ihnen wahr. Wie sollte man das erklären?

Offensichtlich konnte eine derartige Liebe nicht aus ihm kommen, sondern sie musste einer anderen Quelle entspringen. Symeon verstand, dass sie von Christus kam, der in ihm gegenwärtig war, und alles wurde klar: Er hatte den sicheren Beweis, dass der Quell der Liebe in ihm die Gegenwart Christi war und dass die Tatsache, dass er in sich eine Liebe hatte, die jenseits meiner persönlichen Absichten geht, ein Anzeichen dafür ist, dass die Quelle der Liebe in mir ist. So können wir einerseits sagen, dass Christus nicht ohne eine gewisse Offenheit für die Liebe in uns eintritt; anderseits aber wird Christus zum Quell der Liebe und verwandelt uns.

Liebe Freunde, diese Erfahrung bleibt mehr denn je wichtig für uns heute, um die Kriterien zu finden, die uns die Anzeichen dafür geben, ob wir wirklich nahe bei Gott sind, ob Gott da ist und in uns lebt. Die Liebe Gottes wächst in uns, wenn wir mit ihm durch das Gebet und das Hören seines Wortes, durch die Öffnung des Herzens vereint bleiben. Allein die göttliche Liebe lässt uns das Herz für die anderen öffnen und macht uns für deren Notwendigkeiten empfänglich, indem sie uns alle als Brüder und Schwestern betrachten lässt und uns einlädt, mit Liebe auf Hass und mit Vergebung auf Beleidigung zu antworten.

Beim Nachdenken über die Gestalt des Symeon des Neuen Theologen können wir noch ein weiteres Element seiner Spiritualität ausmachen. Auf dem von ihm vorgeschlagenen und begangenen Weg des asketischen Lebens verleiht die starke Aufmerksamkeit und Konzentration des Mönches auf die innere Erfahrung dem geistlichen Vater des Klosters eine wesentliche Bedeutung. Der junge Symeon selbst hatte, wie wir gesagt haben, einen geistlichen Leiter gefunden, der ihm sehr geholfen hatte und den er sehr hoch achtete, so sehr, dass er ihm nach dessen Tod eine auch öffentliche Verehrung vorbehielt. Und ich möchte sagen, dass für alle - Priester, geweihte Personen, Laien und besonders für die jungen Menschen - die Einladung dazu gültig bleibt, auf den Rat eines guten geistlichen Vaters zurückzugreifen, der fähig ist, einen jeden in der tiefen Erkenntnis seiner selbst zu begleiten und zur Einheit mit dem Herrn zu führen, damit sein Leben immer mehr dem Evangelium gleich gestaltet ist. Um zum Herrn zu gehen, bedürfen wir stets einer Führung, eines Dialoges. Wir können es nicht allein mit unseren Reflexionen tun. Und dies ist auch der Sinn der Kirchlichkeit unseres Glaubens: diese Führung zu finden.

Abschließend können wir die Lehre und die mystische Erfahrung des Symeon des Neuen Theologen so zusammenfassen: Auf seiner inständigen Suche nach Gott, ließ er sich im Grunde trotz aller Schwierigkeiten, auf die er stieß, und trotz der Kritiken, denen er ausgesetzt war, von der Liebe führen. Er selbst verstand es zu leben - und lehrte dies seine Mönche -, dass das Wesentliche für einen jeden Jünger Jesu darin besteht, in der Liebe zu wachsen; so wachsen wir in der Erkenntnis Christi, um gemeinsam mit dem heiligen Paulus sagen zu können: „Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir" (Gal 2,20).

[Für die deutsche Zusammenfassung der Katechese bediente sich der Heilige Vater des folgenden Manuskripts:]

Liebe Brüder und Schwestern!

In dieser Katechese möchte ich Symeon den Neuen Theologen vorstellen, einen bedeutenden geistlichen Schriftsteller und Mystiker der Ostkirche. Symeon wurde 949 in Kleinasien geboren und kam zum Studium und zum Dienst am Kaiserhof nach Konstantinopel. Dort trat er in das bekannte Studioskloster ein. Später lebte und wirkte er in den Klöstern Sankt Mamas und Sankt Marina, wo er im Jahr 1022 starb. Seine zahlreichen Schriften hatten großen Einfluss auf die Theologie und die Spiritualität des Ostens. Für Symeon ist das christliche Leben in erster Linie eine tiefe persönliche Gemeinschaft mit Gott, dessen Gnade das Herz des Menschen erleuchtet und zur inneren Begegnung, zum inneren Sehen Gottes führt. Diese Erkenntnis Gottes und Christi lernt der Getaufte nicht aus Büchern, sondern auf seinem geistlichen Weg, indem geistliche Erfahrung wächst, die ihn auf dem Weg der inneren Begegnung mit Gott, der Vereinigung mit ihm durch die Öffnung des Herzens und durch die Reinigung des Gewissens durchschreiten lässt. Eine Entscheidende Hilfe für das geistliche Wachstum ist zum einen das Hinhören auf das Gewissen. Ausgangspunkt seines neuen Weges war, dass er in einem Buch las: „Wenn du geheilt werden willst, achte auf dein Gewissen" - und dass er von da an niemals schlafen ging, ohne vorher sein Gewissen befragt zu haben, und von da an unter den Augen Gottes lebte. Und damit Gewissen nicht Selbstbespiegelung wird, ist das zweite der Beistand eines erfahrenen geistlichen Begleiters, das Erleben und Erfahren des Gewissens in der Gemeinschaft der Kirche. Die schönste Frucht und der Garant für die Authentizität des Wirkens Gottes im Inneren war für Symeon eine tief empfundene Liebe zu seinen Brüdern, die auch in Zeiten der Anfeindungen und Verfolgung nicht nachließ und ihm zur Gewißheit wurde, daß Christus in ihm da ist. Denn nur von ihm kann Liebe kommen, solche Liebe als Zeichen des Einsseins mit Christus.

[Die deutschsprachigen Pilger begrüßte der Heilige Vater mit folgenden Worten:]

Von Herzen grüße ich die vielen Pilger und Besucher aus den Ländern deutscher Sprache. Besonders heiße ich die Vertreter der europäischen Priesterräte willkommen. Mit Blick auf den Mönch Symeon stellt sich uns die Frage, ob auch wir uns ernsthaft darum bemühen, auf unser Gewissen zu hören, Gott im Herzen zu begegnen und nicht nur äußerlich, sondern in unserem geistlichen Leben, in unserem Leben mit Gott zu wachsen.

Wir haben alle in der Taufe und in der Firmung den Heiligen Geist empfangen, und was wir heute Mystik nennen, ist für Symeon den Neuen Theologen einfach Frucht des wirklichen Lebens aus Taufe und Firmung. So sollten wir uns von ihm anregen lassen, die Gnade der Taufe und der Firmung in uns lebendiger wirksam werden zu lassen, indem wir vor allem auf Gottes Wort hören und uns von seiner Liebe führen lassen. Euch allen wünsche ich einen gesegneten Aufenthalt in Rom.

[ZENIT-Übersetzung des italienischen Originals; © Copyright 2009 - Libreria Editrice Vaticana]