Papst Benedikt XVI.: Johannes XXIII., Mann und Hirte des Friedens

Er eröffnete unerwartete Horizonte der Brüderlichkeit und des Dialogs

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ROM, 15. November 2008 (ZENIT.org) .- Wir veröffentlichen die offizielle Übersetzung der Ansprache, die Papst Benedikt XVI. am 28. Oktober am Ende des Pontifikalhochamts anlässlich des 50. Jahrestages der Papstwahl des seligen Johannes XXIII. im Petersdom gehalten hat.

„Die Gnade Gottes... fand in der Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist, die das ganze Leben Johannes’ XXIII. auszeichnete, den guten Boden, um die Eintracht, die Hoffnung, die Einheit und den Frieden zum Wohl der ganzen Menschheit gedeihen zu lassen. Papst Johannes zeigte, daß der Glaube an Christus und die Zugehörigkeit zur Kirche... ein fruchtbares christliches Zeugnis in der Welt gewährleistet.“ 

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Herr Kardinalstaatssekretär,
verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
liebe Brüder und Schwestern!

Ich freue mich, zusammen mit euch teilhaben zu dürfen an dieser Geste der Verehrung für den sel. Johannes XXIII., meinen geliebten Vorgänger, am Jahrestag seiner Wahl auf den Stuhl Petri. Ich spreche euch für diese Initiative meine Glückwünsche aus und danke dem Herrn, daß er uns noch einmal die Verkündigung »großer Freude« (»gaudium magnum«) erleben läßt, die vor nunmehr 50 Jahren an diesem Tag und zu dieser Stunde von der Loggia der Vatikanischen Basilika erklang. Sie war der Auftakt und die Prophezeiung der Erfahrung der Vaterschaft, mit der Gott uns überreich beschenkt hat durch die Worte, die Taten und den kirchlichen Dienst des »guten Papstes«. Die Gnade Gottes bereitete eine Zeit vor, die mit großen Anstrengungen und Verheißungen für die Kirche und für die Gesellschaft verbunden war, und sie fand in der Fügsamkeit gegenüber dem Heiligen Geist, die das ganze Leben Johannes’ XXIII. auszeichnete, den guten Boden, um die Eintracht, die Hoffnung, die Einheit und den Frieden zum Wohl der ganzen Menschheit gedeihen zu lassen. Papst Johannes zeigte, daß der Glaube an Christus und die Zugehörigkeit zur Kirche, »Mutter und Lehrerin«, ein fruchtbares christliches Zeugnis in der Welt gewährleistet. So war der Papst in den starken Gegensätzen seiner Zeit ein Mann und Hirte des Friedens, der es verstand, im Osten und im Westen unerwartete Horizonte der Brüderlichkeit unter den Christen und des Dialogs mit allen Menschen zu öffnen.

Die Diözese Bergamo ist in festlicher Stimmung, und sie durfte nicht fehlen bei der geistlichen Begegnung mit ihrem berühmtesten Sohn, einem »Bruder, der durch den Willen unseres Herrn zum Vater geworden ist«, wie er selbst sagte. Bei der »Confessio« des Apostels Petrus ruhen seine verehrten sterblichen Überreste. Von diesem Ort aus, der allen Getauften lieb und teuer ist, sagt er immer wieder zu euch: »Ich bin Josef, euer Bruder.« Ihr seid gekommen, um erneut die gemeinsamen Bande zu bekräftigen, die der Glaube auf eine wirklich katholische Dimension hin öffnet. Daher wolltet ihr dem Bischof von Rom begegnen, dem universalen Vater. Es leitet euch euer Hirte, Bischof Roberto Amadei, in Begleitung des Weihbischofs. Ich danke Bischof Amadei für die liebenswürdigen Worte, die er im Namen aller an mich gerichtet hat, und jedem von euch gilt mein Dank für die Zuneigung und die Verehrung, die euch beseelen. Ich fühle mich ermutigt durch euer Gebet und bitte euch inständig, dem Vorbild und der Lehre des Papstes, eures Landsmannes, zu folgen. Der Diener Gottes Johannes Paul II. hat ihn seliggesprochen, in dem Bewußtsein, daß die Spuren seiner Heiligkeit als Vater und Hirte vor der gesamten Menschheitsfamilie auch weiterhin in hellem Glanz erstrahlen.

In der heiligen Messe unter dem Vorsitz des Herrn Kardinalstaatssekretärs hat das Wort Gottes euch empfangen und euch in die vollkommene Dankbarkeit Christi gegenüber dem Vater hineingenommen. In ihm begegnen wir den Heiligen und den Seligen und all jenen, die uns im Zeichen des Glaubens vorangegangen sind. Ihr Erbe wird in unsere Hände gelegt. Ein wirklich besonderes Geschenk, das der Kirche durch Johannes XXIII. gemacht wurde, war das Zweite Ökumenische Vatikanische Konzil, das von ihm beschlossen, vorbereitet und begonnen wurde. Wir alle bemühen uns, dieses Geschenk so anzunehmen, wie es ihm gebührt, indem wir auch weiterhin über seine Lehre nachdenken und sie verinnerlichen und seine Weisungen im Leben umsetzen. Das habt auch ihr in diesen Jahren versucht, als Einzelne und als Diözesangemeinschaft. Insbesondere habt ihr kürzlich die Diözesansynode abgehalten, die der Pfarrei gewidmet war: Ihr seid darin zur Quelle des Konzils zurückgekehrt, um dort jenes Mehr an Licht und Wärme zu finden, das notwendig ist, um die Pfarrei wieder zu einer lebendigen und dynamischen Ausdrucksform der Diözesangemeinschaft zu machen. In der Pfarrei lernt man, den eigenen Glauben konkret zu leben. So kann man die reiche Tradition der Vergangenheit lebendig erhalten und ihre Werte in einem säkularisierten gesellschaftlichen Umfeld, das sich oft feindselig oder gleichgültig zeigt, neu anbieten. Gerade im Hinblick auf Situationen dieser Art sagte Papst Johannes in der Enzyklika Pacem in terris: Für den Gläubigen »ziemt es sich besonders, in die menschliche Gesellschaft Licht und Liebe zu tragen, wie Sauerteig in der Masse zu wirken. Dies wird um so mehr der Fall sein, je enger sich das Herz eines jeden an Gott bindet« (Nr. 164). Das war das Lebensprogramm des großen Papstes, und das kann das Ideal jedes Gläubigen und jeder christlichen Gemeinschaft werden, die in der Eucharistiefeier aus der Quelle der ungeschuldeten, treuen und barmherzigen Liebe des auferstandenen Gekreuzigten zu schöpfen weiß.

Man gestatte mir einen besonderen Hinweis auf die Familie, das zentrale Subjekt des kirchlichen Lebens, Schoß der Erziehung zum Glauben und unersetzliche Keimzelle des gesellschaftlichen Lebens. Der spätere Papst Johannes schrieb diesbezüglich in einem Brief an seine Familienangehörigen: »Die Erziehung, die die tiefsten Spuren hinterläßt, ist stets die häusliche. Ich habe viel von dem vergessen, was ich in Büchern gelesen habe, aber ich erinnere mich noch sehr gut an all das, was ich von den Eltern und von den alten Leuten gelernt habe« (20. Dezember 1932). Insbesondere lernt man in der Familie, das christliche Grundgebot der Liebe im Alltag zu leben. Daher wird der Familie von seiten der Kirche ein so hoher Wert beigemessen, denn ihrer Sendung gemäß »verbreitet sie durch ihre Söhne überall die Fülle christlicher Liebe, die am besten jeden Streit überwindet und Einheit, gerechten Frieden wie die brüderliche Einheit aller bewirkt« (Gaudet Mater Ecclesia, 33).

Um abschließend auf die Pfarrei zurückzukommen, und somit auf das Thema der Diözesansynode: Ihr wißt, welche Fürsorge Papst Johannes XXIII. diesem im kirchlichen Leben so wichtigen Organismus entgegenbrachte. Mit großem Vertrauen übertrug er der Pfarrei, Familie der Familien, die Aufgabe, Empfindungen der Gemeinschaft und der Brüderlichkeit unter den Gläubigen zu nähren. Wenn sie durch die Eucharistie geformt ist, dann kann die Pfarrei – davon war er überzeugt – zum Sauerteig gesunder Unruhe im weitverbreiteten Konsumismus und Individualismus unserer Zeit werden, indem sie die Solidarität wieder weckt und im Glauben das Auge des Herzens öffnet, damit es den Vater erkennt, der ungeschuldete Liebe ist und das Verlangen hat, seine eigene Freude mit den Kindern zu teilen.

Liebe Freunde, das Bild Unserer Lieben Frau, das Papst Johannes bei seinem Besuch in Loreto wenige Tage vor der Eröffnung des Konzils als Geschenk erhielt, hat euch nach Rom begleitet. Er wollte, daß diese Statue im nach ihm benannten Bischöflichen Seminar seiner Heimatdiözese aufgestellt wird, und ich sehe mit Freude die vielen Seminaristen, die von ihrer Berufung begeistert sind. Ich vertraue der Gottesmutter gern alle Familien und die Pfarreien an und stelle ihnen die Heilige Familie von Nazaret als Vorbild vor Augen: Mögen sie das erste Seminar sein und mögen in ihrem Umfeld Berufungen zum Priestertum, zur Mission, zum gottgeweihten Leben und zum Familienleben nach dem Herzen Christi heranwachsen. Bei einem berühmt gewordenen Besuch in den ersten Monaten seines Pontifikats fragte der Selige seine Zuhörer, welchen Sinn ihrer Meinung nach die Begegnung habe, und er gab sich selbst eine Antwort darauf: »Der Papst hat mit seinen Augen in eure Augen geschaut, und sein Herz ist euren Herzen nahe« (am ersten Weihnachtsfest als Papst, 1958). Ich bitte Papst Johannes darum, daß wir die Nähe seines Blickes und seines Herzens spüren dürfen, um uns wirklich als Familie Gottes zu fühlen.

Mit diesen Wünschen erteile ich sehr gern den Pilgern aus Bergamo und besonders jenen aus »Sotto il Monte« – dem Geburtsort des seligen Papstes, den zu besuchen ich vor einigen Jahren die Freude hatte – ebenso wie den Obrigkeiten, den hier anwesenden römischen und ostkirchlichen Gläubigen nebst allen Angehörigen von Herzen meinen Segen.

   

 

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